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Klimakrise: Millionen Menschen müssen fliehen – und keiner weiß, wohin

Mit Dutzenden oder gar Hunderten Millionen Klimaflüchtlingen rechnen Forschende bis 2050. Das Problem: Wer vor Hungersnot und Dürre flieht, hat kein Recht auf Asyl.

von Izzie Ramirez
17 September 2019, 10:33am

Migranten aus Mittelamerika stehen auf dem Weg in die USA  in einem Übergangslager für Essen an, Irapuato, Mexiko, November 2018 | Foto: Alfredo Estrella/AFP/Getty Images

Als er seine Familie nicht mehr ernähren konnte, beschloss Gilberto Ysaias, sein Land zu verlassen. Die immer heißeren Sommer in Honduras hatten die Ernte des indigenen Bauern massiv verkleinert. Hinzu kam der Druck durch die kriminelle Bande MS-13, die ihn erpresste. Weil er nicht genug Geld aufbringen konnte, versuchte die Gang, seinen 11-jährigen Sohn zu rekrutieren. Doch Ysaias hatte gehört, dass Menschen in den USA Asyl erhalten können, also packten er und sein Sohn ihre Taschen und wanderten zur texanischen Grenze: mehr als 3.200 Kilometer zu Fuß.

Im März erreichten Vater und Sohn US-amerikanischen Boden. Sie wurden in Gewahrsam genommen, sollten abgeschoben werden. Inzwischen sind die beiden bei einem Bürgen untergekommen und warten. Ein Gericht soll entscheiden, ob die Bandengewalt in Honduras ihnen ein Recht auf Asyl gewährt. Um Ysaias und seine Familie zu schützen, haben wir seinen Namen geändert


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Es klingt absurd, aber ohne die kriminelle Bande wären Ysaisas und sein Sohn vermutlich schon zurück nach Honduras geschickt worden. Denn die Klimakrise, die Ysaisas Ernte zunichte gemacht hat, ist in keinem Land der Welt ein anerkannter Grund für Asyl.

"Letzten Sommer gab es einen extrem heißen Monat, die Hälfte aller Pflanzen starb", schreibt Ysaias in einer Stellungnahme. "Aufgrund der Hitze pflanzen Bauern immer weniger Früchte an, sondern Gras für Rinder." Dadurch gebe es weniger Arbeitsplätze.

Schätzungen reichen von 25 Millionen bis 1,5 Milliarden Flüchtlinge

Das Verteidigungsministerium der USA bezeichnet den Klimawandel als "Bedrohungsmultiplikator". Das heißt, er kann bestehende Probleme verschlimmern, zum Beispiel Armut, gewaltsame Konflikte und politische Instabilität. Forschende der Stanford University schätzen: Die Schere zwischen den reichsten und ärmsten Ländern der Welt wäre ohne die Klimakrise um ein Viertel geringer. Viele Menschen werden wegen der Klimakrise ihre Heimat verlassen müssen.

Die Internationale Organisation für Migration gehört zu den Vereinten Nationen und hat Schätzungen über die Anzahl der Klimaflüchtlinge ausgewertet. Einem Bericht aus dem Jahr 2014 zufolge schwanken die Schätzungen stark. Bis zum Jahr 2050 können es demnach zwischen 25 Millionen und 1,5 Milliarden Menschen sein. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace schätzt, es könnten 200 Millionen Klimaflüchtlinge bis zum Jahr 2040 sein.

Ein Grund für die starken Unterschiede in den Schätzungen: Es ist kaum seriös abzuschätzen, welche Folgen allein Dürren und Wassermangel nach sich ziehen können. Wird es dadurch Bürgerkriege geben? Und wie viel können technologische Gegenmaßnahmen bewirken? Klar ist: Viele Klimaflüchtlinge werden aus den ärmsten Staaten der Welt kommen, die am wenigsten Schuld an der Klimakatastrophe tragen.

Warum Klimawandel kein Asylgrund ist

Gianvito Grieco ist Anwalt am texanischen Refugee and Immigrant Center for Education and Legal Services (RAICES) und hat an Ysaias' Fall gearbeitet. "Diese Menschen kommen vordergründig wegen Ursachen, die als Asylgrund anerkannt sind", sagt er gegenüber VICE. "Doch die Wurzel des Ganzen ist eigentlich der Klimawandel."

Obwohl das Wort "Klimaflüchtling" längst durch die Nachrichtenmedien geistert – im internationalem Recht gibt es diese Bezeichnung nicht. Grundlage ist das UN-Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge von 1951, auch bekannt als Genfer Flüchtlingskonvention. Sie definiert einen Flüchtling als eine Person, die das Land ihrer Staatsbürgerschaft verlässt, und zwar "aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung". Die Flüchtlingskonvention hilft Menschen, die politisch verfolgt werden. Sie hilft aber nicht Menschen, deren Ernten vertrocknen oder deren Häuser durch Überschwemmungen zerstört werden.

"Die aktuelle Definition umfasst keine Fälle, in denen das Heimatland einfach zu heiß geworden ist oder die Ernten zu klein ausfallen", sagt Grieco. Deshalb stoßen sich auch viele Juristinnen und Juristen an der Bezeichnung "Klimaflüchtling". Auch legt das Wort einen Fokus auf Menschen, die in ein anderes Land migrieren – dabei bewegen sich viele Betroffene auch innerhalb der Grenzen ihres Landes.

"Juristisch gesehen gehen mit der Bezeichnung 'Flüchtling' gewisse Rechte und Vorteile einher", schreibt Phillip Dane Warren, Jurist an der Columbia University, 2016 in der Columbia Law Review. "Doch fast alle Klima-Migranten sind vom konventionellen Flüchtlingsstatus ausgeschlossen."

