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Global Drug Survey 2018

Neue Studie zeigt, dass viele GHB-Konsumenten die Droge nicht kontrollieren können

Die Ergebnisse räumen auch mit dem Klischee der Substanz als "Schwulendroge" auf – was selbst die Forscher überrascht.

von Thomas Vorreyer
11 Mai 2018, 1:07pm

GHB muss sehr genau dosiert werden || Symbolbild, bearbeitet: imago | blickwinkel

Ein kleiner Tropfen GHB kann euphorisch machen, enthemmen oder deine Wahrnehmung in Watte wickeln. Doch die Droge macht nicht nur locker, sie kann dich auch umhauen und in Lebensgefahr bringen. Diese Erfahrung musste zumindest jede vierte G-Nutzerin und jeder sechste -Konsument machen, die am diesjährigen Global Drug Survey teilgenommen haben: In der weltweit größten jährlichen Umfrage zu Drogenkonsum gaben sie an, im letzten Jahr mindestens einmal bewusstlos geworden zu sein, nachdem sie GHB oder GBL genommen hatten. Die Daten belegen, wie schwer kontrollierbar die Droge selbst für erfahrene Konsumenten ist, sie widerlegen aber auch ein gängiges Klischee über die durchsichtigen Tropfen.

Hinter dem Global Drug Survey steckt ein internationales Forscherteam, das am Mittwoch erste Auszüge der diesjährigen Auswertungen veröffentlicht hat. Repräsentativ ist die Studie nicht, die Datengrundlage von rund 130.000 Freiwilligen aus 44 Ländern macht sie dennoch zur größten Umfrage ihrer Art. Darunter mehr als tausend Menschen, die im letzten Jahr Gamma-Hydroxybuttersäure (kurz: GHB) oder deren chemischen Grundstoff GBL konsumiert und den Online-Fragebogen der Forscher ausgefüllt haben. Es sind Menschen, die vergleichsweise oft Bekanntschaft mit einem Notfallsanitäter machen mussten: Vier Prozent aller Konsumentinnen und zwei Prozent aller Konsumenten gaben an, dass sie in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal ambulant behandelt wurden.

Viele GHB-Nutzer sind nicht ausreichend informiert – oder ignorieren potenzielle Gefahren

Für die hohen Zahlen gibt es zwei mögliche Ursachen. Zum einen sind GHB und GBL vergleichsweise schwer zu dosieren. Eine Wirkung, die Konsumenten als angenehm oder erwünscht beschreiben, tritt ein, wenn sie 0,5 bis 1,5 Milliliter der Flüssigkeiten trinken, aufgelöst in Wasser oder anderen Getränken. Doch schon weniger als ein Milliliter mehr kann zu einer Überdosis und somit zu einem kritischen Abfall des Sauerstoffgehalts im Blut, Atemstillstand oder Bewusstlosigkeit führen.

Zum anderen scheinen sich nicht alle User der Risiken der Droge vollends bewusst zu sein. Zwar gaben drei von fünf Konsumenten an, niemals GHB oder GBL mit Alkohol zu sich zu nehmen, also weder die Droge in einem Longdrink aufzulösen oder sich high einen Schnaps zu gönnen. Eine von fünf Personen sagte allerdings, sie würde gelegentlich oder sogar immer die beiden Substanzen zusammen nehmen. Dieser Mischkonsum ist noch gefährlicher als der Einzelkonsum, denn Alkohol erhöht das Risiko einer Atemdepression oder Bewusstlosigkeit bei GHB/GBL-Konsum erheblich. Die Drogenberatungsstelle DrugScouts etwa warnt vor einer "lebensgefährlichen Kombination".


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Weil sexuelle Gewalttäter GHB als "K.O.-Tropfen" potenziellen Opfern in den Drink schütten, ist die Substanz in der Öffentlichkeit auch als "Vergewaltigungsdroge" bekannt. Menschen, die ihre Musiktipps nicht von Florian Silbereisen beziehen und sich auch nicht im Spiegel über das Innere des Berghains informieren, verbinden GHB oft auch mit schwulen Chemsex-Partys, gerne in Verbindung mit Crystal Meth. Die Daten des Global Drug Survey legen allerdings nahe, dass es den Klischee-GHB-Nutzer so nicht gibt.

Das klassische GHB-Milieu gibt es nicht

Zwar hatten GHB- und GBL-Konsum unter den schwulen Studienteilnehmern mit 4,4 Prozent die höchste Verbreitung, aber selbst unter heterosexuellen Frauen, der am wenigsten mit der Droge interagierenden Gruppe, hatte fast eine aus Hundert im letzten Jahr einen G-Rausch angestrebt. Die schwulen G-Nutzer griffen im Schnitt 15,8-mal im Jahr zur Pipette oder Spritze, also etwas mehr als einmal pro Monat. Für die allermeisten von ihnen ist es demnach keine Gewohnheitsdroge. Der Konsum ist unter Schwulen damit wohl nicht so weit verbreitet, wie selbst vom Forschungsleiter der Studie, dem australisch-britischen Professor Adam Winstock, bislang angenommen. Ebenfalls gibt es der Studie zufolge kein klassisches G-Milieu.

"Für die Gesamtbevölkerung ist es durchaus möglich, dass es mehr heterosexuelle männliche (GHB-)Konsumenten gibt als von jeder anderen geschlechtsspezifischen Nutzergruppe", schreibt Winstock in einer ersten Auswertung der Studie. Winstock merkt jedoch an, dass die Ergebnisse "sehr vorläufig" seien.

Vor dem Hintergrund der Auswertung listet Winstock einige Safer-Use-Regeln für GHB und GBL auf, die über das Mischverbot mit Alkohol hinausgehen:

Wie bei jeder anderen Droge auch sollte neu erworbenes GHB oder GBL immer erst in Kleinstmengen getestet werden. Entscheidet man sich später, eine volle Dosis zu nehmen, sollte man mindestens zwei, besser drei Stunden Abstand zwischen den Einnahmen einhalten, um eine Überdosis zu vermeiden. Da die Droge das Erinnerungsvermögen und die Wahrnehmung beeinträchtigt, empfiehlt Winstock, sich einen Timer, etwa auf dem Smartphone, zu setzen. Freunde sollten gegenseitig aufeinander Acht geben. Wer eine bewusstlose Person findet, sollte sie sofort in eine stabile Seitenlage bringen und den Notruf wählen.

Diese Tipps sind auch für die Berliner Szene relevant. Eine Untersuchung unter Clubgängern in Berlin hat im Februar ergeben, dass fast jeder Zehnte von ihnen GHB oder GBL konsumiert. Mehr als jeder Zweite, der die Droge häufiger als andere Substanzen nimmt, möchte allerdings seinen Konsum reduzieren. An der Studie der Charité Berlin im Auftrag der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung hatten 877 Personen teilgenommen. Auch sie war nicht repräsentativ. Clubs wie das KitKat machen mit Schildern im Eingangsbereich darauf aufmerksam, dass sie kein GHB im Club tolerieren.

Wenn du schon einmal ambulant behandelt werden musstest, nachdem du Drogen genommen hast, – oder Freunde von dir – und mit dem Autoren über deine Erfahrung sprechen möchtest, erreichst du ihn per E-mail oder via Twitter .

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