Lisa, die bei einer Operation ihr ungeborenes Baby verloren hat, steht in einem Wald, sie trägt ein orangefarbenes T-Shirt, ihr scheint die Sonne ins Gesicht.
Lisas Überlebenschance lag bei 0,001 Prozent, sagten die Ärztinnen und Ärzte nach ihrer Notoperation
Menschen

Wie es wirklich ist, ein Kind zu verlieren

Im siebten Monat muss Lisa notoperiert werden. Sie überlebt. Ihr Baby nicht. Hier erzählt sie ihre Geschichte – und wie sie all das überstanden hat.
28 Juli 2020, 9:03am

Ich bekam die Magensonde einfach nicht runter. Ein Arzt schob mir die Sonde durch die Nase, bereits zum dritten Mal. Als ich sie im Hals spürte, sollte ich schlucken. Aber ich konnte nicht. Stattdessen spürte ich, wie mir die Galle hochstieg. Ich erinnere mich an das Gesicht der Ärztin, die sich über mich beugte. Sie sah mich mit festem Blick und festem Willen an. Wie ein Patron. "Das muss jetzt klappen!", sagte sie, und: "Alles wird gut." Das beruhigte mich. Ich fand einen kleinen roten Punkt in ihrem Auge, fixierte ihn – und schluckte. Dann stülpte mir jemand eine Beatmungsmaske über, die Narkose strömte in mich hinein und es blieb nur noch ein Gedanke: Was ist mit meinem Kind?

Bis in die Nacht hinein wurde ich operiert. Am nächsten Tag erwartete mich eine weitere Operation, sechs Stunden lang. Meine Familie wartete in der Zeit im Krankenhaus auf mich, sie wurden von einem Krisenteam betreut. Nach der zweiten OP sagten die Ärzte zu meiner Familie: "Fahren Sie heim mit dem Gedanken, dass ihre Tochter diese Nacht nicht überleben wird."

Mit 30 will ich ein Kind – das war eine innere Deadline, die hatte ich mir einfach gesetzt

Fast mein ganzes Leben habe ich in Paldau verbracht, einem kleinen Örtchen 50 Minuten von Graz entfernt. Wenn ich aus meinem Fenster schaue, sehe ich nichts als Wald und Äcker. Als meine Mutter vor einigen Jahren krank wurde, zog ich wieder in mein Familienhaus. Im Parterre wohnt mein Papa und im Obergeschoss wohnen Peter und ich mit unserem Australian Shepherd und zwei Katzen. Ich war zufrieden. Aber ich hatte einen Wunsch: Mit 30 will ich ein Kind. Das war eine innere Deadline, die hatte ich mir einfach gesetzt. Und nun sah es so aus, als würde mein Wunsch in Erfüllung gehen.

"Ich war zufrieden. Aber ich hatte einen Wunsch: Mit 30 will ich ein Kind."

Ich merkte schon nach ein paar Tagen, dass ich nicht einfach nur "drüber", sondern wirklich schwanger war. Peter hat sich wahnsinnig gefreut, als ich ihm den positiven Test gezeigt habe. Ich hingegen habe geweint. Vor Freude, ja, aber auch aus Angst. Würde ich eine gute Mutter sein? Ich wusste, dass die Zeit der Unbekümmertheit nun vorbei war. Ab diesem Moment trug ich Verantwortung für einen mehr als mich selbst. Eine Freundin von mir hatte kurz zuvor ein Kind verloren. "Das wird dir nicht passieren", sagte sie. Ich musste noch oft an diesen Satz denken.


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In meiner Schwangerschaft machte ich wirklich alles mit, was möglich ist: Rückenschmerzen, Müdigkeit, Stimmungsschwankungen. Unseren Sommerurlaub in Thailand wollte ich nicht mehr absagen, aber die Gerüche waren für mich unerträglich intensiv. Die Übelkeit blieb bis zum dritten Monat. Als Schuldnerberaterin arbeitete ich eng mit meinen Kunden zusammen. Vor einem Termin ging ich spucken und gleich danach wieder. Doch bei den Untersuchungen war immer alles in Ordnung.

Mein letzter Arbeitstag war der 31. Januar. Im März würde ich 30 werden und im April sollte das Kind geboren werden. Ich hatte gerade den sechsten Termin beim Frauenarzt hinter mir. Auf dem Ultraschallbild konnte man schon das Gesicht erkennen. Ein Junge. Auch das hatte ich mir gewünscht. Wir würden ihn Melvin nennen.

