Foto: Jan Karon

Der neueste Brandanschlag in Chemnitz zeigt, wie gefährlich die Stadt geworden ist

"Hätte ich hier nicht Familie und ein Haus, ich würde wegziehen", sagt Ali Tulasoglu, der Wirt des Restaurants "Mangal".

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Okt. 21 2018, 5:00am

Foto: Jan Karon

Das zersplitterte Glas vor dem Eingang des "Mangals" türmt sich zu einem kleinen Berg, man kann auch sagen: zu einem Häufchen Elend. Ali Tulasoglu schlüpft unter dem rot-weißen Absperrband hindurch, in seiner linken Hand eine Zigarette, in der rechten einen Pappbecher mit Filterkaffee. Er schließt die Eingangstür auf, schaut auf das Glas herunter. "Entschuldigen Sie", sagt er, als er sich vorstellt, "seit Donnerstag sind meine Hände stets schweißnass, wenn ich daran denke."

Mit "daran" meint er den Brandanschlag, den Unbekannte einen Tag zuvor, am 18. Oktober, frühmorgens auf sein türkisches Restaurant Mangal verübten. Etwa eine Stunde später weckte ihn der Anruf einer Nachbarin. Es habe einen Knall gegeben, sein Lokal in der Chemnitzer Innenstadt stehe in Flammen, aus der Gaststätte qualme es. Tulasoglu eilte aus dem benachbarten Frankenberg herbei. 20 Minuten Autofahrt. Als er ankam, waren Polizei und Feuerwehr im Einsatz, Nachbarn wurden in einen Bus evakuiert.

Im Ladeninneren sind Ruß an den Wänden und Schlieren vom Löschwasser. Auch der Boden, wo früher eine Garderobe stand, ist schwarz. Mitten im Raum liegt ein Kronleuchter, daneben steht ein verbrannter Stuhl. Es riecht nach Lagerfeuer. "Kein einziger Raum, in dem nichts kaputt ist", sagt Tulasoglu.

Der Brandanschlag auf das Mangal war der vierte Angriff auf Restaurants in Chemnitz innerhalb der letzten sieben Wochen. Vermutlich stehen Rechtsextremisten hinter den Taten. Die Geschichte von Ali Tulasoglu und seinem Restaurant zeigt exemplarisch, wie Gewalttäter Existenzen zerstören und das Stadtklima vergiften.

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Im Mangal liegen zerbrochenes Glas und ein Kronleuchter. Daneben steht ein ausgebrannter Stuhl
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Verkokeltes Sitzpolster

300.000 Euro für den eigenen Traum

Tulasoglu kam 1990 mit 17 als Kind eines Arbeiters aus dem Südosten der Türkei nach Deutschland. Sein Vater arbeitete in einem Sägewerk in Rottweil bei Stuttgart, 1994 zog es Tulasoglu nach Sachsen. "Die Natur und das Erzgebirge haben mir sofort gefallen", erinnert er sich, und schiebt hinterher: "Und damals war die Stimmung noch eine andere, eine freundlichere." In Chemnitz verliebte er sich, gründete eine Familie, arbeitete als Koch in Döner- und Pizzaläden.

Im Juli 2017 eröffnete Tulasoglu das Mangal. Fast 300.000 Euro hätten ihn die Umbauarbeiten gekostet, einen Kredit über 150.000 Euro habe er bei der Sparkasse bekommen. Mit der Restauranteröffnung habe er sich den Traum eines eigenen Restaurant verwirklicht. Lammkoteletts und Adanaspieße stehen auf der Karte – gehobene türkische Küche, kein Schnellimbiss. Tulasoglu weiß, dass die vorherigen Restaurants in dem Gebäude auf der Straße der Nationen nicht sonderlich erfolgreich liefen. "Die ersten 15 Monate aber waren gut", sagt der 46-Jährige. Dass es nicht immer platzend voll war, sei normal, wenn man neu eröffne.

Er zieht an der Zigarette, fährt sich durch sein ergrautes Haar. "Die Täter haben das Schloss gewaltsam aufgebrochen", erzählt er. Sie vergossen überall Benzin, zündeten den Laden an und flohen. Er weiß das von der Spurensicherung.

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Die Täter haben das Schloss gewaltsam aufgebrochen, bevor sie mit Hilfe von Benzin Brand legten
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In der Küche sammeln sich Schlieren vom Löschwasser der Feuerwehr an den Wänden

Die vierte Attacke in den letzten sieben Wochen

In Chemnitz wurden in den vergangenen Wochen bereits das jüdische Restaurant Schalom (27. August) sowie die persischen Gaststätten Schmetterling (22. September) und Safran (7. Oktober) angegriffen. Nach dem Angriff auf das Mangal ist auch die Landespolitik alarmiert. Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) besuchte Tulasoglu am Samstag, der Innenminister Roland Wöller (CDU) nannte die Tat verabscheuungswürdig und kündigte an, "ausländische Einrichtungen" wie Restaurants künftig stärker durch Polizeistreifen zu schützen.

Die Ermittlungen zu drei der vier Fälle hat die Polizeidirektion Chemnitz an den Staatsschutz des Landeskriminalamts Sachsen abgegeben. "Es gibt einen Anfangsverdacht, dass es sich um eine politisch motivierte, fremdenfeindliche Tat handelt", bestätigte eine LKA-Sprecherin gegenüber VICE. Auch im Falle des Mangals sei das der Fall. Aktuell vernehmen die Beamten die Opfer und Zeugen, untersuchen die Tatorte und prüfen, ob es einen Zusammenhang zwischen den Taten geben könnte. Da die Überfälle meistens von Vermummten spätabends oder nachts durchgeführt wurden, gestalten sich die Ermittlungen aber mühsam.


