Haben Pflanzen Gefühle?

Ihr Verhalten "dem Gehirn eines der niederen Tiere gleichzusetzen", ist verlockend. Das schrieb bereits Darwin.

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Feb. 15 2017, 6:00am

Foto: Justin Forrest

Die Natur ist hart, böse und auf den ersten Blick oft ziemlich ungerecht. Wer einmal den Dokumentarfilm Die Reise der Pinguine gesehen hat versteht, was ich meine – sterbende, flauschig-tapsige Pinguin-Babys mit schwächlichen Fiep-Stimmchen, wohin das Auge reicht. Warum das sein muss? "Deswegen", sagt die Stimme aus dem Off dazu knapp.

Das bringt mich zu der These, dass Mutter Natur selbst völlig empathielos sein muss. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass Mutter Natur gänzlich herzlos ist, und vielleicht auch ein kleines bisschen schadenfroh. Der Gedanke, dass unschuldige Graspflänzchen bei jedem einzelnen unserer Schritte Schmerzen verspüren und diese Tritt für Tritt zeitlebens schlicht und einfach zu ertragen haben, scheint da also nicht mal so abwegig.

Ich habe mich deswegen auf die Suche nach der – soviel sei gesagt – unblutigen Antwort auf die Frage begeben, ob Pflanzen tatsächlich Organismen sind, die – wenn auch auf einer recht niedrigen Stufe – Empfindungen besitzen und in der Lage sind, diese zu kommunizieren.

Schon Charles Darwin hat sich damals mit seiner Trompete in den Garten gestellt, um herauszufinden, ob Pflanzen lärmempfindlich reagieren. Eine Vorstellung, die mich schon in der Unterstufe faszinierte. Stundenlang dürfte er ihnen auf gut Glück ein Ständchen gespielt haben, wirklich passiert ist im Endeffekt allerdings nichts – recht viel mehr als den Spott seiner Kollegen fuhr er nicht ein. 

Auch heute – über hundert Jahre später – gilt die Pflanzenneurobiologie noch immer als relativ umstritten, was ihre Verfechter allerdings nicht aufzuhalten scheint. So beschallt der italienische Winzer Giancarlo Cignozzi seit Jahren die Hälfte seiner Reben mit Musik von Mozart – mit dem Ergebnis, dass diese tatsächlich kräftiger wachsen, 10 Tage früher reif werden und selbst die Trauben süßer schmecken sollen.

"Pflanzen sind weitaus sensibler als Tiere. Ob ihnen jetzt Metal oder Klassik vorgespielt wird, ist ihnen aber egal – solange der Bass stimmt."

Pflanzenneurobiologen der Universität Florenz begleiten das Musikexperiment. Sie betonen, dass Pflanzen freilich nicht wirklich hören, sie die Töne aber in Form von Schallwellen wahrnehmen können. Das würde auch erklären, warum die Reben in die Richtung wachsen, aus der die Musik kommt. Stefano Mancuso, Hauptverantwortlicher des Experiments, erklärt in einem TED-Talk, dass die Frequenzen der Musik der von fließendem Wasser ähneln. Das könnte den Pflanzen gefallen. Überhaupt seien Pflanzen weitaus sensibler als Tiere. Ob ihnen jetzt Metal oder Klassik vorgespielt wird, sei ihnen aber egal – solange der Bass stimmt.

Was ist aber dran an der weit verbreiteten Überzeugung, dass Zimmerpflanzen besser gedeihen, wenn man sie regelmäßig lobt und ihnen gut zuredet? Auch eine Sache der richtigen Schallwellen? Mancuso zieht im TED-Talk nach seinen mehrjährigen Feld- und Laborstudien Bilanz: "Unsere Sprache oder auch Musik sind stark genug, um Pflanzenmembranen zu reizen. Die Frequenzen der Töne können durchaus einen Einfluss auf das Wachstum haben, auch wenn das manche Wissenschaftler nicht gerne hören." Diese Skeptiker haben eine einfachere Erklärung – beim Sprechen gibt der Mensch über seinen Atem Kohlensauerstoffverbindungen ab, welche die Pflanzen zum Gedeihen brauchen.

Längst erforscht hingegen ist die Kommunikation unter Pflanzen selbst. Ein perfektes Beispiel dafür ist die Tabakpflanze. Die Gewächse warnen sich nämlich untereinander via Duftstoffen vor Fressfeinden. Wurde Alarm geschlagen, produzieren sie vermehrt das starke Nervengift Nikotin, welches ihre Feinde abschrecken soll – und zwar vor allen Dingen den gemeinen Tabakschwärmer –, was auch ausgezeichnet funktioniert.

Der Raupe des Tabakschwärmers hingegen macht das Nikotin aber so gar nichts aus und genehmigt sich sogar ganz gern ein paar Bissen. Kein Problem für die Tabakpflanze – diese besitzt (das kann man ruhig so sagen) eine besondere Intelligenz und wendet Trick 17 an: Sobald eine Raupe zu knabbern beginnt, schreit die Pflanze nämlich mithilfe bestimmter Duftstoffe sozusagen um Hilfe. In einer Pressemitteilung der Rostocker Universität heißt es, dass sie mit den Duftstoffen Insekten anlocken, die dann wiederum die Raupen fressen.

Es ist eine raffinierte Beziehung, die Pflanzen mit Tieren eingehen – so lassen Akazienbäume zum Beispiel ihre Dornen anschwellen, in denen bestimmte Ameisenarten Unterschlupf finden. Die Ameisen halten im Gegenzug Schädlinge vom Baum fern. Pflanzen kommunizieren also auch mit der Tierwelt – hauptsächlich über optische und chemische Signale. Ihre Immobiliät hat sie erfinderisch gemacht. Neben Selbstschutz geht es dabei hauptsächlich um die Fortpflanzung. Ausgesendete Duftstoffe und Signalfarben dienen dazu, Vögel und Insekten anzulocken, die dann die Pollen weitertragen sollen.

Die Venusfliegenfalle | Björn S. | flickr | by CC 2.0

Apropos Insekten – Venusfliegenfallen, sprich fleischfressende Pflanzen, spüren das Zappeln ihrer Beute und schnappen dann zu. Andere Arten ködern Insekten mit Leim, um sie im Anschluss zu verstoffwechseln. Dieses Verhalten "dem Gehirn eines der niederen Tiere gleichzusetzen", ist verlockend. Das schrieb bereits Darwin, der Pionier bei der Erforschung von (fleischfressenden) Pflanzen.

Wäre dem tatsächlich so, bliebe einem – will man keinem Organismus Schmerz zufügen – tatsächlich nur noch die Möglichkeit, sich ausschließlich von Früchten zu ernähren. Diese sind von der Natur nämlich extra geschaffen, um gegessen zu werden, damit die Samen der Pflanze von den Tieren möglichst weit verbreitet werden, erklärt mir ein Gärtner. Auch Getreide wäre so ein Spezialfall – Getreideähren zum Beispiel sind längst verdorrt, wenn man sie erntet. Keine allzu schönen Aussichten für den Diätplan, ehrlich gesagt.

Univ.-Prof. Mag. Dr. Peter Hietz vom Institut für Botanik an der BOKU Wien macht es auf meine Frage hin kurz und beruhigt mich: "Gefühle im Sinne von Emotionen haben Pflanzen nicht. Reize aus der Umwelt nehmen sie aber schon wahr, fühlen sie also quasi und können entsprechend darauf reagieren. In Ermangelung eines Gehirns fühlen Pflanzen allerdings keinen Schmerz."

Ein beruhigender Abschlusssatz. Mahlzeit.

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