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The Tp For Your Bunghole Issue

Musik für idioten

Der Aufstieg und der moralisch extrem tiefe Fall des serbischen Turbofolks.
2.12.11

Der derzeitige Turbofolk-Star Goga bei einem Gig in einem Nachtclub für die kriminelle Elite Belgrads. Foto von Ana Kraš Erinnern wir uns an den Beginn der 90er-Jahre, als sich auf einmal ganz normale Leute für Garth Brooks begeisterten und das Time Magazine Beiträge mit „Hat die Country-Musik die Städte erreicht?“ betitelte. Das war ein angespannter Moment, aber glücklicherweise verflüchtigte sich diese Stimmung innerhalb weniger Monate wieder. Jugoslawiens Flirt mit dem Country endete nicht so gut. Anstatt friedlich in Rap oder ein Genre in der Art von La Bouche überzugehen, entwickelte hier die Vox populi eine Sprengkraft, die das Land in Teile riss und unergründliche Gewaltszenarien auf den Plan rief, von denen dir beim nächtlichen YouTuben die Augen wehtun. Nach der Befreiung Jugoslawiens am Ende des Zweiten Weltkrieges leitete Marschall Tito das kommunistische Standardprogramm einer überstürzten Modernisierung ein. In Teilen war diese dringend erforderlich. Die Balkanstaaten waren von Westeuropa seit den Zeiten des Römischen Reiches in einem stra­tegischen Abseits gehalten worden und schlossen Regionen ein, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts noch keine Damenbinden kannten. Diese Stellung nährte zugleich einen eigentümlichen nationalen Stolz und den Wunsch, der Welt da draußen zu beweisen, dass ihre sozialistischen Jugoslawen nicht bloß Haufen von Hinterwäldlern mit unaussprechlichen Namen und an den Beinen runterlaufender Monatsblutung sind. Zu diesem Zweck griff das Jugoslawische Zentralkomitee die Jahrtausende alte Tradition der Folkmusik auf, reinigte sie von Suff und Vögeleien hinter Büschen und entzog ihr ihre ethnische Symbolik. Das fade Ergebnis wurde unter dem programmatisch ausdruckslosen Titel der „Neukomponierten Volksmusik“ präsentiert. Die erzwungene ethnische Neutralität war Tito besonders wichtig, weil die Teilrepubliken der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawiens eine historisch gewachsene Neigung aufwiesen, sich gegenseitig auf grauenvolle und grandiose Weise zu töten. Man bedenke, dass sie einen Krieg hinter sich hatten, in dem das kroatische Ustascha-Regime solche haarsträubenden Gräueltaten gegen die Serben begangen hatte, dass Nazideutschland sie beschwichtigend anhalten musste, sich ein bisschen zu entspannen. Niemand wollte also riskieren, durch irgendeinen Saufsong die Gemüter dieser Idioten zu erhitzen. Als Tito 1980 starb, wurden die Risse in seinem ehrwürdigen multiethnischen Jugoslawien recht bald sichtbar. 1983 gewann die bosnische Sängerin Lepa Brena die Nominierung zum Eurovision Song Contest und warf damit den staatlich geförderten Pop und die Gruppen der „Neukomponierten Volksmusik“ aus dem Rennen. Sie brachte eine echte Folknummer, in der sie einen im Gebüsch vögelnden Typen besang, und schaffte damit einen kometenhaften Aufstieg in Jugoslawien. Brena trat in Fernfahrerkneipen an Serbiens großer Autobahn auf, wo der rassige altertümliche Folk eine Untergrundanhängerschaft hatte, die sich den Bemühungen des Staates radikal entzog. Brenas Songs zeichneten ein abschreckendes Bild von der ländlichen Rückständigkeit im sozialistischen Jugoslawien, das im drastischen Widerspruch zur Parteilinie stand. Aber während der politischen Führung, die 1984 gerade versuchte, die Olympischen Winterspiele ins Land zu holen, ihre ungeschminkten Liedchen überhaupt nicht gefielen—darunter etwa „Evo moga delije“ („Hier ist mein Held“) samt Videoclip über Brenas Gatten, einen von Bier aufgeschwemmten jugoslawischen Trottel, der ihre Kochkünste beleidigt und eine Flasche Brandy in den Armen wiegend im Bett bewusstlos wird, oder ihr nächster Hit „Nema leka apoteka“ („Apotheke ohne Mittel“), der offenbart, dass in der jugoslawischen Zahnmedizin nur Unfähige am Werk sind und Vollnarkosen verabreicht werden, indem Arzthelferinnen dem Patienten ihre Titten zeigen—traf die Sängerin durchaus den Geschmack des gemeinen Volkes. Immer noch marginalisiert vom staatlich kontrollierten Fernsehen und Radio, suchten sich angehende „Popfolk“-Sänger Unterstützung bei der einzigen zahlungskräftigen Gruppe ihres Publikums—der serbischen Mafia.

