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„Alle Eritreer raus aus der Schweiz – erschiessen!“

Drei Stunden bei „SVP bi de Lüt" im Hauptbahnhof Zürich. Mit dabei: Rassistische Rentner, singende Nationalräte und eine revolutionäre Demo.
31.7.15
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Ein Mal pro Jahr vermietet die SBB ihre Bahnhofshalle in Zürich für eine politische Veranstaltung. Dieses Jahr hat sich die SVP den Termin geschnappt, um dort ihren Strassenwahlkampf-Event „SVP bi de Lüt" abzuhalten. Ich erwartete Grosses. Hunderte Menschen, die sich vor einer Bühne versammeln, um ihren gelobten geistigen Führern frenetisch zuzujubeln. So hatte ich das vor Jahren erlebt, als ich mir in Wien eine Wahlveranstaltung vom dortigen Rechtsaussen-Guru HC Strache angetan hatte.

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Angefeuert von der neusten Peinlichkeit der SVP („Wo e Willy isch, isch ou e Wäg!") machte ich mich also auf den Weg Richtung HB. Dort angekommen, reichte mir aber gleich eine (angesichts der SVP-Politik ganz gute) Enttäuschung zur Begrüssung die Hand. Nur geschätzte 200 Besucher (hauptsächlich mit Gebissen in Gratis-Cervelats beissende Ü-60er, übereifrige Journalisten und um Stimmen lächelnde Politiker) hatten den weiten Weg in die grosse Stadt geschafft und liessen das riesige Happening in meinem Kopf schon zum politischen Seniorenhock verkommen. Aber ich musste schnell lernen: Auch Senioren haben was zu sagen.

Zuerst begrüsste mich aber ein alter Bekannter: Mein vorheriger Wegbegleiter, der „Wo e Willy isch, isch ou e Wäg"-Sänger, hampelte mit einem Gitarristen auf der Bühne rum und schaffte es, in einem Playback-Song Rap, Reggae und SVP zu vereinen („Hey! Hey! Hey!"). Ich beschloss, meine Stimmung möglichst wenig von der Karrierewahl des Absolventen der Jazzschule Luzern beeinflussen zu lassen und schaute mich weiter um.

Ich begegnete Senioren beim fröhlichen Politiker-Bingo („Nur den Brunner habe ich noch nicht gesehen."—„Ja, ja."), Roger Köppel, der seinen Fans mit Smalltalk über Heimatdörfer und Arbeitswege zeigte, wie hart das Polit-Business sein kann, und etliche Schweizerkreuz-Ballons, die mal platzten, mal von Kinderhänden vor ihrem einsamen Aufstieg zur HB-Hallendecke gerettet wurden.

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Nach diesem kurzen Einstand war es auch schon soweit und die Stars des Tages durften auf die Bühne. Natalie Rickli zeigte sich beeindruckt, wie viele Menschen den Weg in den HB gefunden haben und warnte davor, dass die Schweiz nicht nur von aussen, sondern auch von innen bedroht werde. Hans-Ueli Vogt verglich die EU ganz beiläufig mit dem Dritten Reich („Heute heisst der Feind für unsere Unabhängigkeit nicht mehr Drittes Reich, sondern EU!").

Roger Köppel erntete für seine tiefgründige Migrationsanalyse („Keiner mehr hat die legale und illegale Einwanderung im Griff!") frenetischen Applaus. Und Albert Rösti rief die 19 anwesenden Stände- und Nationalratskandidaten zum heiteren Hymnensingen auf die Bühne („Was gibt es Schöneres, als gemeinsam unsere Hymne zu singen?"). Natürlich kannten sie alle die Lösung gegen alle heraufbeschworenen Probleme: SVP wählen—nur vor dem Hymne singen wird uns das wohl nicht retten.

Nach der Hymne präsentierte der SVP-Barde und selbstbetitelte Volksrocker Willy Tell hochexklusiv den grossen Überhit des SVP-Wahlkampfes, der mich schon auf dem Herweg begleitet hatte. Er tanzte über die Bühne, machte den SVP-Anhängern vor, wie sie in die Hände zu klatschen hatten. Doch seine potenziellen Groupies schienen nicht zu verstehen und pressten sich stattdessen ihre Zeigefinger in die Ohren. Zu laut, zu aufdringlich, zu Boom Boom.

