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„Herr Matussek geht mir auf die Nerven“

Uta Ranke-Heinemann, die Grande Dame der Häresie, knallt Matthias Matussek seine Homophobie-Hasspredigt an den Kopf.
13 Februar 2014, 4:30pm

Foto: Albrecht Fuchs

Uta Ranke-Heinemann ist die Grande Dame der Häresie. Wir haben sie vor zwei Jahren getroffen und mit ihr über die sexuelle Orientierung des damaligen Papstes gesprochen. Damals erwähnte sie schon, wie sehr ihr Matthias Matussek gegen den Strich geht.

Als dieser gestern eine seiner Hasspredigten in der Welt veröffentlichte, haben wir sie nochmal angerufen und sie nach ihrer Meinung zu diesem unangenehmen alten Mann gefragt.

VICE: Hallo Frau Ranke-Heinemann, haben Sie gesehen, dass ihr Intimfeind wieder sein hässliches Haupt erhoben hat?
Uta Ranke-Heinemann: Herr Matussek geht mir auf die Nerven.

Was denken Sie über seinen Text?
Er ist überhaupt nicht gebildet, was die Bibel und die alten Griechen angeht.

Er sagt ja, dass Aristoteles Homosexuelle abgelehnt hat.
Bei den Griechen waren die Homosexuellen hochgeschätzt. Aristoteles war doch kein Homosexuellenfeind! Ich zitiere Ihnen jetzt mal Sokrates in Platons Phaidon 68AB : „Viele, denen Geliebte und Frauen und Kinder starben, gingen bereitwillig in den Tod, denn sie waren von der Hoffnung getrieben, dass sie die, nach denen sie so sehr sich sehnten, nach ihrem Tod wiederfinden und mit ihnen zusammensein werden.“ Im griechischen Urtext steht statt „Geliebte“: paidikoí. Gemeint ist der geliebte homosexuelle Lebenspartner. Der größte Unterschied zwischen antikem Griechentum und Christentum betrifft die Einschätzung der Homosexualität.

Matussek bezieht sich ja auch auf die Bibel.
Er zitiert die Bibel, ich zitiere sie aber auch. Das Christentum hat, sobald es zur Macht kam, versucht, die Homosexuellen mit Bibelworten, z.B. 3. Mose 20, auszurotten. 3. Mose 20 heißt es: „Wenn ein Mann bei einem Mann liegt wie man bei einer Frau liegt, sollen sie getötet werden.“ Der christliche Kaiser Theodosius der Große bestimmte 390, daß alle Homosexuellen verbrannt werden sollten (Codex Theodosianus 9,7,6).

Und das ist dann auch passiert?
Dieses Gesetz führte sofort zu dem größten Massaker der Antike: dem Blutbad von Thessalonike 390. Anlaß war ein Tumult, bei dem der oberste Militärbefehlshaber Butherich von einer aufgebrachten Menge ermordet wurde, als er einen berühmten homosexuellen Wagenlenker verhaften ließ. Kurz darauf ließ Theodosius 7000 ahnungslose Kinder, Frauen, Männer, Greise unter einem Vorwand in den Zirkus locken und dort abschlachten. Die Ermordung der 7000 wurde von der Kirche dem Kaiser vorgeworfen – die Ausrottung der Homosexuellen wurde von der Kirche nie beanstandet, weil Bibelwort.

Das ging dann so weiter?
Über 1000 Jahre später heißt es in der Gerichtsordnung Kaiser Karl V. 1532: „Wenn ein Mann mit einem Mann, eine Frau mit einer Frau Unkeusches treibt, soll man sie "der allgemeinen Gewohnheit nach" mit dem Feuer vom Leben zum Tod richten“ (Artikel 116). Montaigne berichtet 1581 in seinem Italienischen Reisebericht: In Rom habe er von einer seltsamen portugiesischen Homosexuellenbruderschaft gehört, die in der römischen Kirche Saint Jean an der Porta Latina Eheschließungen zwischen jeweils zwei Männern vorgenommen habe und zwar mit den gleichen Zeremonien und dem gleichen Hochzeitsevangelium wie bei heterosexuellen Paaren. Anschließend an die kirchliche Trauung habe das Paar eine gemeinsame Wohnung bezogen, es kommunizierte zu Ostern gemeinsam, alles genau wie bei heterosexuellen Paaren. Montaigne schreibt abschließend: acht oder neun dieser Bruderschaft seien inzwischen (auf Veranlassung der Inquisition) verbrannt worden. Fünf Jahre später hat Papst Sixtus V. im Juni 1586 einen Priester und einen Knaben verbrennen lassen. Den Knaben gleich mitzuverbrennen ist noch krimineller als 3. Mose 20 schon kriminell genug ist, da nach jüdischem Recht minderjährige Knaben unter 13 als strafunfähig galten.

