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Um Gaza zu verstehen, musst du dir anschauen, was die Menschen dort essen – und warum

Nahrung ist extrem politisiert – in mancher Hinsicht sogar eine Waffe – und ein Abbild der Kräfte, die Gazas humanitäre Krise formen.

von Miriam Berger
30 November 2018, 5:00am

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Die beiden Schwestern aus Gaza versuchen den Sicherheitsbeamten zu überreden, das Tablett mit Süßigkeiten durch den Checkpoint bringen zu dürfen. "Bitte", sagen sie, "unsere Schwester ist schwanger und sie möchte nur einmal daran riechen können."

Der Mann an der ersten Stufe des Sicherheits-Checkpoints, selbst Palästinenser, bleibt standhaft. Israels Regeln für das, was aus Gaza ins Land darf, muten manchmal willkürlich an: An diesem Tag im November 2017 hat das Tablett mit süßen Backwaren keine Chance.

Wenig später winkt der Mann die Frauen zum nächsten Kontrollpunkt des Erez-Grenzübergangs durch, dem momentan einzigen Personenübergang zwischen Israel und Gazastreifen. Der Nachtisch bleibt in Gaza, zusammen mit dem Make-up und den Tontöpfen, die die Frauen ebenfalls bei sich hatten.

Diese Szene ist nur ein kleiner Vorgeschmack darauf, wie politisiert Essen in dem abgeriegelten Küstenstreifen geworden ist. Sie zeigt im Kleinen, welche Kräfte und Interessen die Gewalt und die humanitäre Krise in Gaza weiter anfeuern. Israels Bestimmungen, was rein und raus darf, die tiefe politische Spaltung innerhalb der palästinensischen Bevölkerung, die repressive Herrschaft der islamistischen Hamas, eine schwache Wirtschaft, die auf Hilfslieferungen angewiesen ist – die Gründe für die aktuelle Lage in Gaza sind vielfältig und bisweilen kompliziert miteinander verstrickt. Eine Möglichkeit, Gaza zu verstehen, ist, die Menschen dort zu fragen, was sie essen und warum.


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Warda hat den 365 Quadratkilometer großen Streifen an der Mittelmeerküste noch nie in ihrem Leben verlassen. Periodische Blockaden durch Israel hat es in ihrem Leben immer wieder gegeben. Nachdem die radikalislamische Hamas, eine Terrororganisation mit weltweitem Netzwerk, 2006 die Parlamentswahlen gewonnen und ihre Rivalen, die von der gemäßigteren Fatah angeführte und vom Westen unterstützte Palästinensische Autonomiebehörde (PA), verdrängt hatte, belegten Israel und Ägypten den Gazastreifen 2007 mit einer Blockade.

Drei Kriege und immer wieder aufflammende Geplänkel mit Hamas-Raketen auf Israel, gefolgt von israelischen Bomben auf Stellungen in Gaza, wird das Leben in der dichtbesiedelten Enklave mit rund 1,8 Millionen Einwohnern, immer beschwerlicher. Elektrizität gibt es nur wenige Stunden am Tag, die Trinkwasserversorgung ist schlecht, Krankenhäuser unterbesetzt und die grassierende Arbeitslosigkeit wird jeden Tag schlimmer.

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Warda zeigt Gerichte auf ihrem Smartphone

"Ich habe keine Freiheit", sagt mir Warda im Juni dieses Jahres. Sie ist groß, energisch und hält eigentlich kein Blatt vor den Mund. Aber auch sie ist ratlos. "Wo kann ich auch sonst hin?", fragt sie leise.

Warda ist gegen die Hamas. Ihre militanten Anhänger, sagt sie, suchten mittlerweile nach jedem erdenklichen Grund, Menschen Strafgelder abzuknüpfen, um die finanziell darbende und korrupte Regierung zu finanzieren – oder sich das Geld selbst in die Taschen zu stecken.


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Heute betreibt Warda mit anderen Frauen eine Catering-Firma, trotzdem hat sie das Gefühl, ständig auf Eierschalen gehen zu müssen. Sie hat den Job angenommen, weil sie Kochen liebt. Außerdem will sie Geld sparen, um sich einen Anbau für das Haus ihrer Familie leisten zu können. Sie hätte gerne mehr Raum für sich.

