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Warum wir schwarze Superhelden und Vorbilder für Minderheiten brauchen

Minderheiten sind keine hilflose Gruppen, die vom mächtigen „weißen Mann" gerettet werden müssen—und sie brauchen endlich ihren eigenen Harry Potter.
11.3.15

Foto: Eva Rinaldi | Flickr | CC BY-SA 2.0

Michelle Rodriguez hat kürzlich für einen Shitstorm gesorgt, als sie in einem Interview etwas missverständlich äußerte, nichtweiße Schauspieler sollten doch aufhören, „weiße" Rollen zu stehlen. Das war vor allem deshalb überraschend, weil Rodriguez selbst nicht weiß ist—ihre Eltern stammen aus der Dominikanischen Republik und Puerto Rico. Später stellte sie zwar in einem Facebook-Video klar, was sie eigentlich sagen wollte—nämlich dass wir doch unsere eigenen Rollen und Charaktere erschaffen und aufhören sollen, etwas zu sein, das wir nicht sind.

Trotzdem erschließt sich mir der Sinn immer noch nicht. Wenn ein fiktiver Charakter dargestellt wird, sollte es dann nicht egal sein, ob er im Buch weiß, braun oder schwarz ist und ist es nicht trotzdem eine Frechheit zu sagen, nichtweiße Schauspieler würden weiße Rollen „stehlen"? Diese Behauptung in einer Zeit aufzustellen, in der nichtweiße Rollen mit weißen Darstellern besetzt werden und das nur allzu häufig—siehe Exodus, The Hunger Games, jeder Jesusfilm, A Mighty Heart—ist für mich absoluter Wahnsinn.

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Als Kind hätte ich gerne einen Superhelden als Vorbild gehabt, der wie ich aussieht. Nicht nur diese homogene Masse an weißen fiktiven Charakteren. Andere Kinder hatten ja ihre Helden. Ich erinnere mich noch daran, dass meine Freundinnen und ich immer Mini Playback Show gespielt haben. Am liebsten „sangen" wir Lieder von Ace of Base, aber jedes mal, wenn es darum ging, wer wer „sein" durfte, haben wir uns in die Haare bekommen. Ich sah ja nicht aus wie die Bandmitglieder, wie konnte ich da Teil der Gruppe sein? Mit den Spice Girls wurde dann alles besser, da durfte ich dann Scary Spice sein. Kinder suchen sich nun einmal Vorbilder und es ist schwierig, sich zugehörig zu fühlen, wenn es niemanden da draußen gibt, der dich repräsentiert.

Wie soll man als Kind ein positives Selbstwertgefühl entwickeln, wenn man ständig suggeriert bekommt, dass man anders ist und man nicht wirklich reinpasst in die breite Masse? Was ist zum Beispiel so schlimm daran, dass eine Storm bei X-Men von Halle Berry statt von Gwyneth Paltrow gespielt wird, oder dass Catwoman auch mal schwarz ist? Ist es nicht eine positive Entwicklung, dass eben nicht jeder fiktive Charakter weiß sein muss? Schließlich geht es hier nicht um historische Porträts real existierender Figuren—und selbst bei denen ist man ja oft genug nicht wirklich akkurat, was ihre Herkunft angeht. Zumindest dann, wenn sie nicht weiß sind.

Natürlich verstehe ich, was Michelle Rodriguez meint, wenn sie sagt, wir sollen uns unsere eigenen Helden schaffen, trotzdem finde ich ihre Aussage problematisch. Heißt das, dass wir klare Grenzen zwischen den Hautfarben ziehen müssen? Ist ein schwarzer Superman einfach undenkbar, weil das der breiten, weißen Masse missfallen könnte? Gibt es nicht genug dunkelhäutige Schauspieler, denen man solche Rollen zutrauen könnte?

