Drogen

Warum Menschen Drogen nehmen, obwohl sie wissen, dass es Mensch und Natur killt

Sind die 271 Millionen Drogenuser dieser Welt einfach egozentrische Arschlöcher?

von Maike Brülls
23 Oktober 2019, 8:11am

Collage aus: Regenwald: imago images / Nature Picture Library; Kokser: imago images / Medicimage; Koks: Flickr

Drogen nehmen ist ziemlich scheisse. MDMA-Hersteller kippen tonnenweise Aceton und Salzsäure in die Natur, die sie für die Produktion benötigen. Der Anbau von Schlafmohn in Wüstenregionen lässt die Erde versalzen und den Grundwasserspiegel absinken. Drei zusammengehörende Studien zeigen, dass Drogenhändler in Mittelamerika grosse Teile des Regenwaldes abholzen. Und abgetöteter Regenwald bedeutet weniger gespeicherter Kohlenstoff, bedeutet höherer Treibhausgas-Effekt, bedeutet Klimawandel.

Apropos Kokain: Bevor du überhaupt deine erste Line ziehen kannst, sind mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits Menschen in der Lieferkette gefoltert, vergewaltigt und ermordet worden.

Trotzdem waren 2017 viele Leute drauf. Etwa 271 Millionen Menschen schnieften, spritzten, warfen illegale Drogen ein, so der Weltdrogenbericht der Vereinten Nationen. Besonders beliebt: Kokain. Innerhalb der letzten zehn Jahre ist die Menge der Produktion um 50 Prozent angestiegen. Ausgerechnet jene Droge, an der besonders viel Blut klebt, ziehen wir uns rein.


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Es drängt sich die Frage auf: Menschheit, was geht? Sind 271 Millionen Menschen auf der Welt egozentrische Arschlöcher, denen das Schicksal ihrer Umwelt, ihrer Mitmenschen und der Erde so scheissegal ist, dass sie trotzdem ziehen, rauchen, schlucken, ballern? Und das alles nur für den Kick, für den Augenblick?

Um das herauszufinden, telefoniere ich mit Johannes. Wie alle Menschen in diesem Text heisst der 31-jährige Berliner eigentlich anders. Er konsumiert, wie alle hier vorkommenden Personen, gelegentlich auf Partys, ist also nicht suchtkrank.

Alle zwei Wochen nimmt er Koks. Vor ein paar Monaten hat er an einer Studie der Universität Lund in Schweden teilgenommen. Ein Umweltwissenschaften-Student hat dort für seine Masterarbeit Menschen befragt, ob sie ihren Kokainkonsum ändern, wenn sie über die sozialen und ökologischen Konsequenzen Bescheid wissen. Bei Johannes lautet die Antwort: nein.

Vor seiner allerersten Line wusste er, dass das Zeug teuer, ungesund, und "unter sozialen Gesichtspunkten nicht so geil" ist. Aber er recherchierte nicht genauer. Heute liest er Artikel, schaut Fernsehberichte über Kokain. Johannes schaut also nicht weg – aber auch nicht richtig hin.

Schlechtes Gewissen nach dem Koksen

"Vielleicht ist es eine Art Selbstschutz, dass ich es gar nicht so genau wissen will. Weil ich dann ein noch schlechteres Gewissen kriege", sagt er.

Wie rechtfertigst du dann deinen Konsum vor dir selbst?, frage ich ihn.

"Ehrlich gesagt mache ich das gar nicht. Blöderweise. Ich mache mir eher hinterher Gedanken und habe dann schon immer ein schlechtes Gewissen. Ich bin mir komplett über die Umstände bewusst, aber in dem Moment ist es mir einfach völlig egal."

Johannes hat keine richtige Erklärung – und das sagt viel aus. Natürlich ist es egoistisch; es ist leichter, seine Bedenken zur Seite zu schieben, die Augen zu verschliessen, wenn man das Privileg hat, dass niemand aus dem eigenen Freundinnenkreis von Kartells verschleppt wird. Die Probleme der Produktion sind sehr weit weg.

Aber er tut sich auch schwer mit meinen Fragen. Er stammelt und druckst herum. Es ist das klassische Spannungsfeld: Johannes will einfach ein paar gute Stunden verbringen. Gleichzeitig weiss er, dass sein Vergnügen anderen Menschen das Leben kostet und ein Teil der Verantwortung auch bei ihm liegt.

Dann aber kommt wieder "der Moment", wie er ihn nennt, wo er doch wieder zum Röhrchen greift. Meist hat er schon ein paar Drinks getrunken und erinnert sich an das Kokain-High, wie euphorisch und leicht er sich dadurch fühlt. Er sieht seinen Freunden an, dass sie gerade den gleichen Gedanken haben, dass sie einfach alle einen guten Abend haben wollen.

Ist der Rausch mit Freunden so fantastisch, dass er all den Scheiss, der an den Stoffen hängt, rechtfertigt? Für Johannes schon.