Viel wirft die Catering-Firma, die die besser gestellten Einwohner Gazas beliefert, allerdings nicht ab. Durch die strengen Auflagen können die Frauen ihre Produkte auch nicht nach Israel oder ins Westjordanland exportieren, wo die Palästinensische Autonomiebehörde regiert. In der Zwischenzeit hat sich der Graben zwischen Hamas und Fatah vertieft: vergangenes Jahr hörte die PA auf, die israelischen Stromlieferungen an Gaza zu bezahlen, um die Hamas unter Druck zu setzen.

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Vor einem UNRWA-Zentrum, auf der Wand steht "Waffen verboten"

Wie fast alle Einwohnerinnen und Einwohner Gazas ist Warda auf die Hilfe der United Nations Relief and Works Agency, kurz UNRWA, angewiesen, die Grundnahrungsmittel verteilt und Schulen und Kliniken betreibt. Unumstritten ist die Hilfsorganisation aber nicht. In der Vergangenheit wurde ihr unter anderem Nähe zur Hamas und antiisraelische Propaganda in ihren Schulen vorgeworfen. Im August dieses Jahres strichen die USA unter Präsident Trump ihre finanzielle Unterstützung für die UNRWA.

Die Nahrungsmittel, die die UNRWA verteilt, sind nicht die gesündesten, aber laut Warda gebe es momentan keine Alternative. Fast ihr ganzes Geld gehe in den Bau ihres Zimmers.

Vor Kurzem hat sich Warda dazu entschieden, Vegetarierin zu werden. OK, Kaninchen isst sie noch, aber ansonsten hat sie Fleisch noch nie wirklich gemocht. Sie sorgt sich um die Hormone darin. Als Teil ihres Strebens nach Unabhängigkeit isst sie nur noch, was sie auch mag. Im von Fleisch besessenen Nahen Osten gibt es einen beliebten Witz, dass allein das Vegetarierdasein Asylgrund ist.

Historisch kann Gaza allerdings auf eine sehr geschmacksintensive, abwechslungsreiche und gesunde Küche zurückblicken, wie Laila El Haddad in ihrem 2013 erschienen Kochbuch The Gaza Kitchen beschreibt.

"Es umfasst mit Oliven, Fisch, Kichererbsen und Gartengemüse Teile der kulinarischen Welt des Mittelmeers, bildet aber auch eine Brücke in die Wüstenregionen Arabiens, des Roten Meers und des Niltals", schreibt El Haddad [ Übersetzung von MUNCHIES]. "In der Region ist die Küche der urbanen Küste – bekannt für ihre ausgefeilten Gerichte mit Fisch und Meeresfrüchten – eindeutig von der im bäuerlichen Inland zu unterscheiden, die reich an Gemüse und Hülsenfrüchten ist."

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Schatta auf dem Markt von Gaza Stadt

Ein typisches Merkmal von Gazas Küche ist eine Vorliebe für scharfe Speisen. Schatta, eine typische Chilisoße des Nahen Ostens, fehlt in fast keinem Haushalt. Als Bindeglied zwischen Afrika und Asien ist die Küche der Region stark von verschiedenen Gewürzen und Zubereitungsarten beeinflusst. Der beliebte Daqqa-Salat aus frischen Tomaten, Chili, Olivenöl und Dill ist ein Resultat dieser einzigartigen Mischung.

Was auf den Tisch kommt spiegelt aber auch die aktuelle Lage wider. Nach der Gründung des Staates Israels 1948 kamen Vertriebene in dieser Gegend zusammen. Die Küche wurde zum Identitätsstifter, aber auch das Angebot veränderte sich.

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Daqqa-Salat

Aufgrund seiner aktuellen geographischen Abgeschiedenheit sind Gerichte aus Gaza weniger bekannt als andere Klassiker der palästinensischen und nahöstlichen Küche. Eins zum Beispiel ist außerhalb von Gaza kaum zu finden. Kunafeh Arabiya ist die auf Nuss und Bulgur basierende Schwester von Kunafeh Nablusieh, einer beliebten mit Quark gefüllten Süßspeise.

