Wie du 2014 ein besseres Studentenleben haben kannst

Foto von Jamie Taete, Grafik von Sam Taylor

Im Wintersemester 2012/13 führten 372.895 Österreicherinnen und Österreicher ein Studentenleben. Diese armen Schweine. Alles deutet darauf hin, dass diese Zahl auch dieses Jahr wieder steigen wird—und falls ihr euch dem langen Warten auf den sinnlosen Abschluss und der damit verbundenen Jobsuche anschließen wollt, werdet ihr auf dem Weg dorthin wahrscheinlich mit schlechteren Bedingungen, weniger Plätzen und geringerer Individualbetreuung an so gut wie allen Bildungseinrichtungen (ausgenommen vielleicht theologische Hochschulen) zu kämpfen haben.

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Auch diejenigen, die bereits ein, zwei Jahre Studenten waren, werden allmählich realisieren, dass unter der beruhigenden Oberfläche aus Studentenabenden im Irish Pub ums Eck und vergünstigten Kinotickets ziemlich fürchterliche Aussichten auf euch lauern. Nicht ganz so fürchterlich zwar wie in England, wo Elite-Unis wie die Oxford University die Studiengebühren inzwischen auf gut 19.000 Euro im Jahr angehoben hat (und anderen Einrichtungen empfiehlt, dasselbe zu tun), aber trotzdem noch ziemlich fürchterlich.

Dieser Tage könnt ihr also akademische Geschäftemacherei zu allen euren üblichen Problem hinzufügen, wie zum Beispiel Deadlines, Erstsemestrigen-Gewichtszunahme, dich selber finden, dich selber verlieren und Tinder-Dates bei 5-Euro-Pasta in diesem einen total günstigen Kellerlokal, wo sie alles in großen fettigen Pfannen servieren. Dann wäre da noch die von SPÖ und ÖVP im Regierungsprogramm verankerte Erhöhung der Alkoholsteuer um 20 % (und der Sektsteuer um 1 Euro pro Liter) und das juristische Adrenalin-High beim Verbot jeder neuen Substanz, die aus dem chinesischen Chemiehafen von Hangzhou zu uns herüberschwappt.

Hier sind ein paar Ideen, wie ihr 2014 trotz all diesen Stolpersteinen, die wie deutsche Studenten den Boden der TFM-Hörsäle euren Weg säumen werden, ein halbwegs gutes Studentenleben haben könnt.

Rede mit Leuten, mit denen du normalerweise nie reden würdest
Vor deiner Unizeit bist du nur von Halbmenschen umgeben, die insofern noch keine richtigen Menschen sind, als sie sich noch nicht damit auseinandersetzen mussten, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln, weil es in der Schulzeit ausgereicht hat, ihre Gehirne an die Gegebenheiten ihrer jeweiligen Kleinstadt anzupassen. Nach deiner Unizeit wird es allerdings nicht viel besser, weil du dann in einer angenehmen Glocke aus Leuten gefangen bist, die dir verdammt ähnlich sind und sich damit beschäftigen, sich gegenseitig die gleiche Meinung zu erläutern.

Aber während deiner Unizeit hast du die einmalige Möglichkeit, auf einen unendlichen Fundus an wirklich unterschiedlichen Menschen zuzugreifen. Menschen, die keinen Alkohol trinken, Menschen, deren Eltern ihnen früher verboten haben, Spongebob zu schauen, Menschen, die keine festgefahrene Meinung dazu haben, ob Disclosure endgültig House ruiniert hat oder nicht. Mit etwas Glück wirst du die Uni verlassen und kannst stolz behaupten, dass dein einziger Freund während dieser Zeit ein 32-jähriger Medizinstudent im ersten Semester war, der in einem Games-Shop arbeitete und Schuppen im Bart hatte. Wer kann das sonst schon von sich sagen?

Die Chancen stehen gut, dass du nach der Uni in deine eigene soziale, ethnische und kulturelle Demographie zurück migrierst—auch wenn dir diese Vorstellung von deinem biederen späteren Ich jetzt vielleicht noch gar nicht passt—, also solltest du im Namen der Bildung mit möglichst vielen fremden, unterschiedlichen, neuartigen Menschen reden. Zumindest genug, um 10 Jahre später noch ein paar Joker in deiner Kontaktliste zu haben (auch vor sich hin gammelnde Medizinstudenten werden vielleicht irgendwann Ärzte).

