Anzeige
pilze

Die hässlichsten Pilze sind am besten

Chaga, ein parasitischer Pilz, der an Birken wächst, wird in der sibirischen Volksmedizin schon lange für seine angeblichen heilenden Eigenschaften gepriesen. Seit kurzem ist Chaga-Tee in Alaskas Cafés der letzte Schrei.

von Matthew Zuras
25 Februar 2015, 4:03pm

Photo via Flickr user Distant Hill Gardens

Hässlichkeit mag zwar im Auge des Betrachters liegen, aber der Chaga-Pilz ist wirklich das komplette Gegenteil einer Schönheitskönigin.

Als Superfood angepriesen, das schon seit hunderten von Jahren in Sibirien und Osteuropa konsumiert wird, ist der Inonotus obliquus auch in Teilen Asiens extrem beliebt, wo parasitische Pilze als traditionelle Medizin verwendet werden.

Aber dieser Pilz, der Birken befällt, sieht eher wie ein brandiger Auswuchs aus, als etwas, das du in deinem Mund stopfen möchtest.

Trotzdem kauen Leute den Pilz oder brauen Tee daraus, und das schon seit dem 16. Jahrhundert. Manche schreiben dem Autor von Der Archipel Gulag und Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn zu, Chaga mit seinem halbautobiografischen Roman Krebsstation in den Westen gebracht zu haben. Der Protagonist dieses Werks wird von all seinen Plagen mit einem aus dem Chaga-Pilz geheilt. „Er konnte sich nichts Schöneres vorstellen", schreibt Solschenizyn, „als sich monatelang im Wald aufzuhalten, den Chaga herunterzubrechen, ihn zu zerbröseln, über einem Lagerfeuer zu kochen, zu trinken und wie ein Tier zu genesen."

Und seit kurzem folgen die Einwohner von Alaska diesem Beispiel. Die Volksmedizin hat sich den Weg in die Mitte der Bevölkerung zwar schon seit Jahren gebahnt, kürzlich hat die Beliebtheit jedoch einen neuen Höhepunkt erreicht und heimische Produzenten verkaufen die Pilzstücke—die sie mit Hammer und Beil von wilden Bäumen geschlagen haben—für umgerechnet bis zu 3,50 Euro pro Unze (ca. 28 g) oder 15,80 für ein 60 ml-Extrakt.

The Alaska Dispatch News berichtete letzte Woche, dass „sich in Alaska ein Handwerksgewerbe um Chaga entwickelt". In Cafés können die Einwohner Alaskas mittlerweile schon fast so einfach eine Tasse Pilztee wie eine Tasse Kaffee bekommen. Ein Teetrinker aus Anchorage sagte der Zeitung, der Tee habe einen „beruhigenden", „subtilen" und „generischen" Geschmack.

Nicht nur Hippie-Läden mit fünf verschiedenen Granolas auf der Karte springen auf den Chaga-Zug auf. Originale, ein italienisch-amerikanisches Lokal in einem Einkaufszentrum in Anchorage, verkauft neben seinen Cannoli und Mortadella-Sandwiches auch Chaga.

Aber was findet der durchschnittliche Einwohner Alaskas nur an einem Auswuchs eines Baumes, der im besten Fall nach der Klabusterbeere eines Bärs aussieht?

Wie mit jedem Superfood, das gerade im Trend liegt, kann der Heiligenschein der scheinbaren Gesundheitsvorteile von Chaga aber blenden. Eine Vorprüfung hat ergeben, dass Chaga einige bioaktive Substanzen enthält—Betulin und Inotodiol—, die möglicherweise gegen Tumore wirksame Eigenschaften haben. Aber sibirische Babuschkas und Schlangenölverkäufer behaupten schon seit Jahren, Chaga sei wirksam gegen alles von Tuberkulose bis zu HIV—auch wenn keine dieser Behauptungen nachgewiesen wurde.

Aber auch ohne harte wissenschaftliche Daten, sind anekdotische Beweise für manche schon ausreichend, um Chagas Ruf als Allheilmittel zu bekräftigen. Vena Hamilton, Besitzerin von Chaga Monkey in Willow, Alaska, schreibt ihre gesundheitlichen Verbesserungen dem Pilz zu. „Bei mir wurden eine Reihe von Entzündungskrankheiten diagnostiziert, und die traditionelle Pharmakologie wirkte nicht", sagte Hamilton zu MUNCHIES. „Ich war skeptisch, aber ich war auch bereit, alles zu versuchen." Nachdem sie anfing, Chaga-Tee zu trinken, gewann sie ihre Stärke und ihre Ausdauer wieder zurück. „Es dauerte einige Wochen, aber ich hatte mehr Energie ohne das Herzflattern und die schläfrigen Nachwirkungen eines Koffeinkicks. Ich konnte länger schlafen und wachte erfrischter auf. Meine Gelenke waren auch nicht mehr so angeschwollen."

Hamilton sagt, sie erwarte sich das nicht das große Geschäft vom Chaga-Markt, aber stimmt zu, dass das Interesse in letzter Zeit gestiegen ist. „Ich denke, den Leuten wird langsam bewusst, dass ein Großteil unserer Lebensmittel nicht sehr viele Nährstoffe enthält, unser Körper sie aber braucht, nicht nur Kalorien", sagt sie. „Chaga enthält relativ viele Mikronährstoffe, Phytonährstoffe sowie einige Vitamine und Mineralien."

Chaga Monkeys Produkt stammt aus abgelegenen Birkenwäldern in Zentralalaska, aber Hamilton merkt an, dass man den Pilz mit Vorsicht sammeln sollte, „ansonsten könnte er aussterben". Sie bereitet ihren Chaga in einer Brühe zu und vermischt ihn mit Kaffee oder Kakao. „Geschmacklich liegt er irgendwo zwischen Kaffee und Tee. Zu den meisten süßen und pikanten Aromen passt er ganz gut", sagt sie.

Wechselhafter Geschmack und fragwürdiger Nutzen mal beiseite, wahrscheinlich ist es gerade das weniger ansprechende Äußere des Chaga-Pilzes, das die Konsumenten anspricht. Hässlichkeit bedeutet Erdigkeit und das hat etwas Erfrischendes (das sich auch vermarkten lässt) in einer Zeit, in der die meisten massenproduzierten Lebensmittel in harmlose Packungen gesteckt werden, in denen alles gleich aussieht. Chia-Pudding gleicht zwar vielleicht einem Haufen Froscheier, aber eine Schüssel davon in einem beliebigen Clean-Eating-Lokal wird dir einige Euro teurer kommen, als eine ganze Packung Haferflocken. Und dann wäre da noch der König unter den Pilzen, der wie ein Scheißhaufen aussieht, der Trüffel.

Deshalb stoßen wir jetzt mit einer Tasse Chaga-Tee an!