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Knafa Arabiya in Gaza

Das Gericht wird selten außerhalb von Gaza zubereitet und lässt sich nicht durch den Grenzübergang mitnehmen. Selbst in Gaza ermüden die Wahrer der Backtradition langsam an ihrem ständigen Kampf: "Es ist schwer, ein konsistentes System aufzubauen", sagt mir Mahmoud Saqallah, Inhaber von Saqallah Sweets, in einem Gespräch 2017. Seine Familie betreibt die Konditorei seit über hundert Jahren und macht eine der besten Kunafeh Arabiyas. "Momentan ist es schwierig, die nötigen Produkte zu bekommen, und alles ist teurer."

Die Import- und Exporteinschränkungen der israelischen Regierung haben Nahrungsmittel jeglicher Art in ihrer Folge politisiert, sagen Palästinenser und Menschenrechtsgruppen.

Am Übergang Kerem Hasahalom, an dem vor allem Güter die Grenze zwischen Israel und Gaza überqueren, "fehlt eine klare Regelung", was erlaubt sei und was nicht, sagt Miriam Marmur von der israelischen Menschenrechtsorganisation Gisha. Zwischen 2007 und 2010 hatte Israel die Ausfuhr von Gütern aus Gaza extrem begrenzt. Bis auf wenige Ausnahmen war alles verboten – eine umfassende Liste sei aber nie öffentlich gemacht worden, so Marmur.

2012 veröffentlichte Gisha einige Informationen, die sie durch das Informationsfreiheitsgesetz erhalten hatte. Die Dokumente zeigten, dass das israelische Militär 2008 in Anlehnung an die Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation den täglichen Kalorienbedarf in Gaza berechnete, um Unterernährung zu vermeiden. Diese Zahlen bestimmten, wie viel Nahrungsmittel in das Gebiet gelassen wurden.

"Die Idee der israelischen Regierung dabei war, dass sie die Einwohner Gazas nicht verhungern lassen wollte – aber zu satt, glücklich und erfüllt sollte ihr Leben auch nicht sein", sagt mir Marmur im Juni. Sie nennt dieses Vorgehen eine Form der "ökonomischen Kriegsführung". Das Ziel sei es, die Menschen dazu zu bringen, die Hamas zu stürzen. "Seitdem sind elf Jahre vergangen und diese Taktik hat eindeutig nicht funktioniert", fügt sie hinzu.

Das israelische Militär hat eine andere Erklärung für sein Vorgehen. Die Berechnungen seien nicht dazu gedacht gewesen, die Einfuhr von Lebensmitteln einzuschränken, sondern um eine humanitäre Krise abzuwenden.

In den vergangenen Jahren wurde einige der Beschränkungen spürbar gelockert. Seit 2010 dürfen offiziell alle Güter nach Gaza, die nicht gleichzeitig als Waffe oder zum Bau von Waffen verwendet werden können.

Nichtdestotrotz sind Palästinenser der Meinung, dass viele Einschränkungen willkürliche Bestrafungen seien und in erster Linie der Bewahrung Israels wirtschaftlicher Überlegenheit dienen würden, weniger der Sicherheit. Über die Jahre war der Import von Schokolade, gemahlenem Koriander und Großmengen Margarine verboten, während andere Gewürze wie Ysop und Margarine in Konsumgröße erlaubt waren, wie die israelischen Forschenden Aeyal Gross und Tamar Feldman in ihrer Studie herausfanden.

"Das entfachte in der Bevölkerung von Gaza ein starkes Gefühl von Unsicherheit und Kontrollverlust über die Auswahl von Nahrungsmitteln", schrieben Gross und Feldman in ihrer Studie, die 2015 im Berkeley Journal of International Law erschien. "Einige Ergänzungen der Liste wurden gemacht, um israels wirtschaftliche Interessen voranzutreiben, wie den Marktpreis für lokale israelische Bauern bei Überschussproduktion zu sichern."

Gross und Feldman zeigten, dass in Israel hergestelltes Tahin den Markt in Gaza dominierte, nachdem Israel zwischenzeitlich die Einfuhr von Sesamsamen verboten hatte. Das in Gaza sehr beliebte rote Tahin, das aus speziell gerösteten Sesamsamen gemacht wird, wurde in der Herstellung zu teuer.

