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Aufwachsen in Basel

Sommercasino, Rheinufer, Herbstmesse—als Basler verbindest auch du eine Geschichte mit diesen Orten.
11.9.16
Foto von Pixabay

"Bisch du us Baaaaasel?" Hätte ich jedes Mal einen Franken bei dieser gestellten Frage (mit einem extra lang gezogenen "A") bekommen, dann könnte ich mir jetzt eine normal grosse Wohnung in Zürich leisten. Die Frage wird mir natürlich gestellt, weil man mir meinen Basler Dialekt anhört. Aber auch, weil ich kein Geheimnis daraus mache, ein Lokalpatriot zu sein. Interessanterweise mutierte ich aber erst zu einem solchen, als ich wegen des Studiums von Basel nach Zürich zog. Denn wie pubertierende und verzogene Stadtkinder nun mal sind, wusste ich an allem und jeden was zu bemängeln. Heute liebe ich Basel über alles.

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Ich bin in Basel-Stadt geboren und aufgewachsen. Genauer im berühmt-berüchtigten Gundeldingen, einem ehemaligen Arbeiterquartier, das eigentlich alle Gundeli nennen. Das Gundeli ist für viele jedoch mehr als ein gewöhnliches Quartier. Inmitten der Stadt, mit einem eigenen Bahnhofseingang, trennt es das Bonzenviertel Bruderholz vom urbanen Rest der Grenzstadt. Als eines von vielen "Ausländerquartieren" bekannt, beheimatete das Gundeli tatsächlich viele Leute mit Migrationshintergrund. Als ich eingeschult wurde, zählte meine Klasse gerade mal fünf Schweizer (mich und weitere "Papierlischweizer" nicht mitgerechnet).

Im G-undeli (ja wir nannten es zu G-Unit-Zeiten wirklich so) verbrachte ich meine Kindheit und den Anfang meiner Jugend. Meine erste Zigarette rauchte ich im allseits bekannten Privatpärkli. Selbstverständlich war es Mušan, der mich erwischte, als ich genüsslich den blauen Dunst inhalierte. Ich schreibe selbstverständlich, weil der ältere Hobbyspaziergänger so ziemlich jeden rauchenden Teenager im Pärkli erwischte und anschliessend bei den Eltern verpetzte. Heute nehme ich es ihm nicht mehr übel. Er war eben ein besorgter Mann mit ganz viel Freizeit. Als ich ins Alter kam, in dem ich abends länger als bis 23:00 Uhr draussen bleiben durfte, fing ich an, den Rest von Basel zu erkunden. Angefangen mit dem Rhein.

Ein Ufer am Basler Rhein | Foto von Pixabay

Ähnlich wie der Platzspitz in Zürich war das Rheinufer jahrelang ein Umschlagplatz für Heroin. Die Chance, sich mit einer verseuchten Spritze zu stechen war grösser, als mit einem Biss in einen Big Mac an BSE zu erkranken. Deshalb konntest du dir vor 15 Jahren kaum vorstellen, im Rhein zu schwimmen, wie es heutzutage viele tun. Die Heroinepidemie war irgendwann vorbei, die Junkies verschwanden (oder starben, was weiss ich) und der Rhein wurde für viele 14- und 15-jährige Teenies das Synonym für Ausgang am Wochenende. Das war circa 2005.

Beim Wettsteinplatz links abgebogen, um beim Tamilen noch einen Pesca Frizz oder ein paar Smirnoff Ice zu kaufen, strandeten wir immer wieder bei der Leu Fähri, wo sich auf den grossen Treppen am Ufer so ziemlich alle trafen: Die beliebten Kinder der Schule, samt Miss-Sixty-Schlaghose und Alpha-Bomberjacke, Jungs aus irgendwelchen Junioren-Fussballmannschaften, aber auch die Kinder aus dem Basler Kindertheater. Alle waren dort. Ich war irgendwas dazwischen: Ich spielte gleichzeitig im Kindertheater mit und sang im Jugendchor. Dank meines älteren Bruders, der unglaublich beliebt war ("Was? Der dünne Miloš ist dein Bruder?"), kannten mich allerdings alle damals coolen und heute mehr oder weniger arbeitslosen Leute. Sie zollten mir Respekt. Sprich: Ich wurde nicht verprügelt. Denn rein äusserlich, aber auch von meiner queeren Art her, hätte ich genau ins Beuteschema dieser angehenden Knastbrüder gepasst. Somit konnte ich mit meiner damals besten Freundin Staša den Rhein unsicher machen und mir den Ruf als besonders lustiger Anhang eines besonders gutaussehenden Mädchens sichern.

