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Wie Schweizer Medien Terroristen und Rechtspopulisten in die Hände spielen

Das gefährliche Spiel mit der Angst.

von Sebastian Sele
27 Juli 2016, 9:15am

Screenshot von Blick.ch

Würzburg am 18. Juli, München am 22. Juli, Reutlingen am 24. Juli, Ansbach am 24. Juli—innerhalb von nur einer Woche überschlugen sich die schockierenden Push-Meldungen, die vibrierend um meine Aufmerksamkeit kämpften. 56 Verletzte, 10 Tote bilanziert das Wall Street Journal die Taten trocken. Zahlen, die wohl kaum jemand noch so genau benennen kann. Zu viel ist in zu kurzer Zeit auf zu brutale Art geschehen—wobei noch nicht einmal die Todesfahrt in Nizza und der Putschversuch in der Türkei wirklich verarbeitet waren. Die vielen kleineren Ereignisse vermischten sich zu einem Grossen. Welches davon war nochmal der Amoklauf? Welches der Selbstmordanschlag? Welches die Beziehungstat? Und vor allem: Spielt das überhaupt noch eine Rolle?

Bei vielen macht sich ein Gefühl der Hilflosigkeit breit, der Angst vor dem, was in Europa noch auf uns zukommen wird. Der Screenshot aus dem Video, in dem der Täter von Würzburg mit drohendem Blick ein Messer in die Kamera hält, wurde etliche Male übernommen. Auf Twitter geht ein Video viral, das zeigt, wie der Amokläufer von München vor einem McDonald's steht und unverhofft beginnt, auf Passanten zu schiessen. Es sind Bilder, die in uns Gefühle wecken und sich so in unser Gehirn einbrennen. Wer erinnert sich noch daran, wieviele Menschen bei 9/11 starben? Wer weiss noch, wie es aussah, als das zweite Flugzeug in die Twin Towers krachte? Fakten vergessen wir schnell einmal, Bilder bleiben als Symbol für das Ereignis bestehen.

Ein Facebook-Video der ARD-Tagesschau, das seit Freitag über 3.6 Millionen mal angeklickt wurde, zeigt, dass unser Gefühl der Unsicherheit aber völlig irrational ist: "Zumindest in Deutschland ist es deutlich wahrscheinlicher, beim Essen zu ersticken [als bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen]. Daran sind in den vergangenen Jahren jeweils mehrere Hundert Menschen gestorben, mehr als bei Terroranschlägen in ganz Europa zusammen", klärt die Journalistin Charlotte Gnändiger den Zuseher vor einem Diagramm auf. Klar, es mag zynisch erscheinen, Tote gegen Tote abzuwägen. Klar, wir können nicht wissen, ob die vergangene Woche der Beginn einer Zeit der Gewalt in Mitteleuropa ist. Aber wir können uns kurz einen Schritt zurück machen und überlegen, wieso uns etwas in eine solche Unsicherheit stürzt, das derzeit rein faktisch gesehen ungefährlicher ist, als am Abend mit Freunden oder der Familie zusammen zu Essen.


Deutschlandradio Kultur sprach nach den Anschlägen in Brüssel vergangenen März mit jemandem, der sich intensiver mit dieser Frage auseinandersetzt. Der Professor für Kommunikationspsychologie Wolfgang Frindte erklärte im Interview ein Paradox, das in Zeiten der Live-Ticker und sozialen Medien als Informationsquelle bedeutender sein dürfte als je zuvor: Die Medien müssen über Ereignisse berichten, helfen mit ihrer Berichterstattung aber auch den Terroristen, weil diese die Aufmerksamkeit brauchen. Doch gibt es innerhalb der Berichterstattung auch Unterschiede: "Eine starke Dramatisierung führt natürlich auch zu einer starken Emotionalisierung. Und die kann nun zu zwei Wegen führen: entweder zu Wut oder zu Angst", analysiert Frindte. Mittlerweile sollte uns allen klar sein, dass neben den Toten, der Gewalt und der Unberechenbarkeit die Angst die stärkste Waffe des Terrorismus ist—und diese wird auch durch Menschen und Institutionen geschürt, die sich selbst wohl auf der Seite "der Guten" sehen.

Ein Beispiel dafür ist ein Artikel von 20 Minuten von voriger Woche. "Wie gefährlich sind minderjährige Flüchtlinge?" fragte die Zeitung seine 1.3 Millionen Print- und über 3 Millionen Online-Leser in einem Titel und impliziert dadurch, dass es nicht möglich ist, dass minderjährige Flüchtlinge nicht gefährlich sind. Bebildert ist der Artikel mit jenem bedrohlich wirkenden Foto des Täters von Würzburg, auf dem dieser ein Messer in die Kamera hält. Fairerweise muss ich anmerken, dass der Artikel selbst im Gegensatz zur visuellen Aufmachung inhaltlich sehr faktenorientiert ist—doch uns allen dürfte bewusst sein, dass gerade bei Häppchen-Journalismus wie 20 Minuten viele Leute kaum mehr als die Headline und das Foto anschauen.

Wenige Tage später erhielt ich eine Push-Mitteilung von 20 Minuten, die mich auf ihre Umfrage hinwies, die sich damit beschäftigt, wie sicher ich mich noch fühle. Der genaue Wortlaut der gestellten Frage ("Wie sicher fühlen Sie sich noch?") impliziert bereits, dass ich mich nicht mehr sicher fühle—oder das zumindest irgendwann der Fall sein wird. Auch die Fragen sind darauf ausgerichtet, dass ich in irgendeiner Form bereits Angst habe. Unter diesem Ansatz lud "das grösste News-Portal der Schweiz" dazu ein, seinen Ängsten und Sorgen Ausdruck zu verleihen, nachdem es noch wenige Tage zuvor genau diese Ängste geschürt hatte.