"Migration ist das menschliche Gesicht des Klimawandels"

Inzwischen gehen Aktivistinnen gegen die enge Definition der Bezeichnung "Flüchtling" vor. Ein Vorreiter ist Ioane Teitiota, ein Bürger des mikronesischen Inselstaats Kiribati. Er bat im Jahr 2014 Neuseeland um Asyl – als weltweit erster Mensch, der die Klimakrise als Asylgrund angab. Der Inselstaat Kiribati wird nämlich voraussichtlich durch den steigenden Meeresspiegel verschwinden. Doch das Oberste Gericht von Neuseeland wies Teitiota ab – und berief sich dabei auf die Genfer Flüchtlingskonvention. Teitiota wurde wieder nach Kiribati abgeschoben.

"Es ist ein zweischneidiges Schwert", sagt der texanische Anwalt Grieco. "Wollen wir das Gesetz ändern und Zugeständnisse riskieren – oder suchen wir im jetzigen Rechtssystem einen Platz für die Klimaflüchtlinge?"

George Benson ist Stadtplaner im kanadischen Vancouver und möchte kanadische Städte auf Klimaflüchtlinge vorbereiten. Gemeinsam mit drei Kollegen gründete er das "Climate Migrants and Refugees Project". Eine Herausforderung für Benson und seine Mitstreiter: Viele Menschen, die vor widrigen Umweltbedingungen fliehen, nennen sich noch nicht "Klimaflüchtlinge". Es sei schwierig, sich für eine Gruppe Menschen einzusetzen, die selbst nicht wisse, dass sie existiert, sagt Benson.

"Klimamigration ist das menschliche Gesicht des Klimawandels", sagt Ama Francis, die an der Columbia University zu Klimarecht forscht. "Im Vordergrund steht die Frage, wie man Migrantinnen und Migranten das Leben erleichtern und ihnen rechtliche Lösungen bieten kann." Francis stammt aus dem kleinen Inselstaat Dominica in der Karibik, wo zunehmend Hurrikane wüten. "Man nennt Dominica auch 'die Naturinsel der Karibik', und diesen Titel halte ich für wohlverdient", sagt Francis. "Mehr als die Hälfte der Insel steht unter Naturschutz, aber der Klimawandel ist für uns eine neue Herausforderung."

After Hurricane Maria
Neun von zehn Häusern wurden zerstört, als Hurrikan Maria 2017 über Dominica hinwegfegte | Foto: Michael Lees

Wie auch Puerto Rico wurde Dominica im Jahr 2017 von Hurrikan Maria verwüstet. Der Premierminister Roosevelt Skerrit bezeichnete seinen Staat als "Kriegsgebiet". Neun von zehn Wohnhäusern wurden zerstört, jede fünfte Person verließ nach dem Sturm die Insel. "Meine eigene Mutter musste auf die Nachbarinsel St. Kitts migrieren", sagt Francis. "Meine Oma blieb in ihrem Haus, obwohl es kein Dach mehr hatte." Francis' Mutter zog schließlich von St. Kitts in die USA und schließlich nach Barbados.

Wie Donald Trump die weltweite Klimapolitik bremst

Nach der Katastrophe sollte Dominica die erste "klimaresistente Nation" der Welt werden. Die Schäden von Hurrikan Maria werden auf 1,3 Milliarden Dollar geschätzt. Aktuell arbeitet der Inselstaat mit der Weltbank zusammen, um den Finanzsektor zu entwickeln. Außerdem möchte die Insel geothermische Energie aus erneuerbaren Quellen gewinnen. "Wir wollen Klima-Anführer sein, statt Klima-Opfer", sagt Francis.

Mehr als 150 Länder versuchen aktuell, das Problem der klimabedingten Migration zu lösen. Im Jahr 2015 rief das Übereinkommen von Paris zur Gründung einer Arbeitsgruppe auf, die sich mit "Vertreibung im Zusammenhang mit den negativen Folgen des Klimawandels" beschäftigt. Die neuseeländische Regierung sprach 2017 von Plänen, vertriebenen Menschen aus Pazifikstaaten ein Visum zu geben.

Die USA dagegen fallen beim Thema Klimamigration nicht positiv auf. 2018 enthielten sich die USA bei einer Abstimmung über den UN-Migrationspakt. Der Pakt sollte Risiken und Gefahren für Migrantinnen verringern. Auch haben die USA unter Präsident Trump vor, aus dem Pariser Klimaabkommen auszutreten. Hinzu kommen Trumps rabiate Maßnahmen, um die Zahl der Einwanderer zu minimieren.

Stadtplaner Benson sieht in dieser Art von Politik keine Zukunft. "Es gibt Menschen, die sich allen sinnvollen Klimagesetzen in den Weg stellen", sagt er. "Sie fordern lautstark, dass Einwanderung eingeschränkt oder gestoppt werden soll, weil sie nicht wollen, dass mehr Menschen in ihre Länder kommen."

Gallardo, die Aktivistin aus Arizona, sieht in Migration sogar einen Gewinn für ein Land und nimmt sich selbst als Beispiel. "Wir setzen uns für Bildung ein, für gerechte Löhne, für die Gesundheitsversorgung", sagt sie. Immerhin, eine Sache stimme Gallardo hoffnungsvoll. "Je mehr die Trump-Regierung versucht, die Menschen gegeneinander aufzubringen, desto mehr kommen wir zusammen."

Izzie Ramirez ist Journalistin und Fotografin mit den Schwerpunkten Protest und Klimamigration. Folge ihr bei Twitter.

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