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Blut, Nieren, Haare, Leben — So viel ist dein Körper wert

Für seinen Film „Was bin ich wert“ hat Peter Scharf in einem Selbstversuch die weltweiten Materialpreise für einen Menschen ermittelt. Auf den Euro genau.
14 Oktober 2014, 7:33am
ein screenshot aus dem film "was bin ich wert"
Der Schweizer Tim Steiner hat seinen Rücken an einen Künstler verkauft. Sein Leben lang und darüber hinaus. | Alle Bilder: Pressefotos „Was bin ich wert?"

Du, geschätzter Leser, bist so um die zwei Millionen Euro wert. Das ist die gute Nachricht. Du hast jetzt unwiederbringlich ein Preisschild auf dem Rücken. Das ist die schlechte Nachricht.

Peter Scharf hat in einem aufwendigen Film- und Rechercheprojekt ermittelt, wie viel sein menschlicher Körper wert ist—und wie er mit seinem Materialwert so im Vergleich zu anderen Menschen liegt. Selbst wenn er als Westeuropäer dabei finanziell recht gut weg kam, dürfte es ein Projekt gewesen sein, das allgemein nicht gerade dafür prädestiniert ist, sich förderlich auf das durchschnittliche menschliche Selbstwertgefühl auszuwirken.

Die Berechnungen sind ziemlich kompliziert und die Entschädigungssumme für einen kaputten Menschen unterscheidet sich je nach Herkunftsland. Natürlich sind ausgerechnet bei dem Wert eines Körpers als Ersatzteillager nicht alle Menschen gleich.

In Anlehnung an das gleichnamige Buch von Jörn Klare hat Scharf für seinen Film „Was bin ich wert" ermittelt, wie viel ein Körper für Unfallversicherungen, Krankenkassen und staatliche Entschädigungszahlungen wert sein kann, und was für sympathische Gewinnspannen zwischen entnommenen und wieder eingepflanzten moldawischen Nieren liegen.

  • Was deine Ausbildung kostet (160.000 Euro)

Ein Kind großzuziehen kostet in Deutschland aktuell durchschnittlich 120.000 Euro. Wenn du auch noch studiert hast, kommen noch einmal rund 40.000 Euro hinzu. Aber Kopf hoch: ökonomisch betrachtet sind das nicht unbedingt „Kosten". Man könnte die 160.000 auch als „Investition" sehen.

  • Wie hoch dein Materialwert ist (1.500 Euro)

Würde man einfach nur das Material, aus dem dein Körper besteht, in einer Apotheke kaufen wollen, kostete der Spaß so um die 1.500 bis 1.600 Euro. Das teuerste daran sind die 20 Prozent Kohlenstoff. Da musst du für 15 Kilo schon mal tausend Euro blechen.

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Das havarierte Kreuzfahrtschiff Costa Concordia. 11.000 Euro Entschädigung für ein lebenslanges Trauma?

  • Was deine Organe wert sind (1,7 Millionen Euro, Gesamtpreis)

Für Organe gibt es keinen wirklich freien Markt, auf dem sie gehandelt werden könnten. Und weil die meisten Leute ihre Organe nicht freiwillig hergeben, ist auch der Einkaufspreis etwas verzerrt. Peter Scharf hat für seinen Film aber drei Männer in einem moldawischen Dorf getroffen, die für ihre Nieren 1.800 Euro bekommen haben. Die drei Männer konnten allerdings auch nicht verhandeln, da sie gar nicht gefragt worden sind, ob sie ihre Nieren überhaupt verkaufen wollen. Allem voran ging die Aussicht auf Jobs in der Türkei, da hat man ihnen die Pässe abgenommen. Und zu nicht wirklich guter Letzt, lagen sie plötzlich auf einem OP-Tisch, neben einem dankbaren Nierenempfänger.

  • Was es kosten würde, dir neue Organe zu beschaffen

Tja, da sind wir schon wieder bei diesem fürchterlich verzerrten Markt. Ein illegal transplantiertes Organ kostet dich irgendwas zwischen 63.000 und 158.000 Euro. Das meiste davon bleibt natürlich bei den Leuten hängen, die den Deal eingefädelt haben. Leider hast du dabei nicht einmal die Garantie, dass dein Körper das Organ auch annimmt. Und Organhändler sind sicherlich nicht die Leute, mit denen du über eine Reklamation diskutieren möchtest.

  • Was es kostet, wenn du kaputt gehst (zwischen 1.000 und 5,5 Millionen Euro)

Entschädigungen basieren auf der Idee, ein toter Mensch sei zerstörtes Kapital. Hier ein paar Beispiele dazu aus Scharfs Film: Nach 9/11 hat die amerikanische Regierung rund 5,500 Überlebenden und Opfern der Anschläge rund 5,5 Milliarden Dollar Entschädigung ausgezahlt. Natürlich nicht an alle Hinterbliebenen die gleichen Beträge, denn Menschen sind ja unterschiedlich viel Wert. So bekamen die Angehörigen eines Bankers knapp 5,5 Millionen Dollar und die eines Tellerwäschers 197.000 Dollar, denn ein Banker hätte in dem Rest seines Lebens auch mehr Geld verdienen können. So lautet die Argumentation von Kenneth Feinberg, dem Mann, der das Geld für die amerikanische Regierung verteilt hat.

