Wir haben Obdachlose gefragt, wie wir ihnen wirklich helfen können

"Wenn sich jemand zu mir setzt und sich mit mir unterhält, freue ich mich total. Ich bin sonst immer alleine."

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05 Dezember 2016, 1:34pm

Die morgendlichen Meter vom Bett in dein Badezimmer fühlen sich an wie ein Nackt-Skilanglauf in Ostsibirien. Vor die Haustür gehst du nur noch im Nordpolexpeditions-Parka. Dann begegnest du auf dem Weg zur Arbeit, dich an deine Matcha-Tee-Thermoskanne klammernd, einem Obdachlosen, der die Nacht in der U-Bahn-Station verbracht hat.

Natürlich willst du ihm helfen, so hat es dir deine Mama als kleines Kind beigebracht, als die Leute noch "Haste mal 'ne Mark?" gesagt haben. Du überlegst also: Zwei Euro? Ne, davon kauft der sich doch bestimmt nur den kleinen Gorbatschow an der Penny-Kasse. Und sobald du das denkst, fragst du dich: Bin ich mit meinem Vorurteil ungerecht?

Besser also, ihm ein Schokobrötchen vom Bäcker mitzubringen? Aber einmal hat dich einer angeschrien, er wolle diesen ungesunden Fraß nicht mehr sehen. Deinen Parka? Na ja, Sankt Martin bist du halt auch nicht. Und zack, bist du am Obdachlosen vorbei. Aus den Augen, aus dem Sinn. Mhm, Matcha-Tee.

Aber du wirst in den nächsten Jahren immer mehr Obdachlose in Deutschland sehen. Denn die Anzahl der Wohnungslosen steigt. 2010 waren 248.000 Menschen wohnungslos, heute sind es 335.000, die meisten davon Männer. Aber auch 29.000 Kinder haben keinen festen Wohnsitz, so die eben erschienen Zahlen aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken.

Die Prognose der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe ist düster: 2018 könnten schon 536.000 Menschen in Deutschland in Notunterkünften, Heimen oder auf der Straße leben.

Die Regierung streitet ab, dass Menschen auf der Straße landen, weil Wohnungen fehlten. Aus ihrer Sicht verlieren vor allem jene ihr Zuhause, die krank sind, süchtig, oder jene, denen es an einem sicheren sozialen Umfeld mangele. Das sieht die Linke anders: Die Wohnungen würden immer teurer werden, während die Ärmsten immer weniger verdienten.

Damit du beim nächsten Mal nicht zu lange zögerst, haben wir mit Obdachlosen geredet und sie gefragt, wie man ihnen wirklich helfen kann.

Turan, 50, aus der Türkei

"In Sammelunterkünfte gehe ich nicht, da gibt es zu viele Regeln und zu viele verrückte Menschen. Im Winter, wenn es kalt ist, schlafe ich in Treppenhäusern. Am besten dort, wo die Notausgänge sind. Nicht in Altbauten, sondern in richtig hohen Hochhäusern, im zehnten Stock wird man in Ruhe gelassen. Die Menschen helfen mir schon, wenn sie mich da nicht wegschicken, mich einfach schlafen lassen. Ich tue niemandem was, bin nicht aggressiv oder so. Ich pisse oder kacke da in keine Ecke, ich bin sauber und will nur im Warmen schlafen.

Im Alltag hilft es mir, wenn die Leute mir Geld geben. Essen brauche ich nicht, wenn man mir das gibt, bringt mir das gar nichts, das kann ich mir so besorgen. Ich esse auch nur einmal am Tag, ich kenne meinen Körperrhythmus, kann so auf meine Verdauung achten und planen, wann ich aufs Klo muss. Ich sage auch anderen Leuten auf der Straße: 'Scheißt nicht einfach überall hin. Achtet auf euch.' Da kann man als Passant sogar bei helfen: Gebt den Leuten Sachen, um ihre Scheiße wegzumachen."

"Ich lebe seit zehn Jahren auf der Straße, ab und zu komme ich bei meiner Mutter unter. Ich bekomme eine kleine Rente, habe früher als Lagerarbeiter gearbeitet, aber die reicht nicht. Am Tag muss ich so 20 Euro machen, um klarzukommen. Davon kaufe ich mir dann mein Heroin, das ist meine Sucht. Mein Geld bekomme ich, indem ich Feuerzeuge verkaufe. Die kaufe ich im Großhandel. Ich verkaufe drei Stück für einen Euro. In zwei Stunden komme ich meistens auf 20 Euro. Selten gehe ich auch nur mit einem Becher durch die Bahn, dann brauche ich ungefähr eine Stunde länger, um auf 20 Euro zu kommen. Wie man mir also helfen kann? Mit Geld und einem Lächeln."

Dimitry, aus Russland

"Ich lebe seit einem Jahr in Berlin auf der Straße. Am Anfang hatte ich noch Unterstützung vom Sozialamt, aber dann hat etwas mit meinen Papieren nicht gestimmt und jetzt bekomme ich nichts mehr. Ich freue mich über alles, was die Leute mir geben: Essen, Geld und Kleidung. Nachts schlafe ich unter einer Brücke."