Heute dürfen verarbeitete Nahrungsmittel den Gazastreifen bei Kerem Shalom für den Export verlassen, bestätigt mir ein Sprecher des Coordinator of the Government Activities (COGAT) in einer E-Mail im August. "Es gibt auf Verheiß des Gesundheitssystems allerdings keinen Export verarbeiteter Lebensmittel aus dem Gazastreifen nach Israel oder ins Westjordanland."

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Al Wadia in seiner Fabrik

Wa'el Al Wadia, CEO von Gazas größtem Lebensmittelhersteller, habe früher 80 Prozent seiner Produkte ins Westjordanland exportiert, sagt er mir im April. Heute sei sein Geschäft nur ein Bruchteil von dem, was es mal war. Seine Fabrik musste er nach der Zerstörung in den Kriegen von 2009 und 2014 wieder aufbauen. Die dadurch entstandenen Verluste habe er noch nicht wieder ausgleichen können.

Die Abriegelung des Gazastreifens hat alle Bereiche des Lebensmittelwirtschaft getroffen. Die Abu-Hashira-Straße in Gaza-Stadt ist der Ort, an dem man den frischsten Fisch bekommt. Dort gibt es eine ganze Reihe Geschäfte und Restaurants, die alle der Abu Hasira Familie gehören – und sie alle sind anders. Bei Muneer Abu Hasira's kommt die Goldbrasse frischgebacken auf den Tisch, während die Shrimps noch im Tontopf mit einer Gaza-typischen scharfen und schmackhaften Tomatensoße brutzeln.

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Shrimps bei Abu Hasira

Seit täglich Millionen Liter ungeklärte Abwässer vor Gaza ins Mittelmeer fließen, ist die Freude an Meeresfrüchten allerdings reichlich getrübt. Ein Teil der Abwasser-Infrastruktur wurde im Krieg von 2014 zerstört und für die verbleibenden Pumpen und Kläranlangen reicht der Strom nicht. Das macht einen Großteil von Gazas Meeresfrüchten wie die beliebten Blaukrabben absolut ungenießbar für alle, die sich um ihre Gesundheit sorgen. Für die anderen sind sie ohnehin zu teuer.

Bevor die Hamas 2007 die Macht übernahm, exportierte Gaza Fisch nach Israel und ins Westjordanland. Heute dürfen die Fischer nur wenige Kilometer aufs Meer fahren. Israel fürchtet Schmuggelgeschäfte. Von Gazas Fischereiindustrie ist nicht mehr viel übrig.

Auch die Bauernhöfe in Gaza bekommen die Abriegelung des Streifens in vielerlei Hinsicht zu spüren. Viele der besten landwirtschaftlichen Flächen befinden sich an der Grenze zu Israel. Bombardements während der Kriege haben einen Teil des Landes dezimiert. Die hohen Preise für die Einfuhr von Dünger und Samen aus Israel schränken die Produktion weiter ein.

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Zakaria und seine Paprikas

"Wir hängen in der Mitte fest", sagte Heshem Zakaria, 33, ein ausgezehrter Bauer und sechsfacher Vater, der auf einem Bauernhof in Beit Hanoun an Gazas nördlicher Pufferzone arbeitet.

Unter Palästinensern in Gaza kursieren Gerüchte, dass das aus Israel importierte Gemüse vergiftet sei. Belege dafür gibt es keine. Trotzdem reflektieren derartige Spekulationen ein Umfeld, in dem auch Nahrung zur Waffe geworden ist.

In den UNRWA-Verteilungszentren lagern Säcke und Kisten voller Reis, Mehl, Zucker, Linsen, Kichererbsen und Sardinenbüchsen. Es gibt Milchpulver, Tahin und Sonnenblumenöl. Etwa eine Million, also über die Hälfte aller Einwohner, komme viermal im Jahr in diese Verteilungszentren, um Lebensmittelpakete entgegenzunehmen, sagt mir Asem Abu Shawish im Juni. Er ist Leiter von UNRWAS Fürsorge und Sozialdienste Programm in Gaza. Die Bedürftigsten unter ihnen, das sind 68 Prozent der Hilfebeziehenden, bekommen größere Mengen.

