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Interviews

Eine Expertin erklärt, warum du besser Single bleiben solltest

Wir haben mit einer Psychologin darüber gesprochen, inwiefern es sich auszahlen kann, nicht immer nur auf Liebesbeziehungen aus zu sein.

von Yasmin Jeffery
16 August 2016, 7:11am

Genau, einfach so weitermachen! | Foto: Jake Lewis

Singles haftet in unserer Gesellschaft häufig ein Makel an, der des Versagens. Schuld daran ist vor allem Hollywood, denn die Filmindustrie hat es geschafft, allein auf dieser doch recht wackeligen Prämisse zum Beispiel ganze drei Bridget-Jones-Filme zu produzieren. Dabei ist es allerdings so, dass die meisten Forschungen zu Singles durch die Linse der Ehe geschehen—und das ist ja nicht gerade die beste Art und Weise, akkurate Schlüsse zum Single-Leben zu ziehen. Im Grunde könnte das ewige Alleinsein letzten Endes nämlich gar nicht mal so schlecht sein.

Diese lückenhafte Forschung zum erfüllten Leben ohne Partner bzw. Partnerin hat die Psychologin (und Autorin des Buches Singled Out) Dr. Bella DePaulo so sehr frustriert, dass sie sich vor gut einem Jahrzehnt dazu entschloss, das Single-Dasein ganz objektiv genauer zu untersuchen. Und ihre aktuellen Arbeiten lassen darauf schließen, dass das psychologische Wachstum und die psychologische Entwicklung bei alleinstehenden Menschen möglicherweise besser laufen als bei verheirateten Personen. Zweitgenannte neigen nämlich tatsächlich eher dazu, sich abzukapseln und zurückzuziehen.

Dr. DePaulo, Forscherin und Professorin der University of California, erzählt, inwiefern unsere Gesellschaft von der Ehe besessen ist. Außerdem erklärt sie, wie und warum wir Einsamkeit nicht mehr länger als eine Sache ansehen sollten, die keine potenziellen Vorteile besitzt.

VICE: Warum haben wir so große Angst davor, allein zu sein?
Dr. Bella DePaulo: Die Vorstellung davon, dass jeder heiraten will, scheint ein Ordnungsprinzip unserer Gesellschaft zu sein. Man geht allgemein davon aus, dass man durch eine Ehe glücklicher sowie gesünder wird und auch länger lebt. Deshalb gehen viele Leute davon aus, dass sie mit ihrer Heirat das Richtige getan haben und dass ihr Leben dank des Partners bzw. der Partnerin nun komplett ist. Wenn man in dieses Denkmuster verfällt, dann werden Singles zu einer Art Bedrohung—vor allem dann, wenn sie das Single-Leben genießen. Das Ganze entwickelt sich zu einer Gefahr oder Herausforderung für die eigene Annahme, dass die Ehe den einzigen Weg zum Glück darstellt.

Das klingt komisch, weil man Singles oftmals ja eher bemitleidet.
Wir haben Angst davor, Singles zu sein, weil die Gesellschaft das Single-Leben stereotypisiert und stigmatisiert. Die Leute gehen davon aus, dass mit Singles irgendetwas nicht stimmen muss. Und das will ja niemand von sich selbst behaupten. Da es für Single-Menschen keine Möglichkeit zum "Wohlfühlen" gibt, bleibt man lieber länger in einer nicht funktionierenden Beziehung. Die Ironie dabei ist folgende: Wenn es weniger Diskriminierung gegen überzeugte Singles gäbe, wäre das auch gut für die Menschen, die sich nach einer Beziehung sehnen. Die könnten diesen Wunsch dann ja schließlich von einer gestärkten Position aus angehen. Und das ist ihnen sicher lieber, als einen Pärchenberater konsultieren zu müssen oder in einer schrecklichen Beziehung auszuharren, weil sie Angst davor haben, Single zu sein.

Was sind die Vorteile des Alleinseins?
Zum Thema Einsamkeit gibt es so viel Forschung. Psychologen scheinen richtig besessen davon zu sein. Und ja, Einsamkeit hat natürlich auch schmerzhafte und negative Seiten, aber wenn wir uns ausschließlich darauf konzentrieren, bleiben uns die Vorteile verborgen. Überzeugte Singles wissen es zu schätzen, allein zu sein. Wenn sie daran denken, dann freuen sie sich richtig darauf, anstatt sich irgendwie Sorgen zu machen, einsam sein zu können. Die Forschungen, die man jetzt auch immer mehr zu den positiven Seiten des Alleinseins macht, sind wirklich erfreulich. Sie zeigen nämlich, dass das Ganze gut für die Kreativität, die Erholung, das persönliche Wachstum, die Spiritualität und die Entspannung ist.