Wann war denn die letzte Verbrennung von der Sie wissen?
Am 5. Juni 1750 wurden zwei Herren auf dem Platz de Grève in Paris lebendig verbrannt. Die berühmte Enzyklopädie der Aufklärung von Diderot und d’Alembert, deren 1. Band ein Jahr später, nämlich 1751 erschien, berichtet in dem Artikel „Sodomie“, gemeint ist hier Homosexualität, von dieser Verbrennung und schreibt zustimmend: „Das göttliche Gesetz fordert die Todesstrafe für die, die sich mit diesem Verbrechen besudeln, siehe 3. Mose 20. Und diese Strafe wurde auch in unsere Gesetzgebung aufgenommen.“ Der Artikel, (der nicht von Diderot stammt, sondern ohne sein Wissen gedruckt wurde), distanziert sich in keiner Weise von der Verbrennung

Die Meinung der Kirche ist ja bis heute eigentlich die gleiche geblieben, richtig?
Im Neuen Weltkatechismus von 1992 Nr. 2357 (verfaßt vom ehemaligen Kardinal Ratzinger) belehrt er uns, es sei besser, die eigenen Töchter zur Vergewaltigung preiszugeben als homosexuelle Akte zuzulassen. Er stützt sich dabei auf die Geschichte 1. Mose 19, wo Lot, der Neffe Abrahams, zu den Homosexuellen, die sein Haus in Sodom belagern, sagt: „Seht, ich habe zwei Töchter, die noch nichts vom Manne wissen, die will ich euch herausgeben, macht mit ihnen, was euch gefällt, nur diesen Männern (Lots männlichen Gästen) tut nichts.“ Die beiden Mädchen waren zwischen 12 und 13 Jahre alt.

Wobei ja einige Theologen sagen, dass das Neue Testament weit weniger schwulenfeindlich ist, als das Alte.
Vor kurzem hatte ich eine Meinungsverschiedenheit mit einer protestantischen Kollegin bei einer Veranstaltung an einer deutschen Universität. Ein Student fragte: „Ist in der Bibel das Neue Testament genau so homosexuellenfeindlich wie das Alte Testament?“ Sie sagte: „Oh nein, Paulus schreibt in seinem 1. Korintherbrief 6,9: ‘Die Knabenschänder werden das Reich Gottes nicht erben.’“Und dann verstieg sie sich zu der Behauptung: „Das Neue Testament ist nur gegen Knabenschändung, das Neue Testament ist nicht gegen Homosexualität.“ Ich sagte: „Das stimmt nicht: Das Wort ‘Knabenschänder’ ist eine falsche Übersetzung des griechischen Wortes, das Paulus benutzt, nämlich: arsenokoites. Arsen heißt Mann, und koites heißt Beischläfer, es heißt also: Mann-Beischläfer, männlicher Beischläfer. Aber in allen mir bekannten deutschen Übersetzungen des Neuen Testaments, protestantischen sowie katholischen, ebenso in allen Standard-Wörterbüchern der Theologen und der Altphilologen wird das Wort arsenokoites falsch übersetzt. Für die Deutschen ist Homosexualität gleich Knabenschändung.

Das heißt die Christen sind schuld?
Bevor der Papst irgendwas über die Homosexuellen sagt, soll er sich erst mal bei ihnen entschuldigen. Die Ermordung der Homosexuellen ist ein schweres Verbrechen der Weltgeschichte. Sie beruht auf Bibelworten, auf die sich Katholiken, Protestanten, Moslems berufen und findet auch heute noch statt.