Im Zug aus Budapest
Foto: Christopher Glanzl

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Im Zug aus Budapest

Ich bin von Budapest nach Wien gefahren—eingepfercht zwischen Menschen, die aus ihrem Heimatland fliehen müssen.
1.9.15

Meine Freundin und ich hatten uns lange auf unseren Trip nach Budapest gefreut. Das Paris des Ostens, trotz der sichtbaren Zeichen wirtschaftlicher Lähmung eine der schönsten Städte Europas, hatte uns vier wunderschöne Tage lang verzaubert. Doch dann kam die Heimreise und wir erlebten zum allerersten Mal die wahre Bedeutung des Wortes Flüchtlingsmisere.

Es ist Montag, der 31. August. In der Metro-Unterführung von Budapest Keleti, dem Ostbahnhof der Stadt, stehen wir plötzlich in einem Zeltlager. Man stelle sich eine Passage von etwa der Größe des Wiener Karlsplatzes vor, in der Tausende Menschen ihr vorübergehendes Lager aufgeschlagen haben. Kinder laufen umher, spielen Fußball, Frauen mit Kopftuch stehen Schlange vor dem provisorischen „Refugee Aid"-Büro, in welchem Medikamente und Wasser ausgegeben werden, Männer sitzen auf Iso-Matten und starren mit resignierendem Blick ins Leere.

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Geschockt von solchen Zuständen schlängeln meine Freundin und ich uns vorsichtig zwischen den Zelten und Lagern hindurch Richtung Bahnhof. Doch beim Aufgang zur Abfahrtshalle stehen wir plötzlich vor einem Absperrgitter—bewacht von einer Handvoll Polizisten. Auf meine Nachfrage hin weist uns einer der Beamten an, einen der anderen Aufgänge zu nutzen und den Bahnhof durch den Haupteingang zu betreten. Dort stellen seine Kollegen sicher, dass immer nur eine bestimmte Zahl von Menschen gleichzeitig in die Halle gelangt. Wir kämpfen uns zum Ticketschalter durch und müssen feststellen, dass dieser nicht nur völlig unterbesetzt ist, sondern auch hier nur wenige Menschen auf einmal eingelassen werden. Voraussichtliche Wartezeit: Stunden.

Da die Zeit drängt, beschließen wir kurzerhand, uns wieder zurück zur Metro zu kämpfen und unser Glück beim Bahnhof Kelenföld zu versuchen, am anderen Ende der Stadt. Denn im Gegensatz zu den völlig orientierungslosen Flüchtlingen wissen wir, dass alle Fernzüge Richtung Westen auch hier halten.

Eine gute Stunde später halten wir am Schalter des Bahnhofs Kelenföld schließlich unsere Fahrkarten in der Hand. Inklusive Reservierung, denn angesichts der Zustände in Keleti sind wir auf das Schlimmste vorbereitet. Zumindest dachten wir das. Als um 17:24 Uhr schließlich der Railjet 24 auf Gleis 15 einfährt und die Türen sich öffnen, fühlen wir uns schlagartig nach Asien versetzt. Zum einen, weil uns kein einziges europäisch aussehendes Gesicht anstarrt, zum anderen aber auch, weil der Zug so voll ist, wie man es nur aus Dokus über die indische Eisenbahn kennt.

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„No entry!" rufen die Menschen, die beim Öffnen der Zugtüren Mühe haben, sich irgendwo festzuhalten, nicht auf den Bahnsteig zu fallen. Wir hetzen mit vollem Gepäck zum nächsten Waggon. Auch hier sieht es nicht viel besser aus, aber wir müssen in diesen Zug. Es dauert eine gefühlte Stunde (in Wirklichkeit waren es etwa 15 Minuten), bis wir uns unter immer wieder aufkeimender Raumangst in die Mitte eines Waggons durchgedrängt haben—der einzige Fleck, wo noch etwas Platz ist, weil jeder in der Nähe der Türen bleiben will. Vermutlich aus Angst, zu ersticken.

Noisey: Das gesamte Nuke schweigt für Flüchtlinge.

