Hinter Gittern

Wir haben drei Gefangene in die Musiktherapie begleitet

"Nur hier werde ich als normaler Mensch behandelt", sagt ein Klient.

von Claire Braun
29 April 2019, 3:39pm

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Um acht Uhr morgens herrscht auf dem Gelände des sogenannten Maßnahmenzentrums Uitikon eine seltsame Ruhe. Etwas zwischen bedrohlich, entspannt und gefährlich. Eine Garage, ein Gewächshaus, ein landwirtschaftlicher Betrieb, eine Schreinerei, ein Metallbau, eine Malerei und Shops, in denen man die Produkte kaufen kann, die hier hergestellt werden, bilden das Areal. Der Komplex erinnert an einen Hof. Es riecht nach Heu und frisch geackerter Erde, in der Ferne hört man leise einen Traktor rattern. Die Gitterstäbe an den Fenstern glänzen in der aufgehenden Sonne.

Hier, im ländlichen Uitikon, einem Dorf nahe Zürichs, leben rund 60 junge verurteilte Straftäter mit verschiedenen Hintergründen. Je nach Schweregrad ihres Deliktes und ihrer Vorgeschichte treten sie in die offene oder geschlossene Abteilung ein und werden im Alltag sozialpädagogisch begleitet. Je nach Gerichtsurteil absolvieren sie eine Maßnahme für junge Erwachsene, eine Schutzmaßnahme oder einen Freiheitsentzug für Jugendliche. Im Maßnahmenzentrum haben die jungen Straftäter die Auflage, einen Schul- oder Berufsschulabschluss zu absolvieren, oder gleich beides. Sie bilden sich neben ihrer Therapie zum Maler, Schreiner, Metallbauer, Gärtner, Landwirt, Automobilfachmann oder Koch aus. Therapie ist dabei oft das Letzte, worauf sie Lust haben. Außer es handelt sich um die Musiktherapie.

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Das bunte Musikzimmer schafft einen starken Kontrast zum Rest des Massnahmenzentrums

Ich treffe zwei Musiktherapeutinnen, die die eingewiesenen Straftäter behandeln. Frau Kehl, die ihren Vornamen nicht nennen möchte, arbeitet seit über zwei Jahren als Musiktherapeutin im MZU und ist zudem professionelle Pianistin. Évi Forgó arbeitet seit 26 Jahren als Psychotherapeutin. Die Musik der jungen Straftäter könne oft mit dem jeweiligen Delikt verlinkt werden, sagen sie. "Die Idee der Musiktherapie ist es, den Ausdruck, die Improvisationsfähigkeit und emotionale Berührbarkeit aus der Musik auf den Alltag zu übertragen", sagt Évi Forgó. "Wir übersetzen das Gehörte in Sprache und machen es so dem Bewusstsein zugänglich. Wir können in der Musik ihre Stimmung, die Sorgfalt im Umgang mit dem Material, ihre Auffassungsgabe und ihre Wahrnehmung beobachten, und da direkt anknüpfen", fügt sie an.

Wenn jemand also gut im Takt bleibt, kann das der Beweis dafür sein, dass ein Teil in ihm Taktgefühl besitzt. Das wollen die Therapeutinnen auf andere Lebensbereiche ausdehnen. Wenn jemand beim Musizieren gut zuhört, zeugt das von Aufmerksamkeit, welche in der Musik als Ressource genutzt werden kann.

Die jungen Straftäter musizieren alle zwei Wochen rund eine Stunde lang im kleinen Musikzimmer, das mit farbigen Teppichen und bunten Stühlen eine ganz andere Atmosphäre versprüht als der Rest des Gefängniskomplexes. Die Straftäter werden in der Therapie "Klienten" genannt, genau wie Leute in Therapiesitzungen außerhalb des Maßnahmenvollzugs. Das schafft eine andere Gesprächsebene und zeigt, dass ihnen in einer respektvollen Haltung und mit ganzheitlichem Blick begegnet wird. "Wir begegnen unseren Klienten fachlich auf die Risikosenkung spezialisiert – und dabei zwischenmenschlich natürlich", sagt Évi Forgó. Über die Delikte ihrer Klienten dürften sie keine Auskunft geben.

