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Nachhaltigkeit

Fleisch und Nachhaltigkeit haben soviel gemeinsam wie Krieg und Frieden

Die Rindfleischindustrie will in Zukunft mehr auf Nachhaltigkeit setzen. Doch Umweltschützer—und unsere Autorin—können darüber nur lachen.
10.12.14
Foto: Carol Von Canon | Flickr | CC BY 2.0

Anfang des Monats hat ein internationaler Zusammenschluss von Rindfleisch produzierenden Konzernen ein Dokument veröffentlicht, das für mehr Nachhaltigkeit in der Rindfleischindustrie sorgen soll. Das Problem: Hinter den hochtrabenden Zielen vermuten Experten nichts mehr als heiße Luft.

Schon im August hat MUNCHIES über die Rindfleischindustrie berichtet und einen Ausblick auf eine anstehende Konferenz über Rindfleisch und Nachhaltigkeit (Global Roundtable for Sustainable Beef, GRSB) gegeben. Teilnehmer waren die wichtigsten Rindfleischproduzenten der Welt, zu denen Cargill, Tyson und JBS aus den USA sowie Marfrig aus Brasilien zählen. Die Unternehmen hatten ein großes Ziel: Antworten auf die Frage, wie man der steigenden weltweiten Nachfrage an Rindfleisch gerecht werden kann, ohne dass dafür zu viele natürliche Ressourcen verbraucht werden müssen.

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Als Ergebnis dieses Zusammentreffens wurde ein (sehr) langes Dokument veröffentlicht (das sogenannte „Principles and Criteria"), in dem Ziele der weltweiten Rindfleischindustrie skizziert sind, deren Umsetzung die sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Folgen der Produktion von 63 Millionen Tonnen Rindfleisch pro Jahr erfolgreich bekämpfen soll.

Ist das realistisch? Nein, findet eine Gruppe von NGOs—darunter Friends of the Earth, Slow Food USA sowie Food and Water Watch—die den sogenannten GRSB-Maßnahmenplan für „schwach und zahnlos" hält.

„Wir—und ohne Zweifel auch viele weitere Organisationen—lehnen das Dokument Principles and Criteria for Global Sustainable Beef ab", heißt es in der Pressemitteilung. „Solange die Industrie nicht bereit ist, die grundsätzlichen Mängel, auf die wir in unserem Brief aufmerksam gemacht haben, zu beseitigen, ist das Dokument aus unserer Sicht nichts weiter als ein Versuch vonseiten der Industrie, die konventionelle Produktion von Rindfleisch in einem besseren und vor allem grüneren Licht darzustellen."

„Fleisch und Nachhaltigkeit haben soviel miteinander gemeinsam wie Krieg und Frieden."

Das 12-seitige GRSB-Dokument hält sich tatsächlich sehr bedeckt, was konkrete Ziele betrifft. Man gelobt, Weideland und Wälder erhalten zu wollen, die zwecks Rindfleischproduktion vielerorts zerstört werden; man redet davon, für die Gesundheit und das Wohlergehen von Kühen zu sorgen; außerdem will man Protokolle zur Lebensmittelsicherheit durchsetzen; und Effizienz und Abfallreduktion sollen sowieso in den Vordergrund rücken. Das Problem: Es gibt keinerlei konkrete Handlungsvorschläge zur Verbesserung der Nachhaltigkeit, da, so finden die Rindfleischproduzenten, Veränderungen auf lokaler Ebene geschehen müssen. Außerdem wird es vonseiten der GRSB keine offiziellen Siegel, Zertifikate oder verbindlichen Standards geben, um nachhaltiges Rindfleisch zu kennzeichnen. Warum? Weil es sowas überhaupt nicht gibt, so die Kritiker von Rindfleisch.

„Das einzig nachhaltige Fleisch ist solches, das niemals produziert oder konsumiert wurde", findet Gidon Eshel, Professor für Umwelt- und Agrarwissenschaften am Bard College. „Fleisch und Nachhaltigkeit haben soviel miteinander gemeinsam wie Krieg und Frieden."

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Eshel erklärt weiter, dass die Rindfleischindustrie aufgrund ihres hohen Ressourcenverbrauchs unmöglich nachhaltig sein kann, und da helfen auch die schönsten und rosigsten Worte vonseiten der GRSB-Mitglieder nichts.

„Zum besseren Verständnis: Für eine Kalorie aus Rindfleisch wird 60-mal so viel Land benötigt wie für eine Kalorie aus Kichererbsen und 10- bis 12-mal so viel Land wie für eine Kalorie aus Geflügel. Ich glaube kaum, dass man das nachhaltig nennen kann."

Ein weiterer Punkt ist laut Eshel der hohe Wasserverbrauch. „Kühe brauchen zehnmal so viel Wasser wie Schweine und Hühner", ergänzt er. „Wir sollten auf alle Fälle mehr auf Geflügel- und Schweinefleisch setzen, und diese Tatsache versucht die Rindfleischindustrie natürlich so gut es nur geht zu verbergen."

