Das linke Foto zeigt zwei junge Geflüchtete in dicker Winterkleidung, das rechte mehrere Hüllen von Tränengasgranaten; wir haben mehrere Geflüchtetencamps vor dem Ärmelkanal besucht, um die schlimme Lage dort zu dokumentieren
Alle Fotos bereitgestellt von den Autoren
Menschen

Gewalt, Schikane, Hoffnungslosigkeit: So leben Geflüchtete am Ärmelkanal

Wir haben Menschen besucht, die darauf hoffen, übers Meer von Frankreich nach England zu kommen.
Anke Dirix
Brussels, BE
Arnaud De Decker
Brussels, BE
14.1.22

Es ist ein kaltgrauer Tag in Loon-Plage, einer Kleinstadt in der Region Westhoek, die sich an der Nordseeküste über die französisch-belgische Grenze erstreckt. In der Landschaft verstreut finden sich verschiedene Einkaufszentren und Supermärkte. Bei genauerem Hinsehen erkennt man aber auch zahlreiche Zahnbürsten, Zelte und SIM-Karten, die an den Straßenränder liegen. Dünne Rauchschwaden in der eisigen Luft deuten darauf hin, dass sich Leute in der Nähe befinden.

Anzeige

Loon-Plage ist nicht nur ein Shopping-Paradies, sondern auch eine Zwischenstation für Hunderte Geflüchtete, die hier kurz vor Calais und dem Ärmelkanal ihr Lager aufgeschlagen haben. Die Bedingungen könnten dabei schlechter nicht sein: Ihre Zelte und Schlafsäcke werden von der Polizei regelmäßig konfisziert und zerstört – grundlegende menschliche Bedürfnisse wie Essen, Wasser und ein sicherer Schlafplatz werden nicht gedeckt.

Neben einer Brücke führt eine in den Matsch geformte Treppe zu einem der Camps. Ein Mann sitzt in einen weißen Wintermantel eingemummelt an einem Tisch und verkauft Kekse und Tabak. In den letzten Tagen hat es heftig geregnet, wodurch das ganze Areal einer Schlammgrube ähnelt.

Neben einer Brücke führt eine in den Matsch gebuddelte Treppe hoch

Die "Treppe" zum Lager

"Schau, hier schlafe ich", sagt der 24-jährige Ouman. Er wurde in Äthiopien geboren, besitzt einen guineischen Pass und arbeitet seit fünf Jahren in Frankreich. Seine Eltern und seine Schwester leben schon länger in Großbritannien, aber trotz mehrfacher Versuche, zu ihnen zu kommen, hat es Ouman nie geschafft, den Ärmelkanal legal zu überqueren.

Neben Ouman sitzt Kadjan, 33, aus Sri Lanka. Er lebt ebenfalls seit einigen Jahren in Frankreich. In dieser Zeit sei er schon mehrmals verhaftet worden: "Ich bin hier offensichtlich nicht willkommen", sagt er. "Ich habe keine Lust mehr, von der Polizei schikaniert zu werden. Ich will nach England."

Anzeige

Ouman und Kadjan haben sich hier im Camp kennengelernt und angefreundet. Sie haben auch zusammen zum ersten Mal versucht, den Ärmelkanal zu überqueren. Allerdings habe der Motor ihres Schiffs nach drei Stunden schlapp gemacht. "Wir drifteten stundenlang hilflos übers Meer, bis die französische Polizei uns zurück nach Calais brachte", sagt Kadjan.

Zwei junge Männer mit Mund-Nasen-Schutz und dicker Winterkleidung stehen neben Eisenbahngleisen vor mehreren Bäumen

Das sind Ouman und Kadjan

Die Entfernung zwischen Calais und der englischen Küstenstadt Dover beträgt nur 34 Kilometer. Die Strecke ist allerdings einer der gefährlichsten und meist befahrenen Seewege der Welt. Trotzdem planen die meisten Menschen, die in den Camps vor Calais leben, irgendwann nach England überzusetzen. Genau wie Ouman und Kadjan haben schon viele von ihnen erfolglos versucht, die berühmten Kreidefelsen von Dover zu erreichen.

"Es gibt Leute, die bereits am Anfang ihrer lebensverändernden Reise sicher wissen, dass sie in Großbritannien landen wollen – zum Beispiel weil sie dort Familie haben oder weil sie Englisch sprechen", sagt William Feuillard, ein 23 Jahre alter Koordinator bei der NGO L'auberge des Migrants, die in Calais tätig ist. "Genauso viele Menschen wollen aber auch nach England, um der Hoffnungslosigkeit hier in Frankreich und anderswo zu entkommen."

Ein junger Mann mit Bart, lockiger Frisur und Trainingsjacke steht in einem vollen Lager

Das ist William Feuillard, der Mitarbeiter einer Wohltätigkeitsorganisation, die Geflüchtete mit Dingen des alltäglichen Bedarfs versorgt

Mitverantwortlich für die Situation ist die Dublin-Verordnung, die sicherstellen soll, dass Menschen, deren Asylantrag abgelehnt wurde, nicht versuchen, in einem anderen EU-Mitgliedsstaat Asyl zu beantragen. Das Gesetz besagt, dass Geflüchtete in dem EU-Land Asyl beantragen müssen, in dem sie als erstes ankommen. Wenn man beispielsweise in Griechenland kein Asyl bekommt und dann versucht, in die Niederlande zu kommen, wird man zurück zum Ankunftsort geschickt.

