Sex

Wie Erdoğans Politik türkische Frauen unterdrückt

In einer aktuellen Rede sprach sich Recep Tayyip Erdoğan offen gegen Empfängnisverhütung für Muslime aus. Frauenrechtlerin Selime Büyükgöze erklärt, wie die türkische Regierung offen gegen die Rechte von Frauen arbeitet.
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Women protest at Taksim Square in Istanbul, 2013. Photo by Mstyslav Chernov via Wikimedia Commons

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat muslimische Frauen (die „wohlerzogenen Mütter der Zukunft") dazu aufgerufen, jegliche Form der Empfängnisverhütung abzulehnen.

„Ich will es ganz klar sagen … Wir müssen die Zahl unserer Nachkommen steigern", sagte er in der Ansprache, die live im türkischen Fernsehen übertragen wurde. „Die Menschen sprechen über Verhütung und Familienplanung. Aber keine muslimische Familie kann so eine Geisteshaltung haben. Was immer unser Herr sagt, was immer unser geliebter Prophet sagt, diesem Pfad werden wir folgen. Die wichtigste Aufgabe kommt hier den Müttern zu."

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Erdoğan hat sich bereits früher kritisch über Empfängnisverhütung geäußert, doch nun ist er zum ersten Mal so weit gegangen zu sagen, dass eine „gute" türkische Frau ihren Uterus benutzen sollte. Freundlicherweise hat der türkische Präsident gleich noch ergänzt, wie viele Kinder eine muslimische Frau haben sollte (mindestens drei wäre ideal). Dabei beschrieb er Mutterschaft als „Gottes Werk" und die „oberste Pflicht" von Frauen. Damit sorgte er nicht nur in der deutschen Presse für Aufsehen.

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„Der absurde Vorschlag des türkischen Präsidenten, keine muslimische Familie sollte über Empfängnisverhütung nachdenken, ist äußerst gefährlich, diskriminierend und potenziell schädlich für die Rechte und die Gesundheit von Frauen und Mädchen in der Türkei", sagt Kerry Moscogiuri, Projektleiter von Amnesty International in Großbritannien, gegenüber Broadly. „Jede Frau sollte das Recht haben, zu entscheiden wie, wann und auch ob sie eine Familie gründen möchte—ohne Eingreifen des Staates und von irgendjemand sonst."

Tatsächlich ist die Geburtenrate in der Türkei sogar relativ hoch, obwohl sie in den letzten Jahren etwas rückläufig war. Im Durchschnitt bekommen türkische Frauen im Laufe ihres Lebens noch immer 2,14 Kinder—in Deutschland sind es dagegen nur 1,47 Kinder pro Frau. Indes betonen regierungstreue Zeitungen wie Daily Sabah (die oft als Erdoğans Sprachrohr bezeichnet wird), dass die Regierung plant, arbeitende Frauen dazu zu ermutigen, mehr Kinder zu bekommen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat sich schon zuvor gegen Empfängnisverhütung ausgesprochen. Foto: www.kremlin.ru | Wikimedia Commons | CC BY-SA 4.0

Selime Büyükgöze, Mitglied des Istanbul Feminist Collective, hat die Folgen von Erdoğans Politik an türkischen Frauen mit eigenen Augen gesehen.

„In Wirklichkeit sind solche Aussagen nur Teil der grundsätzlichen Haltung, die hinter seiner Politik steckt", erklärt die 32-jährige Universitätsdozentin. „Seit Erdoğan [2014] an die Macht kam, hat er Frauen das Leben laufend schwerer gemacht. 2013 hat er versucht, Abtreibungen zu verbieten. Obwohl wir dagegen protestiert haben und verhindern konnten, dass das Gesetz verabschiedet wird, ist es in der Türkei im Endeffekt noch immer extrem schwierig, eine Abtreibung vornehmen zu lassen."