Kari Hamerschlag—ein führendes Mitglied bei Friends of the Earth und eine der Autoren des GRSB-Brandbriefs—ist einer Meinung mit Eshel und findet, dass man Rindfleisch nur dann nachhaltig machen kann, wenn man seinen Verzehr stark reduziert. Anfang des Jahres hat Friends of the Earth einen frühen Entwurf des GRSB-Dokuments durchgesehen und inhaltliche Änderungen dringend empfohlen. Vor allem sollte mehr auf das Problem der wachsenden Nachfrage sowie des steigenden Verzehrs von Rindfleisch eingegangen werden.

„Viele Prinzipien des Dokuments sind an sich zwar löblich, doch solange sie nicht von konkreten Veränderungen begleitet werden, bleiben sie wirkungslos. Du kannst einer Person zwar sagen, dass du sie liebst. Aber dann schläfst du mit ihrer besten Freundin und all deine schönen Worte werden bedeutungslos."

„Angesichts der enormen Vorteile für die Umwelt und die öffentliche Gesundheit, die aus einem geringeren Rindfleischkonsum resultieren würden, besonders in Regionen mit hohem Rindfleischkonsum", so die Kritiker, „verlangen wir von den Autoren des GRSB-Dokuments, dass sie unmissverständlich zum Ausdruck bringen, dass nur ein reduzierter Rindfleischkonsum ein halbwegs nachhaltiger sein kann."

Leider, ergänzt Hamerschlag, gebe es in der finalen Fassung des GRSB-Dokumentes keinerlei Verweis auf ein richtiges Konsumverhalten.

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„Viele Prinzipien des Dokuments sind an sich zwar löblich, doch solange sie nicht von konkreten Veränderungen begleitet werden, bleiben sie wirkungslos. Du kannst einer Person zwar sagen, dass du sie liebst. Aber dann schläfst du mit ihrer besten Freundin und all deine schönen Worte werden bedeutungslos."

Die GRSB-Führungsriege sieht das natürlich etwas anders. Für sie ist das Prinzipien-und-Kriterien-Dokument ein wichtiger Schritt nach vorne und ebnet den Weg für echte Veränderungen. Der GRSB-Geschäftsführer, Ruaraidh Petre, hat schon an verschiedenen Nachhaltigkeitsprojekten in Indien, Pakistan und Botswana mitgewirkt. Im Interview erzählt mir Petre, dass die wachsende Weltbevölkerung und die Herausforderung, diese zu ernähren, ein Zusammenrücken und Harmonisieren der Rindfleischindustrie nötig machen würden. Gleichzeitig gab er zu, dass es noch einige Zeit dauern würde, bevor sich aus den GRSB-Prinzipien konkrete Veränderungen umsetzen lassen.

„Wir stimmen überein, dass es in vielen unterschiedlichen Gebieten dringliche Umweltfragen gibt, denen wir uns umgehend annehmen müssen", so Petre weiter. „Auch wenn noch ein paar weitere Schritte nötig sind, bis sich daraus klare Handlungsdirektiven für einzelne Unternehmen ableiten lassen."

Genau das sei aber das Problem, finden Gegner des GRSB-Dokuments. Die Ziele seien extra vage und dabei scheinbar „grün" formuliert, sodass die am GRSB beteiligten Unternehmen einfach so weitermachen können wie bisher, sehr zur Freude ihrer Bilanzabteilung.

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„Das Ganze gleicht einer dreisten Informationsmanipulation", findet Gidon Eshel, der Professor vom Bard College. „Diese Unternehmen produzieren die umweltschädlichsten Lebensmittel der Welt, und jetzt, wo sie merken, dass viele Konsumenten davon Wind gekriegt haben, versuchen sie schnell, ihr Image wieder reinzuwaschen."

„Schauen Sie sich doch nur deren Mitglieder an", so Eshel weiter. „McDonald's! Die Leute können doch nicht ernsthaft Informationen über Nachhaltigkeit glauben, wenn sie von einem Unternehmen wie McDonald's stammen?" Richtig: Auch McDonald's hat an der GRSB-Konferenz teilgenommen. Kein Wunder, ist das Unternehmen doch der größte Abnehmer von amerikanischem Rindfleisch. Seine 14.000 US-Filialen braten jedes Jahr rund 500 Millionen Tonnen Fleisch. Anfang des Jahres hat McDonald's verkündet, bis 2016 auch nachhaltiges Fleisch einzukaufen—wie viel genau, diese Frage wurde nicht beantwortet. Genauso wenig wie die Frage, was das Unternehmen mit „nachhaltig" überhaupt meint.

„McDonald's wird nicht definieren, was nachhaltiges Fleisch bedeutet. Auch unternehmenseigene Standards werden wir nicht entwickeln", erklärt Michele Banik-Rake, Director of Global Supply Chain bei McDonald's. Nein, stattdessen verlässt man sich lieber auf die Wischiwaschi-Prinzipien der GRSB-Runde.

Leere Versprechen der Rindfleischindustrie? Ich liebe es.

Oberes Foto: Carol Von Canon | Flickr | CC BY 2.0