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Erderwärmung

Was ist dran am Klimawandel-Aufsatz, der seine Leser nachhaltig verstört?

Das Paper "Deep Adaptation: A Map for Navigating Climate Tragedy" haben mindestens 100.000 Menschen gelesen – und viele haben es nicht besonders gut vertragen.

von Zing Tsjeng
12 März 2019, 8:44am

Die Autorin mit dem "Deep Adaptation"-Aufsatz | Foto: VICE

"Wir sind im Arsch", sagte ein Bekannter letztens zu mir. "Der Klimawandel wird uns ficken. Ich habe ernsthaft überlegt, ob ich es einfach akzeptieren, aufs Land ziehen und dort die Apokalypse abwarten soll." Früher arbeitete er in der Werbung, heute ist er Vollzeit-Umweltaktivist. Ursache für seine drastischen Worte war ein wissenschaftlicher Aufsatz: "Deep Adaptation: A Map for Navigating Climate Tragedy" – "Fundamentale Anpassung: Eine Anleitung zum Umgang mit der Klimatragödie".

Über 100.000 Menschen sollen ihn schon gelesen haben – und bei vielen von ihnen hat er vor allem ein Gefühl zurückgelassen: Angst. Was steht also genau drin, in diesem Aufsatz, und was ist dran an seinen Thesen?

Geschrieben hat den Aufsatz Jem Bendell, Nachhaltigkeitsforscher an der University of Cumbria in Grossbritannien. Ende 2017 hatte er sich eine Auszeit aus dem Universitätsbetrieb genommen, um sich einen Überblick über den Stand der Klimaforschung zu verschaffen. "Ich wollte es richtig verstehen", sagt er am Telefon.


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Was er las, machte ihm Angst. "Die Befunde weisen darauf hin, dass wir uns auf zerstörerische und unkontrollierbare Ausmasse des Klimawandels zubewegen, die Hunger, Zerstörung, Bevölkerungswanderungen, Krankheiten und Krieg mit sich bringen werden", schreibt er in dem Aufsatz. "Unsere Verhaltensnormen – das, was wir 'Zivilisation' nennen – könnten sich auch auflösen."

"Es ist an der Zeit", schreibt er weiter, "Konsequenzen daraus zu ziehen, dass es zu spät ist, eine globale Umweltkatastrophe abzuwenden, die noch zu unseren Lebzeiten eintreten wird."

Für Bendell selbst ist "Deep Adaptation" weniger eine Vorhersage über die Zukunft unseres Planeten, als vielmehr eine ethische und philosophische Arbeit: "Je länger wir uns weigern, darüber zu sprechen, dass der Klimawandel bereits eingetreten ist und unser Leben beeinflusst, desto weniger Zeit bleibt uns für Schadensminimierung."

Von welchen Schäden spricht er? "Hunger ist der erste", sagt er und verweist auf die Ernteausfälle in Europa durch den ungewöhnlich heissen und trockenen Sommer 2018. "In Wissenschaftskreisen gilt 2018 momentan als Anomalie. Wenn man sich allerdings die Entwicklung der vergangenen Jahre anschaut, dann ist 2018 keineswegs ungewöhnlich. Es ist möglich, dass 2018 das neue Best-Case-Szenario ist."

"Je länger wir uns weigern, darüber zu sprechen, dass der Klimawandel bereits eingetreten ist und unser Leben beeinflusst, desto weniger Zeit bleibt uns für Schadensminimierung." – Jem Bendell

Das bedeutet in Bendells Augen, dass Regierungen beginnen müssen, Massnahmen für klimabedingte Schäden einzuplanen, wie zum Beispiel zusätzliche Nahrungsmittel zu produzieren und einzulagern.

In seinem "Deep Adaptation"-Aufsatz formuliert er das direkter:

Wenn ich von Hunger, Zerstörung, Bevölkerungswanderungen, Krankheiten und Krieg spreche, dann meine ich damit, dass das noch zu unseren Lebzeiten eintreten wird. Ohne Elektrizität kommt kein Wasser aus deinem Hahn. Du wirst auf deine Nachbarn für Essen und Wärme angewiesen sein. Du wirst unterernährt sein. Du wirst nicht wissen, ob du gehen oder bleiben sollst. Du wirst Angst haben, das andere dich töten, bevor du verhungerst.

Die meisten Forschenden teilen Bendells Zukunftsvisionen – mit Einschränkungen

Man muss keine Klimaexpertin sein, um schon mal von einigen Punkten gehört zu haben, mit denen Bendell seine finsteren Zukunftsaussichten begründet. Von den 18 wärmsten Jahren seit Beginn der Wetteraufzeichnung waren 17 nach 2000. Hitze und Trockenheit waren in Deutschland und Europa im Sommer 2018 besonders extrem. Forschende gehen davon aus, dass die Arktis in der Sommerzeit bald eisfrei sein könnte. Mit dem Eis würde eine wichtige Reflektionsfläche fürs Sonnenlicht verschwinden, was wiederum die Erderwärmung beschleunigen würde. Alle Industrienationen sind weit entfernt von der Einhaltung der selbstgesteckten Klimaziele.

