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Auf der Suche nach dem "braunen Ton" – der Frequenz, bei der man sich ankackt

In der Popkultur wimmelt es von Anspielungen auf den braunen Ton, aber gibt es ihn wirklich? Kann Klang tatsächlich Durchfall auslösen? Wir haben recherchiert.

von Jack Cummings
25 November 2016, 11:35am

Justinas Vosylius

Es war in der Grundschule, in den 90ern, als mir ein Freund zum ersten Mal vom "braunen Ton" erzählt hat—einer bestimmten Frequenz, die so tief ist, dass jeder, der sie hört, sich sofort einscheißt.

Das Mysterium des braunen Tons—dem Klang, der angeblich Millionen Darmentleerungen zu verantworten hat—blubbert seit Jahrzehnten unter der Oberfläche der Popkultur vor sich hin. Vielleicht hast du die South Park-Folge gesehen, in der es die kompletten 22 Minuten um Cartmans Entdeckung einer Durchfall verursachenden Tonschwingung "92 Zehntel unter der tiefsten E-Oktave" geht. Oder die Brainiac-Folge, in der dem braunen Ton mit uneindeutigen Ergebnissen auf den Grund gegangen wurde? Nicht zu vergessen ist auch die MythBusters-Folge über das auditive Abführmittel.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass eine Meldung über einen DJ in Cornwall kursierte, der den braunen Ton in einem ausverkauften Club gespielt haben soll, in dem durch den unerwarteten "Drop" die braune Hölle ausgebrochen sein soll. Natürlich war die Story erfunden, was viele Leute allerdings nicht davon abhielt, die Meldung bei Facebook zu teilen.

Trotzdem bleibt die Frage: Gibt es den braunen Ton wirklich oder ist das alles nur ein Haufen Scheiße?

"Es gibt keine echten wissenschaftlichen Untersuchungen zum braunen Ton", sagt Dr. Geoff Leventhall, ein Akademiker und Gutachter für Tonschwingungen, der sich dermaßen für niederfrequentige Klänge interessiert, dass er schon einige Selbstversuche durchgeführt hat.

"Irgendein Typ mit einem Subwoofer wird vielleicht behaupten, dass es funktioniert, aber das ist Schwachsinn", sagt er. "Es hat viele Untersuchungen über den Effekt von Niederfrequenztönen auf den Menschen gegeben und ich selbst habe mich ein bisschen mit den Auswirkungen auf Aufgabenbewältigung und Produktivität beschäftigt, aber die Effekte sind nicht besonders groß."

"Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es weißes Rauschen. Es gibt rosa Rauschen und manche Menschen sprechen auch von einem roten Rauschen. Darüber hinaus gibt es aber nichts, was in irgendeiner Weise belegt wäre", ergänzt er.

Wo kommt also der Mythos vom braunen Ton oder dem braunen Rauschen her? Das Internet hat natürlich seinen Teil dazu beigetragen, Gerüchte schneller als sonst zu verbreiten, und Satireartikel werden in erschreckender Regelmäßigkeit auf Facebook als Fakten geteilt. Leventhall glaubt allerdings, dass die Idee vom braunen Ton zum ersten Mal vor über 40 Jahren in einem nicht ganz ernst gemeinten Artikel im New Scientist formuliert wurde.

"Es ist die älteste Erwähnung eines Tons, der Diarrhoe verursacht, die ich kenne", sagt er. "Ich erinnere mich noch, wie ich den Artikel zum ersten Mal kurz nach seiner Veröffentlichung 1974 gelesen habe. Damals habe ich nicht wirklich verstanden, dass es ein Scherz sein soll. Es war sehr subtil und insgesamt ziemlich überzeugend."

Der Artikel beschreibt die Eröffnungszeremonie der Great Exhibition im viktorianischen England, zu der tausende Menschen zusammengekommen waren. Angeblich spielte ein Hornbläser während der Nationalhymne den vermeintlichen braunen Ton und brachte damit das Publikum dazu, sich einzunässen und unkontrolliert alles vollzukacken. Es ist nicht so schwer nachvollziehbar, wie eine Slapstickkomödie aus dem 19. Jahrhundert die Vorstellungskraft so vieler Menschen beflügeln konnte.

