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Ihr seid die Arschlöcher, die Europa zerstören

Europäer, die über die Brutalität des Islamischen Staates schimpfen und gleichzeitig dazu aufrufen, Flüchtlingskinder zu vergasen: Ihr seid dumme, hasserfüllte Arschlöcher, die Europa zu einem hässlichen Ort machen.
25.8.15
Foto von Kurt Prinz

An manchen Tagen bin ich müde. Manchmal tut es einfach nur noch weh, nach Traiskirchen zu fahren, mit den Menschen dort zu sprechen, Facebook-Postings zu lesen und über all das nachzudenken. Die Regierung hilft an diesen Tagen wenig. Es sind die Privatpersonen, die einem wieder Mut geben, die einem in den Hintern treten und das Gefühl geben, man darf nicht aufhören, sich Gedanken zu machen, zu helfen, aufzuzeigen und zu kämpfen.

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Mein Vater ist kein sehr emotionaler Mensch. Wenn er über Politik diskutiert, dann mit Fakten. Mit Namen, Jahreszahlen und Ereignissen. Die Meinungen, die er zu gewissen Themen hat, hat er nicht von irgendwo, sondern durch jahrelanges Reisen, jahrelanges Lesen, jahrelanges Diskutieren, Reflektieren und Interessieren. Er hat viel gesehen, vieles selbst erlebt, doch dieser Tage ist auch er manchmal am Ende. Als ich ihm erzählt habe, dass Identitäre in Traiskirchen Flugblätter an Flüchtlinge verteilen, auf denen steht, dass sie in Österreich nicht willkommen sind, war sogar er sprachlos. Er war nicht mehr wütend, er war nicht einmal mehr wirklich interessiert. Er war vielmehr dieser Welt müde.

Ungarn errichtet einen Zaun, weniger als 30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Wenn mir meine Familie vom Fall der Mauer erzählt, dann sind das Geschichten der Hoffnung, der Vereinigung, des Optimismus. Und heute stehen wir wieder da, wo wir einmal waren. Das Friedensprojekt Europa war und ist ein gutes Projekt. Durch gemeinsamen Handel und gemeinsame Währung haben sich die europäischen Länder den Feind nahe geholt—Keep Your Enemies Closer. Dafür haben sie sich neue Feinde geschaffen.

Wir, die oberen 742 Millionen, die in Europa leben und in der Vergangenheit viel zu oft selbst Krieg erfahren und geführt haben, haben keinen Frieden für jene zu bieten, die die Sicherheit, die wir hier heute haben, nun brauchen. Wir begrüßen Flüchtlinge mit Obdachlosigkeit, Aufnahmestopps, Rückführungen und einem Lynchmob, der Flüchtlingen den Tod wünscht. Nicht selten mit Anspielungen auf Hitler und die NS-Zeit. Sind wir wirklich so dumm und ignorant, dass es noch Menschen gibt, die diese Zeit idealisieren?

In Mitteleuropa hat jede Familie eine Geschichte, die auf irgendeine Weise drastisch vom Nationalsozialismus geprägt wurde, da ist meine Familie keine Ausnahme. Ich schäme mich unbeschreiblich dafür, dass meine Vorfahren dieser Ideologie so verfallen waren und habe ein völlig verklemmtes Verhältnis zu dieser Geschichte—aber ich verschweige sie nicht, es ist wichtig, dass sie nicht verheimlicht wird. Ja, wir haben diese Vergangenheit, aber genau deswegen müssen wir es besser machen.

Letztes Jahr bin ich nach Auschwitz gefahren und bei jedem Besucher dort wollte ich mich entschuldigen. Bei jedem Stein, an dem ich vorbei gegangen bin, jedem Koffer, der dort ausgestellt war, jeder Brille, jedem Haar, hatte ich einen einzigen Gedanken im Kopf: Das ist unsere Schuld. Das ist meine Schuld. Hätte es meine Vorfahren nicht gegeben, wäre das nicht passiert und mich gibt es nur, weil es diese Menschen gegeben hat. Und meine (Ur-)Großeltern stehen hier für viele Vertreter einer, wenn nicht gar zweier Generationen.