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Büyükgöze sagt, dass Istanbul bei einer Einwohnerzahl von 14 Millionen Menschen nur zwei staatliche Krankenhäuser hat, die Abtreibungen durchführen—eines davon liegt außerhalb der Stadt, was die Situation noch zusätzlich erschwert. „In Gegenden wie Anatolien ist es besonders schwierig, solchen sozialen Strukturen zu entkommen und ein eigenes Leben zu führen."

Büyükgözes Ansicht nach wollen die türkischen Obrigkeiten die konservativen Familienwerte um jedem Preis vorantreiben. „In ihren Köpfen existiert dieses Bild einer perfekten, anständigen Frau. Diese Frau heiratet so jung wie möglich, bekommt so viele Kinder wie möglich und kümmert sich um die älteren Familienmitglieder. Sie kann auch arbeiten gehen, um das Wirtschaftswachstum zu unterstützen—jedoch nur zu flexiblen Zeiten. Sie sollte keinen sicheren Arbeitsplatz haben." Gleichzeitig tun die Behörden nur wenig, um die zunehmende Welle häuslicher Gewalt gegen Frauen in der Türkei einzudämmen—im Gegenteil, sie haben sogar vorgeschlagen, dass Frauen, die aus Gewaltsituationen fliehen, an einer Aussprache teilnehmen sollten mit dem Ziel, sie wieder mit ihren Peinigern zu versöhnen.

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Ich frage Büyükgöze, ob sie das Gefühl hat, dass Erdoğans vom Glauben geprägte Politik die Tradition der säkularen Demokratie des Landes zunichte gemacht hat und was das für die Frauen in der Türkei bedeuten würde. „Angesichts der konservativen Politik wird die Situation immer schwieriger für Frauen. Beispielsweise ist es nahezu unmöglich, allein in Istanbul zu leben—es sei denn, man lebt in einer wohlhabenden Gegend. Sexuelle Belästigung ist ein allgegenwärtiges Problem."

Erdoğans jüngste Äußerungen sind Teil einer Reihe von frauenfeindlichen Urteilen des religiös konservativen Präsidenten. Mit seinen Aussagen, die die Autonomie von Frauen in Frage stellen, wendet sich der Präsident an seine Machtbasis, die überwiegend aus streng gläubigen Wählern besteht. 2014 warf Erdoğan Feministinnen vor, sie würden „die Mutterschaft ablehnen", worüber auch vielfach berichtet wurde. Erdoğan argumentierte damals: „Man kann Frauen und Männer nicht auf dieselbe Stufe stellen. Das ist wider die Natur." Dieses Jahr hob er in seiner Rede am internationalen Weltfrauentag hervor, dass Empfängnisverhütung „Hochverrat" gleichkäme und stellte darüber hinaus klar: „Frauen sind zuallererst Mütter."

Während Erdoğan seine gesamte Politik durch islamische Lehren begründet, glaubt Büyükgöze fest daran, dass es ihm dabei um Macht und nicht um Religion geht. „Er nutzt immer Zitate aus dem Islam, um seine Aussagen—beispielsweise, dass die Gleichberechtigung von Männern und Frauen wider die Natur sei—zu rechtfertigen. Dabei geht es ihm nur um Macht. Er instrumentalisiert die Religion, um das zu erreichen, was er möchte. Die Regierung nutzt den Islam nur für ihre eigenen politischen Ziele."

Ist die Situation für die Frauen in der Türkei heutzutage also schlimmer als je zuvor? „Ich denke, dass selbst die Frauen, die für Erdoğan gestimmt haben, Probleme damit haben dürften, seine Angriffe auf das alltägliche Leben von Frauen zu unterstützen. Wir hatten noch nie eine Regierung in der Türkei, die die Situation für Frauen verbessert hat. Der Unterschied ist nur, dass diese Regierung dazu übergegangen ist, Frauen offen anzugreifen."


Titelfoto: Mstyslav Chernov | Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0