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Ein Sonntag auf der Insel

„Die beste Insel ist nicht schön, wenn man mit dem falschen Menschen drauf ist" (Boris Becker)
2.7.12

Haben wir schon einmal erwähnt, dass Stefanie Sargnagel die talentierteste Autorin Österreichs ist? Das eine oder andere Mal vielleicht, aber auch nur, weil wir so stolz darauf sind, dass sie für uns ab und zu Geschichten schreibt. Zum Beispiel über das Donauinselfest, Österreichs österreichischstes Festival.

Das Donauinselfest ist schön, denn es ist so schön österreichisch und ich liebe Österreich. Aus Österreich kommen Austropop, feine Mehlspeisen, Josef Fritzl, Natascha Krampus, Hitler und Leute wie Ulrich Seidl oder Manfred Deix, die das alles ins richtige Licht rücken.

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Ein schrulliger Charakterstaat mit liebenswerten Macken und viel Landjunged, dessen kulturelle Prägung ich in jeder Pore spüre, vom Scheitel bis zum Gacki-Loch. Leider hatte ich einen schlimmen Kater am Samstag und war nicht fähig einer meiner eindringlichsten musikalischen Erfahrungen live zu erleben: Stefanie Werger, die bladeste Ikone unseres Landes und ihr von Stärke, Gefühlvolligkeit und kompromissloser Ehrlichkeit geprägtes Liedgut.

Ich liebe dieses Fest auch deshalb, weil ich die Donauinsel liebe. Es gibt keinen Ort in Wien, an dem sich die Atmosphäre seit meiner Kindheit so absolut nicht verändert hat. Es fühlt sich immer an wie eine Zeitreise in die frühen 90er: Die drahtigen, Inlineskates fahrenden Männer in ihren unerhört kurzen Jeanshosen, die nackten Proleten mit ihrer glänzenden Lederhaut, die glasige Hitze und sogar die Vegetation dort ist 90er!

Prinzipiell besuche ich dieses Festival aber eh am liebsten am Vormittag, weil ich so anders und individuell bin und um den Underground der österreichischen Schülerband- und Schlagerszene auszuchecken, der meistens vor 3 Leuten spielt—das ist so interessant und schön tragisch. Auflerdem ist die Stimmung geil, wenn aufgeräumt wird, wenn die vergewaltigten Teeanger aus den Gebüschen gezogen und die Obdachlosen in der Donau versenkt werden, damit alles für einen neuen tollen Tag für die ganze Familie vorbereitet ist.

Träge schleppen sich auch schon die ersten Gäste über den glühenden Asphalt, vermutlich Floridsdorfer aus der Umgebung, um ihre verfetteten, von Wurstkonsum ausgepumpten Organismen mit einem Donut-Frühstück zu verwüsten.

Viele wandern sogar tagelang über Stock und Stein aus ihren ungarischen Dörfern, um Teil des Spektakels zu werden.

Eine, von einer zügellosen Bande 88.6 Hörern auf Alkopops versenkte Fischerfamilie, die so leichtsinnig war, sich in unmittelbarer Nähe des Festes niederzulassen.

Manche baden sogar zu dieser Zeit in der Donau, die sich im Laufe des Wochenendes in eine joghurtdicke Brühe aus Sperma, Bierschiss, Erbrochenen verwandelt.
Die winzigen Pünktchen überall am Wasser sind Bierdosen, die ins Schwarze Meer getragen werden.

Ein After Hour Wrack mit Sonnenbrillen begrüßt mich mit den Worten "Kommst mit ficken?", als ich meine Kamera einpacke und die Haare zurecht streiche und mitgehen will, ist er aber schon weiter gegangen.

Oida! Um auf andere Gedanken zu kommen, relaxe ich ein bisschen bei der Country Messe. Eine Subkultur aus fantasievoll im Wildweststil verkleideten älteren Semestern feiert einen Gottesdienst.

Ein Mounty in Floridsdorf.

