Menschen mit Behinderung

Allein wohnen ist großartig, auch mit Behinderung

Ich habe Zerebralparese und sitze deswegen im Rollstuhl. Eine eigene Wohnung hielt ich immer für einen unerreichbaren Traum.
31 Dezember 2017, 5:17am
Illustration: Deshi Deng

Ich heiße Spencer. Ich bin 25 Jahre alt und Musikliebhaber, gelegentlich moderiere ich für das Campusradio der University of British Columbia. Ich habe außerdem eine körperliche Behinderung namens Zerebralparese.

Die Zerebralparese wurde bei mir im Alter von 12 Monaten festgestellt. Für alle, die nicht wissen, was das ist: Zerebralparese ist eine Störung, die sich auf die Muskelentwicklung, die Bewegungsfähigkeit und die motorischen Fähigkeiten auswirkt. Sie wird durch Hirnschäden vor oder kurz nach der Geburt verursacht und kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Bei mir ist das Ergebnis, dass ich schlecht alleine stehen oder gehen kann, die linke Seite meines Torsos ist sehr steif. Außerdem habe ich einen Hydrozephalus oder "Wasserkopf" – Flüssigkeit staut sich im Gehirn und kann schlimme Muskelkrämpfe auslösen.

Mit meinem Elektrorollstuhl kann ich mich halbwegs selbstständig bewegen, aber für viele Alltagssituationen brauche ich Unterstützung von meinen Eltern oder Pflegern – zum Beispiel um aus meinem Rollstuhl ins Bett zu kommen, oder zum Auto fahren, kochen, baden, anziehen, rasieren und Zähne putzen.


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Aber ich bin ein erwachsener Mensch und brauche auch meinen Freiraum. Vor Kurzem bin ich mit Mitte 20 in meine erste eigene Wohnung gezogen. Lange hielt ich es für ein Problem, bei meinen Eltern auszuziehen. Aber als eine Hilfsagentur für Menschen wie mich ihre Unterstützung anbot, wurde mir klar, dass es an der Zeit war. Jetzt kann ich frei entscheiden, wann ich ausgehen will, und habe auf einmal Intimsphäre – Dinge, die für andere in meinem Alter längst selbstverständlich sind.

Auch kochen kann ich jetzt für mich selbst. Ich war schon immer ein kleiner Foodie. Nun kann ich mir ein klassisches Frühstück mit Speck und Eiern selbst zubereiten, und das macht mich stolz. Meine Küchenzeile ist extra niedriger, damit ich mit meiner geringen Größe an alles rankomme. Ich versuche, so oft wie möglich selbst zu kochen. In der Nähe meiner Wohnung gibt es einen kleinen Markt, wo ich mir das meiste Gemüse hole. BBQ-Gerichte kriege ich inzwischen auch schon ganz gut hin. Ich habe ein paarmal Rippchen gemacht und mein Pulled Pork kann sich echt sehen lassen. Aber ich kann auch mal faul sein und mir Essen kommen lassen.

"Wenn ich etwas wirklich machen will, finde ich immer einen Weg."

Die Leute fragen mich oft, ob ich mich nicht isoliert fühle, seit ich allein lebe. Dabei könnte man die Frage doch genauso gut allen anderen stellen, die eine eigene Wohnung haben. In meinem Gebäude gibt es Nachtpersonal, das mir bei meinen täglichen Abläufen hilft, für tagsüber kann ich mir meine eigenen Pfleger suchen. Außerdem wohnen meine Eltern nur 15 Minuten entfernt, sie können jederzeit vorbeikommen, wenn ich etwas brauche. Aber meine Privatsphäre ist mir viel wert.

Ich bin auch recht spontan. Im Nachbarviertel gibt es jede Menge coole Bars und Restaurants, ich streife gerne und oft umher und schaue mir alles an. Ich treffe mich häufig mit Freunden im Café oder gehe mittags essen. Ich moderiere teils wöchentlich, teils monatlich eine Sendung für das Campusradio der University of British Columbia, also habe ich immer etwas, woran ich arbeiten kann. Fernsehen gehört zu meinen liebsten Hobbys. Wenn es mich nach draußen zieht, bin ich natürlich ein wenig eingeschränkt – einfach so ohne Vorbereitung zur Tür raus kann ich nicht. Aber ich lasse mich von solchen Hindernissen nicht runterziehen. Wenn ich etwas wirklich machen will, finde ich immer einen Weg.

"Ich bin aufgrund meiner Behinderung immer ein bisschen nervös im Kontakt mit Frauen, aber jetzt wo ich allein lebe, versuche ich einfach, das Beste draus zu machen."

Seit ich alleine lebe, hat sich auch etwas anderes gebessert: Ich kann leichter neue Leute kennenlernen. Früher war ich immer recht unzufrieden mit mir selbst, was das anging – beim Weggehen war ich mir selbst nicht entspannt und cool genug. Aber nach einer langen Unterhaltung mit einer Freundin denke ich inzwischen, dass es besser ist, die Dinge einfach auf sich zukommen zu lassen. Und das ist sehr viel einfacher, wenn man seine eigene Wohnung hat.

Trotzdem saß ich neulich Abend allein rum und wischte mich auf meinem Handy durch eine Dating-App. Manchmal geht es einfach nicht anders. Während ich recht verzweifelt swipte und auf eine angenehme Überraschung hoffte, überlegte ich, ob ich mich wohl wieder in mein Schneckenhaus verkriechen werde, wie früher. Dating-Apps können ganz schön langweilig sein, aber aus meiner Sicht ist da genau die richtige Menge Spannung dabei. Ich bin aufgrund meiner Behinderung immer ein bisschen nervös im Kontakt mit Frauen, aber jetzt wo ich allein lebe, versuche ich einfach, das Beste draus zu machen.

Bei meinen Eltern auszuziehen, hat mir ein neues Gefühl der Freiheit gegeben. Ich habe auch das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Das ist für jeden jungen Menschen ein Meilenstein, aber für jemanden mit Zerebralparese noch viel mehr. Endlich brauche ich mich nicht mehr so fühlen, als sei ich für meine Familie eine Last. Ich fühle mich endlich wie ein Mann, nicht mehr wie ein Junge. Meine Sorgen und Verpflichtungen gehören endlich mir allein. Gehe ich heute Abend in eine Bar? Oder bleibe ich lieber zu Hause und wische mich durch meine Matches? Die Entscheidung liegt bei mir.

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