Auch Lora schwärmt von diesem Zauber einer gemeinsam durchfeierten Nacht. Sie ist eine Freundin von mir. Sie ist 29 Jahre alt, hat Umwelttechnik studiert. In ihrem Badezimmer findet man Seifen und kaum Plastikflaschen. Sie kauft oft auf dem Markt ein und lebt vegetarisch. Sie weiss um ihre Verantwortung als Konsumentin. Kokain nimmt Lora nicht, "der CO2-Footprint ist zu hoch." Dafür aber LSD, Ecstasy und MDMA. Damit unterstützt sie auch die Gewalt der organisierten Kriminalität, sie nimmt hin, dass Abfallprodukte in der Natur landen.

Wie passt das mit ihrem ökologischen Bewusstsein zusammen?

"Drogenkonsum ist für die Umwelt nicht so problematisch", sagt sie. "Man muss die Drogenproduktion auch im Verhältnis sehen, etwa zur Fleisch- oder der Modeindustrie. Ausserdem: Mein Konsum ist so gering. Auf andere Dinge zu verzichten hat einen grösseren Impact."

Lora wirkt sicher in ihrer Analyse. Ich merke, dass sie – anders als Johannes – schon viel darüber nachgedacht hat. Sie steht zu ihrem Fazit. Auch, wenn sie mir dafür keine wissenschaftliche Grundlage nennt. Aber ist Loras Haltung nicht ein Mix aus innerem Ablasshandel und Whataboutism? Zu sagen, man esse kein Fleisch und das sei eh nützlicher, als auf Drogen zu verzichten?

Für Lora überwiegt der Mehrwert der Drogen. "Ich erlebe damit solche Glücksgefühle. Ich kann bei einer Party positive Momente für die ganze nächste Woche sammeln."

Auf der anderen Seite ist ein CO2-neutrales, absolut nachhaltiges und faires Leben beinahe unmöglich. Will man sich nicht total geisseln, muss man irgendwo Abstriche machen. Die Schwierigkeit ist: Es gibt kaum Substanzen, die öko und fair sind – ausser, man baut sich sein Gras selbst an oder sammelt den Psilocybin-haltigen Pilz namens "Spitzkegeliger Kahlkopf" auf Weiden.

Ich spreche noch mit einer dritten Person. Inken ist um die 30 und arbeitet bei einer linken Organisation. Ich habe sie in einem Club kennengelernt. Fragen der sozialen Gerechtigkeit sind ihr wichtig. Trotzdem schnieft sie am Wochenende manchmal Kokain. Ihr ist klar, dass das nur über Kartelle zu ihr gefunden hat, dass die Arbeitsbedingungen noch schlimmer sind als diejenigen, für die sie auf die Strasse geht.

Sie sagt: "Die ganze Ausbeutung, das ganze Blut – die Verantwortung liegt nur bedingt bei mir. Wenn die Drogen legal wären, gäbe es dieses Problem gar nicht." Sie sieht nicht sich in der Pflicht, ihr Konsumverhalten zu ändern – sondern die Politik, endlich eine progressive Gesetzeslage zu Drogen umzusetzen.

Ich bin verwundert. Ist Inkens Standpunkt eine bequeme Ausrede? Sie, die sie auch auf Partys davon spricht, wie wichtig jede Einzelne in einer Demokratie ist, sieht sich selbst bei der Drogenfrage nicht als Rädchen im Getriebe. Und doch verstehe ich sie auch. Menschen sind eben nicht durch und durch rational und logisch, sondern ambivalent und von Bedürfnissen und Wünschen getrieben.

Eine regulierte Abgabe von Drogen könnte helfen

Trotzdem hat Inken Recht. Gäbe es eine regulierte Abgabe für Heroin in der Apotheke, könnte man Cannabis ab 18 Jahren in der Drogerie kaufen, müssten Menschen sich ihre Rauschmittel nicht auf dem Schwarzmarkt kaufen. Der Staat könnte überprüfen, unter welchen Bedingungen die Stoffe hergestellt werden – wie er das jetzt bei Medikamenten auch tut.

Das hat schon einmal gut funktioniert: beim Alkohol. Auch da hat die Prohibition in Amerika zu organisierter Kriminalität geführt und seitdem das Alkoholverbot vor 100 Jahren aufgehoben wurde, gibt es das Problem nicht mehr.

Bei den Drogen ist es ähnlich wie beim Fliegen: Jeder weiss, wie umweltschädlich es ist, ins Flugzeug zu steigen.

Manche haben ein schlechtes Gewissen, fliegen aber trotzdem nach Bali. Manche sagen, es gebe eh Schlimmeres. Andere fordern eine höhere Kerosinsteuer oder sagen, das Flugzeug fliegt ja eh.

Die Abwägungen bleiben gleich: Sind die Erfahrungen, die ich dadurch mache, so gut, dass ich sie nicht missen will? Kann ich es mit meinem Gewissen vereinbaren?

Die, mit denen ich gesprochen haben, haben ihre Konsumentscheidungen reflektiert und diese beiden Fragen für sich mit Ja beantwortet. Wie egozentrische Arschlöcher erschienen sie mir nicht. Ich sehe es wie Inken: Ein Grossteil der Verantwortung liegt nicht in ihrer Hand, sondern an höherer Stelle.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.

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