Was macht die Menschen aus, die ihr Single-Leben in vollen Zügen genießen?
Singles neigen dazu, sich persönlich besser zu entwickeln und auf bedeutsame Art und Weise zur Gesellschaft beizutragen. Ein Klischee über Singles besagt ja, dass diese Menschen immer nur ganz egoistisch auf das eigene Vergnügen aus sind. Dabei übernehmen sie in Wahrheit viel ehrenamtliche Aufgaben und kümmern sich um andere Leute.

Außerdem fokussieren sich Singles nicht so extrem auf diesen einen besonderen Menschen in ihrem Leben. Forschungen haben ergeben, dass sich Leute nach der Eheschließung eher abkapseln—auch dann, wenn sie keine Kinder haben. Das ist einfach ein Aspekt unserer Mentalität: Pärchen sollen immer eine quasi unzertrennliche Einheit bilden und sich vor allem auf den Partner bzw. die Partnerin verlassen können. Singles pflegen hingegen gute Beziehungen zu ihren Freunden, Geschwistern, Eltern, Nachbarn und Kollegen.

"Die Leute gehen davon aus, dass mit Singles irgendetwas nicht stimmen muss. Und das will ja niemand von sich selbst behaupten."

Kann man gegen diese Entwicklung ankämpfen oder sind Ehepaare schlichtweg dazu verdammt, sich nur noch mit sich selbst zu beschäftigen?
Ehepaare müssen einfach einsehen, dass sie keine unzertrennliche Einheit darstellen, und sich dazu mehr den Menschen und Dingen widmen, die ihnen sonst noch wichtig sind.

Und wie schafft man es, dass die Angst vor der Einsamkeit die Vorteile des Alleinseins nicht überschattet?
Dazu muss man erkennen, wie gut es tun kann, auch mal Zeit allein zu verbringen. Man sollte das Ganze einfach ausprobieren und schauen, ob man darin auch etwas Positives findet. Dann kommt es vielleicht auch ganz automatisch, dass man das Alleinsein nicht mehr als Bedrohung, sondern als Chance ansieht.

Warum gibt es zu Singles eigentlich nur so wenig Forschung?
Wir haben die Veränderungen der letzten Jahrzehnte einfach noch nicht berücksichtigt. So hat sich zum Beispiel in den USA die Zahl der Menschen über 25, die noch nicht geheiratet haben, im Vergleich zu den 60er Jahren verdoppelt. Ein immer größer werdender Teil des Erwachsenenlebens läuft ohne Ehering ab und genau deshalb ist es auch sinnlos, sich in der Forschung weiterhin fast ausschließlich auf verheiratete Menschen zu konzentrieren. Als ich vor über zehn Jahren angefangen habe, mich mit diesem Thema zu beschäftigen, hat es mich vor allem schockiert, wie sehr man bei den angeblichen Vorteilen einer Ehe—nämlich Gesundheit, ein langes Leben und Zufriedenheit—entweder übertreibt oder direkt lügt.

Wie geht es bei diesen Forschungen und auch bei Ihren Arbeiten weiter?
Wir müssen das Single-Leben ernst nehmen und zumindest versuchen zu verstehen, was dieses Leben wirklich sinnvoll macht. Dabei ist es entscheiden, dass die Linse der Ehe wegfällt. In Bezug auf meine eigene Arbeit will ich mehr über die Menschen herausfinden, die im Herzen Single sind und das auch gut finden. In anderen Worten: Menschen, für die das Single-Leben die beste, authentischste, erfüllendste und bedeutsamste aller Lebensweisen ist. Das bedeutet, das Leben voll auszukosten, den eigenen Leidenschaften nachzugehen und für sich selbst zu entscheiden, wer die wichtigsten Menschen sind. Es dreht sich nämlich nicht alles nur um "den Einen" oder "die Eine". Nein, es geht darum, das Alleinsein wirklich offen zu genießen sowie die Zügel des eigenen Lebens selbst in die Hand zu nehmen.