Ich ging auf den Parkplatz, hockte mich hinter das Auto und würgte

Mich plagte jetzt immer häufiger Sodbrennen. Aber ich hielt das für normal. Ich nutzte meine erste freie Woche. Ich wollte ausgehen, Freunde treffen, habe alte Klamotten aussortiert, Platz für Neues gemacht. Wir strichen das Kinderzimmer grün und stellten die Wiege hinein. Mit Peter schaute ich mir den Kreißsaal an, in dem unser Kind geboren werden sollte. Wir besuchten zum ersten Mal gemeinsam den Geburtsvorbereitungskurs. Als wir an diesem Tag nach Hause fuhren, sagte er: "Ich werde jetzt Papa!" Als hätte er das in diesem Moment zum ersten Mal wirklich realisiert.

Wir fuhren einkaufen, in den Supermarkt. An der Kasse bat ich Peter zu zahlen, weil meine Bauchschmerzen wieder da waren. Ich ging auf den Parkplatz, hockte mich hinter das Auto und würgte. Dann entdeckte er mich.

"Was machst du da?", fragte er.

"Nichts", log ich und stieg ins Auto. Der Tag war schön. Wir fuhren heim.

An diesem Abend fuhr ich zu Freunden auf eine Party, ohne Peter. Er musste arbeiten. Aber ich wollte trotzdem gehen, wer weiß, wann ich mal wieder zu einer Party gehen könnte. Alles fühlte sich irgendwie an wie das letzte Mal. Ich konnte ja nicht ahnen, dass das Schicksal für mich vorgesehen hatte, dass es wirklich das letzte Mal sein sollte.

Wir saßen um ein Lagerfeuer, als der Schmerz zurückkam. Es fühlte sich an wie Tritte, gefolgt von einem Kribbeln, wie von Brennesseln, das langsam wieder verschwand. Eine Freundin merkte, dass ich stiller wurde.

"Alles OK?", fragte sie.

"Nur Bauchweh", sagte ich und machte mich auf den Heimweg.

Vielleicht waren es Wehen? Sollte ich da jetzt so ein Trara machen?

Die Fahrt war schrecklich. Mit einer Hand hielt ich das Lenkrad und mit der anderen meinen Bauch. Ich erinnerte mich an die Worte der Hebamme. Vielleicht waren es Wehen? Zuhause angekommen ließ ich mir ein Bad ein und machte mir einen Tee. Doch das warme Wasser half nicht. Ich schickte Peter eine Nachricht, dann fühlte ich die Übelkeit. Sie kam in Wellen. Ich schaffe das noch zum Klo, dachte ich, und zählte in meinem Kopf herunter, um mich zu motivieren, aufzustehen: 3 … 2 … ich schaffte es nicht.

Die Schwestern dachten, es sei das Norovirus. Peter hatte mich mitten in der Nacht ins Krankenhaus gefahren. Ich konnte einfach nicht mehr. Ich bekam Wehenhemmer, Schmerzmittel waren nicht erlaubt, wegen der Schwangerschaft. Ein Ultraschall zeigte, dass der Muttermund vier Zentimeter geöffnet war. Dann wird es nun wohl einfach eine Frühgeburt, dachte ich. Doch die Ärzte machten sich offenbar Sorgen. Sie beschlossen, mich ins nächstgrößere Krankenhaus zu verlegen.

Die Fahrt nach Graz dauerte eine halbe Stunde. Ich spürte jeden Huckel. Mein Körper hatte sich mittlerweile komplett verkrampft. Als die Sanitäter mich auf der Trage in den Lift schoben und mich an die Ärzte übergaben, sagten sie noch "Alles Gute". Dann kommen die Erinnerungslücken. Als hätte mein Hirn im Nachhinein beschlossen: Das war schlimm, das vergessen wir jetzt mal. Nur die Schreie habe ich noch im Kopf. Mein Zimmer war nah am Kreißsaal. Solche Schmerzen hat man also, wenn das Kind kommt, dachte ich, und hielt mir die Ohren zu.

Danach wurde ich in ein Quarantänezimmer verlegt und versuchte einfach nur zu schlafen. Am Abend ging es nicht mehr. Es war Samstag, draußen wurde es bereits dunkel. Ich hatte immer noch unerträgliche Bauchschmerzen. Und ich hielt das alles irgendwie immer noch für ganz normal. Sollte ich da jetzt so ein Trara machen? Eine Schwester rufen? Ich läutete.

"Es geht nicht mehr", sagte ich, "ich brauche einen Arzt."

Die Schwester sagte kleinlaut, es sei Wochenende, es könnte ein wenig dauern.

Ich schaffte es aufzustehen und öffnete das Fenster. Luft. Mehr Luft. Mein Körper wechselte jetzt ständig die Temperatur. Heiß, kalt, heiß, kalt. Ich läutete wieder. Als die Ärztin endlich kam und ihre Finger auf meinen Bauch legte, war es eine regelrechte Erfrischung, so heiß war er. Sie sagte: "Sofort operieren."

