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Veganismus

Vegane Soldaten kämpfen für ihre „Religion"

Wenn ein Land sich im Kriegszustand befindet, wird das Budget für lebensnotwendigere Dinge als für gutes Essen ausgegeben. Auf Sonderwünsche wird nicht eingegangen. Hunderte veganer Soldaten der israelischen Verteidigungsstreitkräfte wollen sich das...

von Natalie Shafrir
03 Dezember 2014, 10:00am

Das allseits beliebte „Du bleibst solange am Tisch sitzen, bis du aufgegessen hast" nahm plötzlich eine komplett andere Bedeutung an, als ich meine Uniform bekam und ins Militär einrückte.

Plötzlich bin ich nicht mehr zu Hause. Ich habe keinen Namen mehr, nur noch eine Nummer. Es gibt Leute, die in der Hierarchie über mir sind und deren Ränge auf den Uniformen stehen. Sie hinterfragen meine Rebellion gegen den ekligen Teller voller öliger Pampe, weil sie wollen, dass ich stark genug bin, um bei der nächsten Morgendämmerung wieder durch den Matsch zu kriechen.

Irgendwie gefällt dir das im Sommercamp noch—es gehört zur abenteuerlichen Atmosphäre in der Wildnis. In der Sekundarschule lässt du es über dich ergehen, weil dir mit 16 sowieso alles um dich herum am Arsch vorbeigeht, besonders, was auf dem Teller vor dir liegt. Mit 18, wenn du die Schule abschließt, fängst du an zu trinken und willst das Leben endlich genießen. Du hast keine Zeit mehr, dich mit so einfach Dingen wie Essen und Körperhygiene zu beschäftigen.

Kakerlaken im Speiseraum oder Haare im Essen sind keine Seltenheit. Das ambivalente Gefühl, dass dich während deines Militärdienstes begleitet, ist das gleiche, das auch die Soldaten verspüren, die als Köche eingesetzt werden. Vielleicht haben die Italiener ja doch recht: Essen, das ohne Liebe zubereitet wird, schmeckt einfach nicht.

Fast die Hälfte der Soldaten der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte werden in eine geschlossene Militärbasis weit entfernt von ihrem Zuhause entsandt. Wenn man Glück hat, ist es ein schöner, grüner Standort im Norden, aber meistens ist es ein deprimierendes Drecksloch in der Wüste, was bedeutet, dass die Soldaten fünf Tage durchgehend an ihrem Standort sind—das heißt, falls sie am Wochenende entlassen werden. Das ist kein besonders inspirierendes Leben. Jede Woche gibt es 15 Mahlzeiten im gleichen Speiseraum und immer ist es mehr oder weniger das gleiche Essen. All die guten Fette und Kohlenhydrate, die so beschissen zubereitet werden, wie du es dir nur vorstellen kannst. Wenn das Geld für so viele andere, wichtigere Dinge ausgegeben wird, dann ist das Essen das letzte, an was du denkst. Es muss nur nahrhaft und effizient sein und akzeptabel schmecken.

Die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte wurde im selben Jahr gegründet, wie das Land selbst: 1948. Vom ersten Moment an gab es ein Feldrabbinat. Das war noch bevor der Staat und die Religion sich verliebten und eine untrennbare Beziehung eingingen. Von Anfang an musste das Essen im Militär koscher (also nach den jüdischen Religionsgesetzen zubereitet) und somit für alle zugänglich sein. Das ist irgendwie ganz witzig, weil heutzutage viele religiöse Menschen die Ausrede verwenden, Gott zu dienen, um nicht ihrem Land dienen zu müssen, obwohl Religion und Staat so untrennbar miteinander verbunden sind. Viele Jahre lang war es das perfekte Symbol für das konservative Israel. Wenn du dich nicht für das Militär verpflichten wolltest, wurdest du auf der Straße angespuckt. Sobald du eingerückt warst, wurde der militärische Dienst zu deiner obersten Priorität, Gott zu deinem Offizier und deine Eltern waren stolz auf ihren Kriegersohn. Ob du ein ehrenhafter Bürger warst oder nicht, hing im Grunde davon ab.

Wenn sich schon das Bildungssystem in Israel nicht weiterentwickelt, dann zumindest das Militär. Nach einigen brutalen Zwischenfällen rief das Militär eine Kommission für Beschwerden ein, um den Soldaten, die sich bedroht oder schlecht behandelt fühlen, und deren Familien eine Anlaufstelle zu bieten.

Vor zwei Monaten wurde diese Kommission aber zum ersten Mal auf eine andere Weise genutzt. Hunderte von veganen Soldaten schlossen sich zusammen, um eine kollektive Beschwerde über die Nichtberücksichtigung ihres veganen Lebensstils einzureichen.

„Wir verdienen als Angestellte des Militärs 550 NIS (ca. 115 Euro) pro Monat, was niemals ausreicht, um für einen Monat Essen zu kaufen. Und auch wenn es genug wäre, ist es beinahe ein Ding der Unmöglichkeit, das Essen für eine Woche ständig im Rucksack herumzuschleppen, weil wir keine persönlichen Dinge in der Küche und keine Lebensmittel von außen im Kühlschrank aufbewahren dürfen", sagt einer der Soldaten, der maßgeblich an der Mobilisierung für die Beschwerde beteiligt war. Ein anderer fügt hinzu: „Auch wenn wir das Geld hätten, jeden Tag Essen zu bestellen, befinden sich doch die meisten militärischen Stützpunkte in abgelegenen Gegenden, die nur schwer zu erreichen sind und in deren Umkreis sich nichts befindet."

Ohne damit die Fleischindustrie befürworten zu wollen und obwohl ich eigentlich Veganern kritisch gegenüberstehe, weil sie die Sklaverei hinter der Sojabohnen- und Reisproduktion gerne mal vergessen, muss ich ihnen hier recht geben. Sollten wir nicht alle die Option haben, unsere „Religion" auszuleben, während wir unserem Land dienen?

Foto: Israel Defense Forces via Flickr

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