Ein Plakat von Ceca im Tiger-Beat-Stil während eines Besuches bei der serbischen Freiwilligengarde, bekannt als Arkan’s Tigers, die von den Vereinten Nationen angeklagt wurden wegen Massenhinrichtungen, Vergewaltigung, Plünderung und ethnischer Säuberung in den serbisch besetzten Gebieten Bosniens. Ceca etwa im Jahr 1993, dem Jahr, in dem die Armee der bosnischen Serben die Stadt Srebrenica einkesselte und eine Belagerung begann, die in dem Massaker an 8.000 bosnischen Muslimen kulminierte.

In den späten 80er-Jahren bot es sich förmlich an, sich einen serbischen Gangster als Manager zu wählen. Massenproteste in Ostjugoslawien erschütterten 1988 den ohnehin schon geschwächten sozialistischen Staat und ebneten dem nationalistisch gesinnten zukünftigen Präsidenten der Bundesrepublik Jugoslawien, Slobodan Miloševi´c, den Weg. Er erklärte sich selbst offen zum Vorkämpfer für die Rechte der Serben und löste eine Lawine lang angestauter, ethnisch begründeter Feindseligkeiten in Jugoslawien aus, die bald im ganzen Land eine Stimmung wechselseitigen Hasses wie in alten Zeiten ver­breitete. Inmitten dieses Durcheinanders veröffentlichte Brena zwei patriotische Songs, die die schäumenden Massen in ihren Bann ziehen sollten: „Živela Jugoslavija“ („Lang lebe Jugoslawien“) und „Jugoslovenka“ („Jugoslawisches Mädchen“). Im Videoclip reihen sich aus einem Hubschrauber aufgenommene Bilder von hübschen alten Städten und Schlössern entlang der kroatischen Küste an Aufnahmen von aufgetakelten jungen Leuten, die durch die Straßen Belgrads rasen und die Flagge der jugoslawischen Republik schwingen. Dieselbe Flagge sollte die serbischen Panzer schmücken, die zwei Jahre später geschickt wurden, um ebenjene Monumente zu beschießen. Als die föderale Republik zerfallen war, stärkte Miloševi´c die Macht Serbiens durch eine Konsolidierung der jugoslawischen Armee und den Verkauf von Staatseigentum, mit dessen Erlösen er seine Rechnungen beglich. Die Begünstigten dieses übereilten Verkaufs waren nicht immer die besten und talentiertesten Teile der serbischen Bevölkerung (die hatten sich allesamt, so schnell es ging, verpisst, als bärtige Vollidioten auf einmal anfingen, auf öffentlichen Plätzen Kinder zu rekrutieren, um sich des „kroatischen Problems“ anzunehmen). Weit öfter waren es Angehörige der am besten organisierten Netzwerke, die am wenigsten davor zurückschreckten, einem Mann vor dessen Frau und Tochter lachend ins Gesicht zu schießen. Ganz ähnliche Szenarien spielten sich in den Splitterrepubliken Kroatien und Bosnien ab, wenn auch nicht so dramatisch wie in Belgrad, wo die Mordrate explodierte und das organisierte Verbrechen sich zum einzigen zahlungsfähigen Gewerbe der Stadt entwickelte. Als die Trennlinie zwischen Regierung und Gangstern vollkommen verwischt war und die Intellektuellen das Land verlassen hatten, begannen die Kriminellen ihr Geld zu kanalisieren und ihre Lieblingsmusik zu beeinflussen. Über Nacht mutierte der Popfolk von lustigen Liedern über ehebrechende Männer in den sogenannten Turbofolk: eine ausgeflippte synthesizer- und trompetenlastige Zelebration von Sex, Geld, Brustkorrektur, Markenscheiße