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Klaas' neue Show 'Late Night Berlin' zeigt, warum deutsche Polit-Satire so schwach ist

Wenn ein Werbespot von Jan Böhmermann als lustiger empfunden wird als deine Show, hast du etwas falsch gemacht.

Lisa Ludwig

Lisa Ludwig

Screenshot: Twitter | @latenightberlin

Klaas Heufer-Umlauf ist jemand, dessen Lebensgeschichte sich auf Wikipedia ziemlich gut liest. Der gelernte Friseur und ehemalige Maskenbildner sammelte erste TV-Erfahrungen als Moderator bei VIVA und MTV, bevor er sich mit seinem Fernsehkarrierenabschnittspartner Joko Winterscheidt dazu aufschwang, die Lücke zu füllen, die Stefan Raab mit seinem TV-Aus bei ProSieben hinterlassen hatte. Jetzt soll er auch noch die Late-Night-Show ins Privatfernsehen zurückbringen. Nur eben alleine.

Am Montagabend lief die erste Folge von Late Night Berlin auf ProSieben und zeigte, dass das Format als solches im deutschen Fernsehen mit Harald Schmidt geboren und auch direkt wieder beerdigt wurde.

Klaas wirkte in dem riesigen Studio beinahe verloren. Meterweit entfernt saß er von seinem Publikum, das nicht gezeigt, dessen Lachen dafür aber umso lauter eingespielt wurde. Womöglich auch, damit die Zuschauer, die ProSieben vom vorausgehenden/zuvor gesendeten Big Bang Theory-Marathon erhalten geblieben waren, nicht plötzlich selbst herausfinden mussten, ob das gerade ein Witz war oder nicht. Eventuell wurde das Publikum aber auch so weit weg platziert, um zu vermeiden, dass der irritierend animierte Bildschirmtisch des Moderators den ein oder anderen epileptischen Anfall auslöst.


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"Kim Jong-Un und Donald Trump treffen sich. Oder wie ich als Friseur sagen würde: Bad Hair Day", lautet einer der ersten Gags, die Late-Night-Hoffnung Heufer-Umlauf in seinem Stand-up auf das brav lachende Publikum loslässt. Wer denkt, dass es ab hier eigentlich nur noch besser werden kann, der irrt. Vorhersehbar, zahnlos und trotz erster Folge irgendwie müde wirkend, hangelt sich der Moderations-Tausendsassa von einem Show-Segment zum nächsten. Ideen: gut. Ausführung: geht so.

Ein Einspieler, in dem Menschen von der Straße in ihren eigenen Worten erklären sollen, wie die Koalitionsverhandlungen abliefen, stammt von der Idee her direkt aus Circus Halligalli. Dort ließen Klaas und Joko betrunkene Menschen Tatort-Folgen und Arztserien entwickeln. Was zum einen lustig war, weil Betrunkene meistens unterhaltsamer sind als stocknüchterne Personen, die vor die Kamera gezerrt wurden. Zum Anderen lässt sich "Denkt euch irgendwas Verrücktes mit Mord aus!" inhaltlich ein bisschen kreativer ausfüllen als "Erklärt in eigenen Worten, was selbst für Politikinteressierte in den letzten Monaten zum Sterben langweilig war". Da half es auch nicht, dass sich Juso-Chef Kevin Kühnert in dem Beitrag selbst spielte. Schade eigentlich. Dabei hätte insbesondere das Jamaika-Drama um Christian Lindner die perfekte die Vorlage für eine überdrehte Inszenierung hergegeben.

Auch die Idee, Gags für kommende Ereignisse einfach vorzuschreiben und als "Gag-Vorschau" vorzulesen, ist an sich nicht schlecht. Bestimmte Ereignisse wie Geburtstage, Jahrestage oder die voraussichtliche Wiederwahl von Angela Merkel zur Kanzlerin sind schließlich absehbar. Und eine Fernsehsendung, die einmal wöchentlich ausgestrahlt wird, kann außerdem einfach nicht tagesaktuell sein. Der Wunsch, nicht all zu sehr in der Vergangenheit zu hängen, hielt Heufer-Umlauf allerdings nicht davon ab, Witze über eine Folge des RTL-Formats Promi Undercover Boss zu machen, die genau eine Woche vorher lief. Und über die sich das Internet wegen Detlef D! Soosts absurd offensichtlicher Verkleidung schon Anfang Februar lustig gemacht hatte.

Offen bleibt auch, warum sich das Ganze auf einem Niveau bewegen muss, das selbst Sharepic-Witze-Accounts auf Facebook ein bisschen zu flach wäre. "16 Jahre Merkel. Das sind 32 D-Mark!", ruft Heufer-Umlauf strahlend in die Kamera – immerhin ist jetzt klar, dass die angepeilte Zielgruppe der Show nicht aus Menschen besteht, die ihr Taschengeld von Anfang an in Euro bekommen haben.

Die Kritiken fielen durchwachsen aus, so richtig witzig schien Late Night Berlin nach der ersten Folge niemand zu finden. Auch wenn sich Spiegel Online, Sueddeutsche.de und Zeit Online einig waren, dass man Klaas Heufer-Umlauf nicht zu früh abschreiben sollte.

Am nächsten Morgen scheinen trotzdem alle nur über Jan Böhmermann zu sprechen – mal wieder. Das Neo Magazin Royale-Mastermind hatte in einem Spot in der letzten Werbepause von Late Night Berlin gesagt, "schon allein wegen dieser nervigen Werbeunterbrechungen" niemals auf einem Privatsender moderieren zu wollen. (Zumindest nicht mehr. Mit TV-Helden und Was wäre wenn moderierte er 2009 und 2014 zwei RTL-Formate.) "Wenn Klaas das will? Von mir aus!", fährt Böhmermann fort. "Ich würde mich niemals so verkaufen. Denn glaubwürdige Satire funktioniert nur ohne Werbung." Dann tauchen mehrere Schilder des Autovermieters Sixt auf. Win-Win für beide Seiten: Böhmermann kann sich einmal mehr als subversiver Satire-Gott feiern lassen und bekommt dafür wahrscheinlich noch ordentlich Geld. Und Sixt freut sich über einen Werbespot, der Schlagzeilen macht.

Böhmermann mag einen Punkt haben, wenn er die Werbeüberfrachtung von Late Night Berlin kritisiert. An "glaubwürdiger Satire", zumindest mit Anspruch und Impact, mangelt es aber auch bei den Öffentlich-Rechtlichen. Formate wie die heute-show stoßen keine gesellschaftspolitischen Debatten an oder schärfen das politische Bewusstsein einer ganzen Generation, wie es die Daily Show insbesondere unter Jon Stewart über ein Jahrzehnt lang tat. Lieber klammern sich die Moderatoren hierzulande an den Status des souverän sarkastischen Onkels, der uns mit drei Bier im Kessel erzählt, was letzte Woche so alles passiert ist – stets bemüht, dabei nur nichts zu sagen, was er vorher nicht schon fünf Mal woanders gehört hat. Nur nicht zu viel vom Publikum erwarten. Hauptsache, niemand kann irgendetwas falsch verstehen. Sicher ist sicher.

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