Anzeige

Genau das macht England und das Vereinigte Königreich für Asylsuchende noch anziehender als früher, denn seit dem 31. Januar 2021 ist das Vereinigte Königreich offiziell kein EU-Mitgliedsstaat mehr – fast fünf Jahre nach dem einschneidenden Brexit-Referendum. Damit gilt die Dublin-Verordnung dort nicht mehr, und das Vereinigte Königreich kann Geflüchtete nicht mehr einfach so in ihr Ankunftsland zurückschicken.

Alle Geflüchteten, mit denen wir hier kurz vor dem Ärmelkanal sprechen, wollen Asyl in Großbritannien beantragen. Obwohl es weder die französische noch die britische Regierung zugeben will, ziehen 98 Prozent der geflüchteten Menschen diesen Plan auch durch. Die britischen Behörden lehnen den Großteil der Asylanträge jedoch ab: In manchen Jahren wurde 88 Prozent der Asylgesuche dort nicht stattgegeben. Im Laufe der letzten rund 15 Jahre lief es bei 75 Prozent der Anträge genauso. Und nur ein Drittel dieser Entscheidungen wurde nach einem Einspruch der Asylsuchenden geändert.

Um einen Asylantrag in Großbritannien zu stellen, muss man sich auf britischem Boden befinden. "Weil alle sicheren Reisemöglichkeiten wie Flugzeug, Auto, Zug oder Fähre den Geflüchteten quasi unmöglich gemacht wurden, bleibt ihnen nur eine Option: den Ärmelkanal selbst irgendwie zu überqueren", sagt Feuillard.

Anzeige
Zwei junge Männer mit Mund-Nasen-Schutz und dicker Winterkleidung stehen neben Eisenbahngleisen und deuten auf mehrere Zelte

Was die Camps in Calais angeht, sagt Feuillard: "Die Lebensumstände hier haben sich in den vergangenen Jahren extrem verschlechtert." Der NGO-Mitarbeiter schreibt das auch der "steigenden Militarisierung an der Grenze" zu. Die Küste wird derzeit von Drohnen überwacht, die von der EU-Grenzschutzagentur Frontex losgeschickt werden.

Die erhöhten Sicherheitsmaßnahmen sind direkt spürbar, sobald man in die Gegend rund um den Hafen von Calais kommt. Vans der Campagne Républicaine de Sécurité, der Abteilung der französischen Polizei, die vor allem bei Demos und Aufständen eingesetzt wird, sind bei einem Kreisverkehr stationiert. "Jeder denkbare Sicherheitsdienst ist hier in Calais präsent", sagt Feuillard. "Nirgendwo anders in Frankreich kommen auf einen Bürger so viele Polizeibeamte. Egal ob Bereitschaftspolizei oder Gendarmerie, alle sind hier. Man will ein deutliches Signal senden: Migrantinnen und Migranten sind hier nicht willkommen. Das ist nicht nur feindselig, sondern auch erniedrigend."

Seit am 24. November vergangenen Jahres 27 Geflüchtete – darunter auch ein kleines Mädchen – bei der Überquerung des Ärmelkanals ertrunken sind, geben sich Frankreich und Großbritannien gegenseitig die Schuld an der Tragödie. Ein Überlebender, Mohammed Sheka, sagte gegenüber dem kurdischen Fernsehsender Rudaw, dass die Leute an Bord des Schiffes während der Reise die britische Polizei angerufen hätten. Man habe sie angewiesen, die französischen Behörden zu kontaktieren. Die hätten sie wiederum aufgefordert, wieder die britischen Kollegen anzurufen. Die Ermittlungen in dem Fall laufen noch.

Anzeige
Kleinere Wellen kommen an einem Strand an, eine Möwe fliegt durch den Himmel

Der 38 Jahre alte Guillaume arbeitet seit zehn Jahren für ein Bestattungsinstitut in Calais. Wir treffen ihn am Standort von WoodYard, einer Organisation, die die Menschen in den Geflüchtetencamps mit Holz versorgt. Mit dem Brennholz wird dort Feuer gemacht, gekocht und nasse Kleidung getrocknet.

Seit der Tragödie im November hilft Guillaume bei WoodYard mit. "Ich komme jeden Tag hierher", sagt er. "Und wenn es nur 30 Minuten während meiner Mittagspause sind. Untätig zu sein, ist keine Option mehr." Er erzählt, dass ihn am 24. November die Polizei angerufen habe: "Sie wollten wissen, wie schnell ich nach Dunkerque kommen und wie viele Leichenwagen ich organisieren könnte. Ein Boot voller Migrantinnen und Migranten sei gerade gekentert."

