Meinung

Gebt das Koks frei!

Berlins oberster Drogenermittler will, dass der Besitz kleiner Mengen Kokain für den Eigenbedarf straffrei bleibt. Gut so, finde ich.

von Marleen Fitterer
24 Juni 2019, 2:46pm

Foto: Grey Hutton

Während manche Politikerinnen noch Kiffern und Kifferinnen den Kampf ansagen, haben andere längst verstanden, dass eine repressive Drogenpolitik nichts bringt. Verbot hin oder her, illegale Drogen werden in den verschiedensten Gesellschaftsgruppen konsumiert, allen voran Kokain. Das weiß nicht nur Christoph Daum, sondern auch der Chef der Drogenfahndung im Landeskriminalamt Berlin, Olaf Schremm. "Es gibt Anzeichen für eine Kokainepidemie", sagt er am Freitag im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Laut Schremm müsse ein neuer Umgang mit Kleinstmengen von Kokain gefunden werden.

Bedeutet das jetzt: Koks für alle, auf Befehl der Polizei? Nein. Aber laut Paragraf 31a des Betäubungsmittelgesetzes kann beim Eigenverbrauch von einer Strafverfolgung abgesehen werden. In Berlin kann man zum Beispiel bis zu 15 Gramm Gras bei sich tragen, der Besitz von Koks wird aber immer strafrechtlich verfolgt, auch wenn es nur eine Line ist. In Hamburg, Bremen, Hessen und Niedersachsen ist das anders. Hier wird das Verfahren auch beim Besitz von bis zu einem Gramm härterer Drogen wie Kokain und Heroin eingestellt. In Schleswig-Holstein liegt diese Menge sogar bei drei Gramm. Dadurch werden Polizei und Justiz entlastet. Denn ein Großteil der Drogendelikte, die aufgenommen werden, sind Konsumentendelikte.

Deshalb kann man doch eigentlich auch gleich darüber nachdenken, ob der Besitz von kleinen Mengen Kokain legalisiert werden sollte. Wenn das sogar schon das LKA fordert, ist das nicht die einzig vernünftige Lösung? Ich denke: ja. Ich bin für einen toleranteren Umgang mit Kokainkonsum für den Eigenbedarf. Meiner Meinung nach müsste man über Kokainkonsum so reden können wie über den Konsum von Alkohol und Gras. Kokain wird verteufelt, weil es illegal ist. Oft wird nicht zwischen Gelegenheitskonsumierenden und Abhängigen unterschieden. In der öffentlichen Debatte geht es nur um die Substanz an sich, die problematisch ist – bei Ärzten, bei der Polizei, in der Gesellschaft. Mengenmäßig wird nicht differenziert. Menschen sehen weißes Zeug und denken an Junkies, die ihr Leben nicht im Griff haben, die nicht mehr gesellschaftsfähig sind, oder an Neureiche und B-Promis, die sich das Zeug auf Jachten durch die Nase ziehen. Nicht zuletzt sind dafür auch Serien wie Narcos und Spielfilme wie Blow verantwortlich.

Die Menge macht's

Alles was illegal ist, wird schnell auf eine Stufe gestellt, Partydrogen wie Kokain und Ecstasy werden mit Heroin, Crack und Crystal Meth verglichen. Jeden Tag ein Glas Wein? Das ist OK. Ab und zu eine Line Koks? Auf keinen Fall. Doch schon der Schweizer Alchemist Paracelsus (1493 – 1541) sagte: "Alle Ding' sind Gift und nichts ohn' Gift; allein die Dosis macht, das ein Ding' kein Gift ist." Wer ab und zu ein Bier trinkt, ist noch nicht alkoholkrank, wer ab und zu eine Line zieht, ist noch lange nicht davon abhängig. Es ist die Art des Konsums, die entscheidend ist, die Mengen, die konsumiert werden, und ob die Person abhängig ist oder nicht.

Bereits ein oder zwei Gramm Kokain in der Tasche können strafrechtliche Konsequenzen haben, wenn man damit erwischt wird. Auch wenn das Verfahren bei geringen Mengen wie diesen oftmals eingestellt wird, kann das für die Betroffenen noch ganz andere negative Folgen haben.

Ich habe einen Bekannten, der wegen vier Gramm Koks seinen Job verlor, eine andere verlor ihre Familie – die Eltern waren zu enttäuscht von ihrer Tochter. Dass es sich dabei nur um ein paar Lines alle paar Wochen handelte, war nebensächlich. Kokain hat einen schlechten Ruf, wer es nimmt, dem droht gesellschaftliche Isolation.


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Gut, man könnte nun auch sagen: Dann hätten sie es halt lassen sollen. Das stimmt. Allerdings kann man das auch zu Vätern sagen, die jeden Abend ein Bier öffnen, oder zu Schwestern, die Kette rauchen, oder zu Tanten, die gerne mal kiffen, um abends runterzukommen. Drogen zu nehmen, ist eben eine persönliche Entscheidung. Sich einem gesundheitlichen Risiko auszusetzen, ist nicht gut für den Körper, aber eben eine private Sache, die ein Erwachsener für sich selbst bestimmen muss.