Cali, 35, aus Saarbrücken

"Seit zwei Monaten lebe ich auf der Straße. Ich bin frei, kann meditieren. Ich bettle nicht, sondern lasse mich beschenken. Am Tag brauche ich so 15 Euro. Jetzt im Winter ist es gerade echt scheiße. Es ist einfach saukalt. Was mir das Wichtigste ist? Womit man mich glücklich machen kann? Mit einem Lächeln. Mit Mitgefühl. Wenn mich jemand wahrnimmt, ich eine Verbindung spüre, das ist schon was.

Ich nehme gerne Essen und Geld. Tabak? Ne, den brauche ich nicht, ich kiffe nur. Ich habe schon viel ausprobiert. Ich lebe auch auf der Straße, weil ich mich vom System und seinen Zwängen nicht länger verarschen lassen will, die können mir nichts mehr erzählen. Tabak, Zucker und Koffein sollen OK sein? Aber Kokain und Heroin nicht? Diese Drogen sind die fünf stärksten Drogen der Welt, drei davon sind erlaubt. Ich selbst probiere gerade alle Süchte aus, die es gibt. Gestern war ich für einen Tag spielsüchtig, oder ich habe es probiert. Habe 20 Euro im Automaten versenkt, es hat keinen Bock gemacht und nachher war ich blank. Der da oben war mir gestern nicht wohlgesinnt. Wenn ich ma kein Geld habe, hilft mir jemand anderes von der Straße aus. Wenn wer was hat, gibt er 'ne Runde Bier aus oder so.

Klar, ich hätte gerne ein Dach überm Kopf. Oder sagen wir es so: einen warmen Ort. Wenn ich träumen darf, dann lebe ich irgendwann in Saarbrücken, zusammen mit einer Frau und 15 Kindern. Und Bella, meinem Hund. [Er streichelt seiner Schäferhündin über den Kopf] Die wird heute übrigens zwei. Wenn ich mir etwas für die Welt wünschen dürfte, dann wäre das Weltfrieden. Die Menschen sollen sich einfach vertragen und jeder sollte 1.000 Euro zum Leben haben. Die Menschen sollen alle gleich reich sein. Ich habe schon viel erlebt und mitgemacht, habe BWL studiert, war Gastronom, habe eine Erzieherausbildung. Was alle wollen? Gemeinschaft. Oder ein warmes Lächeln. Das nehme ich auch immer gerne. Das gebe ich auch immer gern zurück."

Wolle, aus Berlin

"Ich lebe seit 13 Jahren auf der Straße. Seit sieben Monaten habe ich meinen Hund Balu mit dabei. Ich stehen immer hier am Alexanderplatz und hoffe einfach, dass die Leute mir Geld schenken. Um über die Runden zu kommen, brauche ich 20 bis 30 Euro am Tag. Zweimal in der Woche kann ich im Warmen, in einer Notunterkunft, übernachten und in den anderen Nächten schlafe ich im Freien.

Wenn Menschen mir freundlich und höflich begegnen, freue ich mich. Leider werde ich aber auch täglich beschimpft. Dann kommt sowas wie 'Geh ma arbeiten, du Arschloch' und das sitzt immer. Sicher fühle ich mich nie, ich glaube, das tut keiner, der auf der Straße lebt. Du musst immer Angst haben, dass dir jemand was antun will. Zum Glück habe ich einige Weggefährten, mit denen ich meine Zeit verbringe. Die haben auch jeder ein eigenes Schicksal: Todesfälle, Unfälle oder Scheidungen, wie bei mir. Meine Frau ist weg und damit fing alles an."

Charris, 41, aus Griechenland

"In Griechenland hatte ich Probleme mit der Arbeit, auch wegen der Krise. Deshalb bin ich vor vier Jahren nach Deutschland gekommen, habe zwei davon in Cottbus als Koch gearbeitet. Was ich jetzt am dringendsten brauche, ist Arbeit. Ich möchte arbeiten. Seit sechs Monaten lebe ich in Berlin auf der Straße. Ich bekomme Geld vom Amt, aber das geht nicht von heute auf morgen. Oft verstehe ich die Briefe im Amtsdeutsch nicht.

Was ich deshalb noch brauche? Einen Sprachkurs. Ich habe mir alles selbst beigebracht, in der ersten Zeit durch Mickey Maus und Fernsehen [erklärt er in flüssigem Deutsch, nur selten muss er nachdenken, weil er ein Wort nicht findet]. Und jetzt, auf der Straße? Ich freue mich über jede Geste. Über Tabak, ein nettes Hallo, etwas zu essen. Und Geld. Mit einem Zehner am Tag komme ich schon klar, besser noch 15 Euro. Aber Geld braucht jeder Mensch, ohne geht es leider nicht. Ich möchte nicht auf der Straße leben. Mein Traum ist, wieder eine Wohnung zu haben, dann kann ich wieder anfangen mit Sport, ich liebe Kickboxen.