Die Herbstmesse in Basel | Foto von Fragile skin | Wikimedia | CC BY-SA 3.0

Sobald der Sommer und somit auch die Rheinsaison zu Ende ging, freuten wir uns auf die Herbstmesse. Für die Landeier unter euch: Die Herbstmesse ist eine gigantische Version einer Chilbi. An der Herbstmesse wurde jedoch weniger getrunken, da die meisten damit beschäftigt waren, rivalisierenden Quartieren bei irgendwelchen Schlägereien zuzuschauen (oder auf diversen Bahnen sich die Seele aus dem Leib zu kotzen). Der eine oder andere mischte auch gleich mit. Austragungsort der Kämpfe zwischen Gundeli und dem ewigen Feind Pratteln war jedes Jahr die alte Kaserne ("Bruder, grad hinter Tagada-Bahn!"). Ich war zwei Jahre lang als Schaulustiger anwesend und schrie den Gundeli-Jungs Mut zu, bis mir das zu blöd wurde. Kiffen auf den Treppen des Sommercasinos, besser bekannt als das SoCa, fand ich plötzlich spannender.

Zu der Zeit, die ich gerne die SoCa-Ära nenne, war ich bereits 17 oder 18 Jahre alt und besuchte die Fachmaturitätsschule in Basel. Dass dort praktisch alles und jeder kiffte, brauche ich den Baslern unter euch nicht zu erzählen. Wir hatten sogar unsere schuleigene Dealerin, die vorgedrehte Joints für sieben Franken das Stück vertickte—sie hatte in meinen Augen das Geschäftsmodell "Armer Kiffer" somit perfektioniert. Ich war mit ihr mehr oder weniger befreundet und war so gesehen an der Quelle. Das Sommercasino befindet sich in unmittelbarer Nähe. Es ist also eine logische Schlussfolgerung, dass man sich dort traf und brüderlich sein Gras teilte.

Das Sommercasino | Foto von CdaMVvWgS | Wikimedia | CC BY-SA 3.0

Das im viktorianischen Stil erbaute Sommercasino inmitten der Stadt war im 19. Jahrhundert eine Art Sommerresidenz für die gut betuchten Leute, die sogenannten "Taig-Familien" der Stadt. Heute ist das pompöse Gebäude ein Zentrum für Jugendkultur. Zu meiner Jugendzeit war es ausgestattet mit einer Bar, zwei verschiedenen Clubs und vorübergehend sogar einem Tattoo-Studio. Ich war aber in all den Jahren nie wirklich drin. Eher verbrachte ich die (Sommer-)Tage damit, den vielen Graffitikünstlern dabei zuzuschauen, wie sie immer wieder aufs Neue die Fassade mit wahren Kunstwerken verzierten. Einer von ihnen, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist, war Till, einer von vielen Lokalhelden Basels. Er war für mich eine Art Aushängeschild des SoCas und künstlerisch und sportlich unglaublich talentiert. Man konnte ihn oft dort antreffen.

Als mich letztes Jahr die Meldung erreichte, dass er bei einem Unfall ums Leben kam, starb auch ein Teil des SoCas. Ich war seither nicht mehr da. Lieber erinnere ich mich an den riesigen Donald Duck, den er im Herbst 2009 auf eine Seitenwand des Gebäudes sprayte. Ob das Werk noch zu sehen ist, weiss ich nicht. Trotzdem haben meine Freunde von damals und ich uns vorgenommen, bald wieder dorthin zu gehen. Mit Tüte und Musikboxen.

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Abgesehen vom Rumhängen mit schillernd roten Augen und einem trockenen Mund, hatte ich meine ersten Clubbing-Erlebnisse in meiner damaligen Heimatstadt. Betrunken torkelte ich gefühlte Millionen Mal aus dem Nordstern, wobei der glorreichste Abend der Auftritt von Miss Kittin 2011 war. Ich ravte im Hinterhof zur Musik von lokalen Maestros wie Herzschwester und Malicious Joy. Ich versuchte in der Kuppel an der monatlichen Jump Off–Party zu HipHop zu tanzen und umarmte nur Momente später die WC-Schüssel.

All das gehört zum Erwachsenwerden. Und fürs Erwachsenwerden ist Basel mehr als geeignet. Ich brauchte nicht in die weite Welt zu gehen, um etwas zu erleben und Erfahrungen zu sammeln, die mein Leben prägen. Ich hatte die weite Welt in einer Miniversion vor mir.

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Titelfoto von Pixabay