Brigitte.

Vor der Hipster Fraktion ist man nirgendwo sicher.

Hier sieht man Line Dance, ein amerikanischer Tanz, bei dem man möglichst teilnahmslos in mehreren Reihen nach links oder nach rechts baumelt, entkräftet wie ein in der Wüstenhitze verendendes Pferd. Trotz Bedrohung durch Konkurrenzsportarten wie Wassergymnastik, Nordic Walking, Bauchtanz und Pilates erfreut es sich großer Beliebtheit.

Wer denkt, das wäre nur etwas für übergewichtige Frauen ab 40, hat weit gefehlt. Auch bei Jugendlichen mit seelischen Problemen liegt Line Dance stark im Trend.

Eine unfassbar sympathische Band. Alle hatten ständig von Blues und zufriedener Lässigkeit verzerrte Gesichter. "I FOHR MIT MEIN ÖKAWEH AUFM HEIWÄ ENTLAUUNG" so chillig! Ich bin so Fan von Okemah! Laut Homepage spielen sie seit 31 Jahren zusammen. Die Bassistin mit den roten Haaren heißt Red <3.

Alles was man für eine Party braucht.

Eine fetzige Blasmusikkapelle. Der ballonartige Frontman Harry Steiner scheint eine exemplarisch schmierige Drecksau wie aus einer Warnbroschüre im Frauenhaus zu sein. Er gefällt mir sehr gut. Auch der Typ in Weiß hat sehr schöne, man könnte meinen von Alkohol und durchkoksten Nächten in billigen Puffs ockergrün gefärbte Tränensäcke. In Harry Steiners Privatgalerie kann man übrigens sehen, wie er ein Tigerbaby füttert.

Den immer wilder und losgelöster werdenden Solotanz der Schrulle in Türkis kommentiert Harry mit den an seinen Bandkollegen gerichteten Worten: "HERST FREDL, I HOB GOA NED GWUSST DASS DEI FRAU A DO IS." Anscheinend bin ich doch nicht das größte anwesende Arschloch.

Auch die ganze Friedensbewegung ist jedes Jahr versammelt.

Das linke Hasi ist ganz müde, das rechte Hasi aber böse und agressiv (ein Angriffshasi)!!

Die Sorte Mensch, die auch ohne Alkohol Spaß haben kann. Ich mache sie zu einem großen Teil für meinen Alkoholismus verantwortlich.

"Nordwand", die neue Generation des Popschlagers beschert mir Gänsehautfeeling. Sie sind so widerlich, dass es schon fast wieder surreal ist.

Die Selbstbeschreibung dieser Band: "Bad Sellin Records- Besser als Sex. Die Songs reiflen ausnahmslos mit, treffen direkt ins Mark. Mal
gefühlvoll und zart, mal schnell und hart, da und dort wahnsinnig, aber immer unvergesslich. Wie guter Sex eben". Davon kann man sich auf ihren Alben Incocknito oder Cock Rocks überzeugen.

Nach dieser seelischen Vergewaltigung spaziere ich zu einer ruhigeren, bescheideneren Bühne. Der gemütliche Alleinunterhalter Riviera G¸ spielt romantische Kreuzfahrtmusik. Beim Lied "Sommertraum" beginnt dieses Pärchen eng umschlungen zu tanzen. Sie sind sehr süß, auch wenn mich ihr offenherziges Zungenspiel beim nächsten Song ein bisschen aus der Fassung bringt.

Nachdem die bierseligen Frühschopper rundherum ihre Küsse angefeuert haben, passiert das Schönste. Alfred (wie er sich später vorstellt) geht nach vorne, borgt sich Riviera Gs Mikro aus und macht seinem Schatz einen Heiratsantrag. Sie sagt ja und alle rundherum applaudieren und jubeln begeistert. Ich halt's nicht aus, mir tropfen die Tränen ins Krügerl.
Ich liebe diese Insel.

Tschüss!