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Popkultur

Die deutsche Comedybranche ist ähnlich lustig wie Herpes – und der Deutsche Comedypreis beweist es

Möchten wir wirklich in einem Land leben, in dem Dieter Nuhr und Alzheimer-Komödien von Til Schweiger als humoristische Perlen gefeiert werden?

von Lisa Ludwig
21 Oktober 2015, 11:11am

Falls ihr euch fragt, wer diese ganzen beschissenen Mottoshirts immer kauft: Matze Knoop. Foto: imago/Revierfoto

Man muss sich nicht durch sämtliche Galas, die die deutsche Medienlandschaft im Laufe des Jahres bereit hält, quälen, um festzustellen: Wenn in Deutschland etwas verliehen wird, dann schwankt die Veranstaltung irgendwo zwischen salbungsvollem Tanztee und einem überdrehten Kind, das an Silvester länger aufbleiben darf. So richtig stimmungsvoll und glamourös wird es dann eben doch nicht, wenn die Besucherränge—vielleicht auch aus Mangel an wirklichen Stars oder zumindest „Persönlichkeiten"—mit ehemaligen Bachelor-Kandidatinnen und Germany's Next Topmodels aufgefüllt werden. Da ist es dann auch egal, was genau eigentlich gerade verliehen wird. Ob Bambi, Echo, Grimme Online Award, oder Webvideopreis für den am wenigsten enervierenden Lifetyle-YouTuber.

Am gestrigen Dienstagabend nun wurde zum mittlerweile 18. Mal der deutsche Comedypreis vergeben und wer die Liste der 13 Preisträger überfliegt, dem dürften nur dann die Mundwinkel zucken, wenn sich ein frustrationsbedingter Heulkrampf anbahnt. Da wurden exakt dieselben Leute ausgezeichnet, die rein gefühlt schon zu unserer Schulzeit die deutsche Unterhaltungslandschaft bevölkerten. Ganz so, als würde ein Witz besser werden, wenn man ihn nur oft genug hört. Sollte trotzdem irgendjemand da draußen zutiefst bedauern, nicht selbst vor Ort gewesen zu sein: Die Verleihung wird am 31. Oktober ab 22.15 Uhr auf RTL übertragen—also ganze eineinhalb Wochen nachdem die Gewinner sowohl gekürt, als auch medial kommuniziert wurden. Ein besonderer Service des Privatsenders für all jene, denen Awardshows, bei denen die Sieger erst auf der Bühne verkündet werden, schon immer ein bisschen zu nervenaufreibend waren? Vielleicht. Alternativ lässt sich das Ganze auch als pragmatischer Versuch, die Veranstaltung irgendwie gegenzufinanzieren, sehen—oder als humoristische Breitseite gegen ein Fernsehpublikum, dem sowieso schon alles egal zu sein scheint.

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Bevor ihr „Aber wer hat denn nun gewonnen?! Zu viel Text lol" ins Kommentarfeld tippt: Genau dazu kommen wir jetzt.

Stefan Raab wurde zum Ende seiner TV-Karriere mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet und auch wenn man sich natürlich die Frage stellen kann, wann man zuletzt über einen seiner zunehmend müder vorgetragenen Kalauer gelacht hat—unverdient ist das nicht. TV Total mag als Format nur noch ein Schatten seiner selbst sein, trotzdem hat Raab im Laufe seiner Karriere zumindest versucht, immer wieder etwas Neues zu machen und althergebrachte Show- und Formatstrukturen aufzubrechen. Was man von Dieter Nuhr, seines Zeichens der „beste Komiker" des Jahres, nun nicht unbedingt sagen kann (außer natürlich, es handelte sich bei seiner offiziellen Facebook-Seite, auf der er sich gerne mal etwas fragwürdig zu aktuellen politischen Entwicklungen äußert, um ein Satireprojekt).

Innovation und die grenzenlose Dummheit des Fernsehpublikums—was wir von Stefan Raab lernen können.

