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Wie ich zum Mörder wurde

"Ich sitze hier in dieser dunklen, engen Zelle, kann nicht schlafen und kriege meine Tat nicht aus dem Kopf. Ich kann nicht anders, als mich selbst dafür zu hassen."

von Jason Rodriguez​​
12 September 2016, 11:53am
Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit The Marshall Project veröffentlicht

Ich zittere. Ich schreie. Mein Herz hämmert. Ich springe aus dem Bett, aber die Metallwände kommen sofort auf mich zu.

Ich strecke die Hände nach den dicken Gitterstäben vor mir aus.

"Hilfe! Ist da jemand?"

Eine Stimme dringt zu mir wie durch wie aus weiter Ferne.

"Alles gut, Jason. Tief atmen. War nur ein Albtraum."

Ich bin wach und befinde mich in einem Raum, der etwa doppelt so groß ist wie ein Bett, mit einer Stahltür, die von unsichtbarer Hand geöffnet und geschlossen wird. Von der Metalloberfläche meines Betts trennt mich nur eine dünne Plastikmatratze. Auf den Wänden sind dicke Schichten grüner Schutzfarbe, überlagert von unzähligen mysteriösen Flecken.

Ich habe Angst davor, wieder einzuschlafen, aber ich will auch nicht die Zellwände anschauen, also ziehe ich mir die Decke über den Kopf und versuche, doch noch einzupennen. Sogar Albträume sind mir lieber als dieser Laden.

Vor vier Stunden ist das Stahlgitter hinter mir zugeschlagen. Das tut es jeden Tag seit 18 Jahren. Aber an das Geräusch habe ich mich immer noch nicht gewöhnt. Es erinnert mich jedes Mal daran, warum ich überhaupt hier bin.

Jeder Übergriff gab mir das Gefühl, mein Leben gehörte nicht mir selbst.

Es war Juli 1997. Ich war 18 Jahre alt und lebte in dem Viertel Sunset Park in Brooklyn. Keine Vorstrafen. Mein Stiefvater hatte eine ernste Kokain- und Alkoholsucht, und ich fürchtete mich jeden Tag vor seiner Rückkehr aus der Arbeit.

Wenn ich fernsah, als er gerade wollte, ohrfeigte er mich, würgte mich, schlug mir so hart in den Bauch, dass ich nur noch dalag und weinte und nach Luft schnappte. Wenn ich mein Abendessen nicht schaffte, drückte er mir den Rest ins Gesicht und zwang mich dazu, mich nackt in die Ecke zu knien, das Gesicht gegen die Wand gedrückt. Dabei musste ich immer wieder sagen: "Ich gestehe meinen Fehler ein. Es tut mir leid, Sir."

Mein Stiefvater beruhigte sein Gewissen nicht mit Geschenken oder Zuneigung, wie man es öfter von Missbrauchern hört. Stattdessen zwang er mich obendrein zu sexuellen Handlungen.

Jeder Übergriff gab mir das Gefühl, mein Leben gehörte nicht mir selbst.

Ich fing an, Drogen zu nehmen, um mich zu betäuben. Zwei Jahre bevor ich ins Gefängnis wanderte, begegnete ich einem Typen namens Steven.

Als Steven mich auf den Kieker nahm und mich mobbte, weil ich so dürr war und mich nicht so kleidete wie er, wehrte ich mich nicht. Ich war es gewöhnt, still damit umzugehen, wenn jemand mich missbrauchte, egal wie wütend es mich machte. Er nannte mich Feigling und drohte mir damit, meine "scheiß Fresse einzuschlagen", wenn ich ihn nur mal falsch anschaute. Er nahm mein Geld, ohrfeigte mich, bewarf mich mit Steinen, verprügelte mich mit einem Stahlrohr—er tat einfach alles, um sich dominant zu zeigen. Die Monate vergingen und ich versuchte, ihm aus dem Weg zu gehen, indem ich in einem anderen Block abhing. Doch er kam mir hinterher.

Ich wurde depressiv. Paranoid. Ich fing an, infrage zu stellen, ob mein Leben überhaupt Sinn hatte. Ich stellte mir vor, wie ich mich umbringen könnte.

An dem Abend, als ich es durchziehen wollte, kontaktierte ich zwei Freunde. Einer sollte Alkohol kaufen (ich war ja noch keine 21) und der andere sollte Marihuana mitbringen. Sie versprachen, mich um 20 Uhr abzuholen.

Meine Mutter döste sich gerade durch einen Heroinrausch, als ich in ihr Zimmer schlich. Ich öffnete den Wandschrank und durchwühlte ihre Kleidung, bis ich die Holzkiste fand. Darin lag die Pistole, mit der mich mein Stiefvater bedrohte, wenn ich ihm mal Widerworte gab oder jemandem von dem Missbrauch erzählte.