Vor den kastenförmigen Zementbauten kommen Menschen zusammen, manche verhökern Kisten voller Tahin oder Sardinen gegen Geld. Der 24-jährige Mutasem verdient sich ein paar Schekel, indem er die Essenskisten mit seinem Esel und einem Anhänger zu den Leuten nach Hause liefert. Eigentlich hat er, das jüngste von zwölf Kindern, einen Abschluss in Sozialwesen. "Das hier ist die einzige Arbeit, die ich finden kann", sagt er mir im Juni.

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Mutasen in blau vor dem UNRWA-Verteilungszentrum

UNRWA begann seine Arbeit 1950, zwei Jahre nachdem die Staatsgründung Israels etwa 700.000 Menschen aus dem Gebiet vertrieben hatte. Auch die Nachkommen dieser Menschen, heute über fünf Millionen Palästinenser, haben den Flüchtlingsstatus vererbt bekommen. Das ist einer der Gründe, warum die Regierungen von Israel und den USA gegen die Forderung auf ein Rückkehrrecht in das heutige Israel sind, in dem knapp 8,3 Millionen Menschen leben. Seit seiner Gründung agiert UNRWA als die offizielle Vertretung palästinensischer Geflüchteter und stellt Nahrung, Bildung und Gesundheitsversorgung in Gaza, dem Westjordanland und in den Lagern in Jordanien, Libanon und Syrien bereit.

"Noch hoffnungsloser für die Flüchtlinge in Gaza ist, dass UNRWA ihre einzige Anlaufstelle ist", erklärt Abu Shawish, der selbst UNRWA-Schulen besucht hat. Er selbst sei zwar zum Glück nicht auf die Hilfe angewiesen, aber ohne Lebensmittelpakete, warnt er, werden viele Hunger leiden. Nachdem die USA – traditionell der größte Beitragszahler – im August seine finanzielle Unterstützung eingestellt hat, hat UNRWA alles versucht, um das Budget mit zusätzlichen Spendenzahlungen auszugleichen. Einschnitte wird es trotzdem geben.

Über die Jahre hat sich UNRWAs Regelung, wer welche Ernährungshilfe bezieht, verändert. Für die 68 Prozent besonders Bedürftigen versuche die Hilfsorganisation 80 Prozent des täglichen Kalorienbedarfs – 1.675 von durchschnittlich 2.100 Kalorien – zu decken, so Abu Shawish.

Aber Kalorien sind nicht gleich Kalorien. Über Jahrzehnte haben weißes Mehl von minderer Qualität, Reis, Rapsöl und Milchpulver ihren Tribut gezollt – sowohl in Bezug auf die Ernährung im Gazastreifen, die sich diesen minderwertigen Produkten anpassen musste, als auch auf die generelle Gesundheit der dort lebenden Menschen.

"Die internationalen Hilfsorganisationen in Gaza verteilen vor allem weißes Mehl und weniger traditionelles Getreide wie Frikeh (grüner Hartweizen), Bulgur und Gerste", schrieben Gross und Feldman 2015 in ihrer Studie. "Da Gazas Bevölkerung für ihre Ernährung auf die Hilfsorganisationen angewiesen ist, sind diese nährstoffreichen Getreide fast komplett aus dem Ernährungsplan verschwunden."

"Lebensmittelhilfe sollte mit einer klaren Ausstiegsstrategie bereitgestellt werden und die Schaffung von Abhängigkeiten vermeiden", fuhren sie fort.


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Das ist in Gaza definitiv nicht der Fall und genau das kritisieren vor allem auch Palästinenserinnen und Palästinenser an UNRWA: Über die Jahrzehnte sei die Hilfsorganisation immer mehr zu einem Werkzeug für die Erhaltung des Status Quo geworden, anstatt die Lage für die Betroffenen zu bessern.

