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Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Matteo Dalena

Die antifaschistischen Sexarbeiterinnen, die keine Angst vor Mussolini hatten

Claudia Torrisi

Warum viele "unmanierliche" Frauen ihre Stimme gegen das faschistische Regime erhoben.

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Matteo Dalena

Am 8. Mai 1937 gegen Mittag schaltete Teresa Pavanello das Radio im Wartebereich des Bordells ein, das sie in Neapel betrieb. Nachdem eine Rede des Faschistenführers Benito Mussolini verklungen war, verkündete sie vor versammelter Kundschaft und Belegschaft, wie unfassbar korrupt Mussolinis Regierung doch geworden sei. Plötzlich war es totenstill und diverse Freier packten ihre Sachen und verließen empört über ihre Bemerkung das Etablissement. Zu den verärgerten Kunden gehörte auch ein Mitglied der Schwarzhemden – Italiens faschistischer Miliz. Der Mann meldete Pavanello bei den Behörden, sie wurde verhaftet und als "unzurechnungsfähig, verwirrt und aggressiv" diagnostiziert. Das Gericht verurteilte sie zu mehreren Jahren in einer Heilanstalt.

Während der faschistischen Herrschaft in Italien – von 1922 bis 1943 – landeten viele Sexarbeiterinnen und andere als unmoralisch betrachtete Frauen in der offiziellen Regierungskartei der "Staatsfeinde". Auf dieser Liste landeten die Namen italienischer Bürger, denen nachgesagt wurde, dass sie die öffentliche Sicherheit gefährden, weil sie Mussolinis Regeln für eine moralische Gesellschaft nicht befolgten. Diese Regeln reichten weit über Bereiche wie das Sexualverhalten hinaus. Frauen, die keine weiteren Kinder haben wollten oder die sich nicht angemessen um die bereits vorhandenen kümmern konnten, wurden ebenfalls als "Abweichlerinnen" weggesperrt.


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Aber Teresa Pavanellos ist nur eine von vielen italienischen Sexarbeiterinnen, die in dieser Liste landeten, weil sie es gewagt hatten, ihre Stimme gegen Mussolini zu erheben. Der Historiker und Journalist Matteo Dalena hat diese Fälle für sein neues Buch Puttane antifasciste nelle carte di polizia ("Antifaschistische Prostituierte in Polizeiunterlagen") unter die Lupe genommen. Ich habe mit Dalena über sein Projekt gesprochen.

VICE: Was hat dich zu deinen Nachforschungen inspiriert?
Matteo Dalena:
Als Historiker und Journalist habe ich das Bedürfnis, die Geschichten von Menschen zu erzählen, die von der Gesellschaft ignoriert und marginalisiert werden – vor allem die Geschichten von Frauen. Unter Mussolini konnten Menschen jahrelang in Anstalten weggesperrt werden, wenn sie nicht den Moralvorstellungen der Regierung entsprachen. Das betraf insbesondere Sexarbeiterinnen. Als ich mir aber ihre Akten anschaute, entdeckte ich, dass viele nicht einfach nur wegen ihres Berufs verhaftet worden waren, sondern weil sie das faschistische Regime infrage gestellt hatten. Wenn sie das Gefühl hatten, diskriminiert zu werden, prangerten sie offen das Regime dafür an, was nicht selten schwere Strafen nach sich zog.

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Hatten diese Frauen ein höheres politisches Bewusstsein als die damalige Durchschnittsitalienerin? Oder hatten sie aufgrund ihres sozialen Status ohnehin das Gefühl, nicht viel zu verlieren zu haben?
Ich würde sagen, ein bisschen von beidem. Sie waren in erster Linie wohl einfach sauer darüber, wie sie von der Regierung behandelt wurden. Das waren oft Frauen, die in schroffen Verhältnissen aufgewachsen waren und als unmanierlich galten. Das hieß gleichzeitig, dass sie nicht viel Respekt für Autoritäten oder die feine Gesellschaft hatten. Sie hatten kein Problem damit, sich zu äußern, sobald sie sich respektlos behandelt fühlten.

Welchen Stand hatte die Prostitution damals?
Prostitution war legal, musste aber in sogenannten "geduldeten Sex-Alkoven" stattfinden – das waren Bordelle mit strengen Auflagen. Die Sexarbeiterinnen mussten sich zum Beispiel alle zwei Wochen untersuchen lassen. Wenn die Frauen sich irgendwie unpassend verhielten, wurden sie festgenommen und wegen "Störung der öffentlichen Ordnung" verhaftet. Wenn sie dann nach ihrer Festnahme das faschistische Regime kritisierten, verschlimmerten sie ihre Lage in der Regel. Die Strafen dafür waren sehr hart.

Maria Degli Esposti wurde in ihrer Akte als "obdachlose antifaschistische Prostituierte" geführt

Wozu wurden sie genau verurteilt?
Eine der gängigsten Strafen war Isolationshaft – für bis zu drei Jahre. Diese mussten die Frauen in Anstalten absitzen, die sich in abgelegenen Dörfern befanden, weit entfernt von ihrem Zuhause. Selbst damals galt Isolationshaft als extrem, aber diese Frauen waren verletzlich und hatten niemanden, der sie verteidigte. Sobald sie ihre Strafe abgesessen hatten, kehrten einige wieder zurück zur Prostitution, viele wurden allerdings erneut verhaftet und landeten wieder in einer Anstalt.

Konntest du auch etwas über die Hintergründe der inhaftierten Sexarbeiterinnen herausfinden?
Leider ist nicht viel über sie bekannt. Aus den Akten wird klar, dass einige nebenbei auch noch andere Jobs hatten als Kellnerinnen, Näherinnen und Empfangsdamen.

Ein Brief an Mussolini, in dem die Absenderin darum bittet, aus dem "Staatsfeinde"-Register entfernt zu werden

Bist du bei deinen Recherchen auf ein Schicksal gestoßen, das dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Ja, die Geschichte von Maria Degli Esposti hat mich sehr berührt. Nachdem sie 1928 in Bologna für den Verstoß gegen die "Sittlichkeit" verhaftet worden war, sagte sie zu dem Polizeibeamten: "Wenn Mussolini tot wäre, würden Sie mich nicht verhaften."

Sie wurde daraufhin als "verrückt und paranoid" diagnostiziert und in den Akten als "obdachlose antifaschistische Prostituierte" vermerkt. Ihre Bemerkung hat ihr am Ende mehr als zehn Jahre in einer Anstalt eingebracht. Das kann man sich kaum vorstellen. Nur für diesen einen Satz wurde sie über ein Jahrzehnt eingesperrt.

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