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I said what I said

Ich kämpfe gegen Rassismus – denn ich kann es mir nicht aussuchen

Du kannst sie nicht alle ändern. Warum es trotzdem wichtig ist, sich gegen Diskriminierung aufzulehnen.

von Imoan Kinshasa
03 Oktober 2018, 4:00am

Foto: privat

Dieser Artikel ist Teil unserer Kolumne 'I said what I said' .

Seit meiner unverhofften Bekanntheit bekomme ich viel Zuspruch. Weil ich mich gegen Rassismus einsetze, auch weil sich viele in meinen Kolumnen wiederfinden. Ich sage, was ich denke, und nehme dabei keine falsche Rücksicht, und das schätzen viele. Andere wollen mich warnen.

Es gibt Follower, die es grundsätzlich gut finden, dass ich mich gegen Rassismus einsetze. Sie raten mir aber auch, nicht auf alles anzuspringen oder mir nicht über jeden Vorfall, jede vermeintliche Kleinigkeit einen Kopf zu machen. Sie werfen mir vor, dass ich rassistischen Vorfällen eine größere Plattform gebe, wenn ich sie teile und darauf aufmerksam mache. In persönlichen Gesprächen und online wird mir oft gesagt: "Du kannst die Menschen nicht ändern." Auf gut Deutsch: Lass gut sein, ist halt so.

Warum mache ich das alles also? Warum teile ich Beiträge, warum diskutiere ich und warum schreibe ich überhaupt? Zuallererst ist mir wichtig, dass ihr wisst, dass ich als Person kein Wahlkampf-Programm habe oder irgendeinen Beliebtheitswettbewerb gewinnen möchte. Es ist einfach ein sehr persönliches Thema für mich.


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Ich mein: Seht mich an, ich kann mir nicht aussuchen, auf welcher Seite ich stehen möchte. Rassismus trifft Menschen wie mich in wirklich jeder denkbaren und undenkbaren Situation. Es ist nicht fein, an der Supermarktkasse nur widerwillig bedient zu werden. Oder angestarrt zu werden. Aber das hatten wir ja schon. Glaubt ihr wirklich, es ändert sich etwas für Menschen wie mich, wenn wir nichts tun? Wenn ich wirklich will, dass Rassismus bekämpft wird, dann muss ich selbst den symbolischen ersten Stein werfen.

Eine meiner Vorgesetzten hatte immer diesen Spruch auf Lager: "Take it, change it, or leave it". Nimm's wie's ist, ändere es oder lass es sein. Nur, wie oben schon erwähnt, kann ich es mir nicht aussuchen. "Leave it" ist für mich keine Option.

Eine andere Möglichkeit wäre, einfach zu akzeptieren, dass ich für einen Teil meiner Mitmenschen ein, Zitat: "Kongoäffchen" oder "Halb-N****" bin. Nur: Für mich ist das keine Möglichkeit. Ich habe mich entschieden, zur Änderung beizutragen.

"Ich werfe das niemandem vor. Ein blauäugiger und blonder Hans wird nie erleben, was ich erlebe. Daher ist es wichtig, dass ich von meinen Erfahrungen erzähle."

Bei Interviews und auch in persönlichen Gesprächen werde ich regelmäßig gefragt, ob ich oft Rassismus erlebe und ob ich viele Probleme habe. Einige Gesprächspartner sind dann schon entsetzt, wenn ich anfange, allein die Vorfälle der vergangenen Wochen aufzuzählen. Es ist eben nicht jedem bewusst, wie rassistisch und diskriminierend unsere Gesellschaft wirklich ist.

Ich werfe das niemandem vor. Ein blauäugiger und blonder Hans wird nie erleben, was ich erlebe. Daher ist es wichtig, dass ich von meinen Erfahrungen erzähle. Es ist wichtig, dass wir die Erfahrungen von Betroffenen in die Welt tragen, damit wir uns bewusst werden, wie häufig sie angegriffen, diskriminiert und beleidigt werden.

Zu sagen, es biete den falschen Leuten eine Plattform, ist falsch. Man muss die Logik nur auf andere Beispiele anwenden, um zu verstehen, wie absurd sie ist: Gäbe es etwa keine Verbrechen mehr, wenn wir aufhörten, über sie zu berichten? Sagen wir zu einem Opfer eines Gewaltverbrechens, es solle schweigen, denn sonst würden bloß noch mehr Menschen angegriffen? Dinge tot zu schweigen, hat noch niemandem geholfen.

Wir müssen konsequent aufklären und über all diese Grässlichkeiten berichten. Nicht nur der Information wegen, sondern auch, um den Betroffenen zu zeigen, dass wir sie sehen.