"Ich bin sehr kritisch gegenüber UNRWA", sagt mir Omar Shabaan im Juni. Shabaan ist politischer Ökonom in Gaza, der ebenfalls durch das Schulsystem der UNRWA gegangen ist und eine Zeit lang für die Organisation gearbeitet hat. "Aber Kritik muss immer zu Reformen führen. Man kann nicht einfach die US-Hilfe für UNRWA streichen und von UNRWA erwarten, weiter als Werkzeug der Stabilität zu arbeiten."

2016 änderte UNRWA die Zusammenstellung seiner Lebensmittelpakete, um sie gesünder und nahrhafter zu machen. Sie ergänzten ihre Pakete um Linsen, Kichererbsen und Milchpulver. Dosenfleisch wurde durch Sardinendosen ersetzt, der Anteil Zucker reduziert.

"Ein wichtiges Kriterium ist Akzeptanz", sagt Abu Shawish. Aus diesem Grund wurde auch der Zucker nicht komplett aus dem Programm gestrichen. "Wenn du nichts zu essen hast, machst du Tee mit Zucker und isst dazu Brot", sagt er.

Die Produkte werden aus aller Welt importiert, sagt mir Awni Madhoun im Juni. Der 61-Jährige ist UNRWA-Lagerverwalter in Gaza. Der Reis zum Beispiel stamme aus Pakistan, das Öl aus der Türkei und die Milch über eine jordanische Firma aus Argentinien.

Die Aufträge gehen an die Bieter mit dem niedrigsten Preis, bestimmte Länder halten kleine Monopole in diesen Bereichen. Dieser Prozess benachteiligt auch die lokalen Produzenten in Gaza.

"Die örtlichen Zulieferer haben andere Kalkulationen wie Elektrizität und die Kosten für Waren aus Israel", sagte Madhoun. "Diese ganzen Dinge machen ihre Preise höher als die für das, was wir aus dem Ausland bekommen."

Vor allem das Mehl kommt aus Gaza selbst. Etwa 30 Prozent davon stamme aus lokalen Mühlen, 70 Prozent komme größtenteils aus der Türkei, sagte Madhoun. Die genaue Menge variiere allerdings aufgrund der Berechnungen je nach Zyklus.

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Sabah Abdul Kareem Jarbewa und ihr Sohn

Sabah Abdul Kareem Jarbewa, 50, lebt in einer ärmlichen Gasse in Gaza-Stadt in einem bröckeligen Zementhaus ohne vernünftige Tür oder Dach. Sie und ihr Mann, der unter einer körperlichen Behinderung leidet, haben alle Mühe, die Miete zu zahlen und ihre sieben Kinder zu versorgen.

"Manchmal verkaufe ich UNRWA Dinge für Geld, um ein Tütchen Zatar-Gewürzmischung oder Tomaten zu kaufen", sagt sie. Ihr Leibgericht ist Maftoul, eine palästinensische Couscous-Variante, aber das Fleisch, mit dem es traditionell gekocht wird, kann sie sich nicht leisten. Da die Unterstützung immer weniger wird, braucht sie zunehmend mehr Geld. Gleichzeitig gehen ihr langsam die Gegenstände aus, die sie noch verkaufen kann.

"Ich will Hühnchen, ich will Tomaten ..." sagt sie, ihre Stimme bricht.

Es gab mal eine Zeit, in der du in Gaza für Geld so ziemlich alles bekommen hast – selbst KFC. Zwischen 2008 und 2013 seien etwa 1.000 Tunnel zwischen Gaza und der ägyptischen Sinai-Halbinsel in Benutzung gewesen, sagt Ökonom Shaban. Sie boten eine lukrative Möglichkeit, die israelischen Land- und Seeblockade zu umgehen.

"Bis 2013 kamen vielleicht 95 Prozent aller Nahrungsmittel durch die Tunnel", so Shaban. "Die Leute bevorzugten die Tunnel, weil sie viel billiger waren."

Das Tunnelsystem ermöglichte es der Hamas auch, Waffen und Kämpfer zu importieren. Darüber hinaus bezog sie über Benutzungsabgaben einen Großteil ihrer Einnahmen. "Das genaue Budget der Regierung ist unbekannt", sagte Shaban, aber er und andere schätzen, dass die Hamas jährlich eine halbe Milliarde US-Dollar durch eine Tunnelsteuer verdient habe.

