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Köche

I, Robotkoch

Während einer Wandertour wurde ich von einem 2.400 Volt starken Stromschlag getroffen und meine Hand musste amputiert werden. Da ich seit meinen Jugendjahren als Koch gearbeitet hatte, war ich nicht bereit, meinen Lieblingsberuf und meine Lust am...

von Eduardo Garcia
19 Juni 2014, 8:00am

Foto: the Creators Project

Als ich jung war, haben die Leute auf Hauspartys immer gesagt: Du suchst Eduardo? Dann schau mal in der Küche nach!

Ich war grad mal 15, als meine Liebesbeziehung zu Essen begann. Zu der Zeit habe ich Pizzen zubereitet, um an ein bisschen Geld zu kommen. Später dann bereiste ich die Welt und arbeitete auf Yachten als Koch. Kochen wurde für mich zu mehr als nur einem bloßen Job. Denn Essen steckt wohl in meinen Genen—ich habe noch nie auf andere Art mein Geld verdient. Im Kreieren von Gerichten steckt etwas Magisches: in der Jagd nach einem guten Stück Fleisch genauso wie in der peniblen Auswahl der richtigen Beilagen. Nichts auf der Welt würde mich von Essen trennen können.

Bis ich 2011 eine Hand verlor. Ich war gerade auf einer Wandertour durch die Wildnis und schaute mir die vertrockneten Überreste eines Bärenkadavers an, als ich von einem 2.400 Volt starken Stromschlag getroffen wurde. Die Stromquelle lag versteckt unter dem Fell des Bären. Ihr müsst wissen, dass ich ein echter Outdoorfanatiker bin, ein moderner Jäger und Sammler, der sich zu allem Biologischen hingezogen fühlt. Wenn sich mir etwas Spannendes in den Weg legt, bin ich von Natur aus sehr neugierig. Als ich also diesen Bären sah, habe ich ihn mithilfe meines Messers umgedreht und wurde dabei wohl durch dieselbe Stromquelle schwerverletzt, die auch schon den Bären auf dem Gewissen hatte.

Meine Hand musste amputiert werden. Aber die Verletzungen waren noch viel weitreichender. Ich habe wichtige Muskelgruppen und Nervenenden verloren, Ich bin dankbar dafür, dass ich noch am Leben und bei klarem Verstand bin. Natürlich hatte der Unfall Konsequenzen für mein Leben und meine Lebenserwartung muss möglicherweise ebenso nach unten korrigiert werden, aber im Großen und Ganzen bin ich immer noch derselbe Kerl, der wie vorher laufen und sprechen kann. Und kochen. Und essen.

Seit dem Unfall musste ich wieder solche Fähigkeiten neu erlernen, die ich zuvor für selbstverständlich gehalten hatte—die Basics der Arbeit in einer Küche. Plötzlich wurde das Kleinschneiden von Zwiebeln zu einer echten Herausforderung. Und selbst die einfachsten Aufgaben wurden für eine Weile zu riesigen Hürden. Aber wir Menschen sind ja anpassungsfähig. Darum dauerte es auch nicht lange, bevor ich wieder Steaks braten und Soßen zubereiten konnte.

Als ich im letzten Jahr dann von einem Prothesenhersteller aus Portland (im Bundesstaat Oregon) gefragt wurde, ob ich bei der Forschung und Entwicklung einer myoelektrisch gesteuerten Hand mithelfen will, habe ich natürlich nicht lange gezögert. In dieser bionischen Hand reden (ja, du liest richtig) menschliche Muskeln mit Software, um Bewegungen auszulösen.