"Solange rassistisches und diskriminierendes Verhalten vom Großteil mit einem Augenzwinkern quittiert wird, wird es notwendig sein zu korrigieren, zu berichtigen, aufzuklären."

In einer meiner früheren Kolumnen habe ich darüber berichtet, dass auch ich starke Vorurteile hatte. Diese verliert man nur, wenn man sich mit dem Unbekannten bekannt macht. Nicht alle, die sich rassistisch äußern, sind rechts. Vieles ist anerzogen, durch die Gesellschaft, übernommen von den Eltern, von den Freunden. Solange rassistisches und diskriminierendes Verhalten vom Großteil mit einem Augenzwinkern quittiert wird, wird es notwendig sein zu korrigieren, zu berichtigen, aufzuklären. So lange, bis auch die Letzte verstanden hat, dass "N****" kein normales Wort ist. Bis der Letzte verstanden hat, wie schön es ist, in einer diversen Gesellschaft zu leben.

Ich verstehe, dass es nicht angenehm ist, den Spiegel vorgehalten zu bekommen. Verhaltensweisen, Meinungen und Ausdrucksweisen ändert man nicht über Nacht. Es ist harte Arbeit, sich von den eigenen Vorurteilen, dem eigenen Rassismus zu befreien. Für mich wäre es schon ein großer Erfolg, wenn ich es schaffte, zumindest ein Umdenken anzustoßen. Wenn in den Kommentaren auf Facebook diskutiert wird, geht es ja auch nicht per se darum, das Gegenüber zu überzeugen. Es geht um die Tausenden stillen Mitlesenden. Diese Menschen sind viel eher zu erreichen als der Kontrahent, mit dem man sich einen Kommentar-Krieg liefert.

Vor allem aber engagiere ich mich für die, die nach uns kommen. Wenn ich mich entscheiden sollte, Kinder zu haben, dann will ich nicht, dass sie in einem Umfeld aufwachsen, in dem sie nicht willkommen sind. Seit ich selber klein war, kenne ich dieses Gefühl des Nicht-Willkommenseins. Meinen Kindern möchte ich das nicht antun. Ich möchte nicht, dass sie "Schokobabys" genannt werden. Ich möchte nicht hunderttausendmal erzählen, was meine Kinder für eine "Mischung" sind. Ich möchte ihnen nicht erklären müssen, warum Kind XY nicht mit ihnen spielen möchte.

Ich will, dass meine Kinder so unbeschwert aufwachsen können wie alle anderen Kinder auch. Und sie sollen auch später keine Probleme bei der Jobsuche haben, weil sie sind, wer sie sind. Sie sollen nicht schmerzhaft erfahren müssen, dass sie zwar Österreicher oder Österreicherinnen sind, aber dann irgendwie doch nicht, zumindest nicht so richtig wie alle anderen.

"Wenn es möglich ist, dass Menschen in der Öffentlichkeit 'absaufen, absaufen, absaufen', 'Afrika für Affen' und 'Heil Hitler' rufen – dann schrillen bei mir alle Alarmglocken."

Es sollte uns alle interessieren, was mit unserer Gesellschaft passiert. Klar haben wir nicht alle die gleichen Problemen. Die letzte Nationalratswahl hat gezeigt, dass es egal ist, wo man herkommt. Die schwarz-blaue Regierung tut den meisten Menschen weh: weil sie länger arbeiten müssen, weil Programme zur Gewaltprävention gestrichen werden, weil Eltern nun selbst für den Kindergartenplatz ihrer Kinder zahlen müssen. Oder weil die Regierung nun sogar versucht, die Pressefreiheit zu beschneiden.

Rückt die Gesellschaft weiter nach rechts, heißt das, dass wir riskieren, die Menschlichkeit zu verlieren. Wenn es möglich ist, dass Menschen in der Öffentlichkeit "absaufen, absaufen, absaufen", "Afrika für Affen" und "Heil Hitler" rufen – dass sie andere Menschen wegen deren Herkunft durch die Gassen von Chemnitz jagen können, ohne dass die Polizei einschreitet, dann schrillen bei mir alle Alarmglocken.

Selten war es wichtiger aufzustehen als heute. Die Spaltung der Gesellschaft wird jeden Tag größer. Jeder Einzelne kann zur Verbesserung beitragen. Wir sind mehr, das sind wir wirklich. Wir müssen uns nur finden und lauter werden. Wir müssen endlich laut "Nein!" rufen. Wie heißt es so schön? "Sei die Veränderung, die du dir selbst wünscht."

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