Mein Versager-Wahrsager

La Chapelle alias Little Jaffna ist ein sri-lankisches Viertel im Norden von Paris, vollgestopft mit Samosas, Metzgereien, und dubiosen Handlesern.

In der Nachbarschaft verteilt gibt es viele geheime Communitys von sri-lankischen Wahrsagern, die dir in den Hinterzimmern von Souvenir-Shops und Beauty Salons dein Schicksal vorhersagen werden.

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In den scheinbar wüsten Schaufenstern der Nachbarschaft befinden sich Identifikationsschilder mit Zeichen in Tamil, der Abbildung einer Hand, Telefonnummern und Adressen. Die Plakate befinden sich überall, an ortsansässigen Läden, an Reiseagenturen und Supermärkten. Wenn du sie dir genauer ansiehst, wirst du bemerken, dass auf allen dieselben Telefonnummern stehen und die Adresse des Ortes, an dem sie angebracht sind.

So sehen sie aus:

Nach einer verdeckten Suche, die darin bestand, sich wie ein streberhafter Journalismus-Student aufzuführen und wirklich jeden Verkäufer von La Chapelle zu belästigen, fand ich heraus dass es sich 1. um Anzeigen lokaler Wahrsager handelt 2. diese in versteckten Hinterzimmern der Boutiquen arbeiten und 3. dieselben Wahrsager von Auftragsort zu Auftragsort rennen (deshalb auch die immer gleichen Telefonnummern).

Ich entschloss mich, dem Ganzen eine Chance zu geben und rief eine der Nummern, die ich auf einem Plakat fand, an. Ich bekam schon zehn Minuten später einen Termin (mein Magier war gerade damit beschäftigt die Zukunft in einem Augenbrauen – Salon vorherzusagen). Als ich reinkam, sahen mich die Angestellten und der Wahrsager misstrauisch an. Ich schien sie durch meine Anwesenheit zu verärgern, aber sie bemerkten auch, dass ich nicht eher gehen würde, bis ich eine Zukunftsprognose bekäme.

Ich wurde von einem Mann, der mir seinen Namen nicht verriet, in das Hinterzimmer des Geschäfts geführt und sollte dort erst mal meine Schuhe ausziehen. In dem winzigen Zimmer stand ein kleiner Tempel, vollgestellt mit religiösem Bling Bling und Postern von Sri Lanka. Es gab aber kaum 0815 Vorhersagekram, keine bescheuerten Kristallkugeln und auch keine Tarot-Karten.

Die Atmosphäre einer „heiligen Stätte“ wurde erzeugt durch das flackernde Licht von Kerzen, goldenen Krempel, der von der Wand hing und Ganesha-Figuren in jeder Ecke des Raumes. Ich fühlte mich als würde ich durch ein sri-lankisches Fernglas schauen: der Handyladen war plötzlich weit weg, in einer anderen Dimension, ich war in einem Zufluchtsort angelangt, irgendwo zwischen einem Bollywood-Film und einem 99 Cent Store.

In den „heiligen Stätten“ sind Kameras nicht erlaubt. Dieses Foto schoss ich als ich am Fenster eines Souvenirladens vorbeikam: die Kamera nah an das Fenster gepresst, abgedrückt und weggerannt.

„Was willst du?” und „Was machst du?”, waren die ersten neugierigen und etwas forschen Fragen des Handlesers. Er wurde aber schnell zugänglich, als er bemerkte, dass ich auch Englisch sprach. Er sah mir ins Gesicht, bat mich, meine Handflächen zu öffnen und sagte: „Gutes Gesicht, gutes Herz“ (pfff). Dann sah er sich meine Handflächen genauer an und sagte „ein bisschen Geld kommt rein und viel Geld wird verschwinden“. Er erklärte mir nicht, was er damit meinte, also entschied ich mich, es als prophetische Nachricht meiner Bank zu verstehen, nicht in allen lokalen Cafés ständig Runden auszugeben, bevor ich einen richtigen Job habe (oder jemand, der für meine Drinks bezahlt und / oder einen reichen Freund).

Leider bekam ich auch nicht viel mehr als das zu hören, der Handleser deutete an, genug von mir zu haben und sagte: “Keine Sorgen, viel Glück und Zufriedenheit“ (das sagt man im Wahrsager-Business für „Die Zeit ist um, verpiss dich“). Ich stand auf und wollte bezahlen, aber er nahm mein Geld nicht. Später fand ich heraus, dass es keine obligatorische Gebühr gab, sondern nur eine Art Spendensystem. Als ich ging sahen mich die Angestellten halb belustigt an, machten mir aber dadurch aber durchause klar, so schnell wie möglich zu verschwinden.

Ich war nicht wirklich zufrieden mit der Vorhersehung „Ich werde zu viel Geld ausgeben”, also versuchte ich noch die anderen Nummern auf den mysteriösen Plakaten anzurufen, aber es wurde entweder sofort aufgelegt oder mir auf Englisch erklärt, sie würden kein Englisch sprechen: „Nein, nein, nein, keine Chance, sorry“.

Ich stellte also fest, dass das Geschäft wohl der lokalen Gemeinschaft vorbehalten ist, die an Ganesha glaubt. Mit anderen Worten, ein zielgerichteter religiöser Service, natürlich nicht zu verwechseln mit geschmacklosen Freizeitpark-Wahrsagern, die dich erst abzocken und dir dann weismachen wollen, du wirst später Milliardär.

Warum sie so verschlossen sind, fragst du dich? Erstes: sie brauchen dich nicht. Sie haben ihren Kundenstamm, zu dem du nicht dazugehörst. Zweitens: Niemals wird dieser Geschäftszweig je für legal erklärt und versteuert werden. Also sehen unreife, weiße Gören für sie verdächtig aus.

Technisch gesehen, gibt es natürlich kein Gesetz, das dir verbietet, die Wahrsager in ihren finsteren Seiteneingängen zu kontaktieren. Wenn du es versuchen willst, sei so charmant wie möglich, die Angestellten in den Läden und der Wahrsager müssen nur deinem Gesicht vertrauen. Geh rein und schau unschuldig… am besten ein bisschen grenzdebil. Und mach bloß nicht den Eindruck eines Undercover-Steuerfahnders.

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