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Umsturzprosa

Das Comeback der Beginner—Wenn der Flash nur noch flackert

„Die Interpretationen aktueller HipHop-Styles wirken bei den Beginnern so, als ob der Vertrauenslehrer am Lagerfeuer trotz umgehängter Gitarre plötzlich anfängt zu rappen.“

von Linus Volkmann
26 August 2016, 9:26am

Ja, darf es denn wahr sein? Heute erscheint Advanced Chemistry, das neue Album der Beginner! Die Hamburger Füchse recken stolz einen kleinen steifen Penis zur Zimmerdecke. Linus Volkmann hat nachgemessen und keine guten Nachrichten für die derben Flasher. Ein Abgesang.

Ich habe natürlich auch Bambule gehört. Das war deutscher HipHop auf der Höhe Zeit. „Liebes Lied“ markierte dabei auch den kommerziellen Durchbruch der Beginner. Einen Durchbruch, den man ihnen absolut gönnte. Allein schon diese leicht defekt wirkende, nasale Stimme und das halbe Hemd im großen Hemd, das mit Eißfeldt neben den beiden anderen dahinter steckte—das hatte echt was. Und es wurde noch besser: Das neue Jahrtausend kam und Die Beginner waren sich längst bewusst, was die Stunde geschlagen hatte. Nämlich die (vorerst letzte) für HipHop mit bürgerlichem Hintergrund. Aggro Berlins Problembezirk-aufgeladene Gangsta-Attitüde sollte die ganzen Reihenhaus-Rapper, die in den 90ern noch die unangefochtenen Kings waren, einfach wegfegen. Die Beginner machten für ihre Szene damals 2003 das Licht aus. Ihr Blast Action Heroes war das letzte ernstzunehmende HipHop-Album von Hamburg City Heftig. Bevor dann Bushido, Fler und SIDO erstmal für Jahre ihren „Schwanz in deinem Loch“ („Ansage Nummer Zwei“) hatten.

Die Beginner machten allerdings keineswegs Schluss, sondern erkundeten ab da Solo-Pfade, deren unterschiedliche Streckenführung ein Schlüssel für das aktuelle Dilemma liefert.

Jan Delay

Der Typ, der von diesen lustigen Pseudonymen nicht genug haben konnte (Jan Delay, Eizi Eiz, Boba Ffett etc.), vermittelte den Eindruck, auch für die eigene Musikkarriere mehr als einen Plan zu besitzen. 2001 erschien sein Solo-Debüt Searching For The Jan Soul Rebels und stellte mit das Stärkste dar, was der talentierte Air Max-Fetischist je gemacht hatte. Besser wurde es nie mehr. „Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt“ geriet schnell zum Hit der Popkulturlinken. Denen gefiel genauso das Anti-Karnevals-Statement des Videos als auch die attraktive Anmaßung des Textes. Der Pöbel ist nicht gut genug für die Musik, die man selbst feiert? Welcher Geschmacks-Spießer, der sich für einen Gralshüter hält, fühlte sich hiervon nicht abgeholt? Jan Delay schaffte es ins Feuilleton und trotzdem auch in die Charts. Respekt. Respekt, den man ihm allerdings wieder aberkennen muss, wenn man einige Jahre später auf Kabel1 hörte, wie er sein Solo-Song „Klar“ (von Mercedes-Dance, 2006) als Erkennungsmelodie an diverse Reality-Formate beziehungsweise Hartz-4-ploitation-Sendungen verscherbelt hatte. Bemerkenswert für einen Künstler, der sich einst mal damit profilierte, bei seinen Hörern einen ganz engen Filter anzulegen. Jan Delay war eben vom wendigen Herausforderer zum behäbigen Thronfolger aufgestiegen. Sein Reich stellte dabei dieser entstellte Deutsch-Pop dar, den dieses Land einfach nicht loswird. Die Nische HipHop hatte er bewusst und erfolgreich hinter sich gelassen.

Doch der große Nassmüll-Coup sollte erst noch anstehen. 2014 wurde ein neues Solo-Album nötig und durch die immer weiter fortschreitende Manifestation von Selbstüberschätzung und Arroganz glaubte der Berufshanseat, er beherrsche einfach alle Musikstile (also technisch wie inhaltlich).