Es passiert öfter mal, dass Menschen mich einfach so fotografieren. Ohne zu fragen. Das will ich nicht. Was denken die sich? Das Gespräch suchen gar nicht so viele. Ich bin hier ganz alleine. Habe keine Freunde, mit meiner Familie aus Griechenland habe ich einmal im Monat Kontakt. Meine Mutter hat selbst kaum Geld, überweist mir aber immer mal wieder 100 Euro. Nachts schlafe ich in Unterkünften, zum Beispiel am Ostbahnhof. Und Essen hole ich mir von der Suppenküche an der Kirche. Was ich nicht gebrauchen kann? Wenn Leute direkt und unsensibel nachbohren, mich beschimpfen. Ich will nicht jedem erklären, will mich nicht rechtfertigen, warum ich gerade auf der Straße lebe. Das ist schon so scheiße genug."

"Neun-Finger-Zecke", 26, aus Berlin

"Meinen Namen habe ich bekommen, weil ich vor Kurzem einen Finger verloren habe. Da wollte ich über ein Geländer klettern, um an Pfandflaschen zu kommen, und bin hängengeblieben. Zecke hat mal eine Kumpelin zu mir gesagt, weil ich etwas zu anhänglich war. Ich bin vor neun Jahren, als ich 17 war, auf der Straße gelandet. Es waren einfach Dummheit und mein Drogenproblem, denn ich habe mit neun Jahren angefangen zu trinken. In den letzten Jahren habe ich so ziemlich alles an Drogen genommen, was es gab. Meine Freundin war dann die Rettung, denn sie hat mir Schritt für Schritt alles abgewöhnt und jetzt kiffe ich nur noch manchmal, meinen letzten Vollrausch hatte ich vor zwei Jahren. Am Alkohol wäre ich fast gestorben.

Hier in Berlin gibt es sehr freundliche, aber leider auch sehr unfreundliche Menschen. Manche bezahlen dir einen ganzen Einkauf und andere beschimpfen dich. Das kann aber auch daran liegen, dass ich immer sehr offen auf die Leute zugehe, sie anspreche und nicht einfach nur rumsitze. In letzter Zeit fällt mir auf, dass vor allem die Leute viel geben, die selber wenig haben. Es gibt hier sogar Flaschensammler, die am Ende des Tages drei Euro von ihren Tageseinnahmen verschenken, während andere, die viel reicher sind, nichts für dich haben.

Ich freue mich wirklich über jeden, der mir eine Kleinigkeit gibt, oder sich einfach mal mit mir unterhält. Wenn du kein Geld hast, kannst du dir natürlich auch keinen Fahrschein kaufen. Ich fahre fast immer schwarz und werde dann auch oft erwischt. Letztens saß ich für zwei Monate im Bau, weil ich drei Mal erwischt wurde. Demnächst muss ich auch nochmal rein, das ist schon echt heftig. Meine Vorladungen bekomme ich an die Adresse von meinem Vater geschickt, zu dem ich auch ein ganz gutes Verhältnis habe. Ich habe zwei Brüder, zu denen ich keinen Kontakt habe, weil der eine im Bau sitzt und der andere auch in Betreuung ist, und eine Schwester, mit der ich alle drei bis vier Tage telefoniere. Mein aktuell größtes Ziel ist es, als Untermieter bei meiner Freundin einziehen zu können, die hat nämlich eine Bude."

Patrick, 25, aus Berlin

"Vor einem Jahr hat das Sozialamt meine Miete nicht mehr bezahlt und dann bin ich auf der Straße gelandet, habe vorher aber auch immer mal wieder unter freiem Himmel gelebt. Ich war heroinabhängig, habe am Tag 80 Euro für den Stoff zusammenbekommen müssen und bin irgendwann wegen Schwarzfahrens im Gefängnis gelandet. Da habe ich mir dann bei kaltem Entzug das Heroin abgewöhnt, das war ein Segen für mich.

Heute brauche ich nur acht Euro am Tag. Für fünf Euro kann ich in einer Notunterkunft übernachten und für drei Euro kaufe ich mir Tabak. Ich sitze eigentlich immer nur rum und spreche die Leute nicht direkt an. Trotzdem werde ich regelmäßig aufs Übelste beschimpft, von Leuten, denen ich überhaupt nichts getan habe. Wenn sich jemand zu mir setzt und sich einfach nur mit mir unterhält, freue ich mich total, ich bin nämlich ansonsten alleine unterwegs. Ich kann es nicht leiden, wenn mir jemand etwas vorschreibt und mir sagt, wie ich zu leben habe.

Dass immer mehr Menschen obdachlos werden, finde ich sehr schlimm. Das wünscht man keinem. Es kommen aber eben immer mehr Menschen nach Deutschland und immer mehr Menschen nach Berlin und davon landen dann eben auch einige auf der Straße. Ich wünsche mir einfach immer nur, dass die Leute freundlich sind und mir etwas Verständnis entgegenbringen."

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