Sway Clarke II braucht wirklich nicht viel

Sway Clarke II liegt in der Luft. Er hat erst drei Songs veröffentlicht, trotzdem hat ihn die New York Times schon als „Next Big Thing“ betitelt. Vor zwei Jahren ist der jamaikanisch-kubanische Kanadier nach Berlin gezogen und war total „broke“. An Deutschland liebt er vor allem Wasser mit ganz viel Sprudel. Außer vor Auftritten: Die Kohlensäure…

Sway war schon Pizzabäcker, Journalist, Dauerpraktikant und sogar Mitarbeiter eines Inkassobüros. Studiert hat er auch: Anthropologie. Aber er sagt aus Versehen immer Archäologie. Ursprünglich kommt er aus Toronto und ist ein Frauenversteher: „Bei sechs Schwestern gewöhnt man sich halt an Panties und BHs…“ Ansonsten ist er aber ganz bescheiden und liebt die einfachen Dinge. Im Interview erzählt er, was typisch kanadisch ist, warum er die Red Hot Chili Peppers mal interviewen möchte und wie sein Auftritt vor 50.000 Leuten in der Londoner O2-Arena war…

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Noisey: Ich habe dich auf Facebook in Lederhosen gesehen. Warst du auf dem Oktoberfest?
Sway Clarke II: Ja, auf jeden Fall! Ich fand’s geil!

Erzähl!
Ich fand es lustig. Es ist ähnlich wie Halloween in Kanada: Alle tragen Kostüme und man trinkt, bis man stirbt. Ich mag große Feste mit Tausenden von Leuten. Es gibt da so eine Energie, das mag ich. Es ist wie das Gefühl, das ich auf der Bühne habe.

Hörst du eigentlich gerne deutsche Musik?
Ja, einer der ersten deutschen Künstler, den ich gehört habe, war Max Herre. Ich fand ihn interessant. Das was ich von ihm gehört habe, waren die Sachen nach seiner Rapkarriere. Viel Gitarre, Folk, Roots—das fand ich toll. In den letzten Jahren habe ich auch deutschen HipHop gehört: Marteria und den ganzen Kram.

Und gibt es sonst noch deutsche Künstler, die du magst?
Udo Lindenberg! Ich finde ihn geil. Er ist vielleicht sogar mein Lieblingskünstler aus Deutschland. Ich habe so einen Film über ihn gesehen. Er lebt im Hotel und führt so ein Rockstar-Leben wie Mick Jagger.

Wenn du einen Musiker deiner Wahl interviewen könntest, welcher wäre das?
(überlegt sehr lange) Vielleicht die Red Hot Chili Peppers. Ich würde sie gerne mal fragen, warum sie so schreckliche Musik machen. „Under The Bridge“ ist ein großartiger Song. Aber danach hört’s auf. Punkt. (lacht)

Seit wann und warum bist du in Berlin?
Seit zwei Jahren. Aber warum? Warum nicht? Das war so: Ich war vor langer Zeit schon mal zufällig hier. Und als ich hier aus dem Zug gestiegen bin, hatte ich so ein Gefühl—das klingt jetzt ein bisschen hippiemäßig—dass ich hier leben könnte.

Inspiriert dich die Stadt musikalisch?
„I don’t need much“ war das erste Lied, das ich hier geschrieben habe. Und ich glaube, dass das kein Zufall war. Es handelt auch von meinem Umzug nach Berlin. Ich glaube, ohne Berlin hätte es diesen Song nicht gegeben. Die Stadt hat mir ermöglicht, wirklich so zu denken, wie ich fühle. Ich brauche auch nicht viele Sachen im Leben: Wenn ich etwas nicht einfach aufheben und mitnehmen kann, dann brauche ich es nicht. Berlin ist der erste Ort, an dem ich gefühlt habe, dass ich niemand sein muss und auch nichts haben muss.

Würdest du dich selbst also als einen sehr bescheidenen Menschen beschreiben?
Ich denke eher, dass ich ein komplett verrückter Mensch bin (lacht). Aber ja, ich bin bescheiden und ein einfacher Kerl. Mein Lieblingsoutfit ist ein verdammtes schwarzes Shirt, eine Jeans und Chucks. Das trage ich schon, seit ich denken kann. Ich mag die einfachen Dinge. Das Einzige, was ich in meinem Leben wirklich will, ist neugierig zu sein und immer weiter zu lernen. Ich will ein besserer Mensch werden. Da stecke ich meine Zeit rein. Aber zum Beispiel nicht in Fernsehen oder irgendeinen anderen Müll.