Allein die Diskussion um das Bibel-Epos Exodus, in dem Ridley Scott Schauspieler lieber dunkler schminkt, als das Risiko einzugehen, Hauptrollen nicht mit einem Weißen zu besetzen, zeigt, in welche fehlgeleitete Richtung sich die Filmbranche entwickelt. In Deutschland greift man im Theater sogar zum Blackface und malte Joachim Bliese für seine Rolle in dem Stück Ich bin nicht Rappaport einfach schwarz an. Die Ausrede, dass ein schwarzer Darsteller nicht zur Verfügung stand, kommt einfach unglaubwürdig rüber, wenn man sich auch nur ein wenig mit der Materie beschäftigt, und es war für mich als Schauspielerin ein Schlag ins Gesicht.

Wir brauchen mehr Diversität—alleine schon für all die Kinder da draußen, die ohne passende Rollenvorbilder aufwachsen. Samy Deluxe beschreibt in seinem Song „Superhelden" von 2010 genau diese Problematik. So wünscht sich sein Sohn manchmal, weiß zu sein, weil es da draußen keine dunkelhäutigen Superhelden gibt und Harry Potter und Luke Skywalker eben weiß sind. Das macht mich traurig. Ich hatte gehofft, dass sich in den letzten 20 Jahren etwas mehr getan hätte.

Klar, Hautfarbe sollte eigentlich nie eine Rolle spielen, so einfach ist es aber dann leider doch nicht. In einer Gesellschaft, in der die weiße Hautfarbe dominiert und man nun einmal privilegiert ist, wenn man hellhäutig ist, ist es wichtig, dass andersfarbige Menschen nicht komplett untergehen. Das mag für Außenstehende übertrieben klingen, ist jedoch umso wichtiger für die Betroffenen. Wir sind keine Opfer, keine hilflose Bevölkerungsgruppe, die vom „weißen Mann" gerettet werden muss. Auch wir können über uns hinauswachsen und ein „Superheld" sein. Gerade für Heranwachsende in einem Land wie Deutschland ist es wichtig, das zu begreifen und jemanden zu haben, mit dem man sich identifizieren kann. Für Kinder und Jugendliche soll ersichtlicher werden: Auch als andersfarbiger Mensch in Deutschland sind deine Möglichkeiten nicht begrenzt. Schau dir XYZ an, die haben es geschafft, du kannst es auch.

Ich finde, es ist an der Zeit umzudenken. Schwarze und andersfarbige Menschen gehören in Deutschland längst zur Geschichte und sollten nicht als Abnormalität behandelt werden. Wir haben unseren Platz und ich finde es ist nur legitim zu verlangen, dass auch wir repräsentiert werden. Immerhin, mittlerweile scheint sich zumindest etwas zu tun. Von Sara Nuru, die die vierte Staffel von Germany's Next Topmodel gewann, über Tyron Ricketts, der als SOKO Leipizig Kriminalkommissar Patrick Diego Grimm überzeugte (und endlich mal nicht den Flüchtling oder Drogendealer spielen musste) bis zur Journalistin Charlotte Maihoff, mit der ich sogar zur Schule ging und die seit 2014 die erste afrodeutsche Nachrichtensprecherin bei Tagesschau24 ist—mittlerweile stehen dann doch zumindest ein paar ernstzunehmende andersfarbige Menschen in der Öffentlichkeit.

Ich wünsche mir für die Zukunft, dass es nicht mehr verwunderlich ist, eine nichtweiße Nachrichtensprecherin bei der Tagesschau zu sehen. Dass es gar nicht mehr diskussionswürdig ist, wenn auch andersfarbige Menschen einen ursprünglich weißen Charakter darstellen. Und vor allem, dass Blackfacing ausstirbt und eine Rolle, die für jemanden mit dunkler Haut ausgelegt ist, auch von jemandem mit dunkler Haut gespielt wird. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich das in den nächsten Jahren ändern wird und es in einigen Jahrzehnten schon selbstverständlich ist, dass der Held des Kinderbuchs Asiate oder der nächste Batman schwarz ist. Bis das ganze kein Thema mehr ist und wir eben nicht mehr darüber diskutieren müssen, muss aber noch einiges passieren.