Popkultur

Warum Eminem ein peinlicher, abgehängter Boomer ist

Er hat vom Zeitgeist profitiert – und jetzt fühlt er sich von Millennials geächtet, weil die nicht über seine Vergewaltigungswitze lachen.
2.11.20
Eminem
Standbild aus '8 Mile' mit freundlicher Genehmigung von Universal Pictures

Es ist das Jahr 2000 und die Welt muss sich noch in einem neuen Jahrtausend orientieren. Die größte Herausforderung der Menschen ist, dass die Dickie's unterm Arsch sitzt, aber nicht ganz runterrutscht. Die Welt ist nicht untergegangen, das aufregendste an unseren Handys ist Snake und deine Schwester tanzt auf dem Konzert von DJ Ötzi zu "Anton aus Tirol". Genau jetzt veröffentlicht Eminem sein drittes Album The Marshall Mathers LP und bringt diese langweilige Welt endlich zum Beben.

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Ich erinnere mich noch gut daran, wie meine zehnjährigen Mitschüler und ich auf den Bänken auf unserem Schulhof herumgesprungen sind und grölten: "So you can suck my dick if you don’´t like my shit".

Als Eminem dann Mainstream wurde, gab es zwei große Kontroversen. Er war Weiß. Und er machte harte, gewalttätige, homofeindliche und misogyne Musik. Alle Schulkinder, die ihren Eltern eins auswischen wollten, liebten ihn sofort – genau so wie Medien, die seine hasserfüllten Texte einfach Kunst nannten.

Auch heute ist Eminem groß: Music To Be Murdered By heißt seine letzte Platte und ist eine von zwei Goldenen Schallplatten des Jahres. Trotzdem war sein Ruhm schon mal größer. Er war das Weiße Gesicht einer Schwarzen Musik – so ähnlich wie Elvis Presley. 2002 spielte Eminem sich selbst im Biopic 8 Mile, er provozierte einen Aufstand vor einem Duett mit Elton John bei den Grammys und war mit seinem Protegé 50 Cent rund um die Uhr auf Musiksendern zu sehen.

Leider wurde er durch den Fame und das Geld zu einem Teil des Establishments, das er am Anfang seiner Karriere noch abgelehnt hatte. Keine Frage: Eminem kann rappen. Seine ersten Alben sind Kult, auch wenn schon da einige Lines bedenklich sind – ich kann mir "Kim" nicht anhören, ohne eine Panikattacke zu bekommen.

Das Problem ist einfach, dass Eminem erwachsen wurde. Man nimmt es ihm nicht mehr ab, wenn er im Song "Who Knew" rappt: "I don’t make black music / I don’´t make white music / I make fight music for high school kids".

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Aber Slim Shady checkt das nicht und schreibt immer noch Musik für High-School-Kids, allerdings ist er mittlerweile fast 50 und die High-School-Kids, für die er seine Musik angeblich macht, hören lieber Billie Eilish. Es gibt wenig, das so uncool ist wie ein mittelalter Vater zweier Kinder, der in seinen Tracks seinen Stiefvater beleidigt, weil der "seinen Schwanz in meine Mutter gesteckt hat".

Natürlich hat Eminem die Popkultur verändert, man kann streiten, ob zum Guten oder Schlechten. Aber seit Eminem hat sich die Popkultur weiterentwickelt – und da er hat den Anschluss verloren. Viele Künstler nach ihm sehen ihn als Inspiration, zum Beispiel Odd Future. Die haben sich im Gegensatz zu Eminem weiterentwickelt, als Künstler und als Menschen.

Der erste Track auf seinem Überraschungsalbum Kamikaze von 2018 ist ein fünfeinhalb Minuten langes Intro und besteht aus aneinandergereihten, sehr vorhersehbaren Punchlines, gegen Journalisten, Kritiker und den Erfolg von Rappern, die sich "Lil Irgendwas” nennen und in einem anderen Track nennt er Tylor the Creator eine Schwuchtel.

Wenn Eminem irgendwann keinen Erfolg mehr gehabt hätte, wäre das alles nicht so tragisch. Aber er verkauft immer noch Platten, er ist einer der erfolgreichsten Künstler aller Zeiten mit zehn Nummer-Eins-Alben.


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Anscheinend haben seine Fans genauso starke Minderwertigkeitskomplexe wie er selbst. Sie feiern ihn dafür, dass er dieses Jahr "Lose Yourself" bei den Oscars dieses Jahr performt hat und "endlich" vom Establishment und der Hollywood-Elite akzeptiert wird. Dabei hat Eminem mit genau diesem Lied vor 18 Jahren einen Oscar gewonnen.

Eminem ist so etwas wie der Ricky Gervais des Rap: Er hat Kohle, Fame und ist trotzdem davon überzeugt, dass er ungerecht behandelt wird. Er ist der Patronus von Weißen, die glauben, sie seien die wahre benachteiligte Minderheit. In "Leaving Heaven" beschwert er sich zum Beispiel darüber, dass er von ein paar Kindern zusammengeschlagen wurde und sie ihm sein Dreirad gestohlen haben. Wie er die Situation sieht: "I don’t know if I would call that white privilege / But I get it / How it feels to be judged by pigment".

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Anstatt in Würde zu altern, wurde Eminem ein Rapper mit Boomer-Attitüde. Eminem hat gar nichts dazu gelernt und spricht nun für alle mittelalten Männer, die sich gegenseitig erzählen, wie toll es doch war, als man Homosexuelle noch beleidigen durfte.

Er ist 47 Jahre alt und überzeugt mit seiner Musik konservative, langweilige Menschen davon, dass sie in Wahrheit radikal sind. Ob mit Absicht oder nicht, Eminem ist ein Boomer: ein Mann, der von der Gesellschaft profitiert hat und sich von Millennials geächtet fühlt, weil die nicht über seine Vergewaltigungswitze lachen. Er wirft ihnen vor, alles sofort persönlich zu nehmen. Nein. Niemand nimmt etwas persönlich. Deine Zeit ist einfach um.

Weil er schon länger nichts mehr Wichtiges zu sagen, dafür aber Druck hatte, greift Eminem jetzt zum letzten möglichen Trick aus der Rap-Kiste: dasselbe wie immer erzählen, aber doppelt so schnell. Mit "Rap God" hat er seinen eigenen Weltrekord bei "Godzilla" gebrochen – 229 Worte in 30 Sekunden rappen.

Viel wichtiger als schnell zu rappen, wäre es ja, seinen eigenen Erfolg anzuerkennen – der bestätigt ja, dass er es geschafft hat. Ein Outsider ist Eminem jedenfalls sicher nicht.

Eigentlich wäre es an der Zeit, dass sich der echte Slim Shady einfach zur Ruhe setzt. Das hätte er schon längst machen sollen.

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