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Audiophile fordern Umstimmung der Musik auf die göttliche Frequenz 432Hz

Manche Audio-Enthusiasten glauben das 8Hertz den Unterschied zwischen Nazi und Erleuchtung ausmachen können und den Klang unserer Instrumente erst wahrhaft genießbar machen.
18.5.14
Chladnische Klangfigur
Titelfoto: Chladnische Klangfigur; Bildausschnitt von High Contrast, Wikimedia | CC BY 3.0 DE

Ivan Yanakiev berichtet gerne von seiner ersten Begegnung mit einem auf 432Hz gestimmten Instrument: „Es war als würde ich die Stimme Gottes vernehmen." Der professionell ausgebildete, junge Dirigent Yanakiev kam in den Genuss des heiligen Klangs als er einen „begabten Cellisten" bat die A-Seite seines Instruments auf 432Hz zu stimmen—statt auf die üblichen 440Hz. Nachdem das Cello auf den neuen Ton gestimmt war, begann der Cellist die Prelude der Orchester Suite No. 1 in G von Bach zu spielen.

„Als würden pures Licht und pure Liebe durch den Raum schwingen" gibt er noch heute begeistert zu Protokoll: „So neu und so brilliant." Die Offenbarung war für Yanakiev so prägend, dass er im November 2013 das 432 Orchester gründete. Eine Gruppe mit 12 Streichern, zu denen einige der talentiertesten Instrumentalisten der Welt zählen. Bisher haben sie zwei Alben aufgenommen und momentan versuchen sie Geld für eine Europatournee aufzutreiben, um Yanakievs Proklamation Taten folgen zu lassen:

432 Hz ist eine Schwingung, die um die Welt gehen muss.

Yanakiev ist ein besonders enthusiatisches Mitglied einer globalen Bewegung von Musikern und geneigten Hörern, die fest daran glauben, dass 432Hz auf eine bestimmt Weise „natürlicher und wahrer" klingen als die 440Hz des Kammerton A auf den die westliche Musik standardisiert ist. Hier ein Hörbeispiel, vorgetragen vom 432 Orchester:

Aus kultureller Sicht ist die Frequenz von 432Hz nicht vollkommen willkürlich gewählt. Sie hat historische Vorläufer in Stimmungen, die teilweise bis auf Platos Zeiten zurückgehen. Auf YouTube finden sich etliche klassische und zeitgenössische 432er-Aufnahmen, quer durch fast alle Genres: von Herbie Hancocks Cantaloup Island, Pink Floyds The Dark Side of the Moon über zweistündige Deep House Sets und Aufnahmen der norwegischen Untergrund-Metall-Band Burzum bis hin zu Chart-Stürmern wie Pharrell Williams. Dabei sind es in den allermeisten Fällen die YouTube-Nutzer und nicht die Künstler selbst, die die Stücke entsprechend umgestimmt haben.

Um der Zahleneuphorie eine fundierte Grundlage zu verleihen, ergehen sich die 432-Hertzer gern in Versuchen in der Wissenschaft der Kymatik: eine Flüssigkeit oder ein Pulver wird auf eine Oberfläche gegeben, die dann mit einer Frequenz in Schwingungen versetzt wird. Dabei entstehen Muster, die von der Frequenz und dem schwingende Medium (meist einer Platte oder Wasser) abhängig sind. Ist das Muster bei einer Frequenz mit einem bestimmten Medium hübscher und klarer, schliessen die Anhänger auf eine natürlichere Frequenz.

Auf der Grundlage dieser Küchenversuche werden im Netz oder in Büchern Abhandlung über Abhandlung zu den unschlagbaren Vorteilen der 8 Hertz niedrigeren Frequenz gefüllt: von der Entlastung der Stimmbänder von Opernsängern bis zur hanebüchenen Verschwörungstheorie, dass die Nazis seit 1939 mit 440Hz unsere Emotionen kontrollieren.

Einer der Hauptvertreter der 432er Welt ist der schottische Produzent und Musiker Brian T. Collins. Er betreibt die Seite Omega432™, die alle Facetten der Frequenz behandelt. Seit 33 Jahren beschäftigt er sich mit der Frage, warum gerade diese Frequenz, die beste ist, die du so kriegen kannst. Als Yanakiev sein 432 Orchester gründete, stand ihm Collins als Berater zur Seite und riet neben der Umstimmung um 8Hz auch zur Verwendung des Stimmsystems der deutsch-amerikanischen „Musikgelehrten" Maria Renold und ihren 12 reinen Quinten .

Falls du jetzt nicht ganz mitgekommen bist, gebe ich dir gerne eine knappe Nachhilfe in Sachen Stimmsystememe: In der klassischen westlichen Stimmung liegt zwischen zwei Halbtönen auf einem Klavier ein Abstand von knapp 6%. So wachsen die absoluten Abstände (in Hz) zwischen aufeinanderfolgen Noten über die ganze Tastatur hinweg. Zum Beispiel ist der Abstand zwischen dem mittleren C und Cis 15.6Hz, zwischen demselben Cis und dem D aber 16.5Hz. Bei beiden Schritten liegt die nächste Note aber 6% höher als ihr Vorgänger.

