Diese 35 Jahre alte Schatzsuche ist immer noch nicht vollständig gelöst

1981 versteckte der Fantasy-Autor Byron Preiss mehrere kleine Schätze, die man durch Hinweise in seinem Buch finden kann. Bis heute sind erst zwei von zwölf entdeckt worden.
3.6.16
Aufgrund dieses Bildes aus "The Secret" glauben viele Leute, dass eines der Keramikgefäße von Byron Preiss in Milwaukee vergraben wurde
Irgendwo am Lake Park in Milwaukee soll eines der versteckten Keramikgefäße des The Secret-Schatzes von Byron Preiss begraben sein

Irgendwo am Lake Park in Milwaukee soll eines der versteckten Keramikgefäße begraben sein | Foto: Julia Taylor | Flickr | CC BY 2.0

Irgendwo in der US-Stadt Milwaukee ist ein Schatz vergraben. Dazu gesellen sich dann noch neun andere Orte in Nordamerika—darunter (womöglich) auch New York, San Francisco oder Montreal. Und im Grunde handelt es sich auch nicht wirklich um einen richtigen Schatz, sondern eher um in einen Plexiglas-Würfel eingeschlossene Keramikgefäße. Was für manche Leute wie Schrott anmutet, ist für andere jedoch die perfekte Marketing-Strategie.

Besagte Schätze wurden im Jahr 1981 vom Verleger Byron Preiss versteckt, der damit sein Buch The Secret promoten wollte. Preiss' Fantasy-Taschenbuch beinhaltete dabei eine Reihe an Rätseln in Form von kryptischen Gedichten mit dazugehörigen Bildern. Die Lösung dieser Rätsel führt einen dann zum Versteck eines Keramikgefäßes (im Buch als "Casque" bezeichnet), das den Schlüssel zu einem Bankschließfach enthält, in dem wiederum ein Edelstein im Wert von ungefähr 1.000 Dollar liegt.

Das ganze Unterfangen wurde von einem ähnlichen Buch inspiriert, nämlich dem 1979 veröffentlichten Masquerade von Kit Williams. Der erste Leser, der durch die Hinweise im Text den richtigen Ort entschlüsselte, konnte sich dort eine goldene Hasenfigur abholen. Dieser Herausforderung nahmen sich viele Leute an, bis das Rätsel im März 1982, also 90 Tage nach der Veröffentlichung von The Secret, schließlich gelöst wurde. Das literarische Genre der "Armchair Treasure Hunts" war geboren.

Zwar hat sich The Secret nicht so gut verkauft wie Masquerade, aber dafür erlangte das Buch in Rätselfreund-Kreisen fast schon Kultstatus. Innerhalb weniger Monate meldeten sich 700 Leute bei Preiss und behaupteten zu wissen, wo sich die Keramikgefäße befinden. Allerdings stießen erst im darauffolgenden Jahr drei Teenager wirklich auf einen der Schätze—und zwar im Grant Park von Chicago.

"Uns war eigentlich egal, wer den Schatz findet. Wir wollten einfach nur das Rätsel lösen."

Das nächste Rätsel aus The Secret wurde dann im Jahr 2004 gelöst, als ein Anwalt namens Brian Zinn durch einen Textabschnitt, in dem Sokrates, Pindar und Apelles erwähnt sind, auf das Versteck eines weiteren Keramikbehältnisses kam (alle drei Namen sind nämlich in einen Betonmast in den Cleveland Cultural Gardens eingeritzt). Nachdem Zinn vier Stunden lang Löcher gegraben hatte, stieß er bei der Grenzmauer der Gärten endlich auf den Schatz.

Bis heute ist das Behältnis aus Cleveland das letzte Rätsel, das gelöst wurde. "Laut Familie und Freunden dachte Byron Preiss, dass alle Schätze schon bald gefunden wären. Ich glaube nicht, dass ihm klar war, wie kompliziert die Gedichte eigentlich sind", erklärte mir James Renner, ein Autor und Filmemacher, der gerade an einer Dokumentation über The Secret arbeitet.

Preiss starb 2005 im Alter von 52 Jahren bei einem Autounfall und hat die Standorte der restlichen Behältnisse vorher niemandem mehr mitgeteilt. Sein Verlag ging bankrott und wurde von der Konkurrenz aufgekauft. Viele Leute haben diese Übernahme auch als das Ende der Schatzsuche angesehen und gehen so davon aus, dass überhaupt nichts mehr zu finden ist.