Ich kenne Anwälte, Lehrerinnen, Ärzte, Psychologinnen, Zollbeamte und sogar Polizisten, die ziehen

Es ist weder meine Absicht Kokain, oder Drogen im Allgemeinen, und deren Abhängigkeitspotenzial zu verharmlosen oder sogar zu verherrlichen. Aber ich plädiere für Sensibilisierung. Kokainkonsum zieht sich durch alle Klassen, Schichten und Altersgruppen. Ich kenne Anwälte, Lehrerinnen, Ärzte, Psychologinnen, Zollbeamte und sogar Polizisten, die ziehen. Eine Line nach dem gemeinsamen Abendessen ist in vielen Freundeskreisen schon so obligatorisch wie eine Tasse Espresso. Aus Berliner Clubs sind benutzte Ziehröhrchen, weiße Pulverreste auf dem Klopapierspender und liegengebliebene EC- und Kreditkarten nicht mehr wegzudenken. Wenn ich eine angebotene Koksline mit "Ich konsumiere nicht" ablehne, werde ich verdutzt angeschaut, muss mich sogar rechtfertigen, so normal ist der Konsum von illegalen Drogen vielerorts.

Laut dem Europäischen Drogenbericht 2019 ist Kokain die am häufigsten konsumierte illegale Substanz in Europa. In den letzten Jahren sei der Kokainkonsum immer weiter gestiegen. Das bewiesen Umfragen und Abwassertests. Die Nachfrage bestimmt das Angebot und andersherum. Laut Bericht wächst auch der europäische Kokainmarkt immer weiter an. Die Rede ist von einer "Uberisierung" des Kokainhandels. Kokain kann im Darknet, über soziale Medien wie WhatsApp und Telegram und sogar in Kokain-Callcentern bestellt werden. Nie war es einfacher als heute. Als Konsumierender muss man sich nicht mehr in zwielichtigen Parks herumtreiben, sondern bestellt bequem am Computer oder übers Smartphone.

Drogen sind verboten, aber die Menschen nehmen sie trotzdem. Kokain ist überall zugänglich, für alle. Wer es konsumieren möchte, findet es.

Das Problem ist nicht der Konsum, sondern die unkontrollierten Märkte

Mit viel Geld und Ressourcen werden repressive Maßnahmen ausgeführt, die oftmals mehr schaden als nutzen. Es existieren illegale und unkontrollierte Märkte, die weltweit viel Leid verursachen. Im Global Drug Survey 2019, der größten länderübergreifende Drogenkonsumenten-Erhebung, gaben mehr als 70 Prozent der Teilnehmenden an, sie würden einen Fairtrade-Kokainmarkt befürworten. 85 Prozent davon würden für Fairtrade-Ware auch einen höheren Preis zahlen.

Den illegalen Markt zu kontrollieren, ist so gut wie unmöglich. Wird in Berlin ein Kokstaxi hochgenommen, fahren am anderen Ende der Stadt schon wieder fünf neue los. Und auch wenn der deutsche Zoll kiloweise Kokain an Seehäfen und Grenzübergängen beschlagnahmt, habe das keine negativen Folgen für den deutschen Kokainmarkt, wie der Leiter der Zollfahndung Hamburg, René Matschke, gegenüber dem NDR sagte. Auch nach Rekordsicherstellungen blieben die Preise von Kokain stabil. Zu klein sei der Anteil der beschlagnahmten Ware. Der Nachschub aus den Herstellerländern in Zentral- und Südamerika sei unerschöpflich.

Wie kann man den Konsum steuern, sodass es der Gesellschaft am wenigsten schadet?

Den Kokainhandel zu bekämpfen, ist ebenso utopisch, wie den Konsum für alle zu verbieten. Deshalb die große Frage: Wie kann man den Konsum steuern, sodass es der Gesellschaft am wenigsten schadet? Eine Möglichkeit sind Drug-Checking-Programme, bei denen Konsumierende ihre Drogen auf ihre Zusammensetzung testen lassen können. So wären Konsumierende einem geringeren gesundheitlichen Risiko aufgrund von verunreinigtem Stoff ausgesetzt. Zusätzlich könnte im Rahmen dessen Aufklärung betrieben werden. Solche Präventivmaßnahmen würden letztlich zum Wohle der ganzen Gesellschaft beitragen. Auch im Europäischen Drogenreport 2019 fordern die Forscher und Forscherinnen mehr Investitionen in die Entwicklung von entsprechenden Maßnahmen.

Zwar hinkt Deutschland im europäischen Vergleich in Sachen Prävention noch deutlich hinterher, doch ist durch Aussagen wie der von Schremm und anderen Politikern und Politikerinnen ein Umdenken im Umgang mit dem Thema Drogenkonsum zu spüren. Gerade bestätigte die Sprecherin der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, dass auch für 2020/2021 Mittel für Drug-Checking Projekte gesichert worden sind. Neben Berlin könnte es auch in Bremen, Hessen und Nordrhein-Westfalen bald entsprechende Pilotprojekte geben.

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