Popkultur

Männer in der Musikbranche: Macht Platz!

In diesem Business gibt es zu viele Männer die Bullshit labern, Luftschlösser bauen und sich mit Lorbeeren schmücken, die ihnen nicht zustehen. Öffnet den Frauen die Türen nach oben! Ein Gastbeitrag von Singer-Songwriterin Alin Coen
05 September 2020, 3:30am
Die Singer-Songwriterin Alin Coen findet, in der Musikbranche gibt es zu viele Männer
Alin Coen | Foto: Sandra Ludewig 

Im Januar war ich sechs Tage lang im Studio, um mein neues Album aufzunehmen. Mit mir im Studio waren vier männliche Musiker, ein männlicher Produzent, ein männlicher Toningenieur und ein männlicher Assistent. Ich habe das mit der Männlichkeit meiner Kollegen erst im Studio bemerkt, hatte mir vorher einfach keine Gedanken gemacht. Hmmm. Einfach keine Gedanken gemacht.

Neulich kam ich bei einem Radiointerview an einem gläsernen Raum vorbei, in dem eine Konferenz stattfand mit vier Männern und einer Frau. Ich fragte den Radio-Redakteur, der mich gleich interviewen sollte: "Welche Position hat die Frau?" Er: "Sie ist die Assistentin." Die Männer entscheiden über die Inhalte, die Frauen dürfen mitschreiben, aber werden selten in eine Entscheidungs-Position gelassen. Ihr kennt sie: die sogenannte gläserne Decke. Wahrscheinlich haben sich von den fünf Leuten hinter der Glaswand mindestens vier keine Gedanken über gläserne Decken gemacht.

Es muss doch irgendjemandem auffallen. Es gibt keine Frauen in den höheren Führungspositionen in der Musikbranche. Vorstand des Bundesverbandes Musikindustrie: Fünf Männer. Vorstand der GEMA, das ist der Verein, der die Gebühren für die Musikautorinnen und -Autoren sammelt und verteilt: drei Männer. Aufsichtsrat der GEMA: 14 Männer, eine Frau.


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Und wo wir doch gerade eben noch beim Radio waren. Es kursieren ja Gerüchte, was einige öffentlich-rechtliche Radiosender betrifft. Es gäbe da ein ungeschriebenes Gesetz: Maximal zwei Frauengesänge hintereinander. Besser nur eine Frau und dann wieder ein paar Männer. Dies wurde mir von Leuten, die es wissen, bestätigt. "Aber das weißt du nicht von mir!" Spricht man Verantwortliche darauf an: "Bei uns gibt es so eine Regelung nicht!" Ich darf natürlich keine Namen nennen. Es ist, als ob alle von diesem ungeschriebenen Gesetz wüssten, aber als ob niemand es zugeben darf. Warum mag niemand dazu Stellung beziehen? Ist doch was faul dran, oder?

Ich brauche eigentlich auch keine Namen. Der Beweis liegt eh auf der Hand. Schaut man in die Playlists, die im Internet öffentlich einsehbar sind, ist es überhaupt keine Frage, dass das die Realität ist. Ich habe mal nachgezählt in den Playlists: Drei aufeinanderfolgende Tage, drei Sender, von morgens um acht bis abends um acht. Bei den Frauenstimmen gibt es hintereinander ein bis zwei und in sehr wenigen Ausnahmefällen auch drei, bei den Männern gerne drei hintereinander, aber auch mal neun. Schon ein bisschen ironisch in diesen Playlists tatsächlich "What's Up" von den 4 Non Blondes zu finden, wo die Frontfrau ihren Struggle mit männlich dominierten Institutionen besingt und auf eine Revolution hofft. Und ich denke: "Hey, what’s going on?"

Artikel 3, Absatz 2 des Grundgesetzes: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin." Sollte nicht auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk das ernst nehmen und mal mitziehen?

Dass es in meiner Branche nicht ganz fair zugeht, ist mir 2009 bei einem Festival bewusst geworden. Ich sah eine Band, bei der 14 Musiker auf der Bühne standen. Keine einzige Musikerin. Auf dem gesamten Festival gab es fast keine Frauen auf der Bühne. Eine Kamerafrau habe ich gesehen. Und die Musikerin Gustav. Vielleicht ein guter Trick. Heißen wie ein Mann, aber doch eine Frau sein.

