Bombastische Teppiche

Afghanistan ist Krieg. In allen Dingen. Nicht nur, dass jedes Kind dort in der Lage ist, jede x-beliebige Knarre der Welt nachzubauen (so wie euer kleiner Bruder seine Myspace Seite zusammenschustert und sich ganze Städte in Pakistan auf die Manufaktur von Knarren spezialisiert haben). Das konntet ihr schon in unserem VICE GUIDE to Travel sehen. Nein, ohne Scheiß, vergesst Georg Grosz und seine Expressionismus-Traumataverarbeitung, denn die Mudschahedin, weben ihre Kriege direkt in Teppiche ein.

Die Geschichte der Kriegsteppiche beginnt irgendwann in den 70er Jahren. Keiner, in einem Land, in dem die meisten nicht mal wissen, wie alt sie selber sind, kann das so ganz genau datieren. Aber sie begann kurz nachdem sich die langhaarigen Hippies die letzte Haschpfeife angezündet haben und in Richtung Goa geflüchtet sind, um den Sowjets Platz zu machen, die das Land daraufhin in Schutt und Asche bombten.

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Anscheinend gab es damals noch so etwas wie eine afghanische Kunstszene, rund um Amanullah Haiderzad, der heute unter Hamid Karsai oberster afghanischer Kunstberater ist—was dieser Fantasietitel, in einem Land mit höchstens rudimentär vorhandenen Dingen wie einer Infrastruktur, Wasser, Frieden und Bildungschancen, auch immer bedeuten mag. Jedenfalls flüchtete der Bildhauer irgendwann, damals 1980 mit Studierenden der Kabuler Kunstakademie über den Khyber-Pass ins pakistanische Peschawar und animierte die Studenten, den anderen Flüchtlingen bei der Verarbeitung ihrer Traumata zu helfen, indem sie diese künstlerisch aufarbeiten sollten.

Über die Zeit und die verschiedenen Kriege hinweg, etablierte sich diese Therapie und wurde zu einer Art Geschäft und akzeptiertem Kunsthandwerk. Obwohl das Gewerbe mit dem Kriegsgewebe erst seit etwas mehr als einem Vierteljahrhundert existiert, kann man drei Epochen unterscheiden. Man nimmt also ein Geschichtsbuch zur Hand und sieht sich an, wer, wann, wie und warum in Afghanistan gerade wen abschlachtete.

Die ersten Teppiche stammen aus der Zeit der Sowjets in Afghanistan. Nachdem die sowjetischen Truppen 1989 aus Afghanistan abgezogen waren, entstanden viele Teppiche mit Märtyrer-Motiven, die sich zeitlich dem Kampf der Mudschahedin um die Macht im Land sowie deren darauffolgender Regierungszeit zuordnen lassen.

Während des Taliban-Regimes entstanden nur wenige Teppiche, da man sich wahrscheinlich schon durch das ansehen von Farben verdächtig gemacht hätte und anschließend gesteinigt worden wäre.

Die dritte Phase der Kriegsteppiche beginnt mit dem 11. September, den Bomben der NATO und der Karsai-Regierung. Seitdem scheinen die Läufer neben Schlafmohn anscheinend zu einem besonders gut funktionierenden Exportgut aus Afghanistan geworden zu sein. Vor allem die ISAF-Soldaten schleppen das Zeug bündelweise aus dem Land, um es auf Ebay zu verhökern. Das sind jedenfalls unsere Favoriten, die wir uns gerne als Läufer in den Flur legen würden:

Sowas wie die Magna Carta des Krieges am Hindukusch. Der Teppich ist einer der ältesten und zeigt den Sturm auf die Königsburg während des Putsches 1978 in Kabul.

Der Klassiker zeigt das komplette Arsenal der russischen Kriegsmaschinerie während der 80er. Von sowjetischen BMTs und AKs bis hin zu RPGs. Zeitloses Design macht diesen Teppich zur perfekten Unterlage dafür, sich vor dem lodernden Kamin mit einer RAF-Schlampe zu vergnügen.

Der Teppich zeigt eine AK mit orange-farbenem Magazin, das so nur bei russischen Spezialeinheiten zum Einsatz kam. Sehr selten, sehr teuer.

Die Postmoderne des Kriegsgewebes.

Durch die zentrale Anordnung des Flugzeugträgers wird laut Interpretation die Kriegsschuld, bzw. die Schuld der 9/11-Anschläge den USA unterstellt. Aber was genau ist der Zusammenhang zwischen der “Msle” und der Friedenstaube?

Ahmed Schah Masud—besonders schön ist hierbei die grobe Pixelung des digitalen Originalfotos zu erkennen.

FN

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