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Ein Ex-Hells-Angel hat uns vom Leben im Club und seinem Austritt erzählt

George Christie war mehrere Jahrzehnte das öffentliche Gesicht der Hells Angels, dann entschloss er sich dazu, dem Club den Rücken zuzukehren.

von Seth Ferranti
01 September 2016, 4:03am

Als der kleine George Christie Mitte der 50er in Kalifornien zum ersten Mal einen langhaarigen Biker mit Jeansjacke sah, hatte er seine Bestimmung gefunden. In den späten 60ern, nach einer kurzen Zeit als Reservist bei den Marines, hing Christie bei den Question Marks und den Satan Slaves ab—zwei kalifornischen Outlaw Motorcycle Clubs, die im Schatten der Elite, den Hells Angels, operierten. Die Angels standen in der Rockerhierarchie ganz oben und dementsprechend war es Christies Traum, sich dem berüchtigten Club anzuschließen. Er vergleicht das gerne mit der Idee, zu Hause abzuhauen und sich einem Zirkus anzuschließen.

Mitte der 70er hatte Christie es schließlich geschafft, seinen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. In seinem bald erscheinenden Buch Exile on Front Street: My Life as a Hells Angel ... and Beyond beschreibt er seine 40 Jahre als Mitglied des berüchtigtsten Bikerclubs der Welt. Von der Gründung des Ventura Charters in Kalifornien über das Tragen des Olympischen Feuers für die Spiele von Los Angeles bis hin zu seiner eigenen History-Channel-Serie, Outlaw Chronicles, ist Christie vielleicht zum bestimmenden (wenn auch umstrittenen) öffentlichen Gesicht einer zutiefst polarisierenden Gruppierung geworden.

George Christie 1976—etwa zu der Zeit, als er vollwertiges Mitglied der Hells Angels wurde | Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung des Autors

Wie zu erwarten geriet er über die Jahre auch immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Unter anderem wurde Christie eines Auftragsmordes an einem Anführer der Gefängnisgang der mexikanischen Mafia beschuldigt, 1987 aber schließlich freigesprochen. 2011 wurde er wegen eines Brandbombenanschlags auf rivalisierende Tattoo-Studios verhaftet, der sich vier Jahre davor ereignet hatte. Er bekannte sich in einem Anklagepunkt schuldig und musste daraufhin für etwa ein Jahr ins Gefängnis. Ungefähr zu dieser Zeit, sagt Christie, habe er sich dazu entschieden, die Organisation, die so etwas wie seine Heimat gewesen war, zu verlassen. Die Trennung wurde ziemlich schnell ziemlich schmutzig. Es kursieren Gerüchte, dass er als Informant zur Regierung übergelaufen und deswegen vom Club zum Austritt gezwungen worden war.

VICE hat sich mit Christie unterhalten, um zu erfahren, was es bedeutete, ein Hells Angel zu sein, warum er dem Club schließlich den Rücken zukehrte und wie sich sein Leben seitdem verändert hat.

George Christie trägt 1984 das Olympische Feuer in Kalifornien

VICE: Was hat die Hells Angels und Outlaw Motorcycle Clubs generell für dich so attraktiv gemacht?
George Christie: Ich hatte das Gefühl, dass es da tatsächlich einen Ehrenkodex gab—egal, was der Rest der Gesellschaft davon hielt. Das waren Typen, denen ich vertrauen konnte. Ich wusste, dass sie, wenn ich ihnen etwas anvertraue oder etwas erzähle, das nicht gegen mich verwenden würden. Es war sehr esoterisch und abgeschottet. Sobald sie dich akzeptiert hatten und man dich kannte, hattest du eine echte Familie und ein erweitertes Zuhause. Ich konnte überall in Kalifornien hingehen und hatte immer eine Couch zum Schlafen und einen Platz, um an meinem Bike zu schrauben.

Es war wie eine einzige große Party—und damit meine ich nicht, dass wir die ganze Zeit voll waren. Wir kamen gerade aus den 60ern in die 70er und diese ganze Gegenkultur-Sache war etwas verunsichernd. Hier war dann aber ein Zusammenschluss von Individuen mit klaren Regeln, an die du dich zu halten hattest. Ehre, Selbstrespekt und Disziplin waren die Eckpfeiler. Viele Menschen werden das komisch finden, aber darum ging es im Grunde.

Du warst früher als bekannter Sprecher der Gruppe das Yin zu Sonny Bargers [Hells-Angels-Anführer] Yang. Wie ist diese Beziehung zum Erliegen gekommen?
Es gab eine Zeit, in der ich wirklich zu Sonny aufgeschaut habe. Bei meinem ersten Gefängnisaufenthalt machte ich aber eine interessante Entdeckung. Ich war im FCI Terminal Island gelandet und fragte einen der Brüder im Hof: "Mit wem haben wir hier drinnen eigentlich ein Problem?" Und der meinte nur: "Wir kämpfen nicht im Gefängnis."