Mit solchen Umfragen würde '20 Minuten' wohl schon im ersten Semester von der Uni geschmissen | Screenshot von '20 Minuten'

Im Interview mit Deutschlandradio Kultur sagt der Kommunikationspsychologe Wolfgang Frindte, Angst und Wut, die durch dramatisierende Berichte gefördert werden, führten dazu, dass bei der Bevölkerung starke Sicherheits- und militärische Massnahmen gegen den Terrorismus höher im Kurs stehen. Wie Trump, die AfD und andere vorschnell auf die Schüsse in München reagierten, haben wir hier gesammelt. Auch in der Schweiz nutzen die Rechtspopulisten die Stimmung der Unsicherheit aus. Die SVP-Fraktionspräsident Adrian Amstutz betitelt sein Editorial mit "Gefährliche Folgen der unkontrollierten und masslosen Zuwanderung – Ende der 'Willkommenskultur'" und die Junge SVP macht währenddessen Stimmung auf Facebook:


Eines haben all die Reaktionen, von 20 Minuten über Trump bis zur (Jungen) SVP gemeinsam: Ihr Ziel ist, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erlangen. Für die einen bedeutet Aufmerksamkeit Klicks, für die anderen politische Positionierung und somit die Chance auf Stimmen. Dafür verantwortlich, ob sie diese Aufmerksamkeit bekommen, sind auch du und ich.

In den Reaktionen auf die Taten der vergangenen Woche werden "wir" oft als Opfer dargestellt und die Flüchtlinge als Täter. Das ist an sich kein neues Phänomen. In den vergangenen Jahren konntest du dieselbe Entwicklung bei einer Minderheit beobachten, die sich teilweise mit jener der Flüchtlinge überschneidet: den Muslimen.

Der Economist hat für das Jahr 2014 in einem Artikel aufgearbeitet, wie gross der Unterschied zwischen dem geschätzten und dem realen Anteil von Muslimen an der jeweiligen Landesbevölkerung ist. Für die Schweiz gibt es leider keine Zahlen, die Resultate aus unseren Nachbarländern dürften aber für sich sprechen: In Deutschland wird der Anteil der Muslime an der Bevölkerung rund drei mal zu hoch eingeschätzt, in Frankreich vier mal und in Italien sogar fünf mal. Wieso ist das so?

Ein Grund für diese grossen Unterschiede zwischen Gefühl und Fakten liegt wohl darin, dass (radikale) Muslime in den Medien sehr stark thematisiert werden. Das in Zürich beheimatete Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) analysiert regelmässig, welche Themen in den Schweizer Medien wie präsent sind. In seiner Medienagenda für das erste Quartal dieses Jahres schreibt es: "Mit den Anschlägen in Brüssel und Burkina Faso, der anhaltenden IS-Bedrohung in Syrien, Irak und Libyen und der Berichterstattung zum Islamismus in der Schweiz beschäftigen sich nicht weniger als vier der zwanzig Top-Themen."

Wird oft über ein Thema gesprochen, sagt das selbstverständlich noch nichts darüber aus, wie das Thema bewertet wird. Dank einer anderen Studie, die ebenfalls vom FÖG durchgeführt wurde, wissen wir aber, dass Muslime in den Medien vorwiegend in einen negativen Zusammenhang gebracht werden:

Muslime wurden bis zu den Anschlägen in Madrid im Jahr 2004 als Opfer mangelnder Integration dargestellt, nach diesen Anschlägen fand ein Wendepunkt in der Berichterstattung über sie statt und sie wurden immer mehr als Bedrohung eingestuft. Ausserdem kommt das FÖG zum Schluss, dass Medien in der Schweiz in einer verallgemeinernden Form über Muslime und den Islam schreiben—obwohl es einerseits etliche verschiedene Ausprägungen des Islams gibt und andererseits gemäss einer Studie aus dem Jahr 2011 nur jeder Dritte Muslim in der Schweiz so religiös ist, dass er regelmässig eine Moschee besucht. Seit 2006 hat so gemäss FÖG das Prinzip des "Clash of Civilizations" auch in der Schweizer Öffentlichkeit seinen Platz.

Wie das im Kontext der vergangenen Woche geschieht, zeigt ein Beispiel des Blick. "Flüchtling zündet Nagelbombe vor Open Air!", titelte die Online-Ausgabe am Montag auf der Startseite. Kein ideologisch Verfehlter, kein psychisch Labiler, kein 27-jähriger Mann—sondern ein Flüchtling. Dadurch wird im schlimmsten Fall eine direkte Verbindung zwischen dem sowieso schon polarisierenden Flüchtlingsstatus und dem Attentat hergestellt und im besten Fall eine solche Verbindung angedeutet. Ein ähnlicher Mechanismus zeigte sich in ähnlicher Form bei der Beziehungstat in Reutlingen:

Screenshot von Blick.ch

Wenn Medien weiterhin nach den Regeln der derzeit vorherrschenden Aufmerksamkeitslogik ihre Inhalte produzieren, spielen sie dem gemäss offiziellen Stellen zur präventiven Terrorbekämpfung notwendigen gesellschaftlichen Zusammenhalt und der Integration zuwider. Sie verbreiten gegen ein paar Klicks mehr Angst und schaffen so ein Klima, das den perfekten Boden für Rechtspopulismus bietet—und nicht zuletzt auch Menschen ins gesellschaftliche Abseits treibt, wo sie zu einem gefunden Fressen für radikale Ideologien wie jene des IS werden können.

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Titelfoto: Screenshot von Blick.ch