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Primark-Käufern ist es scheißegal, wer ihre Klamotten näht

Verzweifelte Muttis, ignorante Modeblogger und resignierte Demonstranten: Wir waren bei der Eröffnung der Primark-Filiale am Alexanderplatz.

von Lisa Ludwig
03 Juli 2014, 2:19pm

Berlin, 11 Uhr morgens. Die Sonne scheint, von irgendwoher tönt laute Musik und alle drei Meter fällt man über Menschengruppen, die gekonnt im Weg stehen. Ein ganz normaler Tag am Alexanderplatz? Nein, heute ist die mit großem Getöse angekündigte Eröffnung von Deutschlands neuester Primark-Filiale. Die Billig-Modekette aus Irland hatte in den vergangenen Wochen die Schlagzeilen beherrscht, weil britische Kunden Hilferufe der unterbezahlten Arbeiter aus Bangladesch in ihre Kleidung eingenäht gefunden haben wollen. Trotz oder gerade wegen der ausschweifenden Berichterstattung haben sich überraschend wenig Leute eingefunden, um gebannt auf die Eingangstüren des Modehauses zu starren.

Erst um kurz vor Zwölf werden die ersten Kaufwütigen in den Laden gelassen, die zuvor über Stunden hinweg von diversen Parteien belagert wurden. Im Jahr 2014 kann man nicht mehr einkaufen, wo man möchte. Man muss sich für sein Konsumverhalten rechtfertigen.

Auf der einen Seite die Aktivisten, die sich gezielt für einen nachhaltigeren Umgang mit Gütern im Allgemeinen und Textilien im Besonderen einsetzen. Im Vorfeld wurde im Freundes- und Bekanntenkreis nach gebrauchter Kleidung gefahndet, die an diesem Donnerstag an kaufwütige Konsumenten verschenkt werden soll. Zwar scharren sich auch nachmittags noch Menschen um den Stand und lassen sich über bewussten Konsum aufklären, die wild entschlossenen Primark-Käufer wollen sich allerdings auch von zahlreichen Flyer-Verteilern nicht aus der meterlangen Schlange entführen lassen. „Ich trage nicht gerne benutzte Sachen”, sagt ein Mädchen. Raum für Diskussion sieht anders aus.

Auf der anderen Seite kämpfen Journalisten mit Mikros, Kameras und Notizblock bewaffnet um die Aufmerksamkeit der Masse. „Ist es euch egal, unter welchen Bedingungen diese Sachen gefertigt werden?” scheint die Frage des Tages zu sein, zumindest fangen insbesondere junge Frauen an, sich reflexartig für ihren Einkauf zur rechtfertigen, sobald man sie anspricht. Eine knapp 20-jährige Mutter, die in der Kinderwagenschlange des Einlassbereichs steht, scheint beinahe den Tränen nahe: „Ich würde gerne woanders einkaufen, habe finanziell aber keine andere Möglichkeit.” Der Hilfe suchende Blick zeigt Wirkung, ihre Freundin mischt sich ein: „Die Zettel waren doch sowieso ein Fake. Niemand weiß, ob die Arbeitsbedingungen wirklich so sind.” 

Ein Leben am Existenzminimum scheint für viele der Anwesenden—darunter überraschend viele Mütter und ältere Menschen—der Hauptgrund zu sein, sich an diesem Vormittag stundenlang in der prallen Sonne anzustellen. Während sie warten, verlassen gerade zwei Mädels, schwer bepackt mit Tüten, das Gebäude. Sie sind Modebloggerinnen, sagen sie, und wurden deshalb zu einem Pre-Opening eingeladen. 50 Euro Einkaufsgutschein inklusive. Eine Preiserhöhung zugunsten besserer Arbeitsbedingungen finden sie nicht sinnvoll, schließlich wären die günstigen Preise genau das, was Primark besonders macht. Während die beiden Damen wahrscheinlich schon ihre kommenden Blogposts im Geiste durchgehen, kommt ein tiefgebräunter Fahrradfahrer mittleren Alters resolut auf die Menge zugefahren. „Was passiert denn hier?”, will er wissen. Die anwesenden Teenager starren irritiert auf seine stark behaarte Plauze, die nur unzureichend von einer Khaki-Weste verdeckt wird. Den Berliner Streetstyle haben sich die Primark-Touristen, die teilweise aus mehreren hundert Kilometern Entfernung angereist sind, wohl anders vorgestellt.

„Was passiert denn hier?”, scheinen sich auch die Polizisten zu fragen, die mit ganzen acht Mannschaftswagen und in schusssicheren Westen die Umgebung umstellen. Laut Informationen der Berliner Zeitung hatte man mit rund 10.000 Menschen gerechnet, doch selbst mit den zahlreichen Primark-Gegnern, die ihrer Empörung mal mehr, mal weniger laut Luft machen, dürfte selbst die Zahl 1000 utopisch sein. Vielleicht hatten die Modebegeisterten auch die Gunst der Stunde genutzt, um endlich mal ungestört in der schon seit Längerem bestehenden und chronisch überfüllten Steglitzer Filiale einkaufen zu gehen. „Das Anstehen ist total bescheuert, geht doch einfach zum Walter-Schreiber-Platz, man!”, ruft eine Jugendliche laut in die Menge. Bei den Wartenden in der Nähe zeigt sich erstmals leichte Unsicherheit. Klar, die freundlichen Mitarbeiter verteilen Wasser und Bonbons, aber ist es nicht wirklich ein bisschen dumm, für nach Chemie riechende Billig-Klamotten stundenlang anzustehen, wenn einen im Westen der Stadt ein nahezu identisches Angebot erwartet?

Das scheint immerhin besser zu sein, als den halben Tag in einem Müllcontainer zu sitzen, wie es eine der Aktivistinnen tut. Offen und laut protestiert sie gegen Wegwerf-Konsum und die schlechten Arbeitsbedingungen der unterbezahlten Näher. Ihr ganz persönlicher Beitrag zu einer besseren Welt ist es deshalb, nach einem Einkauf bei H&M, Zara und Co. eine E-Mail zu schreiben, „in der ich sage, dass ich mit den Arbeitsbedingungen nicht einverstanden bin.” Der Wille ist stark, aber das Fleisch schwach—denn dass Klamottentausch und Second-Hand nicht die ultimative Lösung für einen nachhaltigen, bewussten Güterkonsum sind, wissen auch Leute wie Jenny, die sich in Gruppen wie BUNDjugend Berlin und WELTbewusst engagiert. Obwohl ihrer Meinung nach gute Kleidung keine Frage des Geldes ist, kennt sie doch den „negativen Beigeschmack”, den der Begriff Second-Hand hat. Obwohl sie schon seit mehreren Stunden am Alexanderplatz steht, hat sie niemanden der Filialen-Besucher am Kleidertausch-Stand gesehen. Es scheint ein breiter Graben zwischen Preis- und Sozialbewusstsein zu liegen.

Aber wie ist er denn nun, der neue Primark? Laut, bunt, anstrengend. Modern, überladen und doch bewusst weniger ramschig als sein Äquivalent in Steglitz. Mit der touristisch perfekten Lage am Alexanderplatz wird auch diese Filiale mit Sicherheit ein voller Erfolg. Trotzdem lässt sich der Eindruck nicht ganz abschütteln, dass der Modegigant bei der öffentlichen Diskussion um unmenschliche Arbeitsbedingungen Federn lassen musste. Die ersten Polizeiwagen sind bereits gegen 13 Uhr abgerollt. Anscheinend ist nicht mal der angekündigte Widerstand wie erwartet ausgefallen.

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