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"Solche Anschläge erzeugen Ohnmacht"

Am Freitagvormittag findet neben dem Alten Rathaus ein Markt statt. "Natürlich macht das betroffen", sagt ein Rentner mit sächsischem Akzent, der gerade Äpfel kauft, zum Angriff auf das Mangal, "aber was die Ausländer machen, geht auch nicht." Wen er mit "die Ausländer" denn meine? "Die ganzen geflüchteten Jugendlichen marodieren in der Innenstadt, die haben nichts zu tun."

Einer, auf den diese Beschreibung nicht zutrifft, heißt Karim. Er floh 2015 aus Damaskus nach Deutschland, spricht inzwischen fließend Deutsch. Auf der Brückenstraße betreibt er mit seinem Vater eine Bäckerei, in der er Baklava verkauft. Der Umsatz sei in den letzten Wochen zurückgegangen. Der Frage, ob er die Kritik des älteren Marktbesuchers verstehen könnte, antwortet er ausweichend: "Es gibt überall gute und schlechte Menschen." Angst habe er nicht, schließlich sei sein Geschäft kameraüberwacht. "Aber ich weiß", sagt Karim: "Wenn mir jemand wehtun oder den Laden beschädigen will, dann werden Kameras das nicht verhindern können."

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Karim (links) floh 2015 aus Damaskus nach Deutschland. In Chemnitz betreibt er gemeinsam mit seinem Vater eine Bäckerei, die Baklava verkauft

Wenn von Menschen mit Migrationshintergrund betriebene Restaurants angegriffen werden, dann verändere das das Klima in der Stadt, sagt der Chemnitzer Abgeordnete Frank Heinrich, der für die CDU im Bundestag sitzt. "Solche Anschläge erzeugen Ohnmacht." Er erzählt von chinesischen Touristen, die in den vergangenen Wochen Angst gehabt hätten, das Haus zu verlassen. "Einzelne aus dem Kreis der Demonstrationen fühlen sich womöglich ermutigt, solche Straftaten zu verüben." Die Hemmschwelle sei gesunken.

Heinrich berichtet zudem, dass in den vergangenen Wochen zahlreiche Menschen seinem Abgeordnetenbüro schreiben würden. Nicht aber weil sie Angst vor Ausländern haben, sondern weil sie sich um syrische, afghanische, türkische oder vietnamesische Freunde sorgten. "Das ist eine solidarische und schöne Reaktion", sagt Heinrich, "aber eben auch eine besorgte."

"Es hätten Menschen sterben können"

Auch Tulasoglu nimmt die Solidarität wahr und ist froh über den Zuspruch, den er dieser Tage von vielen Chemnitzern erhält. "Ich habe seit Donnerstagmorgen Hunderte Anrufe und Nachrichten bekommen", sagt er. "Viele Menschen wollen mir beim Wiederaufbau helfen oder spenden."

Allerdings wolle er es sich wegen der Stimmung in der Stadt "sehr gut überlegen", ob er das Restaurant wiedereröffne. Wenn nicht seine Frau, seine Freunde, das Haus und die zwei Söhne, die hier zur Schule gehen, wären – Tulasoglu könne sich vorstellen, die Stadt zu verlassen.

Es ist Freitagabend, Tulasoglu hat gerade noch einen Versicherungsbeamten durch den Laden geführt. Er will erstmal zur Ruhe kommen. "Niemand ist zu Schaden gekommen, aber das war ein Anschlag auf Menschen, es hätten Leute sterben können", sagt Tulasoglu. Er denkt an die 14 Wohnungen, die sich über dem Mangal befinden.

Während er nach Hause fährt, sammeln sich rechte Demonstranten vor der Karl-Marx-Statue. Das Bündnis "Pro Chemnitz" hat zur Kundgebung mobilisiert, etwa 500 Teilnehmer sind gekommen, weniger als in den Vorwochen. Auch der Ordner Arthur Österle ist wieder dabei. Wie bewertet er den Angriff auf das Mangal? Empfindet er so etwas wie Mitgefühl? Die Hintergründe seien doch gar nicht geklärt, sagt er. Es könne ein kurdisch-türkischer Konflikt gewesen sein, Versicherungsbetrug, die Mafia oder "False Flag"-Attacken von Linken. Grundsätzlich lehne er Gewalt aber ab, egal von wem sie ausgehe.

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Martin Kohlmann spricht zu Eröffnung der "Pro Chemnitz"-Kundgebung
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Etwa 500 Demonstranten ziehen am Abend durch die Chemnitzer Innenstadt. Sie rufen: "Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen."

Wenige Minuten später tritt Martin Kohlmann, der Kopf von "Pro Chemnitz", ans Mikrofon und erzählt, dass er diese Tage viel Doppelmoral beobachte. Zu Geiselnahmen wie der in Köln äußere sich kaum ein Politiker, rechtsextreme Terrorzellen wie "Revolution Chemnitz" oder Angriffe auf Lokale wie das Mangal sorgten hingegen für Empörung. Dabei sei das doch nur ein Sachschaden im Mangal, sagt Kohlmann. Da sei doch kein Mensch zu Schaden gekommen.

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