Wie sieht dein Lifestyle aus in Berlin?
Sehr einfach. Ich habe ein Apartment—ich muss nicht auf der Straße leben (lacht)…Ich habe halt meinen Computer um Musik zu machen, meine Gitarren und mein Longboard, mein Fahrrad, manchmal kaufe ich mir ein paar Pullis oder Bücher. Natürlich habe ich auch ein Handy. Aber ich finde es beängstigend, bei allen Dingen auf dem neuesten Stand zu sein. Auf dem Oktoberfest habe ich Leute getroffen, die sich bereits das neue Iphone 6 bestellt hatten. Ich dachte nur so: Wann hattet ihr denn die Zeit, euch Gedanken zu machen, ob das wirklich so gut ist? Versteh‘ mich nicht falsch—ich finde Technologie großartig. Aber ich habe nicht die Ansprüche, immer neue Dinge zu wollen und zu brauchen. Ich glaube nicht, dass die meisten Menschen sich neue Sache kaufen, weil sie sie wirklich brauchen.

Es gibt so viel „exzessive Technologie“: Wofür brauche ich einen neuen riesigen Flatscreen-Fernseher? Nur weil jemand sagt, dass der alte nicht mehr gut genug ist? Alte Geräte tun es doch auch! Wenn ich ein neues Gerät kaufe, dann nur, wenn das alte wirklich Schrott ist.

Lass uns über deine multikulturelle Herkunft reden: Du bist in Toronto geboren und aufgewachsen und kommst aus einer kubanisch-jamaikanischen Familie…
Ja, meine Mutter ist Kubanerin und mein Vater ist Jamaikaner. Aber ich bin, was den kulturellen Einfluss angeht, größtenteils jamaikanisch aufgewachsen.

Und welcher Nationalität fühlst du dich am meisten zugehörig? Kanada, Kuba oder Jamaika?
Jamaika.

Kein bisschen Kanada?
Nein…ich weiß nicht einmal, was ein Kanadier überhaupt ist. Meine Theorie ist, dass ich aus der ersten Generation komme, in der besonders viele Kinder ausländischer Eltern in Kanada geboren wurden. Die meisten Leute in meinem Alter, die du triffst, haben zum Beispiel Eltern aus Sri Lanka, Japan, von den Philippinen oder von sonst woher. Diese Eltern sagen zu ihren Kindern nicht: Du bist Kanadier. So war das bei mir zuhause auch. Wir haben karibisches Essen gegessen und hatten karibische Festtage. Es ist schwierig sich mit Kanada zu identifizieren, weil es auch so ein junges Land ist.

Gibt es trotzdem was typisch kanadisches an dir?
Naja, ich liebe auf jeden Fall Hockey—das ist typisch kanadisch an mir. Aber ich war noch nie bei BeaverTails und Tim Hortons oder so. Ich weiß nicht… was Kanada ausmacht ist, finde ich, dass viele Comedians von dort kommen—warum auch immer. Jim Carrey, Mike Myers, Steve Martin, Dan Aykroyd. Auch viele kanadische Musiker haben eine lustige Art: Michael Bublé—der Typ ist saukomisch! Auch Drake ist unheimlich witzig. Kanadier nehmen sich vielleicht nicht ganz so ernst. Ich meine, unser Nationalsport ist es, auf einer riesigen Eisfläche herum zu schlittern—wie soll man sich da selbst ernst nehmen können? (lacht)

Um auf dein Aufwachsen zurückzukommen: Du kommst aus einfachen Verhältnissen…
Ja, das stimmt. Also, wir waren jetzt nicht total arm. Wir haben in einer Sozialwohnung gelebt. Als ich noch sehr, sehr jung war, hatten meine Eltern Geld. Aber mein Vater hat im Leben ein paar Entscheidungen gemacht, die dazu geführt haben, dass das ganze Geld weg war. Die Gegend, in der wir gewohnt haben, war nicht besonders toll. Es war jetzt kein Ghetto oder so, aber es gab auch mal Schießereien und solche Sachen. Als ich nach Berlin kam und die Leute gesagt haben, dass Neukölln gefährlich sei, musste ich lachen. Da ist vielleicht mal ein Betrunkener, der rumschreit… wie auch immer… Ich hatte damals in Toronto eher Schwierigkeiten wegen der Umstände, weil mein Vater für lange Zeit nicht da war und meine Mutter alleinerziehend.

Hast du damals auch schon angefangen, Gitarre zu spielen?
Nee, ich habe erst angefangen, als ich an der Uni war. Ich spiele jetzt seit sechs oder sieben Jahren.

Und wie hast du’s gelernt?
Auf Youtube. Ich habe einfach nach ein paar Akkorden geguckt und angefangen Songs zu schreiben. Ich habe nie richtig Gitarre spielen gelernt. Ich bin der schlechteste Lagerfeuergitarrist, den es gibt.

Du hast also Gitarre spielen online gelernt und bist jetzt via Internet berühmt geworden.
Das ist das Produkt unserer Zeit.

