Drogen

Politiker wollen Kolumbiens Kokain-Industrie legalisieren

Ein neues Gesetz würde es der Regierung erlauben, das komplette Koks des Landes aufzukaufen. Wir haben mit dem verantwortlichen Senator gesprochen.
4.12.20
Bewaffnete Sicherheitskräfte bewachen beschlagnahmtes Kokain, das für die Presse aufgestapelt wurde, wenn Kokain legalisiert werden würde, wäre der Schwarzmarkt aus dem Handel ausgeschlossen
1.747 Kilogramm beschlagnahmtes Kokain in Santo Domingo am 1. November 2020 | Foto: GettyImages

40 Jahre dauert der Krieg gegen die Drogen inzwischen. Geändert hat er wenig. Drogen sind heute billiger und verbreiteter denn je. Vor allem die Länder, in denen sie produziert werden, leiden unter Korruption und der Gewalt mafiöser Banden. Deswegen will der kolumbianische Politiker Iván Marulanda einen neuen Kurs einschlagen.

Marulanda sitzt für die grüne Partei Alianza Verde im kolumbianischen Senat. Vor Kurzem hat er einen Gesetzesvorschlag vorgelegt, der es der Regierung ermöglichen würde, die komplette Kokainproduktion des Landes aufzukaufen und somit Hunderttausende Kokabauern aus der Illegalität zu holen und wieder in die heimische Wirtschaft einzugliedern. Vor allem die indigene Bevölkerung, die seit Jahrhunderten die Kokapflanze kultiviert und nutzt, soll davon profitieren. VICE hat mit dem Senator über seinen Gesetzesvorschlag und eine mögliche Zukunft mit legalem Kokain gesprochen.


VICE-Video: Unterwegs in Barcelonas Drogen-Squats


VICE: Was sieht Ihr Gesetz genau vor?
Iván Marulanda: Es würde dafür sorgen, dass der Staat die komplette Koka-Ernte Kolumbiens aufkauft.

Es gibt 200.000 Bauernfamilien, die in den Anbau involviert sind. Der Staat würde das Koka zu Marktpreisen kaufen. Die Programme zur Bekämpfung des Koka-Handels kosten jedes Jahr vier Trillionen Pesos, das ist etwa eine Milliarde Euro. Die komplette Koka-Ernte zu kaufen, würde jährlich etwa 680 Millionen Euro kosten. Es ist also billiger, das Koka zu kaufen und zu ernten, als es zu zerstören.

Mit dieser Intervention der Regierung würden sich zwei fundamentale Dinge ändern. Erstens würde sie 200.000 Familien zurück in die Legalität holen. Diese Bauernfamilien ziehen in der Regel von selbst weiter, entwalden neue Gebiete und bauen erneut Koka an, weil sie von den Behörden fliehen. Zweitens: Kolumbien zerstört jedes Jahr rund 300.000 Hektar Wald. Der Koka-Anbau soll schätzungsweise für 25 Prozent dieses Waldverlusts verantwortlich sein. Kolumbiens Ökosysteme sind also ein Kollateralschaden

Was würde die Regierung mit der Koka-Ernte machen?
Der Staat würde den Rohstoff an handwerkliche Betriebe weitergeben – insbesondere die, die indigenen Ursprungs sind –, die daraus Nahrungsmittel, Mehl, medizinische Produkte und Getränke wie Tee herstellen. Diese uralten, hier angestammten Branchen konnten sich in Kolumbien nie entwickeln, weil ihre Rohstoffe stigmatisiert und rechtlich geahndet werden. Indigene Gruppen haben diese Pflanze aber seit Jahrhunderten kultiviert und mit ihr gearbeitet. Sie haben eine entsprechend starke Verbindung zu ihr.

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Was lässt sich mit der Pflanze noch herstellen?
Studien zeigen, dass sie viel Kalzium enthält. Es gibt also einen Nährwert. Andere Eigenschaften wiederum sind besser für die Industrie geeignet. Aus Koka lässt sich auch Düngemittel herstellen.

Außerdem würde der Staat Kokain produzieren und den Konsumierenden bereitstellen. Er würde auch Koka und Kokain an Forschungsgruppen auf der ganzen Welt geben, die dessen schmerzstillende Eigenschaften weiter untersuchen könnten. Bislang ist das schwierig, weil es sehr aufwendig ist, für Forschungszwecke an Kokain zu kommen. Pharmaunternehmen würden reines Kokain vom kolumbianischen Staat bekommen – unter hohen Sicherheitsstandards natürlich.

Welche Rolle spielt Kokain heute in der kolumbianischen Gesellschaft?
In Kolumbien ist der private Konsum von Kokain legal. Ein Gericht hat ihn als Menschenrecht anerkannt. Wir haben also diese Freiheit, aber kein legales Kokain, um den Bedarf zu decken. Der Staat bleibt außen vor. Stattdessen wenden sich Konsumierende an das organisierte Verbrechen. Das Kokain ist von schlechter Qualität und häufig mit Substanzen versetzt, die nicht kontrolliert oder reguliert werden – und es ist überall: in unseren Schulen, Universitäten, Parks und Bars. Es ist überall im öffentlichen Raum.

