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Schmuggeltouristen und Parallelhändler: Chinas Nahrungsmittelversorgung in der Grauzone

Die größte Wirtschaftsmacht der Welt erlebt einen Lebensmittelskandal nach dem anderen. Dadurch hat sich ein lebhafter grauer Markt mit geschmuggelten Nahrungsmitteln aus Hongkong und dem Ausland entwickelt.

von BRADY NG
20 Oktober 2015, 1:45pm

Foto von kartografia via Flickr

In China gibt es großartiges Essen. Hot Pot. Dim Sum. Alle Arten von Teigtaschen. Mongolisches Barbecue. Die scharfen Aromen der Szechuan-Küche. Unglaubliche Meeresfrüchte. Komplexer Tee. Halal-Einflüsse durch Zentralasien und überraschende Geschmacksprofile, die von südostasiatischen Monsuns ins Land geblasen werden. Connaisseure sagen, es sei in China möglich, nie zwei Mal das Gleiche zu essen. Von üppigen, imperialen Banketts zu einfachem Straßenessen—die chinesische Küche hält für jeden etwas bereit.

In China gibt es aber auch grauenhaftes Essen. Seine Milchprodukte, darunter Babynahrung, waren mit Melamin verseucht und tausende Säuglinge wurden krank, drei starben. Lebensmittelbetrugsfälle schaffen es immer wieder in die Schlagzeilen wie gefälschter Honig, der null Prozent echtem Honig enthält. Vor nicht allzu langer Zeit wurden 16.000 kranke Schweinekadaver in Shanghais Trinkwasser entdeckt. Gully-Öl, das aus Abflussrinnen gewonnen wird, könnte zehn Prozent des gesamten Kochöls des Landes ausmachen. Nach den riesigen chemischen Explosionen in Tianjin im August wurden tausende tote Fische an einer nahe gelegenen Küste angespült, während die chinesische Regierung behauptet, die 700 Tonnen giftiges Natriumcyanid von der Explosionsstätte hätten nichts mit der plötzlichen, riesigen Zahl der toten Fische zu tun. Gefrorenes Fleisch, das 40 Jahre alt ist und das die Leute „Zombie-Fleisch" nennen, ist in die chinesische Nahrungsmittelkette gelangt. Der neueste Lebensmittelbetrug dreht sich um gefälschten Reis, der aus gestampften Kartoffeln besteht, die zu Körnern geformt und mit recyceltem Plastikmüll umhüllt werden, damit sie den richtigen Glanz haben.

Es gäbe noch zahlreiche weitere Beispiele wie gefälschte Nudeln oder Bordeaux, aber ich glaube, ihr habt das Prinzip schon verstanden.

Die größte Wirtschaftsmacht der Welt erlebt einen Lebensmittelskandal nach dem anderen. Plump gesagt, der Haufen gebratene Nudeln von deinem Lieblingsstraßenstand in Shanghai kostet vielleicht nur ein oder zwei Euro, aber es ist nicht übertrieben, wenn man sagt, man gibt sein Leben somit in fremde Hände und was dabei herauskommt, ist Glück.

Als logische Konsequenz dieser Betrugsskandale ist das Vertrauen der Konsumenten gesunken. Die Leute trauen keinem Essen mehr, das aus China stammt und während viele chinesische Familien immer mehr Geld zu Verfügung haben und es sich leisten können, ins Ausland zu reisen, wird es auch immer üblicher, dass im Urlaub die Lebensmittelvorräte aufgestockt werden. Chinesische Touristen plündern die Geschäfte in Deutschland, Großbritannien, Australien und darüber hinaus nach Babynahrung. Und das hat ein absurdes Ausmaß angenommen: 4.000 chinesische Kreuzfahrtpassagiere besuchten ein japanisches Dorf und kauften alles, was es dort gab.

Aber warum sollten sie das ostchinesische Meer überkreuzen, wenn das Paradies eines jeden Shoppers viel näher liegt? Hong Kongs Lebensmittelsicherheitsstandards werden sehr viel strenger durchgesetzt als im Rest von China und daraus hat sich ein sehr stabiler grauer Markt für Nahrungsmittel entwickelt.