Die Menschen sitzen auf den Tischen, auf dem Schoß des jeweils anderen, auf dem Boden und in den Klos. Die ungarischen Behörden haben offenbar völlig aufgegeben und einfach alle Menschen in den Zug steigen lassen, ungeachtet jeglicher Bestimmungen. Zu diesem Zeitpunkt zählen meine Freundin und ich die Minuten, die wir noch in diesem Zug verbringen müssen. Jede einzelne. Doch was für uns die bisher realistischste Vorstellung der Hölle ist, scheint den Großteil der Flüchtlinge relativ kalt zu lassen. Klar, der Zug ist dreifach überbelegt und bei einem Notfall kommt niemand hier raus, aber immerhin gibt es eine Klimaanlage.

Ich muss an die Berichterstattung der letzten Wochen denken, die überfüllten Bahnhöfe in Mazedonien und Serbien. Ich glaube kaum, dass die dortigen Zuggarnituren aus der Zeit des kalten Krieges über Klimaanlagen verfügen. Während ich mir das vorstelle, spüre ich leise Panik in mir aufsteigen. Was wäre, wenn die Klimaanlage ausfällt … jemand ohnmächtig wird … oder ein Feuer ausbricht? Kein Bild von noch so vielen Menschenmassen kann je das Gefühl vermitteln, das einen zwangsläufig beschleicht, wenn man mit so vielen Menschen auf so engem Raum eingesperrt ist. Und wir alle wissen, dass es im Leben der Flüchtlinge sogar noch viel, viel schlimmer sein könnte.

Viel zu langsam, aber stetig, kämpft sich unser Zug Richtung Wien. In jedem Bahnhof beten wir, dass nicht noch mehr Menschen einsteigen wollen. Doch sie wollen. Zwar versucht die ungarische Polizei, weitere Flüchtlinge am Betreten des Zuges zu hindern, doch sie ist heillos überfordert. Die wenigen ungarischen Pendler im Waggon beginnen sich bereits jeweils eine Viertelstunde vor Ankunft panikartig Richtung zur Tür vorzukämpfen.

Als ich es endlich schaffe, mich ins WLAN der ÖBB einzuloggen, lese ich die Meldung über die vorherigen Railjet-Züge, die an der Grenze stundenlang aufgehalten wurden, weil sie komplett überfüllt waren. Obwohl wir beide nichts als so schnell wie möglich heim wollen, wünschen wir uns fast, dass es auch unserem Zug so ergeht. Die Menschen im Waggon brauchen dringend Frischluft. Die Menschen im Waggon wollen endlich ihre mittlerweile eingeschlafenen Gliedmaßen ausstrecken. Doch auch der Grenzschutz und die ÖBB haben offenbar aus Überforderung völlig aufgegeben. Nach nur fünf Minuten in Hegyeshalom rollt der Railjet weiter.

Als unser Zug schließlich mit halbstündiger Verspätung die Wiener Stadtgrenze erreicht, beginnen meine Freundin und ich, uns ebenfalls in Richtung Tür durch zu quetschen. Dabei steigen wir über am Boden sitzende Mütter mit ihren Säuglingen auf dem Arm. Unseren Reisekoffer trage ich, mit einer Hand gestützt auf dem Kopf, wie eine indische Frau beim Wasserholen. Von allen Seiten rufen Menschen auf uns ein. „I'm from Syria, I want to go to Germany, which station?", „Is this Vienna?", „Is Salzburg Germany or not?", „Which country is this?". Während wir mittlerweile von hinten angeschoben werden, versuche ich den Fragenden zu antworten, so gut es geht.

Noch nie in meinem Leben, war ich so erleichtert. Nicht nach der Matura, nicht nach den schwersten Prüfungen an der Uni, noch nicht einmal, als ich im Krankenhaus nach erfolgreicher Mandel-OP gesund aufwachte. Zwar habe ich das Flüchtlingsdrama intensiv in allen Medien verfolgt und mir eingebildet, nachvollziehen zu können, was diese Menschen durchmachen, nur um nach Europa zu kommen. Doch es dermaßen hautnah zu erleben, ist etwas völlig anderes. Es wäre immer noch vermessen, zu sagen, ich wüsste jetzt, was ein Flüchtling auf dem Weg hierher durchmacht. Aber was ich nun mit Sicherheit weiß, ist, dass keiner, der nicht selbst betroffen ist, auch nur den Ansatz einer Vorstellung hat—und schon gar kein Recht, abfällig oder zynisch über die Situation dieser Menschen zu urteilen. Diese Menschen gehen durch die Hölle, um noch Schlimmerem zu entgehen.