Der schüchterne Zauberer

Fakt ist: Devonté Hynes ist ein Ausnahmetalent. Und das wissen wir nicht erst, seit er als Blood Orange unterwegs ist. Er spielte bei Test Icicles, veröffentlichte als Lightspeed Champion, ist Mitglied von Cant. Er zeichnet Comics, schreibt für Florence And The Machine, The Chemical Brothers, Theophilus London und Solange Knowles. Das Ego dieses Typen müsste eigentlich größer sein als sein Geburtsort Houston. Und dann sitzt da dieser 25-jährige Typ vor dir, verloren in seinem dicken Mantel, das Gesicht von Lederkappe und einer altmodischen Brille abgeschirmt und schafft es teilweise kaum, dir in die Augen zu schauen. Glücklicherweise waren wir auf Fälle wie diesen vorbereitet und ein Gläschen Rum-Cola konnte die Gesamtsituation schnell aufwärmen.

VICE: Du bist am 23. Dezember geboren. Fandest du das als Kind nicht schrecklich, weil du viel
weniger Weihnachtsgeschenke bekamst?

Dev Hynes: Das war der Horror, ich hab es gehasst. Inzwischen bin ich daran gewöhnt, dass an meinem
Geburtstag nie jemand da ist, weil alle zu ihren Eltern fahren. Der letzte Song auf meinem Album, Champagne Coast, entstand am Tag vor meinem 23. Geburtstag. Ich saß allein in meinem Schlafzimmer und hab Pizza gegessen. Ich erinnere mich ganz genau daran. Ich hab mein Zimmer nicht verlassen, den Song zu Ende aufgenommen. Dann sah ich auf die Uhr: 23.30 Uhr. Ich dachte: iss einfach noch ein Stück Pizza und geh ins Bett.

Oh, das ist wirklich traurig. Viel lustiger war dein Auftritt bei den MTV Awards 2008 als Charakter von
Star Wars. Bei einer MTV-Show kamst du als Zauberer verkleidet. Du wirfst dich gern in Schale, was?

Ich brauche das, wenn ich sehr nervös bin—besonders für Fernsehaufnahmen. Wenn ich mich verkleide,
kann ich mich dahinter verstecken. Im Kostüm kann keiner mehr über mich urteilen.

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Versteckst du dich oder gehst du in der Rolle auf?
Ich bin dann nicht der Zauberer oder was auch immer, wenn du das meinst. Ich brauche nur etwas vor
meinem Gesicht und ich will keine Klamotten, sondern ein Kostüm tragen. Wenn ich im Mittelpunkt stehen
muss, versuche ich, alles zu vermeiden, worüber andere Leute Witze reißen könnten. Denn: Machst du dich
von vornherein über dich selbst lustig, kann niemand mehr was Schlechtes über dich sagen.

Benutzt du deswegen immer wieder unterschiedliche Namen und Alter Egos?
Ja, ich denke schon—ich trenne die Dinge aber auch gerne. Ich mach ja sehr unterschiedliche Musik. Würde
ich das alles unter dem gleichen Namen veröffentlichen, wären die Leute verwirrt. Ich will ihnen damit aus
der Klemme helfen.

Und in der Öffentlichkeit zu stehen, ist für dich echt so schrecklich?
Es war, bzw. ist mir ein Graus. Im letzten Jahr ist es besser geworden, aber ich war noch nie besonders
glücklich darüber, im Rampenlicht zu stehen. Ich kann darin absolut nichts Gutes erkennen. Es liegt wohl an
mir: Wenn ich an berühmte Leute denke, denke ich sofort an Einsamkeit und Elend.

Aber wie schaffst du es dann auf die Bühne?
Ich muss vorher sicherstellen, dass ich mich superwohl fühle. Bis zur Veröffentlichung des Albums hat es eine ganze Weile gedauert. Ich meine, es war fertig, aber ich brauchte Zeit, bis ich bereit dazu war, es trotz dieser ganzen schlechten Aspekte zu veröffentlichen.

Um das mal zusammenzufassen: Du hättest das Album lieber nur dir selbst vorgespielt, weil du
Angst vor dem Publikum hast?

Ja, ich hasste die ganze Sache an sich. Irgendwie konnte ich mich dann doch noch davon überzeugen und
habe einen Weg gefunden, damit umzugehen. Jetzt sind die Auftritte OK für mich, weil ich mich wohl fühle. Nein, stimmt nicht: Ich mag das jetzt sogar irgendwie. Und weil ich es wirklich gerne mag, kann mir auch nichts Schlimmes mehr passieren. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich danach jemals wieder auf Tour gehen werde. Haha.

Das wäre schade. Dein neues Album ist doch viel zu gut, um es nicht live zu spielen.
Wow. Echt jetzt? Danke, das ist ja fantastisch. Es schockt mich immer total, wenn ich so was höre. Das ist
cool, sehr cool. Diese Musik ist so persönlich und bedeutet mir so viel. Ich muss grade daran denken, wie
ich 12 Jahre alt war, in meinem Kinderzimmer saß und Musik gemacht habe—ich fühl mich immer noch wie
damals. Die Idee, das irgendwem außerhalb meines Schlafzimmers meine Sachen gefallen, ist … Wahnsinn
… ein Riesending.

Vermutlich kannst du auch mit schlechter Kritik nicht so gut umgehen.
Ja, deswegen lese ich auch keine CD-Kritiken. Ich habe noch keine einzige Review über mein Album oder
über eines meiner Konzerte gelesen. Ich habe meine eigene Meinung und meine Freunde—allein das zählt.
Selbst wenn mir jemand sagen würde, dass nur Gutes drin steht, würde ich das nicht machen. Müsste ich ja
auch nicht, denn dann wäre der Schreiber der gleichen Meinung wie ich. Haha.

Warum nehmen die Menschen Kritik so viel ernster als Lob?
Das ist wirklich komisch. Menschliche Emotionen—wer weiß?

Dein Album ist aus einem weiblichen Blickwinkel geschrieben. Wie hast du dich in die weibliche
Psyche eingedacht?

Ich behaupte nicht, dass ich weiß, wie Frauen denken. Ich habe nicht fantasiert, sondern eher cineastisch
gedacht. Es war oft so, als würde ich einen Film drehen oder Geschichten schreiben. Gefühle auszudrücken,
fand ich aus der Sicht einer Frau leichter—oder besser gesagt: aus der Sicht eines Mädchens aus den
Fünfzigern, aus Amerika, Kalifornien.

Warum haben Männer so oft Angst davor, ihre weibliche Seite zu zeigen? Zu zeigen, dass sie gar
nicht so hart sind, wie es die Öffentlichkeit von ihnen erwartet?

Ich wünschte, ich hätte eine Antwort darauf. Wahrscheinlich sind sie in ihrer Haut gefangen und haben
Angst. Dabei sollte es eigentlich keine Grenzen geben. Ich mach einfach immer das, was ich will. Keine
Ahnung, warum andere das nicht tun.

Was würdest du als größten Unterschied zwischen Männern und Frauen bezeichnen?
Puh, beide sind verrückt. Total verrückt. Egal, was ich jetzt sage, das klänge alles wahnsinnig böse. Haha.
 

Fotos: Sonja Weissberg

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