Auch wenn "Deep Adaptation" für den Wissenschaftsbetrieb ungewohnt direkt erscheint, teilen viele Kolleginnen und Kollegen Bendells Einschätzung, jedenfalls zum Teil. Erik Buitenhuis ist leitender Forscher am Tyndall Centre for Climate Change Research. Er findet Bendells Schlussfolgerungen zwar etwas extrem, aber der generellen Einschätzung seines Aufsatzes stimmt er zu. "Ich denke tatsächlich, dass ein Zusammenbruch unserer Gesellschaft bevorsteht", sagt er, "aber dieser Prozess dürfte Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte dauern".

Das Wichtige sei, sagt Buitenhuis, zu erkennen, dass die negativen Auswirkungen des Klimawandels bereits seit einiger Zeit spürbar sind. "Eine allmähliche Verschlechterung scheint mir weitaus wahrscheinlicher als eine grosse Katastrophe innerhalb der nächsten zehn Jahre, die den Status quo auf den Kopf stellen würde."

Rupert Read, Philosophie-Dozent, Mitglied der britischen Grünen und Vorsitzender der Denkfabrik Green House, pflichtet Bendell ebenfalls bei. "Jems Aufsatz ist gut recherchiert und wird von weitverbreiteten Erkenntnissen der Klimaforschung gestützt." Im Gegensatz zu Bendell glaubt er allerdings, dass wir noch Zeit haben, das Ruder rumzureissen. "Es ist anmassend, wenn man glaubt, die Zukunft vorhersagen zu können." Bendells Annahmen seien deswegen allerdings nicht falsch. "Der Aufsatz stellt die Frage: 'Was müssen wir tun, wenn wir mit einem Zusammenbruch rechnen müssen?'"

Sollten wir also anfangen, Bunker zu bauen und schusssichere Westen zu kaufen? "Wir können das nicht überstehen, wenn wir es nicht gemeinsam versuchen", sagt Bendell. "Wir müssen Menschen dort helfen, wo sie bereits leben, genug Nahrung und Wasser zu haben, um Unruhen und Aufstände so gering zu halten, wie wir nur können."

"Bendells Aufsatz stellt die Frage: 'Was müssen wir tun, wenn wir mit einem Zusammenbruch rechnen müssen?'" – Rupert Read

Bendell war nicht immer so pessimistisch. Früher arbeitete er bei der Naturschutzorganisation WWF und gründete 2012 das Institute for Leadership and Sustainability (IFLAS) an der University of Cumbria. Das Weltwirtschaftsforum verlieh ihm wegen seiner Arbeit den Titel Young Global Leader. Wie wurde aus ihm ein Untergangsprophet?

"Seit ich 15 war, habe ich mich für den Umweltschutz eingesetzt", sagt Bendell. "Ich habe ihm mein privates und berufliches Leben gewidmet. Ich bin ein Arbeitstier und mir ging es immer um Nachhaltigkeit." Als er sich dann allerdings hinsetzte und die Daten anschaute, wurde ihm klar, dass sein Feld im Angesicht der bevorstehenden Klimakatastrophe irrelevant werden würde. "Es gab keinen Grund mehr, sich über den Ausbau eines Recyclingprogramms in einem Grosskonzern zu freuen", sagt er. "Wir sollten uns stattdessen mit einem völlig anderen Bezugssystem befassen."

Eine wissenschaftliche Zeitschrift hatte den Aufsatz in dieser Form abgelehnt

Dass sich sein Aufsatz so weit verbreiten würde, hätte er allerdings auch nicht gedacht. "Er war an die Menschen in meinem Forschungsbereich gerichtet", sagt Bendell. "Als ich 'Deep Adaptation' ins Netz gestellt habe, habe ich nicht damit gerechnet, dass ihn 15-Jährige in Indonesien mit ihren Lehrern lesen würden." Er sagt, der Aufsatz sei über 110.000-mal heruntergeladen worden, seit er ihn im Juli 2018 über IFLAS veröffentlicht hat.

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Rinderkadaver während einer Dürre in Äthiopien | Foto: TheImage | Alamy Stock Photo

"Deep Adaptation" hat allerdings auch Kritiker. Ursprünglich hatte Bendell seinen Aufsatz bei einer renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift eingereicht, allerdings ohne Erfolg. Beim Sustainability Accounting, Management and Policy Journal (SAMPJ) wollte man den Aufsatz nur mit "Major Revisions" veröffentlichen, also "bedeutenden Änderungen". Bendell verstand das als Absage und veröffentlichte seinen Text ohne Änderungen über sein Institut und seinen Blog. "Ich konnte ihn nicht komplett umschrieben und den Aspekt mit dem bevorstehenden Zusammenbruch rausnehmen."