und einer alarmierenden Geistlosigkeit. „Turbofolk wurde zuerst auf dem dritten Kanal des Serbischen Rundfunks in einer Sendung mit dem Titel šoder lista gebracht“, behauptet die serbische Komponistin Sandra Rančić. „Das war ein satirisches Musikchart-Programm, sie zeigten diese trashigen Videoclips, also zum Beispiel ein Dorf, in dem Schafe und Hühner durcheinander über einen Platz laufen, dazu eine halbnackte Sängerin. So spielte šoder lista eine sehr wichtige Rolle für das Emporkommen der Turbofolk-Kultur, obwohl ich sicher bin, dass die Gründer dieser Sendung das nicht beabsichtigten. Sie wollten sich einfach nur ein bisschen lustig machen über dieses Zeug. Aber ihr Plan schlug fehl.“ Diese musikalische Olympiade des Stumpfsinns wäre nicht so fatal, gäbe sie nicht den Soundtrack für einige der schlimmsten Kriegsverbrechen diesseits von Afrika ab. Während sie in Belgrad den Turbofolk ins Fernsehen brachte, unterhielt Serbiens kriminelle Elite zugleich paramilitärische Organisationen mit klangvollen Namen wie White Eagles, Ravna Gora Četniks und Arkan’s Tigers. Die letztgenannte Gruppe war benannt nach Željko „Arkan“ Ražnatović, einem international gesuchten Bankräuber, der das serbische Mutterland unterstützen wollte, indem er Belgrads größte Fußballhooligan-Clique in eine eigene Privatarmee umwandelte, die er dann in einen vier Jahre währenden Amoklauf durch Bosnien und Kroatien schickte. Sein nächster Coup bestand darin, Serbiens einflussreichster Turbofolk-Impresario zu werden. Lepa Brena heiratete einen serbischen Tennisstar und verschwand aus dem Land, bevor ihre Songs zur inoffiziellen Hymne der Vergewaltigungen in den Dörfern wurden. Sie hatte aber einen großen Einfluss auf die nächste Generation der Turbofolk-Sänger, unter ihnen ein Mädchen aus dem Süden Serbiens mit dem Namen Ceca. Ceca übernahm Brenas Dolly-Parton-hafte Koketterie und spielte auf der Klaviatur der im Turbofolk angelegten verschleierten Parteinahme für die serbische Sache, und zwar ganz explizit. Sie unternahm eine Reise nach Bosnien, wo sie paramilitärischen Einheiten an der Front Showtanznummern darbot, um deren Moral zu stärken. Während einer dieser Tourneen spielte sie einen Gig für die Arkan’s Tigers, auf dem sie einen 40-jährigen Kriegsverbrecher und siebenfachen Vater kennen und lieben lernte. 1995 heirateten die beiden. Die serbische Kultur wertet Subtilität zwar allgemein nicht besonders hoch, aber die Hochzeit von Arkan und Ceca sah aus, als hättest du das Gehirn einer Achtjährigen mit einer Wundermaschine verbunden, die Gedanken zu Wirklichkeit macht, und sie dann gezwungen, Kaffee zu trinken. Während Arkan in einer cartoonartigen Uniform im Stil des Ersten Weltkrieges mit mehreren Maschinengewehren herumballert, wechselt seine Braut mindestens viermal ihre Garderobe. Das Ganze natürlich nach der Segnung durch den Patriarchen der serbisch-orthodoxen Kirche. Arkan und Ceca am glücklichsten Tag ihres Lebens und dem vieler serbischer Nationalisten/Turbofolk-Fans. Foto von AP Die Hochzeit wurde im staatlichen Fernsehen übertragen und Ceca zur neuen jugoslawischen Musikkönigin gekürt. Die