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Mit Clubs, mit denen wir uns auf der Straße im Krieg befanden, hatten wir dort drinnen kein Problem—wir konnten sogar mit ihnen interagieren. Als ich 1987 wieder rauskam, begann ich, viele unterschiedliche Clubs zu kontaktieren. Ich handelte Waffenruhen mit den Outlaws, den Bandidos und den Mongols aus. Selbst mit den Pagans habe ich ein paar Mal gesprochen. Das war meine Vision und ich glaube, dass Sonnys Interessen nicht über seinen kleinen Horizont hinausgingen.

Warum hast du dem Club dann letzten Endes den Rücken zugekehrt?
Ich hatte das Gefühl, dass wir selbst zu den Menschen geworden waren, gegen die wir rebelliert hatten. Und genau das habe ich ihnen auch beim Treffen gesagt, als ich gegangen bin. Es gab mal Zeiten, in denen wir mit allen Clubs an der Küste kommunizieren konnten, 2011 bekämpften wir aber jeden größeren Outlaw-Biker-Club in den Vereinigten Staaten—plus die Strafverfolgungsbehörden. Manche Leute hatten dadurch die ursprüngliche Intention des ganzen Outlaw-Lifestyles aus den Augen verloren. Es war viel militärischer geworden—wie eine Armee, die gegen eine andere Armee kämpft.

Hattest du immer schon vorgehabt, ein Buch über deine Zeit bei den Angels zu schreiben, und hattest du so viel Gegenwind erwartet?
Nachdem ich den Club 2011 verlassen hatte, war ein Haufen Fehlinformationen über mich im Umlauf gebracht worden. Ich hatten den Club [formell] verlassen. Ich bin zum Treffen gegangen und habe alles so gemacht, wie es sich gehört. Ich habe mich an das Protokoll gehalten, allen gegenüber gesessen und gesagt, dass ich der Meinung bin, dass wir unterschiedliche Visionen haben und ich aussteigen werde. Ich löste meinen Aufnäher ab, faltete ihn zusammen und legte ihn auf den Tisch. Jeder schien meine Position zu verstehen. Ein paar Wochen später bestand dann Sonny Barger darauf, meinen Status ändern zu lassen. Ich erhielt einen Anruf, dass ich nicht länger "out in good standing" war—ich war "out in bad" ohne jeglichen Kontakt.

Sie starteten eine Social-Media-Kampagne, um mich zu diffamieren, und plötzlich waren da Leute, die ich noch nie zuvor gesehen hatte und die noch nicht mal Clubmitglieder waren—man kann sie vielleicht als lose Verbündete oder Fans oder was auch immer bezeichnen. Jedenfalls sind die auf mich losgegangen, haben mich beschuldigt und was sonst noch. Ich entschied mich schließlich dazu, einige Dinge gerade rücken zu wollen.

Waren ein paar zerbrochene Freundschaften alles oder gab es noch mehr?
Wenn sie mir den Status "out bad" geben wollen, habe ich kein Problem damit. Sie behaupten aber auch, dass ich ein Informant sei, was einfach nicht stimmt. Gegen wen soll ich denn ausgesagt haben und bei welchen Gerichtsverhandlungen? Es gibt keine Unterlagen über mich. Die Staatsanwaltschaft hält meine Gerichtspapiere [über die Beschuldigung zur Brandstiftung und Verschwörung zur Brandstiftung gegen gegnerische Tattoo-Studios] unter Verschluss, weil zehn Informanten darin genannt werden. Von diesem Moment an wurden alle Unterlagen unter Verschluss gehalten. Das passiert ständig und ich war der einzige, der ins Gefängnis musste.

Was ist so schlimm daran "out bad" zu sein? Es klingt so, als würde das immer noch über dir schweben.
In der Welt der Outlaw-Clubs ist der Status "out bad" ohne Kontakt wie ein Stigma—sie wollen nicht, dass irgendjemand mit dir interagiert oder spricht. Clubmitglieder, mit denen ich nach meinem Weggang noch ein freundschaftliches Verhältnis hatte, würden ihre Mitgliedschaft riskieren, wenn sie mit mir sprechen.

Als ich wegging, erinnerte mich das an eine Scheidung. Am Anfang wollten alle freundlich und entgegenkommend sein. Sie waren nicht glücklich über meine Entscheidung, aber sie verstanden es. Mit der Zeit wurde der Ton dann aggressiver und die Situation für mich ungemütlich. Das Telefon klingelt, du gehst dran und am anderen Ende ist einer deiner ehemaligen Brüder, der dir sagt, dass ihr nicht länger Freunde seid. Weil ich nicht gerade viele Freunde außerhalb des Clubs hatte, war das mein ganzes Leben. Das war schon eine bittere Pille, die ich zu schlucken hatte.

Christies Buch erscheint am 20. September hier.