Ich schloss die Kiste und stand einen Augenblick da, regungslos im dunklen Schlafzimmer. Dann öffnete ich sie wieder und steckte die Pistole in meine Tasche, ein schweres Gewicht in meinem Hosenbein.

Miguel und Israel* holten mich ab und wir fuhren zum Schnapsladen, wo Israel uns etwa zwei Liter Rum kaufte. Dann setzte er uns in einem nahegelegenen Park ab, bevor er seine Schicht als Taxifahrer beenden ging. Bald hatte ich eine ganze Flasche geleert. Wir fingen an, Blunts zu rauchen.

Ich dachte an meine Schwester, Lenamarie. Sie wusch und bügelte meine Sachen und sorgte dafür, dass ich nie hungrig zu Bett gehen musste. Nachts erzählte sie mir oft Geschichten. Sie versuchte sogar, mich vor dem Missbrauch durch unseren Stiefvater zu beschützen, aber dann ohrfeigte und bedrohte er sie auch noch. Ich wollte ihr sagen, wie sehr ich sie liebe, und ihr danken. Vielleicht musste ich mich doch verabschieden.

Als ich bei Lenamarie ankam, merkte sie sofort, wie betrunken ich war, und verlangte, dass ich bei ihr übernachtete. Sobald sie aufs Klo musste, riss ich wieder aus.

Die Selbstmordgedanken waren überwältigend.

Miguel und ich stießen wieder zu Israel und ich sagte den beiden, sie sollten mich am Park absetzen. Wir hielten noch an einem Kiosk, damit die beiden sich Bier und Zigaretten holen konnten, bevor sie nach Hause fuhren.

Ich stieg aus dem Auto, um ein bisschen an der frischen Luft zu sein. Alles drehte sich von dem Rum und dem Gras.

Als ich mich umsah, bemerkte ich auf einmal lauter bekannte Gesichter aus meiner Kindheit. In jeder Ecke schienen Monster auf mich zu lauern. Ich war außer mir vor Angst. Und dann sah ich eine Mischung aus Steven und meinem Stiefvater, die auf mich einschlug und -trat. Ihre Gesichter liefen ineinander und vermischten sich in meiner Vorstellung. Das Blut rauschte in meinen Ohren.

Ich holte meine Pistole raus und schloss die Augen. Es gab einen lauten Knall—das Geräusch lässt mich bis heute nicht los.

Ich öffnete die Augen und erwartete zu sehen, wie meine Seele meinen Körper verlässt, oder vielleicht ein blendendes Licht. Stattdessen sah ich jemanden am Boden liegen.

Heute denke ich, vielleicht hatte er auch einen Elternteil, der ihn missbraucht hat. Vielleicht hat jemand ihm wehgetan und deswegen hat er mir wehgetan. Ich weiß es nicht.

Ich sitze hier in dieser dunklen, engen Zelle, kann nicht schlafen und kriege meine Tat nicht aus dem Kopf. Ich kann nicht anders, als mich selbst dafür zu hassen. Dafür, dass ich selbst eins von den Monstern geworden bin.

Ich denke an Steven. Tatsache ist, er hat mich gemobbt. Aber ich habe ihn umgebracht. Heute denke ich, vielleicht hatte er auch einen Elternteil, der ihn missbraucht hat. Vielleicht hat jemand ihm wehgetan und deswegen hat er mir wehgetan. Ich weiß es nicht.

Aber ich bin kaputt. Egal wie sehr ich mir wünsche, dass alles nur ein Albtraum war, das Geräusch der Gittertür, die ins Schloss kracht, erinnert mich immer wieder an die Wahrheit.

*Anmerkung: Israel bestreitet die Version, die Jason Rodriguez hier erzählt. Er behauptet, weder mit Rodriguez noch mit Miguel befreundet gewesen zu sein, als er sie vom Tatort aus im Taxi mitnahm. Weiterhin behauptet er, Rodriguez habe ihn nach dem Mord entführt und sein Funkgerät gestohlen.

Jason Rodriguez, 37, sitzt in der Shawangunk Correctional Facility in Wallkill im US-Bundesstaat New York. Er bekam 37,5 Jahre bis lebenslänglich für einen Mord, den er mit 18 beging. Er wurde außerdem wegen illegalen Besitzes einer tödlichen Waffe und Raubes mit schwerer Körperverletzung verurteilt. Rodriguez streitet ab, die letztgenannte Straftat begangen zu haben.