Also, welchen hatte er noch nicht durchgenäselt? Rock? Okay! Die überamtliche Rock-Platte sollte es also werden. Wie schwer könnte es schon sein? Wer das fremdschämige Ergebnis Hammer & Michel tatsächlich mal gehört hat, weiß es: Sehr schwer, viel zu schwer fürs letztlich doch ziemliche Leichtgewicht Delay, das sich aber seinen ohnehin stets schwelenden Sozialchauvinismus nicht nehmen ließ. Ein Song über Übergewicht rockt funky gegen Fette (eh alle arm und dumm!):

„Der Kevin und die Sandy und die Mama und der Papa / die machen alle viel und gerne ‚happa-happa‘.“ (aus: „Dicke Kinder“)

Ein Glück bekam solch lahmes Unterschichten-Bashing wenig Nachhall, denn trotz teurer Medien-Kampagne rund um das minderbemittelte Album, fiel der schnöselige Berufsmusiker-Rock selbst in den Charts komplett durch. So blöd wie Hammer & Michel war noch nicht mal das Format-Radio—und das will wirklich was heißen.

Denyo

Für Denyo muss es bestimmt nicht leicht gewesen sein, als zeitgleich zu den Jan Soul Rebels auch sein eigenes Solo-Album erschien. Das stand somit im Frühjahr 2001 in direkter Konkurrenz zu dem finalen Delay-Durchbruch und schnitt dabei noch mickriger ab, als es der Titel schon bereits vorgab, der lautete nämlich seinerzeit: Mini-Disco. Aus den Max & Moritz des „frechen“ Hamburger Raps manifestierte sich so eher ein (wenn auch unausgesprochenes) Verhältnis von Platzhirsch und Sidekick. Denyo als der Herbert Feuerstein des Games. Nun ja, why not? Das stand ihm zumindest besser als das grimmige Gesichtchen, das er bei seiner Beteiligung am antirassistischen Projekt Brothers Keepers aufgesetzt hatte. Dort versammelten sich seinerzeit Afro-Deutsche-Charts-Rapper, um unter der Chorleitung von Xavier Naidoo eine „letzte Warnung“ auszusprechen.

Und als 2005 die zweite Platte der gerade noch hochgehandelten Electro-Popband Spillsbury aus Hamburg floppte, wen hatten sie sich für den Rap-Part auf der ersten Single geholt? Genau ...

Denyo versuchte es noch mehrfach solo. 2009 zum Beispiel schien es der Plan zu sein, unter seinem bürgerlichen Namen Dennis Lisk den erfolgreichen Weg von Acts wie Clueso nachzubauen—also sich in der Wahrnehmung vom vermeintlich trivialen Gute-Laune-Rapper zum deepen Songwriter zu wandeln. Das Album dazu hieß Suchen & Finden, doch diese am Reißbrett erdachte Metamorphose, auch sie zündete nicht—fand stattdessen fast komplett unter Ausschluss von Öffentlichkeit statt.

DJ Mad

Der allseits beliebte Grüßonkel der Gruppe, der hanseatische Andy Ypsilon. Ein Typ, der einen Zettel an der Windschutzscheibe hinterlässt, wenn er dein Autor beim Parken beinah touchiert hätte, die gute Seele, der Hausmeister, der Drahtzieher, der Sound, der Gugelhupf, die Schiebermütze, der Typ ohne Wikipedia-Eintrag.

Hier und Jetzt

All diese losen Enden laufen nun 2016 wieder zusammen. Die Marke Beginner setzt mit großem Getöse zu einem kleinen Sprung an, den einem die Berufs-Hamburger—natürlich—als Meilenstein verkaufen wollen.