Am Rand des Events, direkt hinter dem heiss frequentierten Cervelat-Stand, fand ich einen neuen Freund. Der dunkelhäutige Mann lachte über die Veranstaltung, ich lachte über die Veranstaltung und wir beide wussten: Heute sind wir Brüder. Wir sprachen darüber, dass er vor 19 Jahren aus der Karibik in die Schweiz gekommen war. Dass die Schweiz eigentlich ein schönes Land sei, um hier zu leben. Und darüber, was die Frau neben uns, die eine Willy Tell-Cap zum Kopfschmuck ihrer Wahl erkoren hatte, wohl zum SVP-Groupie gemacht haben könnte.

Obwohl wir öfters aneinander vorbeiredeten, verstanden wir uns gut. Wir lachten und hatten trotz des Kontextes unserer Begegnung Spass—bis eine der SVP-Seniorinnen beschloss, uns nicht zu mögen. „Raus mit euch! Ihr seid sicher SP! Raus mit euch!", fauchte sie mich an. Ich erklärte ihr, dass ich kein SPler, dafür aber Ausländer sei, worauf sie etwas perplex meinen neuen Freund ins Visier nahm: „Raus mit allen Eritreern—erschiessen!"

Ich beruhigte den mutmasslichen Eritreer, der eigentlich ja aus der Karibik stammt und es sogar versteht, wenn sich Leute darüber aufregen, dass zu viele Ausländer kommen, und drängte mich zurück in die mittlerweile etwas stolzere Menge. Gerade rechtzeitig.

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Unter Händeklatschen und „Juhee"-Rufen trat der grosse SVP-Meister Toni Brunner auf die Bühne. Kaum setzte er zur inbrünstigen Rede an, in der er das Gleiche erzählen wollte, wie alle Redner zuvor (Uns geht's scheisse! Wir sind so arm! Schuld sind die EU, der linkslinke Bundesrat und die Ausländer! Wählt SVP!), erfüllten Pfiffe die Bahnhofshalle.

Vor dem mit Plastikband abgesperrten Veranstaltungsbereich versammelten sich 20 bis 30 Demonstranten des Revolutionären Aufbaus (wir haben hier darüber berichtet). Sie pfiffen und schrien gegen den SVP-Präsidenten an. Toni Brunner nutzte die Steilvorlage dazu, alle Linken als Chaoten und Antidemokraten abzustempeln und die SVP als demokratische Alternative in den Himmel zu loben—die Senioren fanden das, angefeuert vom Demo-Pfeifkonzert, zum „JUHEE!!-Schreien.

Draussen kickten Demonstranten schreiend Rauchbomben den aufgereihten Polizisten vor die Füsse. Der Freund und Helfer kickte diese ebenso laut schreiend wieder zurück und bedankte sich mit Tränengas und Pfefferspray für das bisschen Action. Die Demonstranten kreischten: „SVP-Rassistenpack!", die SVPler: „Verreckt!"—nur Willy Tell schien das ganze Geplänkel egal zu sein. Fröhlich sang er weiter zu seinen wahren Fans (alle Hobby-Fans wurden zu Hobby-Gaffern) „Mier sind alles geili Sieche! Nanananana!".

Irgendwann hatte die Polizei genug gespielt und schnappte sich fünf der Demonstranten. Der Einsatzleiter machte noch ein paar Fotos von den herzigen Polizeihunden sowie den ehemaligen Demonstranten (und jetzigen Handschellenträgern) und schon war der Spuk vorbei.

Hans-Ueli Vogt liess die von Demo-Gaffern wieder zu SVP-Fans zurückmutierten Besucher wissen, dass diese „Chaoten" ein Zeichen dafür seien, wie gut es uns allen in der Schweiz geht und schien dabei zu vergessen, dass er zwei Stunden vorher noch den helvetischen Untergang heraufbeschworen hatte. Mit den abschliessenden Worten von Roger Köppel (die Chaoten würden zeigen, dass das linke Übergewicht keine Argumente habe) liess ich den HB und die drei Stunden, in denen ich nicht nur Beschimpfungen, sondern auch einige „In zwei Jahren fressen wir nur noch Polenta und Cervelat"-Monologe über mich ergehen lassen habe, hinter mir.

Sebastian auf Twitter: @nitesabes

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