Zu Besuch bei Kolumbiens Kokain-Produzenten

Die neue Regelung würde das organisierte Verbrechen von der Kokapflanze trennen – und die Konsumierenden vom organisierten Verbrechen. Es würde vom Staat über das Gesundheitssystem zu den Konsumierende kommen. Ärztinnen und Ärzte würden entscheiden, ob Personen für eine Schmerzbehandlung mit Kokain infrage kommen. Sind sie körperlich und mental dafür geeignet? Diese Frage müssten wir stellen. Es wäre dann qualitativ hochwertiges Kokain. Man sollte hierbei unbedingt beachten, dass längst nicht alle Konsumierenden abhängig sind. Weniger als zehn Prozent von ihnen sind abhängig. 

Wie erfolgreich ist Kolumbien bislang im Kampf gegen Kokain?
Kolumbiens Umgang mit Drogen ist vor allem vom Militär und der Polizei geprägt. Das stammt noch aus den 1980ern, als der Kokainhandel die mächtige Waffe der Kartelle war. Kolumbiens Reaktion – und die der ganzen Welt – war, den Drogen den Krieg zu erklären. Der Krieg gegen Drogen ist eine Law-and-Order-Haltung, die Drogen nur als kriminelles Vergehen betrachtet. Es ist auch ein Krieg gegen die Kokapflanze.

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Ist das heute anders?
Diese Einstellung hat sich seit den 1980ern nicht geändert. Tatsächlich ist Kolumbiens Haltung zu Drogen nur verbohrter, sturer und heftiger in seiner Ausführung geworden. Jetzt ist es 2020 und Kolumbien exportiert 90 Prozent des weltweiten Kokains. Jedes Jahr verlassen 1.500 Tonnen das Land. 200.000 Hektar Fläche werden für den Koka-Anbau benutzt. Wir sind überschwemmt von Kokain und mit ihm von Tod und Gewalt. Wir haben die Souveränität über manche kolumbianische Gebiete an kriminelle Organisationen verloren.

In 40 Jahren ist Kolumbiens Anti-Drogen-Haltung für zwei Generationen zu einer Art Religion geworden. Diese Haltung ist Teil unserer Kultur und ein Dogma. Wir sprechen nicht ehrlich und offen über diese Haltung und ihre Folgen. Stattdessen wird sie von der internationalen Gemeinschaft verstärkt – allen voran von den Vereinigten Staaten.

Ein Mann mittleren Alters mit grauen Haaren und blauen Hemd in seinem Arbeitszimmer vor einem Bücherregal

Der kolumbianische Senator Ivan Marulanda in seinem Haus in Rionegro, Antioquia, Kolumbien, am 15. September 2020 | Foto: JOAQUIN SARMIENTO/AFP / Getty Images

Was würden die USA von einem legalem Kokainhandel in Kolumbien halten?
Die USA sind ein wichtiger Partner für Kolumbien.

Sie sind aber auch wie wir. Wir schmeißen enorme Mengen Geld für den Krieg gegen Drogen in den Müll, anstatt es für Entwicklungsprogramme auszugeben und das Leben der Menschen zu verbessern.

Die Beziehungen zwischen Kolumbien und den Vereinigten Staaten werden unter dem zukünftigen Präsident Biden sehr anders sein.

Wie wollen Sie den Kokainhandel von den kriminellen Organisationen abkoppeln?
Der Staat hätte, wie eingangs erklärt, einen großen finanziellen Spielraum. Auch wenn die Banden ihre Preise anheben, könnten wir mitziehen. Notfalls muss man das Programm mit weiteren Geldern fördern. Das Wichtigste ist hier, Menschenleben zu retten. 

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Hat Kolumbien das Recht, mit dem Kokain einfach zu machen, was es will?
Das ist das ganze Dilemma. Diese Anti-Drogen-Haltung hat nicht die gleichen Auswirkungen auf die Vereinigten Staaten oder die Europäische Union wie auf Kolumbien. Wir sind die Produzenten. Das bedeutet, es zerstört das Leben unserer Jugend, unserer Soldaten und unserer Polizisten. Die Wirtschaft ist wegen diesem illegalen Geschäft total entstellt. Und schauen Sie sich die Probleme durch die Korruption an. Es ist brutal. Unsere aktuelle Anti-Haltung zerstört Kolumbien.

Gebt das Koks frei!

Kolumbien hat jedes Recht in der Welt, einen Ausweg für dieses Problem zu suchen. Ich würde nicht ausschließen, dass andere Länder den Kokainhandel auch in die Hand des Staates geben würden. Sie würden das Kokain von Kolumbien kaufen und vertreiben – außerhalb des Schwarzmarkts. 

Was sind die größten Hürden und Gefahren für Ihr neues Gesetz?
Die erste große Hürde ist, die öffentliche Debatte darüber zu führen. Das Thema ist ein gigantisches Tabu gewesen. Menschen in Kolumbien wachsen mit der Einstellung auf, dass der Drogenhandel ein Krieg ist. Es gibt keine Information zu Koka und Kokain. Mit diesem Gesetzesentwurf hoffen wir, die Diskussion in Gang zu bringen.

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