Früher funktioniert es folgendermaßen: Schmuggler oder die Leute, die dafür angestellt wurden, fielen über Hongkongs Supermärkte her und packten ganze Koffer voll mit Snacks, Getränken und allem anderen. Sie gingen mit dem Essen zu Fuß über die Grenze in Shenzhen, übergaben es an Parallelhändler und wurden dafür bezahlt, Kurier zu spielen. Es war eine leichte Art für Pensionisten, ein bisschen Geld zu verdienen, aber es gab auch einige öffentliche Szenen, bei deinen man sich nur noch an den Kopf greifen kann. Rotwein wurde mit Trichtern in Colaflaschen umgefüllt, damit kein Verdacht geschöpft wird und LKWs voll amerikanischem Rindfleisch wurden auf einer offenen Straße ausgeladen und hastig in Koffer gepackt.

Bei all diesen Mühen geht es einzig und allein darum, Steuern auf importierte Nahrungsmittel zu umgehen. Die Zollbehörden drücken bei diesem Parallelhandel ein Auge zu, solange sich die Schmuggler nicht zu auffällig verhalten. Letztendlich ist es ein relatives harmloses Geschäft und sogar die Beamten, die an den Kontrollpunkten stehen, kaufen Essen vom grauer Markt.

Die chinesische Regierung beschloss dieses Jahr, unter anderem den Handel zwischen Hongkong und Shenzhen einzuschränken, weil die Schmuggler keine Steuern bezahlen, aber sogar die staatlichen Medien geben zu, dass dieser Maßnahme nicht sehr effektiv war.

Unternehmerische Hongkonger wickelten ihre Geschäfte einfach über das Internet ab. Shopping-Plattformen wie Taobao und TMall, die beide von der Alibaba Group betrieben werden, geben jetzt den Host des grauen Markts. Mittelsmänner sind außerdem auf WeChat tätig, einer chinesischen Social-Media-Plattform, die eine Mischung aus Facebook und WhatsApp ist. Mit ein paar Klicks auf ihren Smartphones können chinesischer Shopper ihre Lebensmittel aus Hongkong bestellen, die ihnen in ein bis zwei Tagen per Kurier zugestellt werden.

Manche Leute in Hongkong hassen den grauen Markt jedoch. Regelmäßig finden Proteste in der Nähe der Grenze statt. Demonstranten sind sauer, weil Haushaltsartikel und bestimmte Nahrungsmittel immer wieder knapp werden und die Preise für diese Güter sind angestiegen. Zwischenrufe sind normal, Schlägereien gibt es auch manchmal. Diese Proteste sind Teil eines viel größeren, komplizierteren Problems und da kommen kulturelle Spannungen und Identitätspolitik ins Spiel.

Einkaufen über der Grenze ist grundsätzlich nichts Außergewöhnliches. Palästinensische Familien, die in Jerusalem leben, überqueren den militärischen Kontrollpunkt und kaufen ihr Pita bei ihrem Lieblingsbäcker im Westjordanland. Schweizer fahren nach Italien oder Österreich, um ihre Haushaltsvorräte aufzufüllen. Was in Hongkong und Shenzhen vor sich geht, entstand aus der Not und basiert auf dem Wunsch, nicht von chinesischem Essen vergiftet zu werden. In gewisser Hinsicht ist das moderne chinesische Leben von Dingen definiert, die sie nicht tun. Chinesische Millennials absolvieren ihre Ausbildung im entfernten Ausland, damit sie nicht die verschmutzte Luft ihres Landes einatmen müssen. Passanten ignorieren Fremde, die sofort medizinische Hilfe benötigen, weil sie Angst haben, verklagt zu werden. Reiche chinesische Familien verstecken ihr Vermögen im Ausland, damit sie nicht von der merkwürdigen chinesischen Wirtschaft bedroht werden.

Wenn man nicht einmal Trost in einer unbedenklichen Mahlzeit findet, kann man es ihnen dann wirklich übel nehmen?