Die statistische Wahrscheinlichkeit eines Wertverlustes bzw. Verdienstausfalls durch Selbstmord, Drogenabhängigkeit oder einen Verkehrsunfall wurde da aber meines Wissens noch nicht mit eingerechnet. Die durchschnittliche Entschädigung eines Todesopfers bei dem Zugunglück von Eschede im Jahr 1998 lag übrigens bei 15.000 Euro. Bei der Giftgaskatastrophe im indischen Bophal 1984 wurden den Hinterbliebenen durchschnittlich lediglich 1000 Euro Entschädigung ausgezahlt.

Haarhandel in der Ukraine: 60 Euro für 100 Gramm Haare

Haarhandel in der Ukraine: 60 Euro für 100 Gramm Haare.

  • Wie viel es kosten darf, dich am Leben zu erhalten

Deutsche Krankenkassen sind prinzipiell bereit, so viel Geld für den Erhalt deines Lebens auszugeben, wie nötig ist. Im Krankenhaus tun sie also was sie können, und schicken den Kassen erst nachher die Rechnung. Offiziell. Laut Peter Scharf kann es aber schon einmal passieren, dass man alten Leuten von einer OP abrät, weil sie zu „teu... ähhh, gefährlich" ist. Es gibt natürlich auch Leute, die das unverblümter aussprechen.

Das englische Gesundheitssystem hingegen geht davon aus, dass ein gesundes Jahr Menschenleben irgendetwas zwischen 25.000 und 37.000 Euro wert ist. Wenn dein Leben aber sowieso schon durch, sagen wir mal, eine HIV-Infektion eingeschränkt ist, dann lohnt sich vielleicht auch die aufwendige OP an deinem linken Kniegelenk nicht mehr so richtig. Das verstehst du sicher, oder?

  • Was du selbst glaubst, wie viel du wert bist

Den Wert des eigenen Lebens zu schätzen ist gar nicht so einfach. Zumindest für dich selbst sollte dein Leben ja nahezu unbezahlbar sein. Mit der Zahl „unendlich" lässt sich aber nicht rechnen, darum hat der amerikanische Ökonom Kip Viscusi hat einen einfachen Weg drumherum gefunden: Stell dir vor, du sitzt mit 10.000 Leuten in einem Fußballstadion. Einer von euch wird willkürlich ausgesucht und getötet. Wie viel Geld würdest du zahlen, damit es sicher nicht du bist? Bedenke: Die Chance, dass du ausgewählt wirst, liegt nur bei 1:10.000.

>Opfer des illegalen Organhandels nach der Nierentransplantation.

Opfer des illegalen Organhandels nach der Nierentransplantation.

Du denkst dir also beispielsweise: „Ok. 1000 Euro würde ich zahlen". Übertragen wir diesen Wert auf den Rest des Stadions, der sich möglicherweise ähnlich entscheidet, hättest du den Wert deines Lebens auf rund 10 Millionen Euro geschätzt. Schließlich würdet ihr alle zusammen 10 Millionen (1000 Euro x 10.000) ausgeben, damit ihr nicht getroffen werdet. Diese Rechnung nennt sich „VSL nach Kip Viscusi" und wird beispielsweise von Verkehrsministerien verwendet, wenn diese überlegen, ob es sich lohnt, an einer gefährlichen Kreuzung eine Ampel zu bauen. Weil arme Leute auch weniger Geld haben, um Risiken zu minimieren, kann es gut sein, dass sich eine Ampel in Leipzig nicht lohnt, während sie an einer Kreuzung am Starnberger See gebaut würde.

  • Wie kann ich meinen Körper spontan zur Geldquelle machen?

Am einfachsten ist es, Blut zu verkaufen. Für maximal sechs mal Blutspenden im Jahr (20 Euro pro Abgabe) und 39 mal Blutplasma (15 Euro pro Abgabe) bekommst du insgesamt 705 Euro.

Nach dem ich den ermutigenden Film von Peter Scharf zu Ende gesehen hatte, kontaktierte ich den Regisseur für ein paar abschließende Fragen, zu seiner mathematischen Mammutaufgabe

Motherboard: Was ist, neben all den Berechnungen, die Pointe des Films?

Peter Scharf: Der dunkle Kern ist, dass der Mensch in immer mehr Systemen berechnet wird. Man kann im Gesundheitssystem einfach entscheiden, wenn man über die Zahlen geht. Bei den Entschädigungen von 9/11 ist es auch am simpelsten, die Beträge über den ökonomischen Wert zu berechnen. Das Vorrücken eben dieser ökonomischen Theorien in allen Teilen der Gesellschaft war eigentlich das schockierendste und bedrohlichste und damit auch das, was wir am stärksten hinterfragen sollten.

Was ist dein Worst-Case-Szenario, falls wir es nicht hinterfragen?

Das wir als Menschen nur noch Teil in einer Kosten-Nutzen-Rechnung sind. Ein Beispiel: Warum haben wir G8 in der Schule? Nicht deswegen, weil das für die Kinder was bringt, sondern ein Schüler der nur acht Jahre durchläuft preiswerter ist in seiner Entwicklung, als ein Schüler der neun Jahre unterrichtet wird. Das Schulsystem spart 1/9 an Kosten und ein Mensch geht ein Jahr früher in den Arbeitsmarkt. Es geht um nackte Zahlen.