Zu den Kernkompetenzen einiger erfolgreicher Männer in der Musikbranche, die ich kennengelernt habe, gehört: Bullshit labern, Luftschlösser bauen, sich mit Lorbeeren schmücken, die ihnen nicht zustehen. Ich hatte mal ein Kick-Off-Meeting zu einem Release, der anstand. Wenn ich mich richtig erinnere, waren inklusive mir zwei Frauen und sechs Männer im Raum. Der Label-Chef fragte mich: "Sag mal Alin, wie gut lief denn das mit der Promo in der Vergangenheit?"

Als ich zum Bereich TV kam, sagte ich ehrlich: Da ist ja bisher nichts von Seiten der TV-Promo zustande gekommen. Der TV-Promoter setzte an zu einem Monolog. So könne man das ja nicht sagen, er habe ja schon viel Vorarbeit geleistet, auch wäre das mit Inas Nacht nicht zu missachten. Das mit Inas Nacht? Eine Sendung, die schon 2010 mehr als eine Million Zuschauer hatte. Das hatte stattgefunden, bevor wir irgendwas mit diesem TV-Promoter zu tun hatten. Sein Monolog ging sehr lang. Ich wollte eigentlich einhaken und etwas dagegen sagen, aber dieser Monolog war seine Profi-Technik. Ich kam nicht mehr dazu, irgendeinen Satz unterzubringen – da übernahm der Labelchef schon das Wort. Laber-Kung-Fu. Sei ein Mann in der Musikbranche und der ganze Quatsch wird einfach abgenickt, alle machen mit.

Bei einer Tour habe ich mal erlebt, dass alle Musikerinnen schlechter bezahlt wurden als die männlichen Kollegen. Es werden sofort Argumente rangeholt, die beweisen sollen, dass das nichts mit dem Geschlecht zu tun hat. Die Musikerinnen wären nicht bei allen Stücken mit auf der Bühne und würden deswegen schlechter bezahlt. Die Männer in der Band sind schon seit vielen Jahren dabei und haben anfangs schlechter bezahlte Konzerte gespielt, und das würde man jetzt ausgleichen, indem sie mehr Gage bekommen. Doppelt so viel wie die Frauen. Aber hat alles auf keinen Fall irgendwas mit dem Geschlecht zu tun.

Also: was tun? Seit einem Jahr bin ich im Board von Music Women Germany. Wir sind ein Netzwerk, das sich für mehr Sichtbarkeit von Frauen* (das Sternchen steht für alle Menschen, die sich als weiblich identifizieren) in der Musikbranche einsetzt. Herzstück unserer Seite ist eine Datenbank, auf der Frauen*, die im Musikbusiness tätig sind, ein Profil anlegen können. Toningenieurinnen*, Marketingspezialistinnen*, PR-Agentinnen*, Veranstalterinnen*, Musikerinnen*, alles was die Branche so braucht. Diese Datenbank ist auch da, um das Argument "Wir haben eine Frau für den Job gesucht, aber keine gefunden, daher haben wir die Stelle männlich besetzt" auszuhebeln. Denn es gibt ja in allen Bereichen super fleißige, begabte und geeignete Frauen*. Man muss sie nur finden wollen.

Ich wollte sie finden. Im Anschluss an die Studio-Arbeiten zu meinem neuen Album "Nah" habe ich angefangen, nach Frauen für mein Team zu suchen. Ich habe eine Produktmanagerin, mein dreiköpfiges Promo-Team ist weiblich, für die kommende Live-Tour sind auch zwei Band-Musikerinnen und eine Ton-Ingenieurin dabei. Auf dem Album sind auch Frauen zu hören: ein Chor von vier Frauen, eine Cellistin, eine Geigerin, na ja und ich selbst. Aber die Studiozeit hat mir vor Augen geführt, dass ich nicht Gendergerechtigkeit einfordern kann, wenn ich selbst nicht dazu beitrage.

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