Foto des ersten Pegida-Aufmarschs in Wien. Von David Prokop.

Während meine Urgroßeltern Teil einer Maschinerie waren, die systematisch Menschen getötet hat, mache ich mir nun Gedanken über die banalen Dinge des Lebens. Geht man durch Auschwitz, wird einem erst bewusst, welche Maschinerie hinter allem stand, egal, was man davor über die NS-Zeit gelesen, gesehen und gelernt hat. Wie tötet man Menschen am schnellsten, wie vernichtet man ganze Bevölkerungsgruppen am effizientesten?

Diesen Tag habe ich in Erinnerung, als wäre ich damals im Delirium durch die Anlage gewandelt. Wir sind herumgegangen und ich wollte nicht wahrhaben, dass das nicht nur entfernte Geschichte ist, die uns unterrichtet wird, sondern dass wir schuld an Auschwitz sind. Wir sollten eigentlich wissen, wozu diese Stimmung führen kann, die derzeit so verbreitet ist.

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Doch nun wünschen Menschen jenen, die vor Krieg fliehen, das, was wir anderen Menschen vor 70 Jahren angetan haben. Wir können Vergangenes nicht vergangen lassen, gerade in diesen Zeiten, in denen in Europa wieder Juden getötet werden, weil sie Juden sind. In Zeiten, in denen Europas Juden dazu aufgerufen werden, Europa zu verlassen. In Zeiten, in denen Asylheime brennen und Menschen im Internet zu Mord aufrufen.

Jüdischer Friedhof in Frankreich. Mir fehlen die Worte. — MasterJam (@MasterJam0)16. Februar 2015

Es war die Leistung vieler in der Generation über mir, sich von den Idealen, die unsere Großeltern oft bis zu ihrem Tod vertreten haben, zu trennen und der nächsten Generation Gegenteiliges zu vermitteln. Ich bin extrem stolz auf meine Eltern, dass sie das geschafft haben. Jetzt ist es die Aufgabe unserer Generation, dieses Wissen nicht nur weiterzugeben, sondern auch aufzuzeigen, dass nicht jeder so denkt wie wir.

Weil 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs einige Menschen diese Zeit noch immer idealisieren und Flüchtlingen das wünschen, was wir vor 70 Jahren mit den Menschen um uns herum getan haben. Leute werden bedroht, weil sie sich für Flüchtlinge einsetzen, weil sie jene anzeigen, die zu Mord aufrufen oder weil sie einfach nicht mehr tatenlos zusehen möchten.

Weil der Mensch des Menschen Wolf ist. Weil der Mensch ein Arschloch ist. Ich fürchte jeden Tag, dass es der Tag sein könnte, an dem die Stimmung kippt. Der Tag, an dem ein Mensch glücklich durch die vielen Likes, die sein Posting hat, in dem er zum Mord an einem Flüchtlingskind aufruft, durch die Straßen geht. Der Tag, an dem er einem vermeintlichen Ausländer gegenübersteht. Der Tag, an dem er in der Realität handelt. Gegen diese Stimmung tut die Regierung nichts. Sie steht nicht ein für ein offenes, rassismusfreies Österreich, weil sie Angst hat, Stimmen an die FPÖ zu verlieren.

Nein, wir können nicht alle Flüchtlinge aufnehmen. Dass selbst die UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR sagt, sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge müssten schneller abgeschoben werden, ist einerseits schwierig, weil es Öl in das Feuer der brennenden Fackeln des irren Mobs gießt. Andererseits ist es notwendig, Asylanträge schnell zu bearbeiten. Damit Asylwerber nicht monate- und jahrelang auf Antworten warten—und damit die Stimmung in Europa nicht kippt.

Screenshots via EaudeStrache.

Und in diesem Blutrausch, in dem die Meute gerade hauptsächlich am Stammtisch Internet tobt, habe ich Angst, dass Menschen zu allem in der Lage sind. Sie könnten durch Auschwitz spazieren und nicht das sehen, was andere Menschen dort sehen. Sie würden nichts begreifen durch ihren Hass, durch die gefühlte Benachteiligung und Ungerechtigkeit, durch die Angst, etwas zu verlieren, das so vermutlich nie existiert hat.