Ich falle in ein Loch. Ich schwebe im Nichts. Lange.

Sie hievten mich vom Bett auf den OP-Tisch. Erst kam die Sonde, dann die Galle. Ich merkte, dass es hektisch wurde. Schlucken! Aber ich dachte noch immer, es sei ein Virus. Niemand hatte mir gesagt, dass ich in Lebensgefahr war. Dann sah ich in das besorgte Gesicht der Ärztin. Trotz Mundschutz sah ich es ihr an. Es folgten Worte, die ich zwar laut und deutlich verstand, aber die nicht zu mir durchdrangen.

"Ich falle in ein Loch. Ich schwebe im Nichts. Lange"

Was ist mit meinem Kind?

"Du musst dich jetzt auf dich konzentrieren, dass es dir gut geht."

Warum ich? Wo ist Peter?

"Alles wird gut."

Ich habe im Nachhinein viel über Nahtoderfahrungen gelesen. Ich weiß nicht, ob es eine war. Aber ich erinnere mich an die Farben. Rot, gelb, blau, grün. Große Punkte, die miteinander verschmelzen. Wie in den Filmen, wenn jemand einen LSD-Trip hat. Im Hintergrund immer dieses laute Brummen, als säße ich in einem Flugzeug direkt neben den Turbinen, nur viel, viel lauter.

Im Entlassungsbrief steht: Briden-Ileus Dünndarm, Aspiration, Herz-Kreislaufstillstand mit erfolgreicher Reanimation, Intraabdominelles Komartmentsyndrom, Multiorganversagen. Das heißt: Darmverschluss mit Vergiftung. Mageninhalt eingeatmet. Dreimaliger Herzstillstand, das längste mal acht Minuten. Der Bauchraum voller Blut und Ausscheidungen. Schließlich arbeitete keines meiner Organe mehr so, wie es sollte.

In der Narkose habe ich wieder die Ärztin vor mir gesehen. Die blonden Haare, der Akzent in ihrer Stimme, der rote Punkt in ihrem Auge. Dann fühlte ich die Schwere auf mir wie einen Baum. Er fällt nicht, er legt sich auf mich. Das Blau und das Grün weichen jetzt, alles ist rot. Ich falle in ein Loch. Ich schwebe im Nichts. Lange.

Aus medizinischer Sicht ist ein Mensch tot, wenn er hirntot ist. Wenn also nicht nur das Herz und der Atem stillsteht, sondern auch die Gedanken. Ich war also nicht tot. Ich wurde aber auch nur noch künstlich am Leben gehalten.

Mein Vater rief einen Priester zur letzten Salbung

Nach der OP lag ich im künstlichen Koma, mein Bauchraum war noch immer offen. Die Ärzte sagten meiner Familie, dass ich es wohl nicht schaffen werde. Sie sprachen von einer Überlebenschance von 0,001 Prozent. Wirklich ausgerechnet wird das in diesem Moment wohl niemand haben. Es sollte wohl einfach nur heißen: Die Chance ist unglaublich gering.

Mein Vater rief einen Priester zur letzten Salbung. Sie stehen an meinem Bett: Der Priester, mein Vater, eine Krankenschwester und meine Cousine Sabine. Sie verabschieden sich. Alle, nur Sabine nicht. Sie sagt: "Du schaffst das."

Ich träume. Ich liege wieder in einem Krankenwagen. Neben mir ist meine Freundin Marie. Ich sage zu ihr: "Alle glauben, dass wir tot sind. Keine Sorge, sie werden noch merken, dass wir leben. Wir schaffen das gemeinsam." Der Krankenwagen ist kein Krankenwagen. Es ist ein Leichenwagen. Ich fahre zu meinem eigenen Begräbnis. Ich fühle wieder den Baum auf mir. Das Flugzeug dröhnt. Ich will das nicht. Der Baum muss weg. Ich will nicht zu meiner eigenen Beerdigung fahren. Ich muss jetzt kämpfen.

Der Tag der ersten Operation war am 9. Februar. Fast zwei Wochen lang lag ich im Koma. Am 18. Februar sehe ich Licht. Es ist, als würde jemand vor meinen Augen ein Rollo hochziehen. Ich sehe Peter. Ich bin wieder da. Aber Melvin hat es nicht geschafft.

Es tut einfach nur alles weh, innen und außen.