Ein Klavier, eine Gitarre und mehrere Perkussionsinstrumente stehen für die bereit. "Unsere Klienten sind nicht immer lange hier. Darum ist jede Begegnung wichtig und hat das Potenzial, wirklich wertvoll zu sein", sagt Évi Forgó. "Wir hoffen, dazu etwas beizutragen, dass sie hier konstruktive Erfahrungen sammeln." Zudem sei es wichtig, sich an einem solchen Ort mit etwas Ästhetischem zu befassen. "Viele wollen ganz sanfte Musik machen. Diese Musik ist vergleichbar mit frühkindlichen Tönen. Sie wollen akustisch gewiegt werden, weil ihre Schutzhülle teilweise verletzt ist." Das merke ich auch, als ich sie in die erste Therapiestunde begleite.

"Ich möchte etwas Gefühlvolles, wissen Sie?"

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Frau Kehl spielt Philip ein neues Stück vor

"Was wollen Sie spielen?", fragt Frau Kehl, als sich Philip etwas schüchtern ans Klavier setzt. Er trägt ein dunkelblaues Hemd und steht leicht gebückt. Wie auch bei seinen zwei Mitgefangenen nennen wir hier nicht Philips eigentlichen Namen, um ihn zu schützen. Als wir uns begrüßen, schaut er mich nur kurz an und wendet seinen Blick schnell wieder weg. Trotzdem wirkt er entspannt und motiviert, als Évi Forgó mit einem vielversprechenden "Also, dann!" die Therapiesitzung eröffnet.

"Rock oder etwas Klassisches?"

"Sicher kein Rock!", entgegnet Philip inbrünstig. "Ich möchte etwas Gefühlvolles, wissen Sie?"

So beginnt er seine Sitzung mit dem sanften Klavierstück "Misty Day".

Als er den letzten Ton anschlägt schaut er auf und lächelt. "OK?", fragt er etwas nervös. "Super!", antworten die beiden Therapeutinnen. Philip hatte sich für die Musiktherapie freiwillig gemeldet und wollte seither nur noch Klavier spielen. "Musik hilft mir, mich selbst zu finden", sagt er. "Ich würde am liebsten jeden Tag spielen. Meine Zelle ist zwar nur 12 Quadratmeter groß und hat Gitter an den Fenstern, aber mit der Musik fühle ich mich frei. Nur mein Körper ist gefangen."

"Das haben Sie treffend gesagt", sagt Évi Forgó, holt ihr Cello und begleitet ihn für Beethovens "Für Elise". "Sie merken, wie gefühlvoll er spielt", sagt Frau Kehl. "Das zeigt, dass er eine sehr feinfühlige Seite hat." Évi Forgó ergänzt: "Man würde ihn als Menschen ohne seine Musik nicht ganz kennen." "Hier werde ich wie ein normaler Mensch behandelt", fügt er hinzu und vertieft sich wieder in seine neuen Musiknoten.

"Musik ist mein Spiegelbild"

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Jonathan kommt direkt aus dem Malatelier in die Musiktherapie

Es geht weiter in die Geschlossene Abteilung. Hier herrschen strenge Sicherheitsvorschriften, Mitarbeitende vom Sicherheitsdienst müssen die Türen für uns öffnen. "Sie müssen wissen, dass die Klienten weder nur diese feinfühlige noch ausschließlich die kriminelle Seite haben. Sie sehen jetzt die eine Seite, doch während ihrer Straftaten haben sie ganz andere Seiten gezeigt", sagt Évi Forgó, als wir durch die grauen Gänge in die nächste Therapiesitzung eilen. "Mit dem Musizieren wird an die intakte Seite angeknüpft, ihr Gehör geschult, die Wahrnehmung für Feinheiten gefördert. Übertragen auf zwischenmenschliche Beziehungen führt diese Beschäftigung mit Instrumenten und Klängen in der Regel zu Achtsamkeit und Rücksichtnahme im Kontakt."

Wir holen den nächsten Klienten im Malatelier ab. Hier macht Jonathan seine Ausbildung zum Maler und wird schon bald seinen Schweizer Berufsschulabschluss feiern. Neben ihm sehen die beiden Therapeutinnen klein aus. Jonathan ist groß und muskulös. Hätte er nicht dieses liebevolle Lächeln, wäre er schon fast angsteinflößend. Évi Forgó und Frau Kehl legen mit ihren Instrumenten, einem Klavier und einem Cello, einen "Story-Telling-Beat" hin, wie er ihn nennt. Zu einem melancholischen HipHop-Beat sprudeln in einem unglaublichen Tempo Reime aus Jonathans Mund. Er rappt über knallharte Gesellschaftskritik, über Solidarität und Vergebung. "Ich übe für meine Abschlussfeier", sagt er und setzt zu einem zweiten Track an. "Er hatte schwere Kommunikationsprobleme, die auch seine Straftaten begünstigt haben", sagt Évi Forgó nach seiner Sitzung. Er nickt zustimmend. "Aber in der Musik werde ich feinfühlig", sagt Jonathan.