Carolin Kebekus wiederum wurde zum dritten Mal in Folge als beste Komikerin ausgezeichnet und sackte auch den Award für die beste Personality-Show (PussyTerror TV) ein, denn scheinbar gibt es keine anderen Frauen, die nach Privatfernseh-Maßstäben als „witzig" durchgehen. Michael Mittermeier scheint in irgendeinem Paralleluniversum immer noch Menschen zum Lachen zu bringen („Bestes TV-Soloprogramm") und falls ihr euch gefragt habt, was die lustigste Krankheit aller Zeiten ist: Es ist Alzheimer. Zumindest für den hiesigen Kinobesucher. Ansonsten ließe sich nämlich nicht erklären, warum Millionen Deutsche Honig im Kopf zur „erfolgreichsten Kino-Komödie" 2015 gemacht haben.

Alte Menschen, die nicht mehr dazu in der Lage sind, selbstständig zu leben, weil sie an einer furchtbaren Krankheit leiden? Fun!

Eigentlich hätte nur gefehlt, dass auch Mario Barth noch irgendeine Art von Auszeichnung in die Hand gedrückt bekommen hätte. Für die unangenehmste Stimme nach Jan Delay vielleicht. Oder die Tatsache, dass es da draußen Millionen geben könnte, die durch seine superlustigen „Männer pupsen und Frauen waschen sich sehr lange die Haare"-Programme auf ewig beziehungsunfähig geworden sind. Der „Gender-Wahnsinn" mit seiner „Abwertung des klassischen Familienmodells" ist Schuld daran, dass immer weniger Deutsche Kinder bekommen? Demonstriert lieber mal bei der nächsten Mario-Barth-Stadiontour, AfD-Anhänger.

Bastian Pastewka, für seine gleichnamige TV-Sendung ebenfalls zum wiederholten Mal ausgezeichnet, brachte die inhaltliche Tristesse bei der Verleihung recht gut auf den Punkt, als er zugab: „Auch diesmal ist wieder sehr viel bekanntes Personal dabei. [...] So viel tut sich dann eben auch nicht, bei aller Liebe. So viel Knallernachwuchs kommt dann auch nicht nach." Aber woran liegt das? Sind die Menschen hierzulande einfach nicht lustig—zumindest nach RTL-Maßstäben, der Großteil der ausgezeichneten Formate lief nämlich tatsächlich auf ebenjenem Sender? Gucken die Leute, die was draufhaben, lieber nach Großbritannien oder in die USA und distanzieren sich bewusst von einer Branche, deren prominentesten Aushängeschilder Sexismus für eine Punchline halten?

„Manchmal machen wir auch Scheiße."—Jan Böhmermann im Interview.

Vielleicht scheitert das Ganze aber auch an der Frage, was deutsche „Comedy" eigentlich ist. Muss jemand, um als „bester Komiker" ausgezeichnet zu werden, mit einer Bühnenshow durch Deutschland touren und Live-DVDs mit seinem Gesicht auf dem Cover rausbringen, oder reicht es, wenn er primär erst einmal witzig—und regelmäßig medial präsent—ist? Man muss kein Fan von Jan Böhmermann und Martin Sonneborn, der heute-show oder Extra3 sein, aber gerade wenn es um die etwas smartere Behandlung von aktuellen Themen ging, das therapeutische Weglachen von Vorfällen, die einem im Alltag schon genug belasten, dann kam das nicht von Paul Panzer, Michael Mittermeier oder Bastian Pastewka (so sympathisch man ihn auch finden mag). Dann kam das aus einer Ecke, die für diese Preisverleihung scheinbar absolut keine Relevanz hatte.

Comedy kann auch zweckfrei und unbeschwert sein, Comedy darf auch mal „die Probleme zwischen Mann und Frau, höhöhö" aufgreifen und manchmal ist es ja auch gerade das Alberne, das einen so ein bisschen befreit. Aber wenn das alles ist, was der Deutsche Comedypreis zu ehren bereit ist, wenn es da keinen Raum für Dinge wie den falschen Varoufakis-Finger gibt, weil man doch lieber eine Sendung honoriert, in der die übliche TV-Resterampe (Ingo Appelt, Atze Schröder und wie sie alle noch heißen mögen) vor einem Greenscreen die „schönsten und schrägsten Augenblicke ihres ganz persönlichen Lieblingsjahres" kommentieren—dann muss sich niemand darüber wundern, dass das große deutsche Humor-Vermächtnis nach wie vor Loriot ist. Und dass jedes Jahr aufs Neue dieselben drei Personen ausgezeichnet werden.

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