Alle Köche lieben ihre Arbeitswerkzeuge, und die myoelektrische Hand ist mit ihrem Preis von knapp 190.000 Euro ein echt nettes Utensil, das sich die meisten Leute—mich eingeschlossen—niemals leisten könnten, nicht zuletzt da die Kosten von der Versicherung nicht übernommen werden. Es erinnert an ein präzises Computerspiel mit einem Haufen Codes. Es ist einfach wunderbar. Nicht nur dass es ein verblüffendes technologisches Wunder darstellt, es steht auch für eine ganz eigene Funktionsweise. Wenn du aber erstmal am Herd stehst, musst du dir eingestehen, dass die Funktionsunterschiede erheblich sind—der Prothese fehlt es an der nötigen Stärke, Geschwindigkeit und, na ja, Handfertigkeit zum Kochen. In der Küche muss ich kochend heiße Pfannen in die Hand nehmen, Gemüse zubereiten und Hühnchen zerkleinern. Ich möchte nur ungern das 190.000 Euro teure Gerät kaputt machen. Aber nur ein Tropfen Wasser würde reichen und es ist im Eimer!

eduardogarcia

Von außen sieht die Prothese super aus, aber für mich war sie trotzdem nicht das Richtige. Als Koch muss ich realistisch bleiben. Natürlich habe ich angefangen, mir die „perfekte" Prothese auszumalen—ausgestattet mit einer ebenso überragenden Technik wie Flexibilität. Essen ist so eine feine und sinnliche Sache, dass ich sogar anfing von Sensoren zu träumen, die mir den Tastsinn zurückgeben könnten.

Wo wir schon dabei sind, warum nicht gleich auch für eingebaute Messerschärfer sorgen? Oder wie wäre es vielleicht mit einem Display, das den Benutzer vor Bakterien im Essen warnt? Ebenso denkbar wäre eine Prothese mit Saugnäpfen auf den Fingerkuppen, samt einer unzerstörbaren Materialbeschichtung. Ich ertappte mich dabei, wie ich über ein Gerät mit Arbeitsspeicher nachdachte, der zum Beispiel Säure messen oder einen Stoff auf seine Bestandteile untersuchen könnte. Ich hatte etwas Fortschrittliches, Revolutionäres im Sinn.

Die Technik dafür gibt es schon. Mit genügend Geld und ausreichend Zeit im Labor mit den richtigen Prothesenexperten könnten wir einige der Ideen vielleicht sogar umsetzen. Leider gibt es dafür keinen Markt, weswegen ich mich mit dem zufriedengebe, was momentan verfügbar ist: meine Hakenprothese. Sie ist strapazierfähig, robust und wiegt nicht viel. Als Koch bin ich von heißem Öl und Hitze umgeben, weswegen ich etwas benötige, das eine Menge aushält. Ich habe noch meine rechte Hand und kann meine linke Hand so bedienen wie vor dem Unfall, wenn es um das Greifen nach Fisch oder Kartoffeln geht. Auch kann ich Sachen feinwürfelig schneiden.

Natürlich läuft nicht alles rund. Meine Prothese wird über Eigenkraft betrieben. Das bedeutet, dass ich meinen gesamten Oberkörper bewegen muss, wenn ich den Deckel von einer Pfanne abnehmen möchte. Um Salat zu waschen, muss ich meine Rückenmuskeln spielen lassen, was auf Dauer ziemlich anstrengend ist. Sie hat aber auch Vorteile—man kann sie abnehmen und außerdem ist sie multifunktional. Und ich kann bei Bedarf einen Quirl oder Löffel anschließen. Bisher hat mich der Haken noch nicht enttäuscht, auch weil er verdammt robust ist. Ich stecke ihn in heiße Öfen, tauche ihn in dampfende Pfannen und kann mich darüber hinaus nicht mehr schneiden. Und sich verbrennen ist auch nicht mehr möglich.

Ich bin der gleiche Koch wie noch vor dem Unfall. Meine Gerichte wurden nicht in Mitleidenschaft gezogen—nur der Weg zum kulinarischen Endresultat gestaltet sich heute ein wenig anders. Und sind wir mal ehrlich: Wen interessiert es, wie ich Karotten schäle oder Nudeln koche? Am Ende geht es doch nur um das Ergebnis.

Mein Handwerk und meine Lebenssituation sind jedoch mittlerweile eng miteinander verbunden. Als Amputierter fällt man in der Öffentlichkeit auf. Leute drehen sich um, und wer weiß schon, was in den Köpfen der Leute vorgeht. Ich bin aber stolz auf meine Prothese. Denn das hier bin ich. Wie und was wir essen ist von großer Bedeutung. Und das zu steuern ist mir genauso wichtig wie die Kontrolle über meinen Arm.

Wiedergegeben von Josh Barrie