Sie würden die aus den Haaren vergaster Frauen gewebten Stoffe, die Koffer der Deportierten und die Duschen sehen und vielleicht würden sie sich vorstellen, es ginge hier um Menschen aus Traiskirchen. Um Menschen, die vor dem Islamischen Staat geflohen sind, dem hier in den Köpfen der Menschen der Hass entgegengebracht wird, den er verdient hat, aber denen sie laut ihren Kommentaren und Postings genau das antun würden, was der Islamische Staat ihnen dort vielleicht angetan hätte.

Viele Europäer schreien über die Brutalität des Islamischen Staates und rufen gleichzeitig dazu auf, Flüchtlingskinder zu verbrennen. Sie wollen Zyklon B kaufen und Flüchtlinge damit ermorden. Sie wollen Menschen, die vor Krieg geflohen sind erschießen und in Auschwitz vergasen. Dieser Mob gehört aufgeklärt, gegen diesen Mob muss vorgegangen werden, er muss angezeigt und darf nicht geduldet werden. Denn der Mob, das sind dumme Arschlöcher, die Europa zu einem hässlichen, hasserfüllten Ort machen.

Familie in Traiskirchen. Foto von der Autorin.

Und hier ist Europa dieser Tage wieder vereint. Denn dieser Fremdenhass ist nicht auf bestimmte Nationen begrenzt. Zu denen, die Hass verbreiten zählen nicht nur die Menschen, die Flüchtlingsheime anzünden. Auch die Regierungen, die gleich gar niemanden aufnehmen oder Zäune bauen und die Regierungen, die Flüchtlinge hineinlassen und sie hier behandeln, als gäbe es Menschen, die weniger Wert sind. Ihr seid hässlich, ihr, die ihr erstickt vor Neid. Davor, dass ihr jemandem, der nichts hat, nichts gönnt. Ihr, die ihr in einem der reichsten Länder wohnt und nichts abgeben könnt. Zerfressen vor Missgunst und Gier. Zerfressen von dem Gedanken, jemand könnte euch einen Streusel von der Torte stehlen.

Dieser Tage darf niemand einfach nur dasitzen. Wir müssen für das eintreten, für das wir stehen. Wir müssen Flüchtlingen sagen, dass sie willkommen sind. Wir müssen allen, unabhängig davon, ob sie abgeschoben werden oder nicht, menschenwürdige Unterkünfte bieten, solange sie da sind. Wir müssen gegen den Mob ankämpfen, ihn anzeigen, ihm zeigen, dass er keinen Platz in diesem Jahrtausend, keinen Platz in dieser Welt hat. Die Nachrichten, die in die Welt gehen, dürfen nicht (ausschließlich) die brennender Asylheime sein—auch wenn darüber natürlich berichtet werden muss. Es dürfen nicht die Bilder aus Traiskirchen sein, die Berichte, die den Regierungen und dem egoistischen, angsterfüllten Lynchmob genau das geben, was sie wollen: Nämlich Flüchtlingen zu zeigen, dass sie hier unmenschlich behandelt werden und nicht willkommen sind.

An manchen Tagen bin ich müde. Müde, weil die Politik oft nicht auf der Seite der hilfsbereiten Bevölkerung steht. Müde, weil Mikl-Leitner, Strache, Cameron oder Orbán Politik machen, die Menschen in Not ins Gesicht spuckt. Aber vielleicht gäbe es die Hilfsbereitschaft der breiten Bevölkerung nicht, würde die Politik nicht auf so vielen Ebenen versagen. Wir werden uns noch lange an diese Zeit zurückerinnern, an die Schicksale der Menschen, die wir kennengelernt haben, an die Dinge, die wir getan haben, um zu helfen. Und es liegt nun an uns, Europa zu dem zu machen, was es sein sollte: Ein Friedensprojekt.

Hanna auf Twitter: @HHumorlos