Der Wissenschaftsverlag Emerald, dem die Zeitschrift gehört, kritisiert, wie Bendell die Reaktion auf seinem Aufsatz in seinem Blog darstellt. Eine Sprecherin sagte: "Emerald hat den Autoren darum gebeten, seinen Blogpost entsprechend zu ändern, dass er die Fakten reflektiert. Diese Bitte wurde leider ignoriert. Der Post impliziert weiterhin, dass der Aufsatz abgelehnt wurde, weil er zu kontrovers sei. Der Aufsatz wurde nicht abgelehnt, stattdessen wurde aufgrund der strengen akademischen Standards des Journals um eine 'Major Revision' gebeten."

Bendell selbst will dem Verlag nur entgegenkommen, wenn man ihm die Entscheidung der Personen mitteile, die seinen Text bewertet hat. "Die wollten so etwas nicht lesen. Die wollten nicht, dass er veröffentlicht wird."

Der Aufsatz macht hoffnungslos, aber kann laut Bendell auch "transformativ" wirken

Untergangsszenarien wie dieser Aufsatz sind nichts Neues, aber Bendells Arbeit scheint einen Nerv getroffen zu haben. Es ist äusserst selten, dass sich ein wissenschaftlicher Aufsatz so schnell und so weit verbreitet. Rupert Read sagt, dass er den Text gleichzeitig von drei anderen Akademikerinnen und Akademikern zugeschickt bekommen hatte. Viel mediale Aufmerksamkeit hat "Deep Adaptation" aber nicht bekommen. Er ist nicht auf Twitter verbreitet worden, kein Celebrity hat ihn geteilt. Es gab einen Artikel in Bloomberg Businessweek, aber das war's auch.

Trotzdem hat "Deep Adaptation" zahlreiche Menschen erreicht und einige von ihnen stürzte der Aufsatz in tiefe Betroffenheit. Darin liegt auch das eigentliche Problem. Wenn du den Text und seine Annahmen zum bevorstehenden Zusammenbruch unserer Gesellschaft überzeugend findest, wie machst du dann weiter? Wie schaffst du es dann morgens noch aus dem Bett?

So ging es auch Nathan Savelli, einem 31-jährigen High School Life Coach aus dem kanadischen Hamilton. Eine Umweltaktivistin hatte ihm den Artikel empfohlen. "Ich habe mich gefühlt, als hätte man bei mir eine tödliche Krankheit festgestellt", sagt er. "Es war eine Mischung aus tiefer Trauer und extremer Wut."

"Ich bin mir bewusst, was für problematische Gefühle der Aufsatz hervorrufen kann", sagt Bendell. "Ich finde, dass Trauer und Verzweiflung völlig normale Gefühle sind, wenn man sich damit auseinandergesetzt hat. Und warum soll das nicht OK sein?" Auf seinem Blog listet er diverse Anlaufstellen für psychische Hilfe sowie diverse Facebook- und LinkedIn-Gruppen auf, in denen Menschen über einen möglichen Zusammenbruch diskutieren und einander Hilfe anbieten.

Aber Bendell ergänzt, dass die Lektüre von "Deep Adaptation" für manche "transformativ" sein kann. "Menschen finden neuen Mut, ihr Leben nach ihren eigenen Regeln zu leben – sie hören auf ihre Sehnsüchte. Sie fragen sich: 'Wie will ich leben und warum lebe ich nicht schon jetzt so?'"

In einem Fall motivierte es sogar eine hochrangige Akademikerin, ihrem Job und der Stadt den Rücken zuzukehren. Im Dezember 2018 verliess Dr. Alison Green ihren Posten als Rektorin der Arden University. Sie hatte sich mit den Warnungen des Weltklimarats IPCC beschäftigt und das 1.524 Seiten dicke National Climate Assessment der US-Regierung gelesen – dann kam Bendells Aufsatz.

Alle drei zusammen führten dazu, dass Green ihr Leben drastisch änderte. "Ich wollte weg aus der Wissenschaft und aus der Stadt", sagt sie am Telefon. "Mein Plan ist es, einen Kleinbauernhof zu kaufen und mehr mit der Natur zu leben."

Die Lektüre von "Deep Adaptation" sagt sie, habe ihr geholfen, Klarheit in ihr wachsendes Unwohlsein mit der Geschwindigkeit und den Ausmassen des Klimawandels zu bringen. "Der Autor ist kein bekloppter Aussenseiter, sondern Dozent an einer renommierten Institution, ein Sozialwissenschaftler mit Reputation, der sagt, dass der Zusammenbruch unabdingbar ist. Das hat mich schwer beeindruckt."

Bendell ist sich selbst noch unsicher, wie er seinen Job als Akademiker mit seinen neuen Erkenntnissen über unsere Zukunft unter einen Hut bringen kann.

"Ich glaube, mein Aufsatz hat sich so weit verbreitet, weil darin zum ersten Mal ein Gesellschaftswissenschaftler diese Dinge explizit anspricht", sagt er. "Wir befinden uns offensichtlich in einem Zustand der Leugnung. Wir müssen dieses Tabu brechen und ernsthaft darüber sprechen, was wir jetzt tun."

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE UK.