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Ganze 18 Flüchtlinge „stürmten" gestern die Schweiz

50 Journalisten und etliche Polizisten kämpften um die Aufmerksamkeit der 18 Flüchtlinge.
2.9.15
Alle Fotos von Michael Zanghellini

Die Hoffnung war gross. 50 Journalisten drängten sich gestern dicht an dicht am Grenzbahnhof in Buchs im Kanton St. Gallen. Bis zu 150 Flüchtlinge würden die Grenzbeamten in einer normalen Woche in der Ostschweiz abfangen, liess sie die örtliche Kantonspolizei wissen. Gestern aber sollten es viel mehr werden, ein neuer Flüchtlingsrekord wurde erwartet! Mit Hunderten von Flüchtlingen vollgestopfte Nachtzüge aus Wien und Budapest sollten in Buchs eintreffen.

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Die Journalisten hofften auf riesige Storys. Auf Familiendramen und überforderte Grenzpolizisten. Auf herzerwämende Szenen, wie sie am Abend zuvor in Wien zu sehen waren. 20.000 Menschen gingen dort auf die Strasse, um der Bundesrepublik endlich das nötige „Refugees are welcome here"-Image zu verleihen und den Druck auf die Politik zu erhöhen. Am Wiener Westbahnhof erwarteten zeitgleich Hunderte Helfer die ersten Flüchtlinge, die mit den Zügen von Ungarn aus über die Grenze kamen.

Niemand in Buchs wusste, was kommt—und alle erwarteten das Grösste. 20 Minuten setzte einen Live-Ticker auf. Der Blick bereitete schon mal eine Story darüber vor, welches Aufnahmezentrum die vielen Flüchtlinge überfüllen würden. Plötzlich profitierten jene von den Flüchtlingen, die gerne mal irgendwelchen Bullshit-verzapfenden Honorarkonsulen freies Wort über die falschen „VIP-Flüchtlinge" aus Eritrea geben oder aufmerksamkeitsheischend titeln, dass 60 Prozent der Asylsuchenden HIV-positiv sind—wenn sie den Flüchtlingen nicht gerade ihre totale Solidarität aussprechen.

Gute Solidaritäts-Aktion von — Fabian Eberhard (@FabianEberhard)31. August 2015

Nur: Der für einmal so fest erhoffte „Flüchtlingssturm" kam nicht. Im ersten Zug aus Richtung Ungarn sassen vier, im zweiten sechs, im dritten fünf und im vierten Zug ganze drei Flüchtlinge—höchstens 1 von 10 Punkten auf der Flüchtlingssturm-Skala. Nicht mehr als ein erstes kleines Herbststürmchen.

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Die Polizei machte trotzdem ihren Job und holte die erschöpften Menschen aus den Zügen. Bedrängt von einer Horde aus 50 Fotografen und Schreiberlingen nahm sie sie mit auf ihren Posten. Ob sich die Flüchtlinge, die gerade über den Irak, die Türkei, Griechenland, den Balkan, Ungarn und Österreich in die Schweiz kamen, den ersten Kontakt zu ihrem Safe Haven so vorgestellt hatten? 20 Minuten tickerte scheinbar selbstkritisch, dass sich die Flüchtlinge im Mediengetummel sichtlich unwohl fühlten—weiter ging der Live-Ticker trotzdem.

Für einen Aufreger vor Ort sorgte die Polizei. Mir fällt es schwer, dabei die Nazi-Keule stecken zu lassen: Der Freund und Helfer markierte die soeben aus Zügen (!) geholten Flüchtlinge mit Nummern am Arm. Ich wusste ja, dass das Durchnummerieren bei Kühen normal ist. Dass das aber auch der neuste Trend unter den menschlichen Willkommensgrüssen ist, war mir neu.

Schliesslich pferchen wir die Flüchtlinge ja auch nicht in viel zu engen Räumen zusammen, wo wir ihnen nur das Nötigste zum Leben geben. Oder sehen das die Asylsuchenden, die ihre Nächte schwitzend in Zelten verbringen und von weniger als zehn Franken pro Tag leben müssen etwa anders?

Immerhin drei junge Menschen haben sich an der Willkommenskultur am Wiener Westbahnhof—die ihrem Namen endlich mal würdig ist—ein Vorbild genommen. Sie sagten den Flüchtlingen nicht mit nervös zuckenden Kamera-Fingern oder als uniformierte Vorhut der Bürokratie „Hallo", sondern mit selbst geschriebenen „Refugees Are Welcome"-Schildern, Früchten und Wasser. Sie wollten nicht, dass die Flüchtlinge nur von einer Horde geifernder Medienleute und ein paar nummerierenden Polizisten willkommen geheissen werden. Egal, ob nun 18 oder 300 von ihnen aus den Zügen geholt werden.

Ich selbst freue mich über jeden der 18 Flüchtlinge, der den Weg in die Schweiz geschafft hat und nach dem Marathon durch die Bürokratie zu jenem Viertel gehört, das tatsächlich Asyl bekommt. Ich freue mich über jede einzelne Stimme, die sich für Flüchtlinge stark macht—sogar darüber, dass Til Schweiger die selbsternannten Asylkritiker in Grund und Boden pöbelt. Und ich freue mich, wenn sich die Blick-Gruppe dazu entschliesst, Tausende von Franken für Flüchtlinge zu sammeln.

Und doch will mir die ganze Pro-Flüchtlings-Stimmung nicht so ganz schmecken. So zynisch das auch klingen mag: Es brauchte die Arschlöcher, die auf Facebook fordern, Flüchtlingsheime anzuzünden. Die Arschlöcher, die das in die Tat umsetzten. Das Arschloch, das in Berlin ein Flüchtlingskind angepisst hat. Die Arschlöcher, die 71 Menschen in einem Lastwagen sterben liessen. Und die Arschlöcher, die die Grenze zwischen Ungarn und Serbien mit Stacheldraht verbarrikadieren.

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Ohne sie wären die Flüchtlinge wohl nicht nur Til Schweiger und Joko und Klaas ziemlich egal—sondern auch den 50 Journalisten, die gestern in Buchs waren.

Klar ist es gut, dass sich die mediale Grundstimmung gegenüber Flüchtlingen innerhalb weniger Tage von einem passiven „Ja, scheisse … " zu einem aktiven „Wir müssen was für sie tun!" gewandelt hat. Dass für einmal nicht die SVP mit ihrem herbeifantasierten Asylchaos das Flüchtlingsthema in den Medien beherrscht. Und dass derzeit eine euphorische Welle der Solidarität durch Europa fegt.

Nur so kann die Zivilgesellschaft schliesslich das von der Politik geschaufelte humanistische Loch wieder füllen und die dringend nötige Soforthilfe leisten. Und doch müssen wir aufpassen, dass diese Euphorie nicht so schnell wieder zwischen unseren Hirnwindungen verschwindet, wie sie sich in ebendiesen festgekrallt hat.

Immer noch gehören Flüchtlinge in der Schweiz zum untersten Rand der Gesellschaft. Immer noch muss jeder fünfte Asylsuchende die Schweiz sofort wieder verlassen. Immer noch bekommen Flüchtlinge kaum Arbeit. Und immer noch werden die Berichte von Blick und 20 Minutennur bedingt vom gutem Willen bestimmt. Was wir bei allem Engagement nicht vergessen dürfen: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich „HIV-Flüchtlinge" wieder besser verkaufen als eine Prise Menschlichkeit.

Sebastian auf Twitter: @nitesabes

Vice Schweiz auf Twitter: @ViceSwitzerland


Titelfoto: Michael Zanghellini