Als Guillaume am Strand ankam, habe er seinen Augen kaum trauen können. Die Leichen der Ertrunkenen seien dort aufgereiht gewesen. "Männer, Frauen, Kinder. Es waren so viele", sagt er. Er habe den Polizeibeamten dann geholfen, die Leichen in schwarze Säcke zu heben.

"Ich werde ihre leblosen Gesichter nie mehr vergessen", sagt Guillaume. Er zeigt ein Bild auf seinem Handy. Darauf ist eine Frau zu sehen, die zusammen mit ihrem jüngeren Bruder und ihren Eltern bei der Tragödie ums Leben gekommen war.

An Rand einer Landstraße steht ein Transporter, zwei junge Menschen füllen den großen Wassertank darin auf

Auf dem Grundstück von WoodYard befinden sich noch weitere Organisationen, die die Lebensqualität in den Camps verbessern wollen. Überall stapeln sich Feuerholz, Kleidung, Konservendosen und Zelte – privat gespendetes, organisiertes Chaos. Wir sprechen mit Ruby, 24, die gerade einen riesigen Wassertank in einem Transporter auffüllt. "Hier passen 1.000 Liter rein", sagt sie. "Aber wir müssen vorsichtig sein. Der Polizei gefällt es nicht, dass wir den Migrantinnen und Migranten helfen."

Anzeige

 Viele Regierungen sind der Meinung, dass NGOs, die Geflüchteten helfen, das Problem nur noch verschlimmern. Aus diesem Grund haben die NGOs oft das Gefühl, man wolle ihre Arbeit sabotieren. In einem Camp zeigt man uns zum Beispiel eine Mauer, die die Behörden gebaut haben sollen, um Spendenabgaben zu verhindern. Und in einem anderen Camp wurde der Zugang blockiert. "Am Anfang haben sie nur kleine Steine hingelegt, die wir schnell wieder entfernen konnten", sagt Ruby. "Dann wurden die Steine immer größer. Inzwischen hat man sie sogar mit Zement befestigt." 

Wir lernen noch zwei weitere freiwillige Mitarbeiter einer NGO kennen. Einer von ihnen, der sich als Toucan vorstellt, verteilt Bündel von Feuerholz aus einer Schubkarre in den Camps. Er zeigt uns die Hüllen von Tränengasgranaten, die die Polizei am Tag zuvor geworfen habe, als es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen den Beamten und Geflüchteten kam. Danach hätten die Beamten den Migrantinnen und Migranten die Zelte konfisziert und ihnen keine Zeit gegeben, ihr verstreutes Hab und Gut aufzusammeln.

Mehrere Hüllen von Tränengasgranaten liegen auf dem schmutzigen Boden

Im Allgemeinen setzt die Polizei in diesem Teil von Frankreich mit ihrer Vorgehensweise vor allem auf Zermürbung und Vernachlässigung. Die Camps werden immer und immer wieder geräumt. Alle 48 Stunden fallen die Beamten in einem zufällig ausgewählten Lager ein und zerstören oder entfernen persönliche Gegenstände. "Diese Aktionen werden in allen Camps durchgeführt. Das ist ganz dreiste Schikane", sagt Feuillard. "Wir haben fast keine Zelte mehr. Die Situation raubt den Geflüchteten jeglichen Hoffnung. Sie verlieren immer wieder ihr gesamtes Hab und Gut."

Anzeige

Wie Feuillard erzählt, fänden jeden Monat größere Räumungen statt: "Ohne Vorwarnung fahren Busse bei den Camps vor. Die Leute müssen einsteigen und werden dann überall in Frankreich verteilt", sagt der NGO-Mitarbeiter. "Die Lager werden komplett geräumt und abgebaut, damit dort in Zukunft nicht wieder neue Lager entstehen. Das bringt jedoch nichts, denn die meisten Leute kommen einfach zurück."

2021 wiesen die französischen Behörden 172.469 Menschen aus Geflüchtetenlagern aus. Das entspricht 472 Menschen täglich. 90 Prozent dieser Menschen hielten sich in der Gegend vor dem Ärmelkanal auf.

Auf einem Eisenbahngleis sind mehrere Zelte aufgereiht, es ziehen Rauchschwaden durch die Luft

In den 90er Jahren wurden in Calais die ersten Lager errichtet. Damals hielten sich dort vor allem Bosnierinnen und Bosnier auf, die vor dem schrecklichen Krieg geflüchtet waren, der zum Zerfall Jugoslawiens führte. Später kamen Geflüchtete aus dem Irak, Kurdistan, Pakistan, Afghanistan, Eritrea, Syrien und Somalia dazu – alles Opfer verschiedener Krisen und Kriege. "So lange Europa seine Migrationspolitik nicht ändert, wird es immer wieder zu solchen Geflüchtetenwellen kommen", sagt Feuillard.

Zum Abschluss zeigt uns Kadjan sein Zelt. Während er ein kleines Feuer anschürt, legt ihm Ouman einen Arm um die Schultern und sagt: "Keine Sorge, Mann. Alles wird besser, sobald wir in England sind." Die beiden werden bald erneut ihr Glück versuchen.

Folge VICE auf Facebook, Instagram, YouTube und Snapchat.