Aber ignoriere gefälligst jeden, der Disney-Filme schaut
Dieser Punkt ist wirklich wichtig. Bleib so weit wie möglich weg von Menschen, die einen akademischen Grad anstreben und ihre Freizeit immer noch mit Disney-Filmen verbringen. In den letzten Jahren haben Disney-Filme—und ich spreche hier von den Miley-vor-dem-Leotard-Filmen, nicht den guten alten Cartoons—ziemlich viele Anstrengungen unternommen, um die Themen Teenagertum und Erwachsenwerden für sich zu beanspruchen, was vermutlich das bösartigste Verbrechen gegen die Jugendkultur in den letzten zwei Jahrzehnten darstellt.

Filme wie Camp Rock und LOL (verdammt, er hat auf Deutsch sogar den erklärenden Zusatz Laughing Out Loud im Titel!) lehren jungen Menschen nichts über sich selbst, sie sind nur bestrebt, depressive Fantasien von Jugendlichen als Halberwachsene zu normalisieren und in der Gesellschaft zu etablieren. Sie übertragen Dialoge aus Grey’s Anatomy in Situationen, wo 21-jährige Frauen 13-jährige Mädchen spielen und die emotionale Komplexität davon analysieren, weshalb sie den supersexy Cody im Schulflur nicht angelächelt haben (wir Älteren nennen es das Dawson’s Creek-Syndrom). Soll heißen: sie sind scheiße und absolut keine auch nur halbwegs zutreffende Beschreibung von Teenagern irgendwo auf dieser Erde.

Wenn du schon Teenie-Filme schauen musst, dann bitte wenigstens gute. Solche mit nervigen jüdischen Kindern und fetten Typen, die auf Pornos stehen: Superbad, Porky’s, Risky Business. Und natürlich immer noch Ghost World. Filme, die dir vielleicht etwas über die perverse Unbeweglichkeit des Jugendlebens sagen, im Gegensatz zu 90-minütigen Geschichten von Mausketieren, die mehr über die Bedeutung von Freundschaft erfahren.

Ein paar Uni-Neulinge (Foto von Jake Lewis)

So weit, so gut, aber bedenke …
Versuche, nicht zu einer Karikatur aus Porky’s zu verkommen und verkneif dir deine Begeisterung für Verkehrshütchen, Feuerlöscher und das Nervensystem von diesem einen wirklich ruhigen Typen am Ende des Gangs. Es ist 2014, da muss es bessere Wege geben, ein unsympathisches Arschloch zu sein.

Besorg dir einen Job
Ich kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass es sich richtig anfühlt, als Student im Überfluss und mit einem Arsch voll Geld zu leben. Könnt ihr euch vorstellen, MDMA vom Rand einer Karte zu lecken, die NICHT mit jeder weiteren Nutzung euer gesamtes Konto und eure Kreditwürdigkeit zerstört? Das muss irgendwie befremdlich sein. Trotzdem arbeiten zum Beispiel in den USA inzwischen 4 von 5 Studenten mindestens Teilzeit neben ihrer Ausbildung—und da zählt auch schon die Highschool dazu.

Gut, das müssen sie auch, weil dort im Gegensatz zu Österreich und der Schweiz astronomisch hohe Studiengebühren herrschen und sowieso niemand unverschuldet aus seiner Ausbildung rauskommt. Aber es könnte trotzdem sein, dass sie mit dieser Jobsache einen Punkt getroffen haben.

Wenn du dir jetzt einen Job besorgst, kannst du dir vermutlich schon morgen doppelt so viele Zustellungen von ASOS leisten und dich jedes Mal betrinken, wenn du abends rausgehst (wobei dich dieses Jobding auch wieder davon abhalten könnte, aber egal). Außerdem hilft es dir auf lange Sicht, weil du dir nach deinem Abschluss dann leisten kannst, Dinge im Kühlschrank zu haben, während du unendlich viele Stunden vor Job-Websites verbringst—anders als deine Freunde, die drei Mal am Tag Chef-Menüs in die Mikrowelle schieben und sich für ihre Situation selbstbemitleiden.

Foto von Jess Cole

Spiel endlich kreative Trinkspiele
Das Internet ist voll davon: Battleships, Brain Damage oder Charlie Bit My Finger of White Lightning. Die virtuelle Welt ist deine Auster. Trinkspiele machen schnell betrunken und schnell betrunken sein hilft dabei, möglichst wenig von dem scheußlichen Tankstellen-Wodka zu schmecken, der derzeit noch das einzige ist, das du dir leisten kannst (siehe letzter Punkt). 