Was wir über den braunen Ton wissen: Er befindet sich angeblich im Infraschallbereich, irgendwo unter 20 Hertz—unterhalb dessen, was das durchschnittliche menschliche Ohr wahrnehmen kann. In diesem Bereich ist vor allem die Frequenz von 7 Hertz legendär, da sie angeblich körperliche Schäden verursachen kann.

In den 1970ern las Dr. Leventhall in einem wissenschaftlichen Aufsatz aus Frankreich, dass diese Frequenz wahrscheinlich zum sofortigen Tod führen könne. "Ich war so sauer darüber, dass ich mich in meine Klangkammer gesetzt habe und mit 7 Hertz beschallen ließ", sagt er. "Die Lautstärke war auf 145 Dezibel aufgedreht, also sehr laut und klar hörbar. Mir ist nichts passiert und lebendig war ich am Ende auch noch."

Eingekackt hat er sich übrigens auch nicht, womit wir bereits einen stichhaltigen Beweis gegen die Existenz des "braunen Tons" hätten.

"Die Vorstellung, dass es eine Frequenz gibt, auf die dein Körper vielleicht etwas stärker und etwas schwächer reagiert, könnte durchaus stimmen", erklärt Dr. Matthew Wright, Hauptdozent für Akustik an der University of Southampton. "Aber die Vorstellung, dass es eine magische Frequenz gibt, bei der wundersame Dinge geschehen, ist pures Wunschdenken. Es gibt keinen bestimmten Grund, warum der Darm anders reagieren sollte, als alle anderen Körperteile. Wie soll bei so etwas chaotischem, nassem und labbrigem wie einem Menschen, etwas so zielgerichtet wirken können wie ein brauner Ton?"

Dr. Wright sagt, dass der braune Ton unter Wissenschaftlern als elaborierter Mythos gilt, der auf Schalleinwirkungen in anderen Situationen basiert. Zum Beispiel die Fähigkeit einer Frequenz, ein Weinglas zum Zerspringen zu bringen, wenn sie ausreichend Schwingungen verursacht. "Wenn du dich im Niederfrequenzbereich bewegst", sagt er, "ist die benötigte Menge der Luftbewegung in der Vibration im Grunde einfach nur der mechanische Schaden des Vor- und Zurückgeworfenwerdens. Wenn du das nur stark genug machst, dann kannst du wahrscheinlich alles umhauen, schätze ich."

Klang kann also extrem kraftvoll sein und tatsächliche physische Effekte hervorrufen. Der braune Ton allerdings ist höchstwahrscheinlich nur ein einziger, großer, stinkender Haufen Scheiße.

Foto: Justinas Vosylius

Trotz der ganzen wissenschaftlichen Argumente gegen die sagenumwobene Frequenz musste ich einfach auf Nummer Sicher gehen. Bewaffnet mit ein paar Lautsprechern in Klonähe startete ich den Selbstversuch.

Es gibt Dutzende YouTube-Videos, die behaupten, den wahren braunen Ton gefunden zu haben. Und immer finden sich darunter Kommentare von enttäuschten Usern, die sich über die Wirkungslosigkeit beschweren. Neben den ganzen "South Park brought me here"-Kommentaren gibt es aber auch Nutzer, die behaupten, das Rauschen hätte bei ihrer Verstopfung geholfen oder der braune Ton überraschenderweise und mit verheerenden Auswirkungen doch funktioniert. Aber sagten diese anonymen YouTube-Trolle auch wirklich die Wahrheit?

Ich setzte mich aufs Sofa, drehte die Lautstärke hoch und klickte mich durch die Videos, um zu sehen, ob eins davon tatsächlich Auswirkungen auf meine Verdauung hat. Das Rauschen war unangenehm. So in etwa stelle ich es mir vor, besoffen durch eine gigantische Windturbine zu torkeln. Ich konnte fühlen, wie der tiefe Ton meinen Rücken runter ging und bildete mir ein, dass er durch meinen Magen bis runter in meinen Darm resonierte.

Mit einem Gesichtsausdruck wie inmitten einer tiefen Existenzkrise saß ich 40 Minuten auf dem Sofa. Ich wollte, dass es passiert. Ich wollte, dass es den braunen Ton wirklich gibt. Aber nichts passierte. Leider schaffte ich es nicht, mich einzuscheißen.

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