Im Arztbericht heißt es Intrauteriner Fruchttod in der 31. SSW. Sie haben ihn rausgeschnitten bei der OP. Er hat nicht mehr gelebt. Erst als die Ärzte ihn holten, sahen sie den Hauptgrund meiner Schmerzen. Mein Darm hatte sich verdreht. Hätten Sie ihn nicht geholt, wäre ich gestorben. Für mich ist er ein kleiner Held: Er ist gestorben, um seine Mama zu retten. Peter durfte ihn noch sehen. Er war schon 1,7 Kilo schwer und 40 Zentimeter groß.

Peter besuchte mich jeden Tag. Als ich im Koma lag und auch als ich wieder wach war. Am Anfang konnte ich nicht sprechen, meine Lunge war schwer beschädigt. Ich schob Buchstaben auf einem Brett hin und her: WASSER. Die Pfleger drehten mich, jede Bewegung tat weh. Der Besuch, die Ärzte, sie kamen alle durch die Glastür neben meinem Bett. Ich fragte mich, was hinter der Glastür ist. Es musste das Leben sein. Auf die Decke meines Krankenzimmers war eine Kirschblüte gemalt. Sie hat mich beruhigt. Aber ich vermisste mein Kind.

Meine Geschichte verbreitete sich im Dorf wie ein Lauffeuer. Viele Menschen spenden Geld. "Davon fliegen wir nach Hawaii, wenn es dir wieder gut geht", sagt Peter. "Ich will gar nicht nach Hawaii", sage ich. Es tut einfach nur alles weh, innen und außen.

Zu meinem 30. Geburtstag brachten Freunde ein Fotoalbum mit ins Krankenhaus. Peter musste für mich durch das Album blättern, ich konnte mich noch immer nicht bewegen. Auf einem Bild bin ich schwanger. Ich habe es nicht ertragen. Ich bat Peter, den Luftballon wieder mitzunehmen. Ich dachte, nichts wird mehr so, wie es einmal war. Aber es wurde besser, ganz langsam. Ich lernte, wieder zu sprechen. Ich lernte, wieder zu gehen. Ich fragte die Ärztin, ob ich jemals wieder Kinder bekommen kann. Die Ärztin sagte: Ja.

Es wurde Sommer und es ging mir immer besser. Jeden Tag bin ich spazieren gegangen. Noch nie in meinem Leben hatte ich so wenig Stress. Als Peter bei der Arbeit war, fällte ich eine Entscheidung: Ich fahre an den Grünen See, ein beliebtes Ausflugsziel in der Steiermark, nur ich allein mit meinem Hund. Zum ersten Mal setzte ich mich wieder selbst ans Steuer. Das Wasser des Grünen Sees kommt aus den Bergen. Es ist so klar wie die Südsee.

Zum ersten Mal schaute ich an diesem Tag in die Whatsapp-Gruppe, die Peter für mich aufgemacht hat, als ich im Koma lag. Sie heißt "Kraft für Lisa".

"Ich bin die Frau, die wie durch ein Wunder überlebt hat."

"Du wirst unser Wunder sein und so viele Leute werden stolz auf dich sein. "

"Gönn dir alle Zeit der Welt und Ruh dich aus."

"So eine starke Frau. Weiter so liebe Lisa. Du bist der Wahnsinn."

Das sind nur wenige von sehr vielen Nachrichten. Es hatten sogar Menschen an mich gedacht, die mich gar nicht richtig kannten. So viel positive Energie. Ohne diese Energie hätte ich nicht den Weg zurück gefunden. Nicht nur meine Freunde und Familie haben zu mir gehalten, es scheint, als hätte ich in dieser Zeit sogar noch Freunde dazugewonnen. Ich hatte solches Glück. Zum ersten Mal nach langer Zeit fühlte ich mich sorgenfrei.

Zum Jahrestag meiner Operation führte die blonde Ärztin mich durch das Krankenhaus, zeigte mir alle Räume, in denen ich lag. In der Klinik kennen mich alle. Ich bin die Frau, die wie durch ein Wunder überlebt hat. Und ich bin dem Ärzteteam dankbar dafür, dass sie mein Leben gerettet haben. Melvin haben wir in einer kleinen Zeremonie beigesetzt, er liegt jetzt neben seiner Oma.

Die Ärztinnen und Ärzte streiten darüber, ob die Schwangerschaft der Auslöser für den Darmverschluss war oder nicht. Sicher ist nur: Eine weitere Schwangerschaft wäre mit einem großen Risiko verbunden. Peter und ich wollen jetzt ein Kind adoptieren. Die Wartezeiten sind lang. Aber irgendwann wird es klappen. Eines Tages wird alles irgendwie einen Sinn machen. Bis dahin freue ich mich einfach über die zweite Chance auf mein Leben.

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