So inszeniert dann auch das Comeback-Video „Ahnma“ auf den ersten Blick nur die dicke Hose. Doch drin ist gar nichts, höchstens vielleicht das Hemd reingesteckt. Davon kann letztlich auch nicht das Prominenten-Roulette ablenken, an dem die Band gedreht hat. Uwe Seeler, Böhmermann, Olli Dittrich, Tim Mälzer—all die TV-Gesichter, die das Dschungelcamp nie kriegen wird, machen gern mit in dem zweiten Video zur Platte. Das Stück dazu: „Es war einmal“. Denn die Beginner sind cool, also will man gern mit ihnen gesehen werden. Dass diese Info über die Coolness der Band eigentlich schon 13 Jahre alt ist? Geschenkt! Schließlich ist man ja selbst nicht mehr der Jüngste (und der Coolste eh nicht, außer natürlich Erdogan-Putschist Nummer Eins Jan Böhmermann, aber der steht ja ohnehin nur noch für sich selbst).

Dass dieser Selbstabfeierfetisch so übertrieben nostalgisch wirkt, wundert daher nicht. Die Band, ihre Gags, ihr Style, ihr routiniertes Gelalle vom derben Flash ist ja auch nichts anderes als das reine Zitat. Doch ganz so heftig wollte man seinen eigenen Schlafwagen-Swag auch nicht entlarven. Also holte man sich mit Gzuz einen Rapper aus den Charts und vor allem aus den THC-verhangenen Tagträumen echter Jugendlicher. Einen Typen, dessen Namen die überwiegende Mehrheit der Beginner-Fans für einen Tippfehler von GZSZ hält.

Der Deal ist dabei nicht neu—wie alles an diesem Comeback: Gzuz und der attraktiv schlechte Ruf seiner Crew 187 Straßenbande geben etwas von ihrer Credibility ab, der fließt ins aseptische Produkt, das nun wiederum etwas krasser wirken kann. Im Gegenzug wirkt die Straßenbande nicht mehr komplett wie ein Haufen vorbestrafter THC-Anarchisten und kann bei guter Führung irgendwann auch mal den Kulturtopf von innen sehen. Hoffentlich sieht man die 187er trotzdem nicht 2024 bei einer mutigen Theateraufführung in der Rolle als echte HipHop-Gangster im Schauspielhaus. Wehret den Anfängen!

Scratch und Bösekatz

Noch mehr Anbiederung an den Sound von heute bietet das Stück „Schelle“, auf dem die Drei zeigen, dass sie auch schon mal was von Money Boy und Trap in ihrer Facebook-Timeline entdeckt haben. Ihre Interpretation dieses Styles wirkt allerdings, als wenn der Vertrauenslehrer am Lagerfeuer trotz umgehängter Gitarre plötzlich anfängt zu rappen. Selbst wenn er technisch nicht untergeht, denkt man dennoch: „Lieber mal lang Holz holen gehen ...“ Da ist man „Schelle“ dann fast schon dankbar, wenn es sich mit einem antiquierten Reggae-Part selbst den Saft der Jetztzeit wieder abdreht.

Was im Endeffekt natürlich gut so ist, denn bei den Beginnern 2016 ist außer Nostalgie ohnehin nichts Chef. Wobei all diese Rückbetrachtung schon etwas fahrig Überhebliches besitzt, wie der Diss gegen die Spex und deren Antwort beweist.

Jedenfalls legten schon die Reaktionen auf „Ahnma“ die Zielgruppe inklusive ihrer Wünsche offen. Man redet hier von Ü35ern, die jetzt eben selbst der Vertrauenslehrer geworden sind (oder noch Schlimmeres) und die sich ihre goldenen Zeiten von Pädagogik-Rap mit viel Scratch und Bösekatz zurückwünschen. Fun Fact: Die Ehemaligen haben übrigens genau wegen jenes „Proletenraps“, den 187 Straßenbande heute verkörpern, einst aufgehört, sich mit deutschem Rap zu befassen.

Den Gipfel der Anmaßung stellt allerdings der Albumtitel dar, wer sich die Band von Torch und Co. als Referenz ans Revers heftet, nur um dann soviel inhaltsleeren Schlock abzuliefern, „geht auch zum Scheißen in die Bibliothek, weil er gehört hat, dass es da viel Papier gibt.“ (Benjamin Maack, Autor)

Wir machen das klar!

Diesmal nicht mehr. Sorry, Jungs, nichts für ungut. Einer muss es euch aber doch mal sagen. Also, falls Kritik in dem Begeisterungschor, der um das Album gerade reflexhaft anschwillt, überhaupt noch zu euch durchdringt.

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