Vereinigung von Turbofolk und organisiertem Verbrechen bekam so schließlich eine hochgradig wörtliche Bedeutung. Im selben Jahr startete Pink TV—ein Fernsehsender, der schwerpunktmäßig Turbofolk-Videoclips und Raubkopien amerikanischer Actionfilme ausstrahlte. Nach dem Krieg fiel Pink TV die Rolle zu, die serbische Mission auch außerhalb der militärischen Reichweite des Landes zu verbreiten, indem es Satellitenstationen auf dem ganzen Balkan errichtete und so die regionalen Musikszenen unbarmherzig verdrängte. Während das Land von den drückenden internationalen Sanktionen in die Knie gezwungen wurde und Miloševič den inneren Diskurs auf schamlose, über das staatliche Fernsehen verbreitete Lügen und die verblödende Geistesnahrung von Pink TV reduzierte, wurde Serbien von einer surrealen nationalen Halluzination heimgesucht. Die aus Bosnien heimkehrenden Soldaten fanden ihre Heimat in einem Zustand allgemeiner Gesetzlosigkeit vor. Praktiken, die einst missbilligt wurden, etwa illegaler Waffenhandel, riesige Brustimplantate oder für Geld mit alten Knackern zu vögeln waren auf einmal vollkommen akzeptable Geschäftsmodelle. In Belgrad stand Cecas Karriere in voller Blüte und der Turbofolk ging in eine Phase unsäglicher Dekadenz über. Er wurde tanzbarer und aggressiver und irgendwie sogar noch seichter und brachte Songs hervor, die wie Jelena Karleušas „Gili gili“ („Kille kille“) eine recht deutliche Aufforderung zum Sex waren, oder wie Viki Miljkovičs „Koca Kola Marlboro Suzuki“ buchstäblich nur eine Liste von Markennamen. Trotz seiner ländlichen Wurzeln und seines oft versehentlichen Anknüpfens an das Motiv der serbischen Rückständigkeit (Suzuki?), ist Turbofolk mit dem Lebensstil der reichen und die Städte kontrollierenden Mafiosi assoziiert und genießt dadurch eine De-facto-Legitimation. Diese Farce erreichte ihren Höhepunkt während der NATO-Angriffe auf Belgrad 1999, als Stars wie Ceca von Milošević gebeten wurden, mit „Fuck You, Clinton“- und „Kosovo ist Serbien“-Konzerten auf öffentlichen Plätzen der Stadt aufzutreten. Als die Lage sich wieder entspannt hatte und das Land allmählich auf eine EU-Mitgliedschaft hinarbeitete, verwandelten sich die alten Gangster in seriöse Geschäftsmänner und die einstigen Turbofolk-Stars benannten ihre Musik um in „Turbopop“ oder einfach althergebracht „Pop“. Den Todesstoß versetzte dem Turbofolk die Verhaftung von Ceca im Jahre 2003. Man warf ihr vor, über das von ihr und Arkan finanzierte Fußballteam Gelder veruntreut zu haben und hatte außerdem ein Lager von Sturmgewehren sichergestellt (übrigens: Der Polizeibeamte, der die Waffenrazzia leitete, war der Vater von Cecas alter Rivalin Jelena. Wie boshaft ist das?). Es gibt noch immer eine Handvoll selbsternannter Turbofolk-Stars wie Goga Sekulić and Maya Marijana, die um Cecas Thron kämpfen. Aber selbst sehr ambitionierte Stücke wie „Seksi Businessman“ und „Panties“ vermögen es nicht, das Genre wiederzubeleben. Der Turbofolk liegt in seinem Grab und ist schon am Verwesen. Eine wichtige Lektion für uns alle: Geistlose Musik tötet. Mehr Turbofolk-Geistlosigkeit im Vice Guide to the Balkans auf VICE.com