Eine Zeit lang funktionierte das auch Dank der Lage in Ägypten ziemlich gut. Die Hamas konnte Israel bekämpfen, ihre Widersacher von der PA in Schach halten und nebenbei die Grundversorgung aufrechterhalten – und mehr. Aber 2013 übernahm das ägyptische Militär die Regierung von der Muslimbruderschaft und ging gegen islamistische Bewegungen vor. Während auf der Sinai-Halbinsel Unruhen tobten, flutete und bombardierte das Militär die Tunnel der Hamas.

Mit zunehmenden Finanzierungsproblemen begann die Hamas, alle Aspekte des täglichen Lebens und Handels zu besteuern. Für Wadia, Gazas größtem Lebensmittelhersteller, bedeute das dreifache Abgaben für alle Importe.

"Wir zahlen Steuern an Israel", sagt er. "Wir zahlen Steuern an Fatah. Wir zahlen Steuern an Hamas. Wir haben drei Regierungen. Die schießen alle auf uns ... Wir sind sehr unterdrückt."

Da die Hamas alles andere als transparent agiert, sei es unmöglich zu sagen, wie weit die Korruption und der Missbrauch öffentlicher Gelder reicht, sagt Shaban.

Der Bruch zwischen Hamas und Fatah 2007 polarisierte alle Bereiche der palästinensischen Bevölkerung. Die Menschen in Gaza beschuldigen die Islamisten, sich nur um ihre Anhänger zu kümmern und ihre Gegner sich selbst zu überlassen.

"Es ist aus vielen Gründen unmöglich, die Verteilung von Hilfsmitteln zu überblicken", antwortet Shaban auf die Frage, inwiefern die Hamas Nahrungsmittel zur Gewinnung öffentlicher Unterstützung gebraucht oder missbraucht hat. Das liege zum Teil an der politischen Kultur in Palästina. "Die Parteien bevorzugen ihre Mitglieder." Er fährt fort: "Die gleiche Frage könntest du der PA stellen, wenn sie Essenspakete erhalten. Haben sie die an alle verteilt? Nein. Ich kenne eine Menge armer Menschen, die keine Verbindungen haben und keine Hilfe erhalten. Heute nicht und auch früher nicht, als die PA an der Macht war."

Israel und andere Staaten werfen der Hamas vor, Geld und Ressourcen für den Bau neuer Tunnel zu verwenden, um Waffen nach Gaza zu schmuggeln und die Gewalt anzustacheln, anstatt der eigenen Bevölkerung zu helfen. Die Menschen in Gaza selbst sind sauer, dass die Anführer der Islamisten ein luxuriöses Leben führen, während es vielen an Nahrung und einem Dach über dem Kopf fehlt. Gleichzeitig fehlt es in dem hermetisch abgeschlossenen Gebiet an Möglichkeiten, die Frustration produktiv zu entladen. Stattdessens feuern sich Gazas Probleme gegenseitig an.

"Du kannst die Zustände im Gefängnis vielleicht ein bisschen verbessern, aber es bleibt ein Gefängnis", sagt Shaban.

Ghazi M. Mushtaha, 45, ist Besitzer einer der größten Eiscreme-Firmen in Gaza, Eskimo el Arousa. Während der vergangenen zwei Sommer habe er die Produktion allerdings quasi stoppen müssen. Die Generatoren für den Betrieb der Fabrik seien zu Teuer und Menschen könnten sich die nötige Elektrizität nicht leisten, um das Eis zu lagern. Vor Hamas und der Blockade hat er viel ins Westjordanland verkauft und Geschäftskontakte in Israel besucht. In seinem Büro hängt ein 25 Jahre altes Bild von ihm. Darauf steht er lächelnd und mit schwarzem Schnurrbart in Tel Aviv.

"Wir haben schon früher solche Probleme gehabt während der vergangenen drei Kriege, aber dieses Mal ist es härter und schwieriger", sagt er. "Wenn ich jetzt durstig bin und du bringst mir eine kleine Tasse Wasser, denke ich schon, dass sei zu viel."


Dieser Artikel erschien ursprünglich bei MUNCHIES US.

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