Auf diese Weise erreichst du bei 12 Halbtonschritten eine Verdoppelung der Frequenz: Beispielsweise vom A (440Hz) der ersten Oktave zum A der nächsten Oktave mit 880Hz. Das hat den Vorteil, dass die Zahlenverhältnisse zwischen den Noten in jeder Oktave die gleichen sind und das Oktavverhältnis zwischen dem dritten und vierten C genauso klingt wie zwischen dem ersten und zweiten, abgesehen natürlich von der Differenz der Tonhöhen.

Andere Stimmsysteme wie die reine Stimmung legen dagegen hohen Wert auf ein harmonisches Verhältnis zwischen bestimmten Intervallen, etwa bei der Quinte. Harmonisch ist ein Intervall, wenn das Verhältnis der beiden beteiligten Töne als ganzzahliger Bruch dargestellt werden kann. In der klassischen Stimmung haben die Frequenzen der Quinte C/G ein Verhältnis von 1.4983, das G liegt knapp 3/2 über dem C. In Renolds System ist es exakt ein Multiplikator von 1.5 für eine Quinte. Das C liegt exakt bei 128Hz, das A bei 432Hz.

C = 128Hz = Sonne.

Renold schuf ihr System auch weil sie eine Anhängerin von Rudolf Steiner war, der wohl einmal gesagt haben soll: „C gleich 128 Hetz gleich Sonne." Renolds Buch ist daher die Bibel der 432er-Bewegung. Das System reiner Quinten, so die Behauptung, sei einfach besser, weil Renold das „über viele Jahre bei vielen Menschen beobachtet" habe. So empfände „die überwiegende Mehrzahl" der Leute C=128Hz als „sonnenartig" und „harmonisierend mit dem menschlichen Wesen". Ganz anders dagegen das weit verbreitete C mit seinen fiesen 130,813Hz. Die klangen angeblich „irritierend" und „unterdrückend".

Allerlei engagierte Denker sprangen auf den Zug auf. So vermutete der politische Aktivist Lyndon LaRouche in der Zeitschrift Executive Intelligence Review im Jahre 1988, dass Goebbels persönlich auf einer Konferenz in London den Standard A=440Hz durchsetzte, um die Menschheit emotional durchdrehen zu lassen. Der Artikel mit dem Titel „Wie die Nazis die Musik ruinierten" wirkt bis heute fort.

Neben der verschwörerischen Numerologie und dem NewAge-Schwachsinn stellen die Ideale der 432er-Bewegung aber auch die wichtige Frage, wie eigentlich der Zusammenhang von Musik und menschlichen Gefühle funktioniert. Ähnlich wie Geologen und Kreationisten kommunizieren jedoch leider auch die 432er und die Hörpsychologen oder Neurowissenschaftler eher wenig miteinander.

So wendet zum Beispiel Dr. Alexander Bonus, Spezialist für barocke Musik am Bard College, ein, dass das A gar nicht wirklich eine standardisierte Note sei, und dass Orchester weltweit oft höhere Kammertöne zwischen 442 und 446Hz für unterschiedliche Stücke wählen. Historische tiefere Stimmungen seien einfach eine andere Vorliebe. So galt für Mozart A = 421Hz und für Bach A = 480Hz.

Bruce Hayne beschreibt in seinem Buch Die Geschichte des A , dass der Kammerton über die letzten 400 Jahre zwischen 380 und 500 Hertz schwankte. Und der Musikpsychologe und Neurowissenschaftler Daniel Leventin, erklärt in Dies ist dein Gehirn auf Musik, dass die exakte Höhe des A für das Musizieren sogar vollkommen egal sei, denn der emotionale Gehalt liege eigentlich in den Intervallen, weshalb der Kammerton überhaupt erst variieren konnte ohne das Publikum zu vergraulen.

Alte Violinen klingen nur besser, wenn die Menschen wissen, dass es alte Violinen sind.

Levin hält die A432-Bewegung für „einen schlechten Scherz, der schon zu lang kursiert. Die meisten A-Capella Gruppen liegen nicht auf 440 Herz und niemand assoziiert das mit dämonischen oder himmlischen Qualitäten. Bei Musik sind die exakten Frequenzen total irrelevant—es sind die Verhältnisse auf die es ankommt."

Das Gehirn stimmt sich selbst um je dem gerade angebotenen Ton- und Stimmsystem. So wirkt indische Musik auf westliche Ohren manchmal unharmonisch, während sie von Indern als himmlisch empfunden wird. Es gibt allerdings durchaus einige Hinweise, dass die Beziehung von Emotionen und Musik, der die 432Hz-Bewegung auf der Spur ist, nicht ganz willkürlich ist. Eine reine Quinte kling stabiler als eine unreine, weil rein physikalisch die Luftschwingungen automatisch zusammen auftreten, wenn eine Saite zum Schwingen gebracht wird—wir hören dann Obertöne der gleichen Grundschwingung. Und unser menschliches Gehirn ist in der Lage sehr feine Abweichungen von dieser Norm zu erkennen.

Diana Deutsch von der University of California in San Diego untersucht diese neurologischen Sensibilitäten und Ihre Wirkungen auf die menschliche Gefühlswelt. Das Experiment über das schon Maria Renold sprach führt sie im Grunde genommen systematisch erneut durch—mit Kontrollgruppen und wiederholten Versuchsanordnungen.

Der 432er-Papst Brian T. Collins erhofft sich von ihren Experimenten eine Legitimation von dem was er schon zu wissen glaubt. Es wird sich zeigen, ob er am Ende als weiser Musikgreis oder als mathematischer Esoteriker dasteht.