Schau NICHT jede Scheiß-Serie, die das amerikanische Fernsehen hergibt
Matthew McConaughey und Woody Harrelson spielen beide in der neuen HBO-Show True Detective? Großartig! Zeit, wortwörtlich alles andere liegen zu lassen und sofort in eine Welt aus Südstaaten-Monologen und Mitnehm-Pizzas einzutauchen.

Auch, wenn es verlockend sein mag, den ganzen Tag in deinem Zimmer zu sitzen, high zu werden und amerikanische Hits zu schauen, ist das—Achtung—nicht das einzige, worum es bei diesem Ding namens Uni geht. Außerdem hast du später noch massig Zeit dafür, wenn du ein arbeitsloser Akademiker bist.

Mir ist schon klar, dass du letztes Jahr wenig mit Studenten zu reden hattest, wenn du nicht Orange Is the New Black und House of Cards im Binge-Watching-Modus durchgeschaut hast—abgesehen vielleicht von dem einzigen, das noch nerviger als Seriengespräche ist, nämlich Diskussionen mit Leuten, die ihr Studium über alles lieben. Aber das ist noch lange kein Grund, drei bis vier Jahre deines Lebens in die Obhut amerikanischer TV-Produktionen über Vampire, alkoholkranke Polizisten und Gangster mit Federboas zu übergeben.

Du solltest die Uni mit dem Wissen verlassen, dass es schlecht ist, noch eine Pille bei Sonnenaufgang zu nehmen, nicht mit einem reichhaltigen Fundus an Sopranos-Trivia.

Besorg dir Google Glass
Hey, Idiot, nimm die Kanye Shutter-Brillen runter—das 2014er Augenkleid ist da. Erhältlich irgendwann später im Jahr—und vermutlich zu einem Preis von zirka 1200 Euro—, ermöglicht dir dieses tragbare Stück Technologie, gleichzeitig durch die fade Öffentlichkeit zu wandern und trotzdem die Studententradition von nicht-optischen Brillen weiterzuführen, während du deine parasozialen Kontakte pflegen kannst.

Foto von Oscar Webb

Starte eine landesweite Revolution
Oder mach zumindest Fotos von einer. Alles, was du in den letzten Jahren tun musstest, um dich zu den politischen Aktivisten dieser Generation zu zählen, war, Killing in the Name of auf Bongos vor dem Hauptquartier irgendeines internationalen Großkonzerns zu spielen. Insofern war es keine große Überraschung (wenn auch vollinhaltlich ziemlicher Blödsinn), als zum Beispiel Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier konstatierte, dass die Jugend von heute großteils aus angepassten Idioten bestehe.

Auch in England äußerte sich der Cambridge-Professor Christopher Hill dahingehend, dass besonders heutige Studenten angepasster als in der Vergangenheit seien—und zwar, weil sie mehr denn je fürchten müssten, sich mit ihren Handlungen einen Job in ferner Zukunft zu verbauen.

Professor Hill schreibt den Mangel an Revolutionsgedanken auch der Tatsache zu, dass das Studenten- und allgemeine Leben noch nie so reich und mit so vielen Unterhaltungsmöglichkeiten (TV, ans Wohnzimmer anschließende Badezimmer) ausgestattet war, wie heute. Ich konnte zwar keinen schlüssigen Beweis für einen direkten Zusammenhang zwischen Revolutionen und der Kürze des Wegs zur Toilette finden, aber vermutlich hat er recht, weil es wohl immer die kleinen Dinge sind, die den großen revolutionären Funken zum Überspringen bringen. Denkt nur an den Gezi Park oder die Buspreise in Brasilien.

Leg dir einen guten Abschluss zu
Und studiere danach gleich weiter, um noch einen zu bekommen. Oder inskribiere dich für den PhD, formerly known as Doktor. Vermeide die echte Welt da draußen, wo Sarkasmus längst nicht mehr nur charmant, sondern beinharte Währung der Enttäuschten geworden ist und ein Abschluss in Modejournalismus so viel Welt ist wie fickt euch alle. Mein Bruder ist jetzt seit zwei Jahren mit dem Studium fertig—lasst mich euch weitergeben, was er mir gesagt hat: Der beste Weg, 2014 ein besseres Studentenleben zu haben, ist es, dafür zu sorgen, dass du auch 2015 noch ein Studentenleben hast.

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