Es gibt jedoch auch noch andere Menschen, die selbst knapp 35 Jahre nach der Veröffentlichung von The Secret noch nicht aufgegeben haben.

John "Michaels" Pivonka, einer der passionierten The Secret-Schatzsucher

John "Michaels" Pivonka, einer der passionierten Schatzsucher | Foto: bereitgestellt vom Autor

Nach Zinns Entdeckung fand sich im Internet eine ganze Armee an Schatzsuchern zusammen. Die beliebteste Anlaufstelle ist dabei das Forum von quest4treasure.co.uk. Dort rätselte man jahrelang im Kollektiv, um durch die vagen Hinweise in den Bildern und Texten von The Secret auf die Verstecke zu kommen. Forumsmitglieder, die in der Nähe von potenziellen Vergrabungsorten wohnten, beschäftigten sich zu Recherchezwecken ausgiebig mit der lokalen Geschichte, und für viele wurde das Ganze schon fast eine Art Sucht.

"Uns war eigentlich egal, wer den Schatz findet. Wir wollten einfach nur das Rätsel lösen", erzählte mir Zinn. "Deshalb haben wir online auch ganz offen über unsere Ideen und Gedanken diskutiert."

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John "Michaels" Pivonka ist ein Toningenieur aus Milwaukee, der sich nun schon seit mehreren Jahren mit der Schatzsuche beschäftigt und zu den aktivsten Usern des Forums zählt.

"Ich bin jetzt 42 Jahre alt", meinte er. "Seit meinem 39. Lebensjahr bestimmt diese Sache mein Leben."

Zusammen mit Betsy Grueninger, einer anderen Rätselfreundin aus der Gegend um Milwaukee, klappert Pivonka mögliche Fundorte ab. Immer wenn die beiden das Gefühl haben, kurz vor der Lösung zu stehen, durchforsten sie die Archive der Milwaukee Historical Society. Einmal haben sie sich sogar ein Bodenradargerät ausgeliehen, um potenzielle Verstecke untersuchen zu können.

Aufgrund dieses Bildes aus "The Secret" glauben viele Leute, dass eines der Keramikgefäße in Milwaukee vergraben wurde

Es gibt auch einige überzeugende Argumente, die dafür sprechen, dass eines der Keramikgefäße in Milwaukee vergraben wurde. Wenn man sich das Bild aus dem Buch genauer ansieht, dann findet man einige Hinweise auf die US-Großstadt: Im Hintergrund ragt ein Gebäude mit zwei Türmen hervor und die Silhouette sieht dabei genauso aus wie das Rathaus von Milwaukee. Im Vordergrund ist eine Jongleurin zu sehen, die einen Mühlstein [millstone], einen Gehstock [walking stick] und einen Schlüssel [key] in die Luft geworfen hat. Diese drei Gegenstände sollen zusammen möglicherweise einen Rebus ergeben, dessen Lösung "Milwaukee" lautet. Die etwas unnatürliche Handstellung der Frau erinnern außerdem an die berühmte Bronze-Statue von Solomon Juneau, einem der Gründungsväter von Milwaukee.

Und dann gibt es auch noch die achte Strophe des Gedichts, in der der Leser dazu aufgefordert wird, 92 Stufen hinaufzusteigen. Die meisten Schatzsucher gehen davon aus, dass sich Preiss damit auf den Grand Staircase im Lake Park von Milwaukee bezieht, denn dort findet man eben genau 92 Stufen.

Pivonka und sein Team haben zusätzlich noch andere, nicht ganz so offensichtliche Hinweise entdeckt, die das Bild der Jongleurin sowie die Strophe Nummer Acht mit dem Lake Park in Verbindung bringen—zum Beispiel ein in die Hand der Frau eingezeichneter Spazierweg oder der markante Abdruck eines dreistämmigen Maulbeerbaums in den Falten des Umhangs. Zusammen mit Grueninger hat Pivonka außerdem das Keramikgefäß nachgebaut, um herauszufinden, ob das Ganze von Metalldetektoren überhaupt ausgemacht werden kann. Und das kann es. Bis dato haben die beiden aber trotzdem noch keinen Schatz gefunden.