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Das schlicht eingerichtete Musikzimmer in der Geschlossenen Abteilung bietet den jungen Straftätern verschiedene Möglichkeiten, zu musizieren

Seine höchsten Ziele seien Unabhängigkeit und Stabilität. Jonathan will nach seinem Gefängnisaufenthalt weiter Musik machen und mit seinen Kumpels ein eigenes HipHop-Label gründen. "Den Traum hatte ich schon lange. Ich habe schon so viele Texte, dass ich sieben Platten mit je 21 Tracks raushauen könnte. Und das mache ich auch", sagt er.

Seit Jonathan im Gefängnis ist, seien seine Texte reifer und durchdachter geworden, sagt er, und fragt nach einem weiteren Beat, um seinen persönlichsten Song zu präsentieren. Er bittet mich, auf den Trommeln mitzuspielen. "S Läbe isch keis Spiel, es isch alles taktisch" und "Bliib Mensch, will Charakter isch s Einzige wo glänzt", rappt er und lächelt stolz, als der Beat langsam ausklingt. "Was bedeutet Musik für Sie?", fragt ihn Évi Forgó. "Musik ist mein Spiegelbild", sagt Jonathan. Dann bedankt er sich und macht sich auf den Weg zurück ins Atelier.

Rhythmus eines Menschen

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Fabio spielt "Una Mattina", während Frau Kehl zuschaut

Auch der dritte Klient, Fabio, ist im Lehrabschluss-Stress. Als Kind habe er Gitarre, Geige und Klavier gespielt. "Er hat ein unglaubliches Talent", sagt Frau Kehl, als sie sich ans Klavier setzen. Er lächelt verlegen. Doch diese Verlegenheit verschwindet schnell, als seine Finger zu "Una Mattina" und dem träumerischen "River Flows in You" über die Tasten fliegen. "In der Musiktherapie sehe ich, dass ich etwas kann. Und ich fühle mich selbstsicher", sagt er.

Als Frau Forgó mit dem Cello ins nächste Lied einstimmt, lächelt Fabio. "Es ist viel schöner, mit anderen zu spielen", sagt er. "Sehen Sie", sagt Évi Forgó und dreht sich zu mir, "diese soziale Seite wurde hier erstmals in der Musik so deutlich." Frau Kehl nickt zustimmend. "Durch die Musik lernt man den Rhythmus eines Menschen kennen. Es ist eine gegenseitige Kommunikation, die hier drin stattfindet. Ein gemeinsames Gestalten, für das die Musik ein Gefäß bietet und welches nur über die Sprache schwer zu erreichen ist."

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In der Musiktherapie zeigen die Klienten die Seiten, die sonst nicht zum Vorschein kämen

Das nächste Stück ist neu für Fabio. Doch schon nach wenigen Versuchen sitzt es. "Hier habe ich keine Hemmungen, doch bei Auftritten war ich lange super nervös." Das habe sich gebessert, und jetzt fühle er sich sicherer. Was ihn vor allem zur Musik zieht, seien Melodien, die ihn berühren. Er improvisiert gerne und baut die Stücke bis zur Perfektion aus. "Musik schafft einen direkten Zugang zu unseren Emotionen", sagt Évi Forgó. "So ist es mit der Musik: Egal woher die Leute kommen, Musik berührt sie einfach", sagt Frau Kehl. Deswegen seien die Gefühle hier im Vordergrund. "Wir lassen Gefühle zu. Aber als Resonanz, nicht als Identifikation." So sollen sie sich schließlich selbst näher kommen und lernen, dass es eine Stärke ist, Gefühle zu zeigen und damit umgehen zu können.

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Ausblick aus dem Musikzimmer auf den Innenhof des Maßnahmenzentrums

Als ich das Areal verlasse, glänzen die Gitterstäbe in der Mittagssonne. Doch diesmal wirkt die Ruhe nicht mehr bedrohlich. Vielmehr wirkt sie hoffnungsvoll.

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