Die New York Times hat geschrieben, dass du „the next big thing“ bist. Wie erlebst du das? Wie fühlt sich dieser plötzliche Ruhm an?
Es ist ein bisschen furchteinflößend. Ich denke, dass es schwierig ist, so etwas über jemanden zu behaupten, der gerade einmal zwei Songs herausgebracht hat. Anhand von zwei Songs in eine bestimmte Schublade gesteckt zu werden, das macht mir etwas Angst. Aber das Gefühl etwas geschaffen zu haben und dass Leute das genießen, ist unglaublich. Es ist nicht der Ruhm, den ich möchte, sondern eher, dass die Leute zuhören. Es gibt eine Reaktion, auf das was ich mache. Einerseits ist es beunruhigend, andererseits wunderschön!

Du hattest auch einen Live-Auftritt mit Tinie Tempah in der O2-Arena in London. Erzähl mal, wie war das?
Ich erinner‘ mich nicht, Mann.

Warum nicht?
Weil es so ein Trip war! Ich war auf der Bühne vor 50.000 Leuten und direkt danach war ich wieder zurück in meinem scheißkleinen Apartment. So von wegen: Ist das verdammt nochmal gerade passiert? Stell‘ dir vor, dein Chef sagt morgen zu dir: Du interviewst Johnny Depp, Drake, Kanye West und Jay-Z am runden Tisch und bist der Moderator. Ein bisschen Alkohol, ein paar Zigaretten… Was zur Hölle würdest du denken?

Abgesehen von Tinie Tempah—mit welchem Künstler würdest du gerne mal zusammenarbeiten?
Ich würde sehr gerne mal mit Damon Albarn arbeiten. Er ist ein Genie. Und auch mit Thom Yorke. Aber ich denke nicht, dass er je mit mir zusammenarbeiten würde.

Obwohl du sehr lange sehr viel HipHop gehört hast, hast du irgendwann gesagt: Ich habe keinen Bock mehr auf HipHop… wann genau war das?
Das war so Mitte der 2000er, glaube ich. HipHop war scheiße. Das waren keine bestimmten Künstler, HipHop ist zu dieser Zeit außer Kontrolle geraten: Bling Bling und so. Es hat sich aufgebläht und ist Mainstream geworden. Es gab keinen Inhalt mehr. Ich liebe die Roots vom HipHop, aber ich habe dann eher Electronic und Rock gehört.

Und in welche musikalische Richtung wird deine EP gehen?
Naja, ich arbeite gerade an Songs. Anfang nächsten Jahres wird die EP erscheinen. Die Produktion läuft cool, ich mache das mit meinem Kollegen Fernandez aus Toronto. Manchmal arbeiten wir auch mit Crada, Mikey Mike aus L.A. oder Nikolai Potthoff aus Berlin. Ich bin ein sehr langsamer Songschreiber. Ich schreibe was, lege es wieder weg, gehe wieder hin, lese es wieder und gucke, ob es funktioniert. Ich lasse die Dinge langsam angehen. Ich weiß noch nicht, wie es klingen wird. Ich kann dir auch keine genaue Musikrichtung sagen. Ich mach’s einfach und dann ist es so wie es ist. Ich will nichts ausschließen—ich mag jede Art von Musik. Thematisch tendiere ich eher zu düsteren Themen. Es geht dabei auch um Zugeständnisse und Entschuldigungen—davon wird es viel geben… Ehrliche Gespräche über mich und meine Gedanken.

Auf deiner Facebook-Seite beschreibst du deine Musik als Folk Hop Pop. Ist das ironisch gemeint?
Ich denke, Musik zu beschreiben ist das Dümmste was es gibt. Es sind Elemente von Folk, HipHop, Brit-Rock und Soul. Aber es wird für unterschiedliche Leute immer anders sein. Und das gilt auch für meine Musik und mich selber. Wenn ich von mir denke, dass ich ein toller Typ bin, heißt das nicht, dass andere das auch denken. Und wahrscheinlich haben die auch noch Recht. (lacht) Die Welt sieht dich anders als du bist.

Deine anstehende Tour wird sicher ein Highlight deines Jahres werden—was war für dich als Künstler bisher der wichtigste Moment im vergangenen Jahr?
Ich weiß nicht… Das Schlimmste in diesem Jahr war jedenfalls eine Show in London. Es war schrecklich! Ich habe die ganze Zeit eine Tonart zu hoch gesungen, während die Band gespielt hat. Das wird nie wieder passieren. Andererseits war das wahrscheinlich auch das Beste, was mir dieses Jahr passiert ist. Ich habe daraufhin Gesangsstunden genommen, bin mal einen Moment wieder runtergekommen, habe eine Weile aufgehört Party zu machen und zu rauchen. Ich musste mich wieder fokussieren.

Und jetzt bleibst du fokussiert?
Naja, ich mach‘ wieder Party—natürlich! Ich rauche auch wieder. Ich musste nur mal kurz wieder auf den Boden der Tatsachen kommen… (lacht)

Noisey präsentiert Sway Clarke II auf Tour:
11.10. Lörrach / Altes Wasserwerk
12.10. München / Backstage Club
14.10. Köln / CBE
16.10. Berlin / Berghain Kantine
17.10. Leipzig / Täubchenthal
18.10. Frankfurt / D3 am Main

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