Das von Betsy Grueninger und John Pivonka nachgebaute Keramikgefäß des The Secret Schatzes von Byron Preiss

Das von Betsy Grueninger und John Pivonka nachgebaute Keramikgefäß | Foto: bereitgestellt vom Autor

Ein Problem bei der ganzen Sache ist jedoch die bereits verstrichene Zeit. Man stellt sich einen Park oft als immer gleichbleibenden Ort vor, aber seit Preiss angeblich im Lake Park einen seiner Schätze vergraben hat, wurden dort natürlich einige Veränderungen vorgenommen. Wege verlaufen nun anders, man hat künstliche Gräben geschaffen und Statuen wurden restauriert. Aber auch die Umwelt ist nicht gleich geblieben: Insekten zerstören fast alle Ulmen des Parks und die ersten Folgen des Klimawandels führen dazu, dass nicht mehr alle Pflanzen und Tiere von früher in dem Gebiet heimisch sind. Und in der besagten achten Strophe steht auch etwas von einer "jungen Birke", die heutzutage natürlich schon ausgewachsen wäre—wenn sie sich überhaupt noch im Lake Park befindet.

Aber auch die Frage nach der Erlaubnis muss gestellt werden. So hat Pivonka laut eigener Aussage schon Dutzende Löcher in der Nähe des Maulbeerbaums gegraben, bis er eines Tages von einem Angestellten des Parks angehalten und aufgefordert wurde, eine Genehmigung vorzuzeigen.

Die Parkleitung hat bis heute kein Verständnis für die Schatzsuche, weil man befürchtet, dass die Anlage dabei zu Schaden kommen könnte.

"Hier hätte niemals etwas vergraben werden dürfen", meinte Kevin Haley, ein Landschaftsarchitekt des Milwaukee Country Department of Parks, gegenüber VICE. Haley ist unter Anderem auch dafür verantwortlich, Schatzsuchern die Genehmigung zum Graben zu erteilen. Eine solche Genehmigung hat er jedoch noch nie rausgegeben.

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Das heißt jetzt aber auch nicht, dass Haley das niemals machen würde. Ihm wäre es sogar lieber, wenn man das Keramikgefäß endlich fände, damit niemand mehr ohne Erlaubnis einfach so herumbuddelt. Der Landschaftsarchitekt hat deswegen auch immer ein offenes Ohr für Schatzsucher, die ihn davon überzeugen können, einen guten Grabungsort gefunden zu haben. Bis jetzt hat es jedoch kaum einheitliche Vorschläge gegeben. Haley sieht für einen letztendlichen Fund also eher schwarz.

"Ich glaube nicht mal, dass sich der Schatz überhaupt noch hier befindet", sagte Haley und implizierte damit, dass das Keramikgefäß während einer der vielen Parkumbauten der letzten 35 Jahre zerstört oder mitgenommen worden sein könnte.

Andere finden die ganze Suche unglaublich nervig. "Das war doch nur ein Gimmick für die Leute, die gerne Rätsel lösen", meinte Gil Walters, ein Mitglied der Organisation "Friends of Lake Park", im Gespräch mit VICE. "Ich will nicht, dass hier Hunderte Leute herkommen und sich wild durch die Gegend graben, nur weil sie hoffen, etwas in ihren Augen Prestigeträchtiges zu finden."

"Ich glaube, dass es Byron Preiss bei den Rätseln vor allem darum ging, dass sich die Schatzsucher fast schon so wie Indiana Jones durch die Gegend schleichen und Löcher graben."

Trotz der vielen Hindernisse scheinen aber trotzdem nur wenige Schatzsucher die Flinte wirklich ins Korn zu werfen.

"Glaub mir, ich habe schon so oft ans Aufgeben gedacht, weil das Ganze teilweise einfach so aussichtslos erschien", erzählte mir Pivonka. "Aber dann kommt plötzlich wieder ein Teammitglied mit einem neuen Hinweis an und man ist wieder voll dabei."

"Ich glaube, dass es Byron Preiss bei den Rätseln vor allem darum ging, dass sich die Schatzsucher fast schon so wie Indiana Jones durch die Gegend schleichen und Löcher graben", meinte Zinn. "Wir leben heutzutage jedoch leider in einer anderen Welt. Ich weiß nicht, ob man den Erhalt einer Graberlaubnis in irgendeiner Weise rechtfertigen kann, weil man ja gar nicht weiß, ob es da überhaupt etwas gibt."

Die Edelsteine, die während des Konkursverfahrens nach Preiss' Tod angeblich konfisziert wurden, befinden sich laut Preiss' Witwe Sandi Mendelson in deren Besitz und stehen den Entdeckern der verbleibenden Keramikbehältnisse natürlich weiterhin zu.

"Wenn jemand etwas findet, dann auf jeden Fall", sagte Mendelson. "Ich habe nichts mit ihnen angestellt, sie sind also immer noch da."